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Tilman Fichter

Heft 131: Our own medial JesusHeft 131 36. Jahrgang Winter 2005 11 €


Our own medial Jesus

Inhaltsverzeichnis

Der Freund

„Für Peter war das Wort das Leben – am liebsten geschrieben, aber mit Passion auch gesprochen.“
(Frank A. Meyer, 12. September 2005)

Peter Glotz war ein unsentimentaler linker Realist. Plötzliche Gefühlsausbrüche oder populistischer Schmu waren ihm stets ein Gräuel. Er teilte mit dem späten Willy Brandt ein Charaktermerkmal: freundliche Zurückhaltung im Umgang mit anderen Menschen. In der Ausdrucksweise von Peter Glotz liest sich das so: „Ich hielt lebenslang auf Distanz, aus einer Mischung aus Schüchternheit, Hochmut und der richtigen Erkenntnis, dass man sich nicht allzu nahe kommen darf.“

Im September 1945 aus seiner Heimatstadt Eger vertrieben, war er doch ein stolzer Böhme, vor allem ein selbstbewusster bürgerlicher Intellektueller und ein kluger Parteistratege sowie ein organisationspolitischer Reformator im 142jährigen Gebälk der deutschen Sozialdemokratie. Seine Heimat war nicht Deutschland, sondern die deutsche Sprache. In seiner Autobiografie „Von Heimat zu Heimat“ beschrieb Peter seine Daseinsform kurz vor seinem Tode folgendermaßen: „Ich bin geistig ein Altösterreicher, vom Pass ein Deutscher und politisch ein westeuropäischer Gegner jedes Nationalismus.“

Der böhmische Patriot

Vor etwa fünfzehn Jahren war Peter Glotz – darauf hat erst kürzlich Hermann Rudolph in seinem Nachruf im Tagesspiegel hingewiesen – von seiner böhmischen Herkunft eingeholt worden. Als Vertriebener machte er den großdeutschen Nationalismus des Dritten Reiches für den Verlust seiner Egerländer Heimat verantwortlich. Als sich nach 1989 die beiden deutschen Teilgesellschaften Schritt für Schritt – oftmals qualvoll – neu vereinigten, äußerte sich Peter mir gegenüber mehrfach bitter über die neue Einheit derEx- Bundesrepublikaner und Ex- DDRler. Jetzt werde immer deutlicher, dass vor allem die Heimatvertriebenen aus dem Sudetenland, aus Schlesien oder aus Ostpreußen – und zwar bis zum heutigen Tage – die Hauptlast für die gesamtdeutschen Verbrechen Hitlerdeutschlands zu tragen haben.

Die zerstörten Städte hätten die Ausgebombten inzwischen längst wiederaufgebaut. Doch die Heimat der Vertriebenen und Flüchtlinge sei unwiederbringlich verloren gegangen. Nun solle ganz offensichtlich auch noch die Erinnerung an die Geschichte der Deutschen Ost-, Südost- und Mitteleuropa aus dem Gedächtnis der neuvereinigten Bundesbürger getilgt werden. Nicht zuletzt deshalb unterstützte der sudetendeutsche Sozialdemokrat Peter Glotz aktiv den Plan der CDU- Bundestagsabgeordneten, Erika Steinbach, in der neuen alten Hauptstadt Berlin ein Forschungs- bzw. „Dokumentationszentrum gegen Vertreibungen“ zu errichten.

Für den zähen Widerstand der rot-grünen Kulturbürokratie im Kanzleramt und im Auswärtigen Amt gegen eine Beteiligung der Betroffenen an der Aufarbeitung ihrer Flucht und Vertreibung hatte Peter in den letzten Monaten nur noch bitteren Spott übrig. Für ihn wäre es am Schlimmsten, wenn die unterschiedlichen politisch-kulturellen Lager in der Bevölkerung in Deutschland, Österreich, Polen oder in Tschechien gerade stark genug seien, die Aufklärungskonzepte der jeweils anderen zu blockieren. Den Nutzen davon hätten – so Peter Glotz bereits im August 2003 – letztlich „nur die Vertreiber“ in aller Welt. Diese Haltung hat Peter Glotz übrigens dem „Bund der Vertriebenen“ nahegebracht.

