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Editorial Heft 126

Heft 126: Wozu Kulturwissenschaften?Heft 126 35. Jahrgang Herbst 2004 11 €


Wozu Kulturwissenschaften?

Wozu Kulturwissenschaft ?

1.

Wozu Kulturwissenschaft ? Diese Frage ist kritisch gemeint, aber nicht destruktiv. Enttäuschte Erwartungen spielen hinein, aber auch Neugier, wie es weitergehen könnte. Die Gründergeneration ist abgetreten, oder dabei, es zu tun. Die politische Funktion, die es einmal hatte, gegen politischen und ökonomischen Positivismus von Links und Rechts die kulturelle Differenz ins Spiel zu bringen, ist schon lange nicht mehr nachvollziehbar. Würde man die unterschiedlichen Herkunften und Programmatiken des cultural turn damit konfrontieren, was heute daraus geworden ist – in diesem Heft wird das am Beispiel der englischen Cultural Studies gezeigt –, dann würde man in den meisten Fällen zu der Einsicht genötigt, daß sich die Anfangsimpulse geradezu in ihr Gegenteil verkehrt haben.

Die Frage : Wozu Kulturwissenschaft, zielt aber vor allem auf die Zukunft des Unternehmens. Mehr Rückblick, als für das Aufdecken von – möglicherweise gegebenen – Sackgassen tunlich ist, war also nicht beabsichtigt. Es geht um den Nachweis der Brauchbarkeit, wenn nicht Notwendigkeit, des Wissensfeldes. Aus dem Versuch, gegen verhärtete Wissenschaftsordnungen eine andere Wirklichkeit zum Sprechen zu bringen, ist nach drei Jahrzehnten geradezu Wirklichkeitsverweigerung geworden – welche Schlüsse zieht man daraus ? Und nicht zuletzt geht es um die Brauchbarkeit universitären Lehrangebots, das beansprucht, dieses Feld als eigenes zu erschließen.

Auf welche gesellschaftliche Praxis bezieht sich das Studium der Kulturwissenschaft ? Zu verlangen ist doch so etwas wie eine Aussicht auf einen Auftraggeber, einen Träger. Der Verweis auf die Medien als Abnehmer ist, angesichts des Mißverhältnisses zwischen verfügbaren akademischen Stellen und Anzahl der Studierenden und Diplomierten, eine Ausrede und kein Programm.

2.

Anlaß der Frage, und damit auch dieses Heftes, waren zunächst lediglich persönliche Irritationen angesichts eines Aufenthalts am Internationalen Forschungsinstitut für Kulturwissenschaften (IFK) in Wien : Irritationen angesichts des Ausmaßes, in dem die wöchentlichen Diskussionen mit den Stipendiaten – vor allem den mit einer Dissertation beschäftigten jungen – sich auf der Ebene emsiger Selbstbezüglichkeit abspielten : Worum es ging, war weitgehend austauschbar, im Mittelpunkt der Anstrengungen und des Interesses standen einerseits wiedererkennbare Problemmuster und autoritative Ansätze. Damit zu spielen, unter Ausblendung aller anderen Wissenformen wie soziale Erfahrung, ökonomische Verhältnisse, das Regelwerk der Politik, psychologische Gründe oder gar – horribile dictu – der Rückgriff auf beobachtbare Wirklichkeit, machte den eigentlichen kulturwissenschaftlichen Kick der Sache aus.

Kurz, es ergab sich die Idee eines Kritik- Colloquiums am IFK und eines mögliche Ergebnisse weiterreichenden Zeitschriftenheftes. Eingeladen wurden Leute, von denen man annehmen konnte, daß sie nicht nur die eigene Deutungshoheit vertreten würden und die bereit waren, in kleinstem Kreis drei Tage lang mit einander zu reden. Im Einladungsschreiben hieß es :

