Ästhetik & Kommunikation
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Pressestimmen:

Im folgenden eine Auswahl aus dem Presseecho zu Ästhetik & Kommunikation:


Heft 96 (März 1997) Online-Verstrickungen Immanenzen und Ambivalenzen

Süddeutsche Zeitung, 18. April 97

Wenn von den sogenannten ›neuen Medien‹ die Rede ist, scheint sich die Frage auf ein simples ›Pro und Contra‹ zu reduzieren. […] Daß man auch jenseits euphorischer Zustimmung oder reflexartiger Verdammung sprechen kann, beweist die Zeitschrift Ästhetik & Kommunikation in ihrer neuesten Ausgabe: kluge Texte, die das Problem nicht in vorschnellen Kategorien der Moral abhandeln.


Heft 98 (September 1997) Globalisierung und Deutschlandbilder

blätter des iz3w, November 1997

Die Debatte um Globalisierung hält an. [Die viermal jährlich erscheinende Zeitschrift] Ästhetik & Kommunikation untersucht in ihrer jüngsten Ausgabe die Gesichter der Globalisierung. Neben Artikeln, die aus politisch-ökonomischer Perspektive den Begriff und das Konzept der Globalisierung reflektieren und dabei u.a. Fragen nach der Struktur der Globalisierung aufwerfen, wird das Phänomen auch aus feministischer Sicht & Hat die Globalisierung ein Geschlecht? & thematisiert.
Der zweite Teil des Heftes beschäftigt sich unter dem Titel Deutschlandbilder mit der Frage, wie bildende Künstler im Dritten Reich und in der Folgezeit mit der jüngeren Geschichte umgingen, aber auch mit dem Bild Deutschlands im Ausland.



Heft 99 (Dezember 1997) Demos Rückkehr der Straße?

jungle world, 15. Januar 1998

Nur noch anachronistische Gruppen wie Bergarbeiter, Bauarbeiter und Studenten bedienen sich der Straßendemonstration. Der Normalbürger verzichtet darauf, den eigenen Belangen physischen Nachdruck zu verleihen […] Ungeachtet dessen taugt die ›Demo‹ nach wie vor als Projektionsfläche und zur allegorischen Indiestnahme. […] Was die Theorieanbindung anbetrifft, hat jetzt das Periodikum Ästhetik & Kommunikation nachgelegt und […] einen Blick nach ›draußen‹ gewagt, nachzusehen, ob sich dort noch jemand bewegt.


Heft 100 (März 1998) Heft Hundert Von Frankfurt zur Berliner Republik

Hans-Jürgen Heinrichs in N3, 18.Mai 1998

Das Jubiläumsheft der Zeitschrift Ästhetik & Kommunikation – das Heft Hundert, wie es auch stolz die Titelseite verkündet – ist mehr als nur Rückblick und Bestandsaufnahme des in den vergangenen Heften Gedachten und Proklamierten, des ehemals Neuen und heute nicht mehr ganz so Neuen.

Dieses Heft vermittelt einen lebendigen Eindruck von den geistigen Strömungen, von den Impulsen in Theorie und Praxis, die die vergangenen dreißig Jahre, seit der 68er-Bewegung, maßgeblich prägten. Dabei wird zugleich der Blick geöffnet auf die Medienlandschaft dieser Zeit, und insbesondere auf die einflußreichen Zeitschriften. Stand Ästhetik & Kommunikation dem von Hans Magnus Enzensberger herausgegebenen Kursbuch zwar sehr nahe, unterschied es sich doch zugleich von dessen programmatischer Strenge, verstand sich selbst als sehr viel anarchischer und gebrochener. Um so größer natürlich die Differenz zu den Zeitschriften, die den klassischen Essay pflegten und weiterhin pflegen, die viel weniger als Ästhetik & Kommunikation dem assoziativen Vorgehen huldigen. Zeitschriften wie etwa Merkur oder Neue Rundschau fühlen sich stärker einem diskursiven Vorgehen mit einem zum Teil eher konservativen Standpunkt verpflichtet. Das Redaktionskollektiv von Ästhetik & Kommunikation setzte auf die Auflösung überkommener Formen, berief sich mehr auf die Spontaneität, auf den ›springenden Gestus‹, wie er auch für die Interviews typisch ist. Man hatte von Anfang an den Wunsch, Kunst, Politik und Medien stärker als bis dahin üblich auf einander zu beziehen und die Ausgrenzung der Medien (als bloßer Macht- und Manipulationsinstrumente) aus der Kultur aufzuheben.