Der Gramscianer

Als SPD-Politiker trat Glotz bereits im eingemauerten West-Berlin der Kalten Kriegsjahre für einen Dialog mit den Vordenkern bzw. Aktivisten der diversen ökologischen Protestbewegungen, den Resten der „neuen Linken“, der Spontiszene und den Kleinstparteien der deutschen Maoisten ein. In einem Streitgespräch, das er mit mir in den „Berliner Heften“ im Jahre 1980 führte, erklärte er damals u.a.: „Die Sozialdemokratie muss diesen Dialog herstellen, weil sie sich sonst in einen Turm von 38 bis 40 Prozent einmauert.“ Für ihn war dies allerdings nicht nur ein machtpolitisches Argument.

Letztlich mündete dieser – damals von zahlreichen SPDlern der Kalten-Kriegs-Sozialdemokratie giftig angefeindete – Dialog Ende der 90er Jahre in das rot-grüne Projekt von Gerhard Schröder und Joschka Fischer ein. Zwischenstationen auf dem langen Weg dorthin waren u.a.: Die Teilnahme des SPD-Wissenschaftssenators Peter Glotz (und zwar ohne sichtbaren Polizeischutz) an einer Podiumsdiskussion im Januar 1979 auf dem Berliner Tunix Kongress der Spontis im Audi Max der Technischen Universität. Dann vor allem sein Gespräch mit den zwölf professoralen Verteilern und später auch mit den studentischen Autoren des „Mescalero-Aufrufs“ über eine angeblich weit verbreitete „klammheimliche Freude“ in großen Teilen der Studentenschaft über den Mord der RAF an Generalbundesanwalt Siegfried Buback.

Glotz warf damals den zwölf Professoren vor, sie hätten in ihrer Broschüre zur Verbreitung des „Mescaalero-Aufrufs“ auf jedwede Textanalyse des studentischen „Rülpsers“ (so die Verfasser wenig später selbst) verzichtet. Ein Disziplinarverfahren gegen die Professoren mit dem Ziel ihrer Entfernung aus dem Öffentlichen Dienst, wie dies zum Beispiel der FDP-Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher im Kabinett von Helmut Schmidt gefordert hatte, lehnte Glotz strikt ab. Er wollte die linken Professoren sowie die „Stadtindianer“ auf ihrem „Kriegspfad“ gegen das „Bonner System“ für eine Mitarbeit in der parlamentarischen Demokratie gewinnen und nicht in den RAF- Untergrund vertreiben.

Auch wenn Glotz zum Streitgespräch mit Spontis oder deutschen Maoisten bereit gewesen ist, so sah er doch zu seinem Konzept eines „unnaiven Reformismus“ letztlich keine realistische Alternative. Eine aufgeklärte moderne Sozialdemokratie dürfe, wenn sie der Bevölkerung in den westlichen Industriegesellschaften ein „Minimum an Freiheit“ erhalten wolle, keinesfalls aus der modernen Produktion bzw. aus der „Großtechnik aussteigen wie aus einem Pferdewagen.“ Andernfalls riskiere die SPD „tiefe soziale Einbrüche.“ Da die ersten Vorgespräche zwischen Peter und den Köpfen der Spontiszene bzw. der Maoisten mehrmals in meiner Wohnung am Klausenerplatz stattgefunden haben, kann ich mich noch genau an die ersten Annäherungsversuche erinnern. Während Peter überrascht war, wie höflich die studentischen Revolutionäre im persönlichen Umgang waren, reagierten seine Gesprächspartner oftmals verwundert auf das komplizierte reformistische Theoriegebäude, das Glotz im Gespräch entwickelte. Für mich wurde an einem dieser Abende deutlich, dass sich Peter Glotz und die Studenten, jenseits des jeweiligen Frontverlaufes, durchaus mochten. Eine Kategorie, die damals weder auf Seiten der Berliner SPD, noch der Spontis existierte. Sympathie gab es damals jeweils nur im eigenen Lager.

