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Editorial Heft 124

Heft 124: PathosHeft 124 35. Jahrgang Frühjahr 2004 11 €


Pathos

Inhaltsverzeichnis

Pathos
Verdacht und Versprechen

Im Titel dieses Heftes ist der Pathosbegriff zwischen Verdacht und Versprechen plaziert, denn der Verdacht, daß dieser Begriff in der Krise ist, besteht zu Recht. Mit seiner Rettung, die ihn gegen den Untergang mit einem neuen Versprechen auflädt, hat dieses Heft jedoch nichts zu tun. Auch ein Pro und Contra zwischen falschem und richtigem Pathos ist nicht sein Interesse, obwohl die Frage nach Wahrheit und Lüge, glaubwürdigem und unglaubwürdigem Pathos gestellt wird. Aber sie ist in ein Konzept eingebunden, das in den Bereichen Politik, Kunst, Medien, Populärkultur, Pädagogik, Sport oder Philosophie wissen will, wie der Pathosbegriff im Kontext dessen, was je unter ihm verstanden wird, funktioniert. Zur Beantwortung dieser Frage wird ein Forum aus Gesprächen und Texten präsentiert, innerhalb dessen eine These herausgehört werden kann, die einfach, aber von größter, gesellschaftlicher Reichweite ist : »Pathos ist ein Akt, bei dem jemand seine Stimme erhebt«. Pathos ist Ausdruck, irreduzibel, singulär, Körper in Bewegung, Geste, Stimme, die insbesondere dann gehört wird, wenn sie überhört werden soll.

Das in diesem Heft verhandelte Problem ist also die Frage, unter welchen Bedingungen und auf welche Weise dieser Ausdruck zur Erscheinung kommt, der, ob individuell oder kollektiv, sich nicht nur zeitlich, sondern immer auch räumlich, ›szenisch‹, artikuliert. Daß Pathos und Pathetisches nicht identisch sind, folgt daraus, da das Pathetische auf die Form des Diskurses und seine ›Inszenierung‹ zu beziehen ist, dem das Pathos in je bestimmter Weise unterliegt. Bevor jedoch der Eindruck entsteht, in diesem Editorial würden Regeln für das Lesen dieses Heftes aufgestellt, sei hinzugefügt, daß das Verhältnis von Pathos und Pathetischem die ganze Herrschafts- und Emanzipationsgeschichte der Moderne berührt, die im Paradox begründet ist, daß der Mensch, obwohl ›in Ketten geboren‹, sich ›frei‹ definiert. Bis heute produziert dieses Paradox Pathos im wörtlichen Sinn von Leiden, das sich im Widerstand gegen diese Ketten, seien sie sichtbar oder unsichtbar, verschärft. Vor allem die unsichtbaren, die symbolischen Ketten sind das Thema dieses Heftes, da der Widerstand gegen sie von ihrer Internalisierung nicht zu trennen ist. Das kann zur Aufgabe dieses Widerstands ebenso wie zu seiner Steigerung ins Aberwitzige führen : »Pathos ist das Töten des Todes«.

Zwischen Pathos und Pathetischem konstituiert sich das, was in diesem Heft, explizit oder implizit, als ›Pathosformel‹ zur Debatte steht : einer Kategorie von Aby Warburg, der, ebenso wie Friedrich Schiller, die Gespräche und Texte dieses Heftes als Leitfaden durchwirkt. Die Stränge, in die er verwoben ist, verdichten sich in dem Knoten, wo sich heute die Frage stellt : Was hat die Gesellschaft, in der wir leben, noch mit Leiden zu tun ? Im Knoten dieser Frage zeigt sich beides : ein kaum mehr zu verkraftender Umfang an internalisierter Abstraktion und auch sein Gegenstück, ein kaum mehr zu stillender Pathosbedarf, der andere in ihrem Leiden ununterbrochen sehen, hören, fühlen will, und dies insbesondere dann, wenn das Leiden medial aufbereitet ist. Erklärt sich dieser Pathosbedarf dadurch, daß das moderne Leiden an den Ketten der Existenz bis hin dazu bekämpft wurde, daß diese Ketten heute nicht mehr spürbar sind ? Hat dies einen empfindungslosen Zustand produziert, der selbst das Leiden ist ? Wenn ja, würde aus diesem Zustand sowohl der phobische Pathosverdacht als auch das süchtige Pathosversprechen resultieren, das unsere Gesellschaft beherrscht, die sich in dem Maß als endgültig aufgeklärte Gesellschaft versteht, wie sie das Leiden abgeschafft hat. Gilt also heute, daß der Pathos-Begriff in einer Krise ist, dann nicht nur darum, weil er für das Leiden keine Gratifikation mehr bietet, sondern auch darum, weil das Leiden selbst in einer Krise ist, die in seiner Tabuisierung besteht.

Unter dem Titel Pathos. Vom schwierigen Umgang mit Gefühlen fand im vergangenen Sommer ein Diskussionsforum im Rahmen der 12. Internationalen Schillertage am Mannheimer Nationaltheater in Kooperation mit dem swr 2-Forum statt. Verantwortlich waren Prof. Dr. Jochen Hörisch (Universität Mannheim), Franziska Kötz (Nationaltheater Mannheim) und Ursula Nusser (swr 2-Forum Baden Baden). Unser besonderer Dank geht an Ursula Nusser und das swr 2-Forum, die uns Material der Veranstaltungen zur Verfügung gestellt haben.

Gerburg Treusch-Dieter
Wir bauen unsere Seite um und sind daher z.Z. nicht ganz aktuell. Bis bald im neuen Look!



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