Thematischer Schwerpunkt war von Anfang an die Erweiterung des gängigen Kulturverständnisses unter stärkerer Einbeziehung der Lebenswelt, der Alltagspraxis und des Kommunikativen. Diese inzwischen etwas verschlissenen Begriffe hatten ja ehemals etwas Innovatives an sich und halfen dabei, die Gesellschaft und die Kultur umfassender zu verstehen. Es ging um ein theoretisches Begreifen der gesellschaftlichen Prozesse und um einen größeren Bewegungsspielraum in der Praxis, im politischen Austausch, zwischen Didaktik und Lustprinzip, Intellektualität und neuer Freiheit. Rolf Lindner spricht in seinem Beitrag vom »Bereich der Erfahrungen, der Wertsysteme, Deutungs- und Verhaltensmuster als Elementen des Geschichtsprozesses«.

Dem Heft 100 gelingt es, in neuen Essays und in Reprints früherer Texte, in Interviews und Collagen »Sichtachsen von damals ins Heute und von heute zurück zum Damals« zu bauen. Ein Stück Kulturgeschichte des sich verabschiedenden Jahrhunderts. Zugleich ein Ausblick auf die anstehenden Fragen: Wo bieten sich in Zukunft Ansatzpunkte für einen Wandel des Politischen, des Kulturellen und der Medientechnologien.

1970 im geistigen Umkreis der Frankfurter Schule um Theodor W. Adorno und späte in Nachbarschaft zu Alexander Kluges und Oskar Negts Buch Öffentlichkeit und Erfahrung gegründet und ausgebaut, wechselte die Redaktion später nach Berlin – und so lautet denn auch der Titel des Jubiläumsheftes Von Frankfurt zur Berliner Republik. Geblieben ist der Wunsch, Kultur über die bewußte und die lustvolle Teilnahme am Geschehen zu begreifen. Heute, nach dem Fall der Mauer und dem Ende des dominierenden Ost-West-Konflikts, geschieht dies freilich unter veränderten Bedingungen.

Man kann die Redaktion der Zeitschrift für ihr Durchhaltevermögen nur beglückwünschen: ein Forum für Diskussionen geschaffen zu haben, das sich stets am Rande der großen Publikumsorgane bewegte und von den Rändern her wichtige Impulse gab und weiterhin gibt, so etwa Micha Brumlik in seinen Überlegungen zur Neuen Linken und ihrer Standortbestimmung inmitten der deutschen Geschichte bis hin zum Nationalsozialismus oder Knut Hickethier, der von der Notwendigkeit spricht, den »gewaltigen Umbau der Kultur zur ›Medienkultur‹ theoretisch viel umfassender als bisher zu deuten. Dieser Aufgabe fühlen sich auch Peter Glotz oder Oskar Negt verpflichtet, die in zwei Interviews ihre Thesen vertreten; Peter Glotz sieht die Notwendigkeit für regulative Instanzen, um die Wissenskluft zwischen der Wissenselite und dem Wissensproletariat nicht größer werden zu lassen, und für eine ›Kommunikationsverfassung‹, die der Globalisierung und gleichzeitig Regionalisierung, der Internationalisierung und Machtkonzentration gerecht wird. Er glaubt, daß man sozialstaatliche Regulationen gegen »weltmarktorientierte virtuelle Eliten« durchsetzen könne. Oskar Negt meint: »Die medienvermittelte Wirklichkeit und die Vermischung von primären Erfahrungszusammenhängen und sekundären Medienerfahrungen wird künftig zu einem zentralen Problem der demokratisch verfaßten Gesellschaften werden. Wo wird in der Gesellschaft noch diskutiert, welche Linie in der gesellschaftlichen Entwicklung verfolgt wird?« Im Zentrum der Zeit



