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Editorial Heft 131

Heft 131: Our own medial JesusHeft 131 36. Jahrgang Winter 2005 11 €


Our own medial Jesus

Inhaltsverzeichnis

Our own medial Jesus

Wenn man über das Verhältnis von Religion und visueller Kultur spricht, gerät man schnell auf vermintes Gelände. Ehe man sich versieht, ist man in einen Streit um Deutungshoheiten verwickelt, der schnell erahnen lässt, dass das Streiten um Bilder keine Geschmacksfrage ist und das Nachdenken über Religion offenbar nicht der Vergangenheit angehört. Dabei scheint es nicht nur darum zu gehen, wem der ›medial Jesus‹ letztlich gehört oder wer dabei ein Terrain für sich abstecken kann, sondern auch darum, dass Religion und visuelle Kultur in diesem Streit wechselweise aufeinander bezogen sind, wobei diese Beziehung von den unterschiedlichen Partnern jeweils ganz anders gedacht und imaginiert wird.

Die visuelle Gegenwartskultur betont ihre Eigenständigkeit und kann doch zugleich ihr religiöses Erbe nicht leugnen, ihre Herkunft aus kirchlichen Räumen und christlich- abendländischen Traditionen. Sie weiß um ihr Potential der Transzendenz und der Transformation. Sie kann sich sogar selbst als Medium der Errettung der physischen Realität (Kracauer) beschreiben. Doch von der darin fortwirkenden Religion will sie nichts wissen. Wozu auch? Die Bilder haben ihre eigenen Diskurse und Denktraditionen hervorgebracht, da wirkt jeder Verweis auf Religion schnell wie ein autoritäres Gespenst, welches den lustvollen Umgang mit den Bildern stören möchte.

Aus der Perspektive der Religion sieht die Sache hingegen anders aus. Da erscheint die visuelle Medienkultur zunächst als eine Ausdifferenzierung und Transformation der religiösen Erzählungen und Bilder, als eine Auffächerung, die sowohl in struktureller wie in ikonographischer, motivischer und thematischer Hinsicht ganz wesentlich von ihrem religiösen Erbe lebt. Romane stellen sich in dieser Perspektive als moderne Fortschreibungen biblischer Erzählungen dar, das Kino erscheint als postmoderne Kirche und das Kunstmuseum als zeitgenössischer Andachtsort. Gleichwohl ist ein solchermaßen weit gefasster Begriff der Religion immer in der Gefahr, sich aufzulösen oder nur noch als Synonym für visuelle Kultur aufzutreten, will er nicht doch als Instanz das Religiöse und das Nicht-Religiöse unterscheiden. Aber wo und wie sollte eine solche Scheidelinie gezogen werden?

Gerade in der Frage der Deutung und Beurteilung von Bildern geraten beide Perspektiven gern aneinander: die ProduzentInnen visueller Kultur und ihre Diskurshüter fühlen sich dann durch religiöse Interpretationen vorschnell vereinnahmt, die Praktikanten und Hermeneuten religiöser Traditionen sehen ihre Sache durch Gesten der Abgrenzung allzu schnell entwertet und zum bloß historischen Phänomen deklariert. Dabei geht es letztlich nicht um das treffende Argument oder um die ästhetische Form eines Deutungsversuchs, sondern um die Instanz, in deren Namen gesprochen wird, um das Problem von Selbst- und Fremdbeschreibung bei der Bestimmung von ›Religion‹ und ›Kunst‹.

Daneben und darüber hinaus scheint es aber auch gewollte produktive Verknüpfungen beider Perspektiven zu geben, beabsichtigte Symbiosen von Religion und visueller Kultur, wechselseitige Transformationen, wie sie in diesem Jahr nicht zuletzt im Zusammenhang mit dem medial inszenierten Sterben von Johannes Paul II. sichtbar geworden sind. Hunderte von Millionen verfolgten dieses Medienereignis am heimischen Fernseher. Millionen von ihnen ließen sich dadurch motivieren, nach Rom zu pilgern, um live an der Beerdigung des ersten Medienpapstes der Zeitgeschichte teilnehmen zu können und den Strom der global kursierenden TV-Bilder des einbalsamierten Leichnams noch mit unzähligen eigenen digitalen Aufnahmen anzureichern. Das Fernsehen erwies sich als Kommunikator starker Emotionen, als Hausaltar einer stark emotional getönten Religiosität, deren ausgelassenes und an Woodstock erinnerndes Gesicht sich schon wenige Monate nach dem Tod von Karol Wojtyla in Köln zeigte, als sein Nachfolger Benedikt XVI. den dortigen Weltjugendtag besuchte.

Eine andere Konstellation von Religion und visueller Kultur bildet das Journal epd film des evangelischen Pressedienstes ab – der verbal-diskursive Zugriff auf die wuchernden Bilderwelten folgt dem protestantischen Deutungsprimat und verbindet ihn mit einem konsumkritischen Impetus. Gegen die Sinnlichkeit des visuellen Rauschens wird die Arbeit am Sinn hochgehalten, statt institutioneller Vereinnahmung geht es um eine dem Medium Film adäquate Begleitung.

Ist die Religion also vor allem als ein medialer Diskursraum wieder präsent? Oder steht eine medienvermittelte Renaissance der kirchlich-katholischen Religionskultur im Vordergrund? Oder kehren – jenseits christlicher Codierungen – die Götter in Gestalt der visuellen Medienkultur zurück?

Deutlich ist, dass religiöse Institutionen und mehr oder weniger religiös motivierte Interessen und Intentionen in ihren Medieninszenierungen immer professioneller werden. Das gilt für den Vatikan ebenso wie für amerikanische Freikirchen, für islamistische Terroristen ebenso wie für palästinensische Selbstmordattentäter. Auf der anderen Seite und zugleich lassen sich schon lange Zeit vielfältige Prozesse starker Transformationen und Ausdifferenzierungen beobachten, die die kirchliche Religionskultur beerben und verwandeln. In der Konsequenz übernehmen Medien ohne jeden Zweifel Deutungs- und Ritualisierungsfunktionen, die ehemals vorwiegend in der kirchlichen Religionskultur beheimatet waren und in der Medienwelt nun bis hin zu Heilsversprechen und zur Erlösungshoffnung wiederkehren. Die Medien konstituieren dabei kulturelle Praktiken, die punktuell Kultstatus erlangen können. »Our own medial Jesus« findet sich in der vieldeutigen Figur Neo der Wachowski- Brüder (Matrix), in von Triers apokrypher Umdeutung der Erlöserfigur zum Racheengel (Dogville) und in Clint Eastwoods Sterbehilfedrama Million Dollar Baby, das die Suizidassistenz als Erlösung von Mensch zu Mensch verhandelt.

Das Feld der Relationen von Religion, Medien, Kultur, Politik und Gesellschaft ist im Begriff, sich neu zu strukturieren. Dabei lässt sich eine Medialisierung des Religiösen ebenso beobachten wie die religiöse Aufladung der Medien. Entscheidend ist, diese Aushandlungsprozesse als politische zu begreifen, die sich zwischen verschiedenen Polen bewegen: zwischen dem Religiösen und Nicht-Religiösen, dem Heiligen und Profanen, zwischen Fundamentalismus und Synkretismus, Transformation und Säkularisierung, Glauben und Wissen, Sinn und Nihilismus.

Jörg Herrmann, Jörg Metelmann, Winfried Pauleit
Wir bauen unsere Seite um und sind daher z.Z. nicht ganz aktuell. Bis bald im neuen Look!



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