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Andreas Galling-Stiehler

Heft 132: VerwahrlosungHeft 132 37. Jahrgang Frühjahr 2006 11 €


Verwahrlosung

Inhaltsverzeichnis

Unlesbar
Über Verwahrlosungen in einer irritierten Öffentlichkeit

Corporate Identity kann nur wirksam werden, wenn sie langfristig angelegt ist, denn die integrative Kraft aller Identitäts-Mix-Komponenten wird sich erst im Langzeitprozeß ergeben.
(Birkigt, K., Stadler)

Catrin: Liebe und Müll! Das sind die Themen dieser Nacht! Gefühle, Müll, Liebe und deregulierte Märkte. Die slums zeigen ein paar erbärmliche Gefühle, Gefühle, die irgendwer noch übrig hat. Gefühle, die irgendwo noch übrig geblieben sind und für die zu leben man gleich sein ganzes Gottverdammtes Leben ändern müsste. Gefühle, die Dein Leben dereguliern. Aber das will hier niemand.
(René Pollesch, Deregulierte Märkte brauchen deregulierte Emotionen – World Wide Web-Slums 4)


1. Mr. President’s Gangster Rap

Am 21.7.2005 verkündete Bundespräsident Horst Köhler in einer düsteren Fernsehansprache die Auflösung des 15. Deutschen Bundestages. Verstärkt durch seinen stierenden Blick auf den Teleprompter und eine in allen Gesten schwer belegte Emphase wurde man den Eindruck nicht los, dass sich hier mehr auflösen würde als ein Parlament. Das Schicksal der Deutschen stand auf dem Spiel – drunter machte es Köhler nicht:

»Unser Land steht vor gewaltigen Aufgaben. Unsere Zukunft und die unserer Kinder stehen auf dem Spiel. Millionen von Menschen sind arbeitslos, viele seit Jahren. Die Haushalte des Bundes und der Länder sind in einer nie da gewesenen, kritischen Lage. Die bestehende föderale Ordnung ist überholt. Wir haben zu wenig Kinder, und wir werden immer älter. Und wir müssen uns im weltweiten, scharfen Wettbewerb behaupten.«
(www.bundespraesident.de)

Schon nach der ersten Strophe dieses Gangster Rap entstand das Bild eines Landes hart an der Grenze zu allseitiger Verwahrlosung und Bürgerkrieg. Man sah marodierende, kinderlose Arbeitslosengeld II-Empfänger vor sich, die sich in schlechten Nachbarschaften am Feuer eines brennenden Mercedes SL wärmen und böse Lieder singen. Im Zentrum der Rede stand die »Schicksalsfrage Arbeit«. Es dauerte nur drei Monate, bis die damals designierte Bundeskanzlerin Angela Merkel in den Verhandlungen zur Großen Koalition mit der »Schicksalsfrage Haushalt« nachlegte. Seither scheint eine unübersichtlich geführte Debatte um »Belastungs- und Generationengerechtigkeiten« die Deutschen immer fester in das Bermuda-Dreieck der diffusen german angst zu bannen: St. Floriansprinzip, Sozialneid und Besitzstandswahrung. Von Experten durfte man lernen, was die Barro-Ricardo-Äquivalenzproposition bedeutet: Staatsschulden sind die Steuererhöhungen von morgen. Dem wurde dann John Maynard Keynes entgegengesetzt, für den eine temporäre Staatsverschuldung zur Ankurbelung des Wirtschaftswachstums gerechtfertigt ist, da selbige dann ja Steuersenkungen ermöglicht. So durfte sich mancher fragen, ob seine Riester-Rente nicht eigentlich Konsumverweigerung ist. Die würde dann Wirtschaftswachstum und Steueraufkommen gefährden und damit seine materiell abgesicherte Zukunft, für die er die zusätzliche private und öffentlich geförderte Rentenversicherung ja abgeschlossen hat. Am Besitz machte und macht sich die Frage fest, was wir eigentlich bewahren wollen.

Nach der Parlamentsauflösung und einem unerwarteten Wahlergebnis wurde die Irritation des Bewährten noch massiv verstärkt durch verstörende Nachrichten über angeblich geduldete CIA-Flüge mit potentiellen Folteropfern, deutsche Geheimdienstbeamte im nach internationalem Recht illegalen Gefangenenlager Guantanamo und die Entführung des Deutschen ›Khaled El Masri‹ – innen wie außen schienen bewährte Prinzipien eines demokratischen Rechtsstaats mit einer sozialen Marktwirtschaft in Frage gestellt.