Heft 100 (März 1998) Heft Hundert Von Frankfurt zur Berliner Republik

Die Zeit, 10. Juni 1998

Warum eigentlich hat die Zeitschrift bislang alle Gelegenheiten zum Eingehen verpaßt?« Wer mit so ironisch-radikalen Sätzen das Jubiläum seiner Zeitschrift feiert, der will einfach nicht aufgeben. Dieter Hoffmann-Axthelm stellte diese Frage zum Heft 100 von Ästhetik& Kommunikation. Eine heitere Festgemeinde Berliner Intellektueller traf sich jetzt am Gedarmenmarkt, am Ort jener berühmten Konditorei Stehéli; dort also, wo sich die vormärzlichen Jakobiner trafen und im roten Zimmer, so Ernst Dronke, ›die ganze deutsche Pressebewegung beherrscht‹ wurde. Ästhetik& Kommunikation, das stand für den Ausbruch der 68er aus der Welt der Kunst in die gesellschaftliche Praxis. Aus Beiträgen zur politischen Erziehung (so der frühe[re] Untertitel) wurde ein Organ der politischen Intelligenz, das sich oft zögerlich-zagend, aber dann sehr konsequent von der linken Lagerkultur verabschiedete. ›Mythos Berlin‹, die Frage der Nation, die Berliner Republik – bei heiklen Themen waren die Autoren oft die ersten. Und ebensooft wurden sie ›entlarvt‹. Es entstand eine Tradition intellektueller Grenzgänge. Nun sehen sich die fünfzigjährigen Jubilare im Zentrum der Zeit.


Heft 100 (März 1998) Heft Hundert Von Frankfurt zur Berliner Republik

Peter Mahr, mahr'svierteljahrsschriftfürästhetik

Das Heft enthält neben 25 neuen Texten 4 Nachdrucke aus den vorangegangenen 99 Heften, die Listen aller Heftthemen, aller Artikel und Autoren sowie ein darauf bezogenes Autorenregister. Als Illustrationen dienen neben wenigen redaktionsdokumentarischen Fotos die 100 Covers. Ob es an unserer bilderdurchdrungenen Gegenwart liegt oder nicht –, an ihnen ließe sich fast besser eine Geschichte des seit 1970 erscheinenden Periodikums erahnen als durch Elisabeth Haeblers pointierte Einblicke in Produktionsgeschichte und Autorenkollektiv ihrer beiden Texte Edicollage. Ein Prolog und Epicollage. Ein Déjà-vu. Die vier, nicht immer vollständigen Nachdrucke bezeichnen dagegen eine Position des Blicks auf Vergangenheit und Selbstverständnis: Silvia Bovenschen, Über die Frage: Gibt es eine ›weibliche‹ Ästhetik? - welche seit kurzem im Umlauf die feministischen Gemüter bewegt - gelegentlich auch umgewandelt in die Frage nach den Ursprüngen und Möglichkeiten der weiblichen Kreativität (Ä & K 25, September 1976, S. 68–75); Zugangsweisen: Kultur und Gesellschaft. Diskussion zwischen Hermann Bausinger, Utz Jeggle, Martin Scharfe (Ludwig-Uhland-Institut für empirische Kulturwissenschaft), Eberhard Knödler-Bunte und Rolf Lindner (Ästhetik und Kommunikation) am 12. September 1980 in Tübingen (Ä & K 42, Dezember 1980, S. 80–85); Michael Vester, Was dem Bürger sein Goethe, ist dem Arbeiter seine Solidarität. Zur Diskussion der ›Arbeiterkultur‹ (Ä & K 24, Juni 1976, S. 88–91); Jochen Rossbroich, Weibliche Rede an den linken Mann. Teils vernommen, teils ersonnen (Ä & K 37, Oktober 1979, S. 136–143).

›Ästhetik und Kommunikation‹. Das ist nicht nur ein Titel der Art, wie sie in Kulturzeitschriften und den geistes- und sozialwissenschaftlichen Zeitschriften des früheren 20. Jahrhunderts zur Diskussion prinzipieller Fragen gepflogen wurde. Man könnte Ästhetik & Kommunikation – die Zeitschrift ist, namensgleich mit Herausgeber und Verlag, ein e[ingetragener];. V[erein] mit Adresse Wallstraße 60 [jetzt Wassergasse 5], 10179 Berlin – mit den siebziger Jahren verbinden, jenen Jahren, an die die späteren Neunziger nicht nur in Mode und Musik, sondern auch in Medienkunst und erweitertem Kunstbegriff anknüpfen. Damals schien es, das Leben wäre, im Zeichen eines in den Sechzigern herbeigeführten Endes der Kunst, durch ästhetische Kommunikation ersetzt und dagegen, in richtiger Weise, ersetzbar. Das heißt, ersetzt durch die immer umfassenderen Medien in Alltag und Freizeit und ersetzbar durch eine Kommunikation, die das Ästhetische weniger thematisiert, als zu eigenen Zwecken verwendet.