Für Peter Glotz gab es 1979 jedoch nur zwei „realistische Alternativen“ zum modernen Reformismus einer grunderneuerten SPD: den realen poststalinistischen Sozialismus à la DDR bzw. den autoritären Wohlfahrtsstaat postfaschistischer Provenienz. Beide Wege waren übrigens in den Gesprächen 1979/80 nicht nur für ihn inakzeptabel. Alternative Gesellschaftsentwürfe von links bezeichnete er in unseren Gesprächen als „sympatische, humane Phantasien“. So zum Beispiel die rätedemokratischen Vorstellungen aus dem Umfeld des früheren Berliner SDS wie auch die diversen Ausstiegskonzeptionen der Anhänger Herbert Marcuses bzw. der sich gerade herausbildenden Ökologiebewegung: „Ich weiß, dass dies für viele geradezu eine Provokation ist, weil es ihre Hoffnung zerstört. Aber wir dürfen uns nicht belügen.“

Bereits damals wurde deutlich, dass Peter, bei allem Interesse an neuen Tendenzen in der Gesellschaft, auch zum Lager der Status-quo-Intellektuellen gehörte: So negierte er zum Beispiel 1988/89 zunächst monatelang den offensichtlichen Autoritätszerfall der SED-Staatspartei bzw. der DDR-Regierung. Er hatte gerade mit seinen Freunden Egon Bahr, Horst Ehmke u.a. ein in sich abgerundetes „Konzept einer Sicherheitspartnerschaft“ erdacht und wollte deshalb durch die Bürgerbewegung seine Kreise nicht stören lassen. Kurzum: Peter war einerseits ein an neuen Entwicklungen interessierter Intellektueller und zugleich auch ein Vertreter der Koexistenz- Denkschule der Bonner Republik.

Laut Christian Semler war Glotz geradezu ein „intellektueller Vielfraß“ gewesen, immer auf dem Stand neuester Theoriebildungen“. Aktive Politiker sollten sogar – so Peter Glotz im Jahr 1986 unter Berufung auf Bert Brecht – ein laxes Verhältnis „zum geistigen Eigentum“ der Klassiker entwickeln. In einem Essay in der Berliner Vierteljahreszeitschrift „Ästhetik und Kommunikation“ schrieb er geradezu ermunternd: „Er muß schauen, wo er von ihnen lernen kann, er muß benutzen, was er benutzbar findet, er muß Begriffe und Gedanken auf seine Wirklichkeit beziehen und, wo nötig, umbauen, aber er muß die Haltung demutsvoller Annäherung, die Gläubigen und skrupulösen Historikern eigen ist, dringend vermeiden.“ Über das Theoriewerk eines sogenannten Klassikers, könne er nichts Schöneres sagen als dies: Noch fünfzig oder hundert Jahre nach seinem (oder ihrem) Tod war es „als Steinbruch“ für die Gesellschaftspolitik in einem anderen Zeitalter benutzbar.

Antonio Gramsci hatte in den 20er Jahren in den Auseinandersetzungen mit den Problemen des agrarischen Süden Italiens, also am Problem eines angestrebten Bündnisses von (sozialistischem) Industrieproletariat im Norden und den (katholischen) Bauern im Süden, zwei theoretische Schlüsselbegriffe entwickelt, nämlich die „Kulturelle Hegemonie“ und den „Historischen Block“. Beide Begriffe haben dann im Laufe der 80er Jahre Peter Glotz und Willy Brandt in die politische Sprache der westdeutschen Sozialdemokratie eingemeindet.