Die mediale Sensation der Herbstkrawalle in Frankreich hat dann zwar in vielen Feuilletons zu der Überzeugung geführt, dass in Deutschland Ausgrenzung nicht so rabiat stattfindet. Doch auch wenn der Blick hauptsächlich auf die Schicksalsfragen der eigenen Arbeit und des eigenen Haushalts gebannt scheint, bahnt sich mittlerweile doch die Sehnsucht nach entlastenden Exklusionen deutlich an. Manche Blicke gingen nach London, wo Premier Tony Blair im Januar seinen »Aktionsplan« Give respect. Get respect vorstellte – einen Plan, der massive Strafen gegen »asoziales Verhalten« vorsieht und vor allem Jugendlichen mit Benimmkursen und Knute Anstand beibringen will. (Vgl. Berliner Zeitung 11.1.2006) Auch die Niederländer setzen in der »Wertevermittlung« neue Akzente. Hier sind es vor allem die ausländischen Jugendlichen, die zur niederländischen Kultur geführt werden sollen. So machte Integrationsministerin Rita Verdonk den Vorschlag für einen Verhaltenskodex, nach dem auf öffentlichen Straßen und Plätzen nur noch niederländisch gesprochen werden dürfe. Zudem prüft die Regierung »wohlwollend« Konzepte für »Erziehungs-Camps« in alten Kasernen, in denen arbeitsunwillige Jugendliche durch militärischen Drill zu kollektiven Werten zurückfinden sollen. (Vgl. Süddeutsche Zeitung, 24.1.2006).

Die unsäglichen Diskussionen über Fragebogen für Einwanderer in Baden-Württemberg, den Umgang mit unmotivierten jugendlichen Arbeitslosengeldempfängern und nicht zuletzt die Debatte um Deutschpflicht auf Schulhöfen haben gezeigt, dass auch in Deutschland das Bedürfnis nach orientierenden »Banlieus« – »Vor-Orten« – wächst. Der besondere Reiz der herbstlichen TV-Abendschleifen zu den Krawallen in diesen vom Feuer brennender Autowracks so dramatisch erleuchteten Orten lag an der klaren Ordnung der medialen Formatierung: dort die Outlaws, hier die Wertegemeinschaft. Gezeigt wurde eine Art von Verwahrlosungsgehegen im großen Zoo Frankreich. Die Halbwertzeit dieser Formate und schließlich der Krawalle selbst hat dann gezeigt, dass das Problem offenbar nicht in eigenständigen Parallelgesellschaften liegt, sondern in den vielen Parallelen zur Gesellschaft, die die »Ausgegrenzten« ziehen.

Konzepte für Benimm- und Werteunterricht, die fundamentale »soft skills« wie »Verantwortungsbewusstsein und Pünktlichkeit« vermitteln, sind nun sicher eine hübsche studienrätliche Inszenierung der Sehnsucht nach Orientierung. »Unsere jungen Leute müssen wieder Respekt vor sich und anderen lernen« – so etwas klingt ja auch und entlastet erstmal. Aber darunter liegt ein Problem, das in keine deutsche Kaserne wird passen können: Was machen wir denn, wenn wir alle dieselbe Etikette teilen, wenn wir pünktlich, verantwortungsbewusst und gut gekleidet zum Meeting unseres Projektteams »Corporate Social Responsibility« erscheinen? Verstehen wir uns, wenn wir alle im selben Ritual-Gehege sitzen? Können wir uns dann vertrauen? Und vor allem: Was können wir vertrauen – der Pünktlichkeit, wahren Werten, den Gehegen?


2. Irritiertes Systemvertrauen

SZ-Journalist Heribert Prantl hat 2005 in seinem Buch »Kein schöner Land. Die Zerstörung der sozialen Gerechtigkeit«, wie schon der Titel verrät, eine herbe Zeitdiagnose gezogen:

Wenn also der Gesetzgeber sich zum Akkumulationsgehilfen macht, wenn er nicht versucht, Ungleichheit auszugleichen, wenn er sich vor der Pflicht drückt, dem Satz »Eigentum verpflichtet« zu einer guten Geltung zu verhelfen, wenn er also seine Gemeinwohlverantwortung leugnet – dann ist Deutschland nicht der Staat, den Grundgesetz und Landesverfassungen konstituieren wollen.
(Prantl 2005: 64)

Wenn man einmal von der geradezu Köhlerschen Wucht dieser Worte absieht, erhält die Frage nach dem Vertrauen in ein politisches System vor diesem Hintergrund zentrale Bedeutung.