Daher würde eher zum Ärger des zur Zeit 18 Personen umfassenden Redaktionskollektivs von einer Kulturzeitschrift gesprochen werden. Dem hätte wenigstens die Anfangszeit nicht entsprochen. (Die Hefte erschienen zuerst, mit Standort Frankfurt, bei Rowohlt.) Wenn schon Kultur, dann war die Ästhetik der Alltagserfahrungen ebenso gemeint und beabsichtigt wie die kulturellen Wirkungen konkret unternommener politischer Praxis. Und als solche war Kultur wohl der wichtigste Bezugspunkt für eine politische Erziehung, wie sie in den Alltag von Arbeit, Beziehungen, Familie, Freizeit eingreifen sollte. Das Register spiegelt das in 13 Gruppen wieder: Pädagogik, Natur und Technik, Kulturtheorie und kulturelle Praxis, Ästhetik, Medientheorie und Medienpraxis, Psychologie, Politik, Soziologie, Philosophie, Sexualität, Religion, Urbanität, Projekte. Ästhetik als Kultur wurde dabei mit Rückenwind versorgt vom seit mehreren Jahrzehnten sich immer stärker einbürgernden Wortgebrauch wie Sachbegriff von ›Ästhetik‹ als eine Erscheinungsweise eines Dinges, als eines Insgesamts von Eigenschaften, als Design. Das Revival traditioneller Ästhetikdiskursformen in den achtziger Jahren - postmoderne Ästhetik – konnte dem letztlich nichts anhaben. Den Zug zur Praxis bezeichnet auch ›Kommunikation‹. So müßte einer theoretischen Ästhetik auch Kommunikationswissenschaft zugeordnet sein. Das soll nicht heißen, daß die Beiträge nicht zur Wissenschaft beigetragen haben. Knut Hickethier, der seit 1978 über Medien schreibt und Medienwissenschaft, von vielen als Kommunikationswissenschaft ausgegeben, lehrt: »Kultur wurde jedoch auch bei Ä&K als etwas angesehen, was gegenüber den Massenmedien durch den je individuellen und gemeinschaftsstiftenden Gebrauch immunisieren sollte« (125).

Es geht also bei Ästhetik nicht nur um ein wie auch immer bedingte Aussehen von Menschen, Dingen und Prozessen, sondern um ein Programm. Das heißt: statt Theorie Programm und Ziel, eben: Ästhetik und Kommunikation. So waren die Umschläge bis Nr. 48 (Juni 1982) immer - mal dezent als Punze, mal flächendeckend als optische Waffe - mit dem Logo (ein den Appropriationismus der achtziger Jahre antizipierendes Ab-Bild) eines viereckigen, gelben Firmenschildes versehen, in das der schwarze Schriftzug Ästhetik und Kommunikation. Beiträge zur politischen Erziehung und eine schwarze Umrandung eingepreßt waren. Dabei erweist sich der Untertitel als entscheidendes Scharnier: Ästhetik und Kommunikation unter der Perspektive politischer Erziehung, was zunächst einmal politische Praxis bedeutet. Also nicht theoretische Ästhetik in der Philosophie seit dem 18. Jahrhundert Baumgartens, sondern praktische Ästhetik.

Alexander Baumgarten hatte ebenso an eine praktische Ästhetik gedacht, in dem nicht fertig gestellten Buch Aesthetica fand sie keine Ausführung mehr. Doch die Einleitung seines ersten Bands spricht immer wieder davon, daß die Ästhetik auch eine Frage der Übung, der Bildung naturwüchsiger Anlagen (felix aestheticus) sowie der Erziehung ist, wie sie später von Schiller als politisches Programm in geschichtsphilosophischer Perspektive und von Marx als kommunistische Gesellschaft des Wirbeltierkonsums entworfen werden sollte, »morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe« (Deutsche Ideologie, A. Die Ideologie überhaupt, namentlich die deutsche Geschichte). Im zwanzigsten Jahrhundert wurde das Verhältnis von Ästhetik und Kommunikation durch die Ästhetisierung von Politik und Konsum geprägt. Die Anknüpfung an die Tradition klassischer Theoreme blieb dabei problematisch. Inzwischen sind die Begriffe ›Ästhetik‹ und ›Kommunikation‹ so zerfasert wie ihre Phänomenbereiche vielfältig. Eine inhaltlich-programmatische, geschweige denn politische Perspektive scheint. kaum noch möglich. Beides aber war unabdingbarer Antrieb für paradigmatische und nachhaltig wirkende Aufsätze wie demjenigen von Bovenschen. Was können also Ästhetik und Kommunikation für die Geschicke der Ästhetik in den kommenden Jahren bedeuten?