Eine „hegemoniale Klasse“ – so der marxistische Theoretiker Gramsci – „herrsche“ nicht nur, sondern „führe“ die mit ihr verbundenen Schichten auch politisch-kulturell. Eben diese hegemoniale Führungsfähigkeit war für Peter Glotz ein langfristiges Ziel. Denn er sah bereits damals für die SPD in Westdeutschland keine eigene Mehrheit mehr. Au einem Symposium zum Gedenken an Willy Eichler am 21. Oktober 1981 erinnerte Willy Brandt deshalb auch die Partei daran, dass die SPD mit dem Godesberger Programm bereits im Jahre 1959 bewusst eine gesellschaftliche Öffnung der tradierten Facharbeiterpartei SPD angestrebt habe: „Wir müssen uns darüber klar sein, dass eine sozialdemokratische Volkspartei – ich könnte auch sagen: eine Integrationspartei – also eine Partei, die fünfzig Prozent oder mehr der Wähler auf sich vereinigen will, soziale Bündnisse geradezu zimmern muß.“

Wenn aber ein neuer „historischer Block“ – streng nach Antonio Gramsci – nicht nur eine machtpolitische Addition bewährter Bündnispartner sein sollte, dann müsse sich eine moderne Sozialdemokratie – und zwar jenseits von KPD, SED oder DKP – endlich auch kulturell sowie organisatorisch für Intellektuelle, Künstler, Naturwissenschaftler oder auch Ingenieure öffnen.

Der Parteisekretär

Am 1. März 1981 übernahm Peter Glotz – auf Empfehlung von Willy Brandt – das Amt des Bundesgeschäftsführers der SPD. Aber erst nach der verlorenen Bundestagswahl 1983 akzeptierten Teile der tradierten SPD die organisationspolitischen Erneuerungsprojekte des neuen Bundesgeschäftsführers. Die Partei müsse – so Glotz unter dem unmittelbaren Eindruck der schweren Niederlage – ihre „Kampagnenfähigkeit“ zurückgewinnen. Denn am 6. März 1983 hatten nur noch 38,2 Prozent der Wähler der Helmut-Schmidt-SPD ihre Stimme gegeben, während Helmut Kohls Union von 44,5 auf 48,8 Prozent der Stimmen zugelegt hatte. Wenn die SPD wieder eine eigene Mehrheit gewinnen wolle, käme sie nicht um innerparteiliche Reformen herum.

Eine der Konsequenzen – so Doris Ahnen in ihrer Studie über die damalige Organisationswirklichkeit der SPD – war zunächst die Bildung einer parteiinternen Forschungsgruppe der „Abteilung Wahlen“ unter der Leitung von Volker Riegger beim Parteivorstand der SPD in Bonn. Unter der strategischen Fragestellung „Welches sind die Bedingungen in der Wählerschaft für eine mehrheitsfähige SPD?“ erarbeitete diese Gruppe zusammen mit dem Institut „Infratest“, München, und mit „Sinus“, Heidelberg, sowie Horst Becker eine umfangreiche Studie über die wichtigsten sozial-kulturellen Milieus in der westdeutschen Teilgesellschaft zu Beginn der Kohl-Ära.

Aufgrund eines ursprünglich für die Marktforschung entwickelten Lebenswelt-Forschungsansatzes wurde die Bevölkerung der Bundesrepublik in acht relevante sozial-kulturelle Milieus eingeteilt: konservativ gehobenes Milieu (10%); kleinbürgerliches Milieu (29%); traditionelles Arbeitermilieu (9%); traditionsloses Arbeitermilieu (8%); aufstiegsorientiertes Milieu (21%); technokratisch-liberales Milieu (11%); hedonistisches Milieu (8%) und alternativ-linkes Milieu (4%). Die Studie sollte eine bewusste organisationspolitische Konzentration der erneuerten SPD auf die wirklichen Probleme ermöglichen. Im allgemeinen Teil kam die Studie zu dem Ergebnis, dass sich die alten Parteibildungen gelockert hätten und dass der „Wählermarkt“ offener geworden sei.

Neue Arbeitsformen wurden in der SPD damals unter dem Begriff „Politische Kultur“ diskutiert: Peter Glotz und Willy Brandt suchten auf diversen offenen bzw. internen Foren Unterstützung in den Reihen der kulturellen und wissenschaftlichen Intelligenz jenseits der tradierten Sozialdemokratie. Darüber hinaus plante Peter Glotz zur Modernisierung des hauptamtlichen Funktionärsapparates die Einführung eines EDV-Netzes.

