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Editorial Heft 132

Heft 132: VerwahrlosungHeft 132 37. Jahrgang Frühjahr 2006 11 €


Verwahrlosung

Inhaltsverzeichnis

Verwahrlosung

Von neuen Unterklassen und der alten sozialen Frage ist wieder die Rede, kurze Zeit reüssierten Ex- und Inklusion. Aber spätestens seit Harald Schmidts Entdeckung des »Unterschichtenfernsehens« ist der Zeitgeist beim Begriff der »Verwahrlosung« gelandet. Was verbirgt sich dahinter? Eine Hegemonie konservativer Sittenwächter? Das Comeback der Kulturkritik von rechts, die Rückkehr der Aktion Saubere Leinwand? Also nichts als die moralhüterische Banalisierung des kapitalistischen Verwertungsprozesses und die Verlotterung eines kritischen Begriffsapparats? Oder sind Phänomene permanenter Entwertung von Wissen im Zuge virtueller Vermüllung im www-Zeitalter wie auch der Entsorgung menschlichen Lebens in Tiefkühltruhen tatsächlich nur noch als Phänomene gesellschaftlicher Verwahrlosung zu fassen – von der gegenwärtigen Lage des Parlamentarismus ganz zu schweigen?

Unser Heft geht davon aus, dass Verwahrlosung kein reines Unterschichten Phänomen ist, doch wo manifestiert es sich? Hat es etwas mit dem vielbesungenen »Untergang des Bürgerlichen« zu tun oder sind wir, von pseudobürgerlichen Vorstellungen getrieben, selbst Teil des Problems? Keiner erwartet noch etwas von »der Politik«, von »der Gesellschaft« und trotzdem machen Reaktionen wie Enttäuschung und Empörung schnell die Runde. Wer oder was verwahrlost also? Demokratie enttäuscht dann, wenn der kleinste gemeinsame Nenner zur Politik wird, wenn die Gemeinschaft nicht mehr miteinander ihre Zukunft gestaltet, wenn soziale Teilhabe nicht zu mehr Zusammenhalt führt oder wenigstens vor Verwahrlosung bewahrt. Der Bindungszerfall, den die Soziologen als Motor der Verwahrlosung ausmachen, lässt die Frage nach dem Zustand der Gesellschaft offen: Fehlt nur die verbindende Idee oder fehlt ein verbindliches Handeln?

Ist die Gesellschaft zum Anhängsel des Marktes geworden? Längst geben Wirtschaft und Recht bestimmende Strukturen und Werte vor, die anonyme Handlungsanweisungen hervorbringen. Verwirtschaftlichung und einklagbare Rechte befördern eben keinen Gemeinsinn, sondern zerstören oft gewachsene Strukturen und marginalisieren engagierte und verantwortungsvolle Individuen. Wäre der einzelne »Bürger«, die kleinere oder größere Solidargemeinschaft nicht eher Garant für eine funktionierende Zukunft? Die neu-alte Familiendebatte in ihrer Verschränkung von Pisa–, also bildungspolitischen mit frauen- und familienpolitischen und demografischen Argumenten zeigt nur, dass die Keimzelle des Staates so nicht mehr keimen will …, eigentlich geht es »nur« um die Renten- oder soll jetzt das Ei neu erfunden werden?

Die ungenaue Argumentation und die bindungslose Unverbindlichkeit sind Auflösungserscheinungen, die zu dem diskutierten Phänomen gehören; dazu passend ist, nicht zuletzt durch die schnelle globale Virtualität, ein unverbindlicher, unpersönlicher Kommunikationsstil entstanden, ungenaue Recherche mit wenig tiefschürfender Kritik oder weiterführender Erkenntnis- die Sprache also einer irritierten Öffentlichkeit?

Ä & K
Wir bauen unsere Seite um und sind daher z.Z. nicht ganz aktuell. Bis bald im neuen Look!



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