Heft 101 (Juli 1998) Post und Pop auf Wiedersehen! Zeichen und Schriften

Fritz Göttler, Süddeutsche Zeitung, 22. August 1998

Am wichtigsten auf Bildern ist, was nicht drauf ist. Der unsichtbare Dritte zum Beispiel, der eine Paarbeziehung bestimmt – der durch seine imaginäre Präsenz das Bild dominiert, auf dem er physisch nicht in Erscheinung tritt.

Ein schönes Beispiel für solches Cache-cache-Spiel liefert Winfried Pauleit von der Bergischen Universität Wuppertal mit einer Studie zu Fidel Castro/der Papst und [ ]«. Zwei alte Männer sind auf dem untersuchten Bild zu sehen – ein Jahrhundertphoto: Castro und der Papst, am 19. November 1996 im Vatikan. Das Bild einer Kommunikation, einer Einflüsterung genauer gesagt – ein Bild mit starkem Off-Bezug: eine Sprechblase wäre denkbar, in der Cubas Staatschef den Papstum Unterstützung bittet gegen den Boykott, den Amerika, den der unsichtbare Dritte Clinton über sein Land verhängt hat.

Texte, die um Leerstellen kreisen, haben mich immer fasziniert. Bei Pauleit fangen schon die graphischen Zeichen des Titels vieldeutig zu sprechen an, und die Analyse ist mit dem einen Photo nicht zu Ende. Andere werden daneben gestellt, virtuelle und wirkliche, ein Händedruck von Castro/Johannes Paul II etwa, der in der Werbung des Fernsehsenders Phoenix eingesetzt wurde – an dieser Stelle kommt dann Walter Benjamin ins Spiel, theoretisch – ber den Begriff der Geschichte« – und direkt im Abbild.

Das Vergnügen, das man bei diesem Bilder-Lesen hat, wird gesteigert, weil es an unerwarteter Stelle kommt. Eben hatte die Zeitschrift Ästhetik & Kommunikation noch ihre hundertste Nummer gefeiert und – selbstbewu t, ja ein wenig trotzig –ihren Kurs der letzten Jahrzehnte verteidigt, den für die Zukunft abgesteckt, hatte sich stark gemacht für eine sozialkritisch-marxistische Analyse in postmoderner Zeit – schon kommt Heft 101 zum Thema Post und Pop auf Wiedersehen! (Juli 1998, 20 Mark).

Wer sich nicht abschrecken läßt von diesem Titel, wird hier manche Zweifel und Skrupel gegenüber der Postmoderne finden, aber auch lässig bilanzierend-balancierende Analysen – und mit Freude registrieren, da Madonna offensichtlich als Patronin des Heftes fungiert. Auch bei Winfried Pauleit kommt am Ende Madonna ins Spiel, der Weg dorthin führt über Monica Lewinsky. Die hat sich eingeschmuggelt in das visuelle System, das zwischen Castro, Papst und Bill ausgespannt wurde, und sie prägt die heutige Lektüre dieser Bilder. So gibt es Erinnerungen an zwei andere alte Männer, aus dem Buch Daniel (Kapitel 13), über vom Sex korrumpierte Politik. Ungerechtigkeit ging von Babylon aus, von den Ältesten, von den Richtern, die als Leiter des Volkes galten.« Wie die Geschichte von Susanna im Bade, die von zwei liebestollen Männern beobachtet und verleumdet, durch Daniel dann doch noch gerettet wird, von einem Bild der Artemisia Gentileschi über Monica zu Madonna führt ( Susan verzweifelt gesucht«), das entwickelt Pauleit in einer beispielhaften tour de force. Wobei er nie nach dem schaut, was in den Bildern steckt, sich nicht scheut, Bedeutungen in sie hinein zu lesen und damit alles assoziativ in einer Schwebe hält, wie sie dem lebhaften Spiel der Imagination angemessen ist.

[…] Dasjenige aber nur allein ist fruchtbar«, schreibt Lessing im Laokoon«, und man liest das als Motto von Pauleits Text über Castro und den Papst, was der Einbildungskraft freies Spiel lä t. Je mehr wir sehen, desto mehr müssen wir hinzu denken können. Je mehr wir dazu denken, desto mehr müssen wir zusehen glauben.« […]



Heft 105 (Juni 1999) Ten years after Intelligenz zwischen West und Ost Vom Zusammenleben der Deutschen mit sich