An dieser Stelle können – das sei hier behauptet – Niklas Luhmanns Beobachtungen zum Thema Vertrauen wichtige Zugänge zu dem Problem liefern, ein Gemeinwohl zu benennen, das es zu bewahren gilt. Luhmann beschreibt Vertrauen als eine Art anthropologische Konstante:

Vertrauen im weitesten Sinne eines Zutrauens zu eigenen Erwartungen ist ein elementarer Tatbestand sozialen Lebens. Der Mensch hat zwar in vielen Situationen die Wahl, ob er in bestimmten Hinsichten Vertrauen schenken will oder nicht. Ohne jegliches Vertrauen aber könnte er morgens sein Bett nicht verlassen. Unbestimmte Angst, lähmendes Entsetzen befielen ihn. (…) Solch eine unvermittelte Konfrontierung mit der äußersten Komplexität der Welt hält kein Mensch aus.
(Luhmann 2000: 1)

Der Mensch kann also gar nicht anders, als anderen Menschen und ihren Systemen zu vertrauen. Das persönliche Vertrauen wird »unter Zivilisationsbedingungen zu einer Art von Systemvertrauen, zum Vertrauen in die Fähigkeit von Systemen, Zustände oder Leistungen innerhalb bestimmter Grenzen identisch zu halten«. Luhmann nennt als hervorstechendes Merkmal von Systemvertrauen ein »reflektiertes Sicheinlassen auf Fiktionen, die funktionieren«. (Luhmann 2000: 90)

Das Reformwerk der alten Bundesregierung, die »Agenda 2010«, hat ganz offenkundig nicht die Kraft solcher »Fiktionen, die funktionieren«, gehabt. So sind z. B. die Möglichkeiten, die durch die Novelle des Sozialgesetzbuches (SGB) gerade Arbeitslosen eröffnet wurden, primär als Bedrohung, als Gefahr wahrgenommen worden. Die unglückliche Personifikation durch den mittlerweile etablierten Begriff »Hartz-Reform« – eine Fiktion, die nicht zuletzt durch den Rücktritt von Peter Hartz als VW-Personalvorstand nach einem satten Skandal einmal mehr erschüttert wurde – hat ihr Übriges dazu beigetragen. »Hartz IV« ist zum Synonym für Deklassierung geworden. Die Idee, aus Arbeitslosen »Arbeitsuchende« zu machen, die auf ihrer Suche staatlich unterstützt werden sollen, ist schlicht untergegangen. Die Reform von Arbeitsverwaltung und Sozialwesen wurde kurz vor den Neuwahlen als »unlesbare« Fiktion wahrgenommen. Das hatte erhebliche Konsequenzen für die Wahrnehmung des Rechts- und Sozialstaates als solchem. Bei Prantl klingt diese Wahrnehmung so:
Der Rechtsstaat hat einigermaßen Halt. Der Sozialstaat hat ihn nicht mehr. Es ist ein Gebot der sozialen Gerechtigkeit, ihm diesen Halt wiederzugeben. (…) Ohne den Sozialstaat hätte es nicht nur einmal gekracht in dieser Republik; der Sozialstaat hat soziale Gegensätze entschärft. Ansonsten könnte man heute nicht auf immer noch ziemlich hohem Niveau darüber klagen, dass es diesem Land schon einmal besser ging.
(Prantl 2005: 140)

Wie kommt es nun, dass viele dieses »hohe Niveau« und seine Chancen – den sonst gern zitierten Konsumklimaindizes und Konjunkturprognosen zum Trotz – nicht mehr wahrnehmen, sondern sich zutiefst verunsichert fühlen? Der Soziologe Richard Sennett hat bereits 1998 in seinem Buch »Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus« den Begriff der Drift geprägt, der im Sinne des Vorigen, das mangelnde Systemvertrauen auf das persönliche Vertrauen zurück bezieht. Für Sennett liegt in dem »flexiblen Regime« der alles durchdringenden Wirtschaftsordnung die Krux darin, dass der Mensch sich in seinen »Jobs« ständig neu erfinden muss, und dadurch seine eigene Geschichte »unlesbar« wird.