Er initiierte dann Mitte der 80er Jahre sein Konzept der „Kleinen Netze“: In regelmäßig stattfindenden Gesprächskreisen sollten bekannte SPD-Politiker und ausgewählte jugendliche Opinion-Leader über wichtige Themen miteinander reden. Ich erinnere mich, dass ich zum Beispiel selbst mehrfach vor Aktivisten der katholischen Jugend in bayerischen Klöstern im Rahmen dieser Kleinen-Netze-Veranstaltungen referiert habe. Insgesamt blieb jedoch, laut Doris Ahnen, die Bereitschaft zur Mitarbeit bei vielen Funktionären bzw. Untergliederungen der SPD relativ gering.

Ein weiteres Projekt, der „Lebendige Ortsverein“, wurde dagegen in der Partei ein voller Erfolg. Die Basisorganisationen der SPD sollten künftig auf den Bundesparteitagen ihre Arbeit vor Ort darstellen. Auf dem Münchener Parteitag 1982 nahmen bereits 70 Ortsvereine, Abteilungen und Unterbezirke an einer vielbeachteten lebendigen Leistungsschau teil. Ein Preis für basisnahe Parteiarbeit wurde nach dem ehemaligen Schatzmeister Wilhelm Dröscher benannt und mit 10000 DM dotiert. Durch diese Kampagne wurde die Parteiorganisation auf eine phantasievolle Auseinandersetzung mit der neuen Ökopartei „Die Grünen“ vorbereitet.

Der Versuch von Peter Glotz, den „Vorwärts“ in ein politisches Monatsmagazin aufzuwerten, scheiterte damals dagegen am offenen Widerstand eines Teils des ehren- bzw. hauptamtlichen Funktionärskörpers. Der Modernisierungsversuch des wichtigsten Parteimediums fiel seinerzeit – überspitzt formuliert – dem Geiz eines Teils der mittleren Parteikader zum Opfer. Sie befürchteten, dass eine Neugestaltung des „Vorwärts“ zu teuer käme und eventuell auch einen Zuwachs an Einfluß der Reformatoren im Parteizentrum bedeuten könne.

Seitdem entstanden – mit Unterstützung des Parteivorstandes – zahlreiche Stadtteil-, Betriebs- und Ortsvereinszeitungen. Viele Zeitungen vor Ort und ein gut gemachtes Zweiwochenmagazin bräuchte die heutige SPD nach wie vor. Der TV- Staatsakt so mancher Journalisten vor und nach dem Schröder/Merkel-Duell hat dies meines Erachtens erneut deutlich gemacht. Der Parteivorstand sollte sich die Pläne von Glotz aus dem Jahr 1985 für eine publizistische Aufwertung des „Vorwärts“ noch einmal genauer anschauen.

Seit der studentischen Revolte 1967/68 hatte die Sozialdemokratie – so Peter Glotz im März 1983 – an Einfluss auf das „geistige Deutschland“ verloren. Als Vorstufe zur politischen Macht müsse sie daher ihre „kulturelle Hegemonie“ wieder zurück gewinnen. Nicht zuletzt deshalb beschloss das Präsidium der SPD am 18. April 1983 die Gründung eines „Kulturforums der Sozialdemokratie“ als selbständig eingetragener Verein. Diese Selbständigkeit sollte sicherstellen, dass für die geplanten diversen Foren des Kulturforums auch Persönlichkeiten eingeladen werden konnten, die der SPD noch nicht oder nicht mehr angehörten.