Berliner Zeitung, 23. August 1999

Reinhard Höppner, Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, meinte neulich, das nach wie vor schwierige Zusammenleben der Deutschen in Ost und West könne nicht mehr nur der Zeit der Teilung angelastet werden, sondern sei auch Ausdruck der Erfahrungen, die die Menschen seit der Vereinigung miteinander gemacht hätten. Daran könnte etwas sein. Zehn Jahre sind schließlich kein Pappenstiel, auch wenn die vierzig Jahre zuvor dagegen übermächtig zu sein scheinen. Doch vom Golfkrieg über den Zerfall Jugoslawiens bis zum historischen Wahlsieg der Sozialdemokraten gibt es längst eine ganze Palette gemeinsamer Erfahrungen, ohne dass die Deutschen offensichtlich zur erwünschten Gemeinsamkeit gefunden hätten.

Woran das liegt? Die Kaste der Intellektuellen darf als mustergültig gelten, wenn es darum geht, deutsch-deutsche Befindlichkeiten näher in Augenschein zu nehmen. Ihr Gefühlshaushalt spiegelt den ihrer Landsleute überhaupt. Konnte man vor dem Fall der DDR noch den Eindruck haben, dass die Kopfarbeiter hüben wie drüben ihre theoretischen wie politischen Affinitäten stärker als die Unterschiede akzentuierten, sieht die Sache heutzutage ganz anders aus. »Die Zugehörigkeit zu Ost und West«, heißt es in der jüngsten Ausgabe der altehrwürdigen Ästhetik und Kommunikation, die sich »Ten Years after« der »Intelligenz zwischen Ost und West« verschrieben haben, sei »die bestimmende Variable, der gegenüber alle anderen, älteren, vor 1989 durchaus noch Gemeinsamkeit erlaubenden Differenzierungen zurücktreten. Die Intellektuellen beiderlei Herkunft haben also den Gefühlstransfer ihrer Landesteile mit vollzogen, von einem von Mauerfall und Vereinigung getragenen Begegnungswunsch hin zu kalter Abgrenzung und Nichtbeachtung.« Dass ein nicht unerkleckliches Häuflein westdeutscher Intellektueller ihr Herz fürs bis dahin ungeliebte Bonn in dem Moment entdeckte, als der Umzug nach Berlin zur hitzigen Debatte stand, erwiese sich rückblickend nicht als vorübergehender Ausdruck geistiger Desorientierung, sondern als Zeichen einer sich erst nach 1989 ausdifferenzierenden politischen Identität. Bastler hüben und drüben



Heft 103 (Dezember 1998) Außenpolitische Intelligenz Renaissance der Politik?

Barbara von Reibnitz, Neue Zürcher Zeitung, 29. Dezember 1998

[…] Wir bewegen uns auf eine »postnationale Konstellation« (Habermas) zu, können aber kaum auf erprobte Strategien eines weltpolitischen Handelns zurückgreifen.

Gerade deshalb dürfte die »aussenpolitische Intelligenz« wieder gefragt sein, der die Zeitschrift Ästhetik & Kommunikation ihr Dezemberheft gewidmet hat. Die Perspektive ist (leider?) wesentlich auf den Handlungsrahmen der »Berliner Republik« bezogen. Dorothea Hauser analysiert die »aussenpolitischen Komplexe« der Bundesrepublik und die ebenso prägenden wie problematischen, weil aussenpolitisch defizitären Spuren, die die 29 Jahre andauernde Verwaltung des Auswärtigen Amts durch die FDP hinterlassen hat. Hermann Schwengel versucht, mit sehr ehrgeiziger Rhetorik, eine »äussere Kulturpolitik« als dritte Kraft neben Finanz- und Aussenpolitik plausibel zu machen. Diese müsse »die innere Diversität Europas in die Diversität der globalen Zivilisationen, Regionen und Religionen gezielt einbringen« und so ein wirksames Gegengewicht gegen das Schwanken des Globalismus »zwischen abstrakter Weltgeltung und konkretem Provinzialismus« bilden.