3. Unlesbare Erfahrungen

Wie kann ein Mensch in einer Gesellschaft, die aus Episoden und Fragmenten besteht, seine Identität und Lebensgeschichte zu einer Erzählung bündeln? Die Bedingungen der neuen Wirtschaftsordnung befördern vielmehr eine Erfahrung, die von Ort zu Ort und von Tätigkeit zu Tätigkeit driftet.
(Sennett 1998: 31)

Das ist eines der Fazits, die Sennett 1998 nach einer soziologischen Untersuchung von Arbeitserfahrungen in den USA zog. Dazu hatte er Arbeiter, Angestellte und Selbständige aus unterschiedlichsten Branchen befragt. Vor allem aus ihren Antworten rekonstruierte er eine »flexible Ordnung« des »Neuen Kapitalismus«. Sie zwingt Menschen laut Sennett zu einer Flexibilität, die ihrem Bedürfnis nach Langfristigkeit, Verlässlichkeit und Entwicklung zuwiderläuft. Im neuen Kapitalismus muss man bereit sein, stets neue Jobs an neuen Orten anzunehmen, sich auf neue »Teams« einzulassen. Die Institutionen dieses Kapitalismus sind in einem stetigen »diskontinuierlichen Umbau« begriffen (Vgl. Sennett 1998: 59). Wer zuvor z. B. als Bäcker sein Auskommen fand, gehört nun zu einem Team, deren spezialisierte Kompetenz in der Programmierung einer Backmaschine besteht. Wer sich nicht flexibel zu spezialisieren versteht, fliegt aus dem Team raus. Teamwork wird zur »Gruppenerfahrung der erniedrigenden Oberflächlichkeit« (Sennett 1998: 133). Die Macht, die den Einzelnen um seinen Respekt und seine lesbare Geschichte bringt, ist für Sennett gekennzeichnet durch eine »Konzentration ohne Zentralisierung« (Vgl. Sennett 1998: 69).

Betrachtet man allein die vielen Nachrichten über Massenentlassungen, die durch betriebsinterne »Personalserviceeinrichtungen« aufgefangen werden sollen, zeigt sich, dass Sennetts Untersuchung auch heute noch einige Evidenz besitzt. So wiederholte er 2005 seine Diagnose, dass »Menschen an der Peripherie in ihren Arbeitsprozessen allein gelassen werden«. Man ist nicht wie ehedem im »stahlharten Gehäuse« des »militärischen, aber sozialen Kapitalismus« im Sinne Max Webers Teil einer hierarchisch aufgebauten Organisation (Vgl. Sennett 2005: 47). An der auch in Deutschland heftig diskutierten Rolle der Unternehmensberater macht Sennett dann eine »fundamentale Verschiebung der bürokratischen Basis« und eine »Neuformatierung der Ungleichheit« fest. Für ihn dokumentiert sich darin eine »Herstellung sozialer Distanz, die zur Trennung zwischen Führung und Verantwortung führte« (Vgl. Sennett 2005: 128). Der Begriff »Assessment-Center« ist bei uns in diesem Zusammenhang fast zu einem Synonym für eine solche soziale Distanz geworden. Man muss sich auch noch vom letzten Rest arbeitsbiografischer Erfahrungen lossagen, um in einem solchen Bewerbungs-War-Room allein eine so schwachsinnige Frage wie »Was bedeutet für Sie Teamgeist?« zu überstehen. Wer da nicht »abdriftet«, hat die Zeichen des »Neuen Kapitalismus« nicht begriffen.

Trotz des »Gespenstes der Nutzlosigkeit« (Vgl. Sennett 2005: 67 ff.) ist der flexible Mensch gezwungen, Risiken auf sich zu nehmen. Das ist eine hohe Anforderung, wenn man in dem Gefühl lebt, dass eine abstrakte globale Wirtschaft in Form eines deregulierten Marktes einen permanenten Zugriff hat, der bis ins Private reicht. Das macht heute so manche Bewerbung zu einem erheblichen narzisstischen Risiko.
Die öffentlich wahrgenommene »Trennung zwischen Führung und Verantwortung« hat einiges zu dem Phänomen der Drift beigetragen. Diese Trennung wird in der Presse gern an Führungspersönlichkeiten und ihren Fehlleistungen bzw. Leistungen festgemacht. Ein Evergreen ist dabei das vor der Verhandlung um millionenschwere Abfindungen im Mannesmann-Prozess von Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann gezeigte »Victory«-Zeichen. Ein Geste, für die er sich sogar schriftlich bei Gericht rechtfertigte. Hierzu heißt es in einer AFP-Meldung:
Dem Rat seiner Anwälte folgend, habe er versucht, sich trotz innerer Anspannung ungezwungen mit den Anwesenden zu unterhalten. Dabei sei es um den Prozessbeginn gegen US-Popstar Michael Jackson gegangen. Er habe darüber gesprochen, dass Jackson zu spät zur Verhandlung erschienen sei und mit dem »Victory«-Zeichen das Gerichtsgebäude betreten habe. Als er diese Geste vorgeführt habe, hätten zahlreiche Fotografen auf den Auslöser gedrückt.
(www.123recht.net; 5.2.2004)