Die organisatorische Autonomie war Mitte der 80er Jahre eine der Voraussetzungen für die Erfolge des Kulturforums in der Ära von Linda Reisch. So veranstaltete z.B. das Forum im Winter 1985 im Kloster Irsee ein Zeitschriftentreffen, an dem sich damals rund 25 linke, aber SPD-ferne Zeitschriften und Zeitungen beteiligten. Im selben Monat fand außerdem ein Hearing im Foyer des Bonner „Erich-Ollenhauer-Hauses“ statt, auf dem rund 70 Künstler, Kulturjournalisten und Parteifunktionäre den Schwerpunkt „Kultur“ im damals geplanten neuen SPD-Grundsatzprogramm diskutierten. Das Projekt der Moderne in der Willy-Brandt-SPD nahm Konturen an.

Nach dem Wechsel 1987 von Peter Glotz zu Anke Fuchs als Bundesgeschäftsführerin verlor das Kulturforum schon bald seine Autonomie und wurde als „Referat“ in die Organisation des Parteivorstandes eingemeindet. Seit damals entstanden übrigens zahlreiche regionale Kulturforen als Bestandteil bzw. im Umfeld der Landesparteien bzw. größeren Stadtorganisationen. Die aktive Mitarbeit von Künstlern ist meines Erachtens stark zurückgegangen, statt dessen beobachte ich eine verstärkte Mitarbeit von haupt- und nebenamtlichen sozialdemokratischen Kulturfunktionären. Man könnte sogar – polemisch zugespitzt sagen -, das „Kulturforum der Sozialdemokratie“ sei längst in der Mitte der tradierten SPD angekommen. Die ursprünglich von Peter Glotz angestrebte Vorherrschaft der Künstler und Ästheten im Forum ist erfolgreich aufgebrochen worden. Ein Rückgriff auf die ursprünglichen Ideen von Peter Glotz, Willy Brandt oder Linda Reisch könnte für die Partei nützlich sein.

In seiner Abschiedsrede für Peter Glotz am 12. September hat Franz Müntefering auf dem kleinen Friedhof im schweizer Dörfchen Wald, zu Recht darauf hingewiesen, dass sich Peter um die Parteiorganisation verdient gemacht hat. Trotzdem grassiere in Teilen der SPD noch immer das Vorurteil, dass Intellektuelle wie Peter Glotz in administrativer Hinsicht für ein Führungsamt in der Partei ungeeignet seien. Sinngemäß antwortete Franz Müntefering auf diesen Vorwurf: Vorurteile sind eben Vorurteile. Im O-ton: „Als er – von Willy Brandt berufen – 1981 Bundesgeschäftsführer wurde, haben sich einige in der SPD gewundert. Ein Intellektueller in der Baracke – wenn das mal gut geht! Nun, es ging damals 1981 nicht nur gut, es wurde richtig spannend mit Peter auf diesem Platz. Das Leben ist bunter als die langweiligen Vorurteile.“

Post skriptum

Nach dem Sturz von Willy Brandt im März 1987 trat auch Peter Glotz vom Amt des Bundesgeschäftsführers zurück. Damals sagte er: „Ich bin ein Mann Brandts und werde es bleiben.“ Willy Brandt kam seinerzeit – so meine persönliche Einschätzung – nicht durch die Berufung der parteilosen Margarita Mathiopoulos als Pressesprecherin zu Fall, sondern wegen seiner liberalsozialistischen Grundhaltung in den letzten Jahren seiner Zeit als Parteiführer.

Als mich Bundesgeschäftsführer Günter Verheugen Mitte der 90er Jahre als Referent für Schulung und Bildung entsorgen wollte, intervenierte Peter – obwohl er meine laut vorgetragene Kritik an der zwiespältigen Haltung eines Teils der „Enkelei“ in der Nationalen Frage für völlig falsch hielt – zu meinen Gunsten. Er war wirklich ein Freigeist. Er wird uns fehlen.

Eine Clique von analyseblinden Jungen bzw. frustrierten Alten im Parteivorstand hat auf ihrem Weg nach oben am 31. Oktober 2005 Franz Müntefering niedergetrampelt. Jetzt bräuchte die SPD einen theoretischen Kopf mit Organisationserfahrung wie Peter Glotz einer war. Doch Glotz war ein Brandt-Mann, und diese Ära ist in der SPD längst passé.

Tilman Fichter
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