Heft 105 (Juni 1999) Ten years after Intelligenz zwischen West und Ost Vom Zusammenleben der Deutschen mit sich

Ingeborg Harms, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.August 1998

Anläßlich des deutsch-deutschen Vereinigungsjubiläums zieht man vielerorts Bilanzen. Ästhetik & Kommunikation druckt ein Gespräch zwischen Teilnehmern aus Ost und West. Dabei geht es nicht ohn Siegerposen ab. Dieter Hoffmann-Axthelm skizziert sein Bild vom Intellektuellen auf der Grundlage der Fähigkeit zum Verrat: »Wenn er merkt, da stimmt was nicht, muß er sich aus jedem Rahmen lösen und auf Heimat, auf Solidarität usw. pfeifen und dann nicht in irgendwelchen Gemeinschaften kleben bleiben.« Daß Hoffmann-Axthelm damit einen deszidiert westlichen Typus im Sinn hat, wird an der Analyse der Ostbefindlichkeit nach 1989 deutlich. Dort glaubt er ein »Zusammenschnurren zur DDR-Volks-Gemeinschaft« zu erkennen, eine Nostalgie, die »alles, was noch original DDR ist, zum Objekt der Sehnsucht und nachgetragenen Liebe« macht. Da der einst verhaßte Staat zum affektiven Gegenstand mutiert ist, wird der Westen mit Unterdrückungsphantasien aufgeladen: »damit das psychische Gleichgewicht erhalten bleibt«. Dem Osten fehle die Achtundsechziger-Erfahrung. Während es das Training des durch die Revolte gegangenen westdeutschen Intellektuellen war, »sich maximal kenntlich zu machen«, herrschte jenseits der Mauer weiterhin »erlernte Subjektlosigkeit«.

Im Gespräch erscheint westliches Kenntlichmachen in Form provokativer Thesen, östliche Subjektarmut als Fähigkeit zu größerer Differenzierung. Karin Hirdina gibt zu bedenken, daß sich zu DDR-Zeiten »andere Weisen, Subjektivität anzumelden und auszudrücken«, geäußert haben. Zugleich gibt sie zu, daß die Reflexionsmethoden strenger, systhematischer und mehr auf einen Endzweck bezogen gewesen sind als beim westlichen Kollegen, der spielerischer, autonomer und assoziativer vorgeht. Klaus Hartung hält es für möglich, daß die Denkmethoden in beiden deutschen Staaten von einer gewissen provinziellen Starre geprägt worden sind, in der es schwer war, sich aus dem sozialen Kontext zu lösen, um Verrat als intellektuelle Redlichkeit zu üben. Tilman Fichter findet es enttäuschend, daß die negative Haltung gegenüber der Wiedervereinigung beide Seiten nicht einmal in einer »gemeinsamen Jammerkultur« zusammengeführt habe: »Die existieren einfach nebeneinander her.«



Heft 107 (Dezember 1999) Kleine Länder

WDR, 21.Feburar 2000 (Meinungen über Bücher und Zeitschriften)

Plötzlich reden alle über Österreich, und keiner weiß, wie man umgehen soll mit dem kleinen Land. Der Außenministerin die Hand schütteln oder nicht? Talk-Shows mit Haider bestücken oder nicht? Jetzt regiert die FPÖ, und damit schwappt der verdrängte Dreck von rechts wieder ins Bewußtsein.

Die Zeitschrift Ästhetik & Kommunikation ist ein Forum, wo man manchmal, wenn sie gut ist, Gedanken findet, die sich andere erst später machen. Die aktuelle Ausgabe hat den Schwerpunkt Kleine Länder. Den Beitrag über das kleine Land Österreich hat Gerhard Scheit geschrieben, und zwar zu einem Zeitpunkt, als die neue Koalition in Wien noch nicht vereidigt war. Lesenswert ist der Essay gerade deshalb. Denn er kommt gar nicht erst in die Verlegenheit zu diskutieren, ob die Freiheitlichen nun rechtslastig, rechtsextrem oder rechtspopulistisch sind, sondern er ordnet sie ein – in der Mitte der Gesellschaft.

Der Kulturwissenschaftler Scheit erzählt die kurze Geschichte dessen, was er die »Österreichideologie der Nachkriegszeit« nennt – die Ideologie eines kleines Landes. Sie reicht zurück bis zu den Schriftstellern und Künstlern, die vor den Nazis fliehen mußten und sich im Exil eine Heimat der reinen Kultur herbeiträumten – ein Land mit Mozart und Schubert, Grillparzer und Arthur Schnitzler, also einem österreichischen Geist, der dem deutschen Ungeist entgegenstand. Den Exilschriftstellern bescheinigt Scheit noch eine verständliche Sehnsucht nach Erlösung. Aber nach dem Weltkrieg geriet ihr Phantasma zur Staatsdoktrin. Die junge Republik gab sich das Selbstbild einer Nation, die immer schon klein, immer schon stabil und immer schon Nation gewesen sei, unschuldig an den Nazi-Verbrechen und eigentlich selbst das erste Opfer Hitlers. Kurz: ein Scheinland, wie der Autor sagt.