Die öffentliche Empörung darauf lässt sich nur bedingt aus der Handlung selbst verstehen. Warum sollte jemand, der sich im Recht glaubt, vor Gericht nicht selbstbewusst auftreten – auch wenn er das mit einer gerade angesichts des Jackson-Prozesses nicht gerade veritablen Geste zum Ausdruck bringt? Die Geste ging tiefer, weil es um soziale Ungleichheit ging, um Arbeitslosigkeit auf der einen Seite und hohe Managerbezüge auf der anderen Seite. Da wollten viele nicht an eine Fehlleistung denken, sondern vielmehr an eine bewusst oder unbewusst gesteuerte PR-Leistung des erfolgreichen Bankers. Laut Freud bedienen sich »egoistische, eifersüchtige, feindselige Gefühle und Impulse, auf denen der Druck der moralischen Erziehung lastet«, des Wegs der Fehlleistung. »Das Gewährenlassen dieser Fehl- und Zufallshandlungen entspricht«, so Freud in der »Psychopathologie des Alltagslebens«, »zum guten Teil einer bequemen Duldung des Unmoralischen.« (Freud 2000: 339). Die Gazetten sind voll von Berichten über Verhaltensweisen von Spitzenpolitikern und Topmanagern, die »tiefer blicken lassen«. Dadurch verstärkt sich auch die »Drift« im Sinne Sennetts. Denn wer in diesem System sein Auskommen finden will, muss sich in seinen Gesten orientieren lernen. Auch wenn manche dieser Gesten als »verwahrlost« gelten könnten, klärt doch erst ihre gesellschaftliche und auch wirtschaftliche Durchsetzungsfähigkeit, ob sie als Leistungen oder Fehlleistungen zu gelten haben.
Den Bezug von Gesten einer Person zu den Gesten der Repräsentanten wirtschaftlicher oder politischer Systeme verdeutlicht das Konzept der »Corporate Identity«, das – obwohl in die Jahre gekommen – die Kommunikationspolitik von Unternehmen und Organisationen nach wie vor prägt:

Corporate Identity ist die Substanz eines Unternehmens im Markt der Meinungen – bei Kapitalgebern, Lieferanten, auf dem Arbeitsmarkt genauso wie auf den verschiedenen Abnehmer- und Verwendungsmärkten. Dieses imaginäre Kapital – Vertrauenskapital – entsteht in der Vorstellung der relevanten Zielgruppen (als Corporate Image) durch Einsatz und Umwandlung von Geldkapital in Meinungskapital, und schlägt sich letztendlich bei der Bewertung eines Unternehmens durch einen Wirtschaftsprüfer im Firmenwert (Corporate Reputation) nieder. Voraussetzung dafür, dass sich ein solches Vertrauenskapital auf der Basis einer geschlossenen Unternehmenspersönlichkeit bilden kann, ist eine Identität von Wort und Tat mit der daraus resultierenden hohen Glaubwürdigkeit.
(Birkigt, Stadler 2000: 55)

Wer driftet, hat Schwierigkeiten sein »Vertrauenskapital« gewinnbringend anzulegen. Aber wo geht man hin, wenn man, wie Pollesch im Eingangszitat sagt, die Gefühle, die man noch »übrig hat« (Pollesch 2003: 223), unterbringen will? Für Pollesch eine heikle Sache in den »World Wide Web-Slums«. Für die destruktiven Gefühle bietet sich eine Art Off-Off-Wall Street an: »Sin City«.