Man kann nicht sagen, daß es an Kritik der Kulturwissenschaft fehle. Roh zusammengefaßt : Verlust der Bindung an politische Emanzipation und soziale Erfahrung, zugunsten eines Ankommens in jener akademischen Selbstgenügsamkeit, die zu bekämpfen der cultural turn einst ausgerufen worden war ; Ersetzung von Wirklichkeit durch Text ; Mißbrauch des Kulturbegriffs für die Ausblendung von Ökonomie und sozialen Verhältnissen ; und vor allem, Versagen als Dachwissenschaft, zugunsten aufgeputzter Philologien und eines Spezialitätenstudiums für höhere Töchter. Warum ist die Kulturwissenschaft gegen diese Kritik so resistent ? Offenbar sind ihr die entsprechenden Antikörper schon durch ihre Entstehung mitgegeben worden. Eindruck eines Außenseiters : Wenn das so weiter geht, wird die Gesellschaft eines Tages diese Wissenschaft, die weder nützlich ist wie die Naturwissenschaften noch bewahrend wie die alten Geisteswissenschaften, wohl einfach abschütteln.

Die Tagung fand im März dieses Jahres statt. Vier Diskussionsblöcke strukturierten sie :

1. Wissenschaft als Kultur – Taugt Kulturwissenschaft als Dachwissenschaft ?
2. Euro- versus Weltkultur. Wo ist der Ausgangspunkt der Kulturwissenschaft und wie umkehrbar ist die Blickrichtung ?
3. Wissenspraxen und Wissenschaften kultureller Praxis – Gibt es einen Kanon der Kulturwissenschaften ?
4. Text und Wirklichkeit : Wieviel Einseitigkeit ist erlaubt ?

3.

Über Gelingen oder Mißlingen der Tagung ist hier nicht zu berichten. Zum einen gehen die in diesem Heft versammelten Beiträge nur zum Teil auf die Impulsreferate der Wiener Tagung zurück, zum andern ist der Zugriff lockerer. Nicht die Systematik der Kulturwissenschaften steht im Mittelpunkt, sondern die Unterschiedlichkeit der Interessen. Die Konfliktlinien sollten deutlicher werden, sie strukturieren das Heft. Als erstes der Generationskonflikt : Auf der einen Seite die Zweifel, auch die Enttäuschung, derer, welche die Anfänge miterlebt haben, auf der anderen Seite der Enthusiasmus derer, die noch in der ansteigenden Phase ihres Lebensweges sind und erst einmal die grenzüberschreitenden Möglichkeiten des kulturwissenschaftlichen Blicks voll auskosten wollen.

Eine zweite Linie verläuft dazu völlig quer : der Konflikt Kulturwissenschaft im Singular versus unbegrenzte, in keinen Kanon zu fassende Vielzahl von Kulturwissenschaften. Dahinter steht, unausgesprochen, aber hier am deutlichsten hörbar, die Wozu-Frage : Was ist eine Reflexion auf Kultur wert, die sich um die harten Fragen drückt – die laufende politische Einsparung und ökonomische Neubestimmung von Kultur einerseits, die Chancen einer zivilgesellschaftlichen Kulturbehauptung andererseits?

Eine dritte Konfliktlinie ist die zwischen den Gewinnern des Hochschulspiels, die über kulturwissenschaftliche Themen eine akademische Karriere aufbauen konnten, und jenen, die jetzt auf Jobsuche sind und sich fragen, wozu sie das alles studiert haben – diese Linie kommt allerdings im Heft zu kurz, wer schreibt schon gerne darüber, daß er sich falsch entschieden hat und jetzt mit leeren Händen dasteht.

Die Mehrzahl der Abbildungen – es handelt sich um die Titelblätter jener frühen Nummern von Ästhetik & Kommunikation, die in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts das Kulturthema durchzusetzen halfen – verweist auf die Pionierfunktion der Zeitschrift. Sie zeigen im Rückblick eine erstaunen machenden Breite. Ästhetik & Kommunikation ist also in seiner seitherigen Entwicklung selber ein Beispiel für den eben angedeuteten Entwicklungsbogen. Das wäre allein schon der Untersuchung wert.

Zum andern wird an Personen erinnert : Lothar Baier war als Generationsgefährte wichtig ; Lucius Burckhardt war eine eigene unabhängige Institution, er lehrte und lebte Kulturwissenschaften, oder besser : den kulturwissenschaftlichen Blick.

Dieter Hoffmann-Axthelm
Wir bauen unsere Seite um und sind daher z.Z. nicht ganz aktuell. Bis bald im neuen Look!



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