Er erinnert an die alte Größe Österreich-Ungarns, in dem sich die deutschsprachige Minderheit durchaus als ›deutsch‹ empfand, als ›Herrenvolk‹ im Vielvölkerstaat. Und er beschreibt, wie die Erzählung vom sauberen Österreich ihre Plausibilität einbüßte: Mitte der achtziger Jahre, als das ehemalige NSDAP-Mitglied Waldheim Bundespräsident wurde und der unaufhaltsame Aufstieg des Jörg Haider begann. Haider, so argumentiert Scheit, läßt »die Herkunft Österreichs aus dem Dritten Reich nicht mehr in Vergessenheit geraten«. Die FPÖ ist also das Produkt einer Gesellschaft, die allzu lange vor der eigenen Vergangenheit geflohen ist. Und Österreich, das kleine Land, hat mit dem großen Deutschland mehr gemein als nur die Sprache.

Die erdrückende Präsenz des großen Nachbarn im Norden prägt auch die Schweiz. Genaugenommen die Zwei Schweizen, die der Autor Benedikt Loderer beschreibt. Er stellt zwei widerstreitende Nationalerzählungen einander gegenüber. Die erste ist die Schweiz des Klischees, das Land, wo noch Münzen gelten, die 1911 geprägt wurden, wo die Arbeitslosenquote kaum meßbar ist, das Land von Käse und Uhren. Loderer nennt sie die ›Reduitschweiz‹, die ewige Festung. Auf der anderen Seite lebt die ›Normaloschweiz‹. Hier haben die Leute englisch sprechen gelernt und wollen in die EU: »ein Stück globalisierter erster Welt«, wie Loderer schreibt. Die Gegenüberstellung klingt nach dem alten Muster ›Klischee und Wirklichkeit‹, ein bißchen banal; und das wäre sie auch, wenn, ja wenn diese beiden Schweizen nicht tatsächlich nebeneinander existieren würden. So entfalten die beiden konkurrierenden Erzählungen erst gesellschaftliche Relevanz: wenn die Reduitschweizer und die Normaloschweizer nicht miteinander reden. Und schließlich schlägt sich der unausgegorene Konflikt im Parlament nieder: Seit dem letzten Jahr hat auch in der Schweiz der recht Block die Regierungsmehrheit.

Benedikt Loderer ist selbst Schweizer, und Gerhard Scheit ist selbst Österreicher. Ihre Texte passen gut in das Konzept, das den Berliner Redakteuren von Ästhetik & Kommunikation vorschwebte: »eine Art Briefkasten […] für die […] Intellektuellen der vielen kleinen Länder um uns herum«. Dänemark, Holland, Belgien, Norwegen und Georgien sind noch vertreten. Georgien allerdings mit dem Text eines deutschen Autors, der so trocken daherkommt wie eine Handreichung der Bundeszentrale für politische Bildung. Ansonsten sind die kurzen Essays eingängig geschrieben, vertreten pointierte Thesen und sind dann sehr erhellend, wenn sie, wie Loderer und Scheit, Kultur und Politik aufeinander beziehen.

Bleibt nur ein Wunsch offen: Gerne hätte man noch etwas über Liechtenstein erfahren – jenes wundersame Land, da Koffern mit Bargeld so sicheres Asyl bietet.



Heft 108 (März 2000) Neue Lage®

Barbara von Reibnitz, Neue Zürcher Zeitung, 25.Mai 2000 (Blick in Zeitschriften)

Mit der (unpolitischen) Instrumentalisierung der Moral, durch die sich der deutsche Politikbetrieb derzeit auszeichnet – vor dem Hintergrund einer alle Parteien gleichermaßen beherrschenden Konzeptlosigkeit – beschäftigt sich die neueste Nummer von Ästhetik & Kommunikation. Neben Beiträgen zur fehlenden Arbeitsplatzpolitik, zur Schröder-Blair-Allianz und zur Veränderung der Parteistrukturen wie der Wählermilieus »auf dem Weg in den Postkapitalismus« macht Dieter Hoffmann-Axthelm kritische Bemerkungen zum moralischen Lager der Nation. Sie wenden sich gegen den Rückzug der Linksintellektuellen aus der Politik sowie gegen den Mangel an Bereitschaft der demokratischen Wählerschaft, ja »der Gesellschaft insgesamt«, Politik »eindeutig zu beauftragen«.


Wir bauen unsere Seite um und sind daher z.Z. nicht ganz aktuell. Bis bald im neuen Look!



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