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Editorial Heft 129/130

Heft 129/130: Mythos BundesrepublikHeft 129/130 36. Jahrgang Herbst 2005 20 €


Mythos Bundesrepublik

Inhaltsverzeichnis

Mythos Bundesrepublik

Je ungewisser die Zukunft, desto gegenwärtiger die Vergangenheit. Längst sind es nicht mehr die nationalsozialistischen Bunker- Geschichten allein, deren Abgründigkeit uns in die Vergangenheit lockt. Unerwartet drängt ein Gebilde in das Bewußtsein, auf dessen Charisma einst nicht viele gewettet hätten. Die alte Bundesrepublik erlebt ihre Renaissance – 15 Jahre, nachdem das westdeutsche Provisorium mit der Wiedervereinigung ihr Ende fand.

Jenes kleine Land, dem Links und Rechts gern unaufhörlich seine Häßlichkeit und Langweiligkeit vorhielten, nimmt mit der Zeit überraschend schön Gestalt an. Die gegenwärtige Krisenbeschwörung ruft eine Westalgie auf den Plan, mit deren Hilfe die wohlfeile Erfolgsgeschichte der Jahre zwischen 1949 und 1989 komponiert wird. Das ›Wirtschaftswunder‹, die »Ankunft im Westen«, die ›Fundamentalliberalisierung‹ und »Umgründung der Republik« im mythischen Jahr 1968 – diese Triumphgeschichten werden heute vor allem von denjenigen mit Bekennerbrust propagiert, die lange Zeit gegen die ›f.d.G.O.‹ fochten.

Obwohl und gerade weil sie sich zeitlebens nur rationale sachliche Ausweise ausstellte, ist die Bundesrepublik heute auf dem besten Wege, zum Mythos zu werden. Hier regierte scheinbar noch der private Normalzustand, hier wurde liberal und gehegt gedacht. Der Staat war eine Milchkuh, unbegrenzt flossen im rheinischen Kapitalismus die Sozialtransfers. Auch wenn dieses Heft seine elegische Neigung zur alten Bundesrepublik nicht verleugnet, nimmt es an dieser einseitigen ideologischen Neuverzauberung nicht teil. Von dem verspäteten Lob saturierter Achtundsechziger für das ›gelobte Land‹ (Kursbuch) ist es weit entfernt. Genauso weit wie von der Agressivität und dem Ressentiment, mit dem anders gewendete Renegaten wie Götz Aly seit über dreißig Jahren den sozialen Konsens des Landes attackieren.
Dieses Heft ist kein Abbruchunternehmen. Vielmehr macht es sich frei von Bekenntniszwängen und sichtet dafür lieber das Feld. Während die alte Bundesrepublik langsam Historie wird, wirbeln die Gestalten und Szenen noch vollkommen ungeordnet und wild durcheinander:

Rosemarie Nitribitts Seidenstrümpfe und Ludwig Erhards Zigarre, Beate Klarsfelds Ohrfeige und Willy Brandts Kniefall, Jürgen Habermas’ idealistische Doktorarbeit und Heinz Budes Wende-Tränen überlagern sich und werfen lange Schatten auf die noch weißen Wände der Berliner Republik. Im Streit der Geschichten treten die Erlebnisse und Deutungen gegeneinander an.

»Zukunft braucht Herkunft«, weiß der bekennende Bundesrepublikaner Odo Marquard. Doch noch kann man sich im Falle der alten Bundesrepublik nicht so sicher sein, welche Herkunft in das Gedächtnis der Berliner Republik eingeht. Noch ist offen, wie der mythische Konsens dereinst aussehen wird.

Nach dem Mythos Berlin (1983) und den Deutschen Mythen (1984) widmet sich dieses Ä&K-Doppelheft nunmehr dem Mythos Bundesrepublik. Hier sind Themen aufgegriffen und analysiert, die zur Mythengeschichte der Bundesrepublik gehören – Geschichten, die das Potential besitzen, in wandelbarer Form weitererzählt zu werden.

Ganz verschiedene Stimmen melden sich zu Wort. Wir begegnen auf unserer Zeitreise großen liberalen Skeptikern wie Hermann Lübbe, die gelassen und unaufgeregt an der Normalität des Landes auch in jenen Jahren festgehalten haben, als die Linke die Legitimitätsfrage stellte. Mit Claus Offe sprachen wir über das sozialwissenschaftliche Erbe der Revolte und wunderten uns, wie wenig idyllisch es in Starnberg in den Siebzigern zugegangen sein muß.

Aber nicht nur die verdienten Veteranen kommen zu Wort, sondern auch die um 1950 geborenen ersten Kinder der Bundesrepublik, die die Stichwortgeber von heute stellen. Nach dem Imperium erklärt uns Herfried Münkler die »Logik des Mythos«. Heinz Bude möchte das Leidenschaftsverbot in der politischen Kultur lockern. Daneben treten die Jungen, die Kinder der siebziger Jahre, die unbefangen Legenden ihres Landes neu befragen – seien es Herbert Marcuse oder Helmut Kohl.

Der Mensch ist seine Geschichte. Kollektive können sich nur über das definieren, was ihr gemeinsamer Haushalt, ihr gemeinsames Reservoir an Geschichten hergibt. Unübersehbar befinden wir uns inmitten eines bundesrepublikanischen Mythisierungsprozesses.
Dieser ist weder verwerflich noch eine Gefahr. Man sollte ihm lediglich auf der Spur bleiben.

Alexander Cammann, Jens Hacke, Stephan Schlak
Wir bauen unsere Seite um und sind daher z.Z. nicht ganz aktuell. Bis bald im neuen Look!



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