4. Verwahrlosung als Inszenierung

Michael Hardt und Antonio Negri haben 2000 in ihrem Koloss »Empire. Die neue Weltordnung« zum Thema des Widerstandes in der Postmoderne bemerkt:

Während im Zeitalter der Disziplin Sabotage als die Grundform von Widerstand galt, ist es im Zeitalter imperialer Kontrolle die Desertion. Während Dagegen-Sein in der Moderne oftmals bedeutete, dass sich Kräfte unmittelbar und/oder dialektisch gegenüber standen, dürfte Dagegen-Sein in der Postmoderne am wirkungsvollsten sein, wenn man diagonal oder quer steht. Die Schlachten gegen das Empire lassen sich vielleicht durch Sich-Entziehen und Abfallen gewinnen.
(Hardt, Negri 2003: 224)

Dieser abstrakte Wunsch nach einem »postmodernen Abfallen« macht sich spätestens seit den neunziger Jahren in vielfältigen ästhetischen Ausdrucksformen Luft. Eine davon ist das Genre der »hard boiled« Comics, einer drastisch illustrierten »pulp fiction«. Das zentrale Thema ist der »Asphaltdschungel« des »modernen Babylon«, wie Andreas Knigge in seinem Vorwort zur Frank Millers »Sin City 1. Stadt ohne Gnade« schreibt. (Miller 2005: 10). In einer Art Comédie Noir scheint sich hier Verwahrlosung ohne jedes Limit ausleben zu dürfen. Im ersten der vier durch ihre avantgardistischen Schwarz-Weiß-Illustrationen berühmt gewordenen Bände von »Sin City« steht der grobschlächtige und missgestaltete Held Marv im Zentrum. Er steht unter Bewährung – doch die versteht er sehr eigenwillig. Nach einer gemeinsamen Liebesnacht wird die Prostituierte Goldie ermordet, während er volltrunken neben ihr liegt. Marv schwört dem Mörder Rache und das in einer Sprache, die Kult ist: »Und wenn seine Augen erlöschen, wird ihm die Hölle, in die ich ihn schicke, wie der Himmel vorkommen, nach dem, was ich mit ihm angestellt habe.« (Miller 2005: 34) Der Weg seiner Rache führt ihn zu einem Menschenfresser, der auch den üblen Kardinal Roark zum Abendessen einlädt. Kaum eine Grausamkeit, die Marv auslässt, bis er – die eigenartig konsequente Moral der Geschichte – auf dem elektrischen Stuhl endet. Marvs verwahrlostes Credo: »Es gibt keinen Grund, fair zu spielen, keinen Grund, nicht nach meinen Regeln zu spielen«. (Miller 2005: 22)

Die Verfilmung von Robert Rodriguez, Frank Miller und Quentin Tarantino mit Mickey Rourke als Marv hat 2005 »Sin City« auch in Deutschland zum Durchbruch verholfen. Der Film, der über zwei Stunden gleich mehrere Episoden aus den vier Bänden umsetzt, hat auch die Grenze des Kult-Comics aufgezeigt: Am Ende verliert die Comédie Noir alles Komische. Übrig bleibt eine ausweglos scheinende Brutalität, die sich permanent selbst erzeugt. Man weiß auch keinen Ausweg mehr aus Marvs Hölle: »Hölle heisst, jeden verdammten Morgen aufzuwachen und nicht zu wissen, warum man existiert, warum man überhaupt atmet.« (Miller 2005: 45) Man kann diese Hölle nur konsumieren und bleibt sozusagen auf seiner Wut gegen das moderne Babylon sitzen, denn was erleidet man schon im Vergleich zu Marv und Goldie?
Trotzdem lässt »Sin City« als pulp fiction – als »Müll-Dichtung« – einen Weg blicken, durch den »Müll« aus dem modernen Babylon zu einer lesbaren Geschichte zu kommen, in der auch die destruktiven Impulse unterkommen. Was an »Sin City« so beeindruckt, ist die Fähigkeit Millers, auch noch den letzten Bodensatz des amerikanischen Mülleimers aufs Papier zu bringen. Darin kommt er dem Ideal sehr nahe, das Boris Groys in »Topologie der Kunst« als die Fähigkeit der Künstler nennt, das »zu archivieren, was als erstes durch den Konsum vernichtet und verworfen wird und in den Müll gelangt« (Groys 2003: 57 f.). Ein solches Archiv lässt sich als eine Art Strategie gegen Verwahrlosung interpretieren.


5. Wahre Geschichten – Strategien der Lesbarkeit

Verwahrlosen Vb. ›in einen unordentlichen Zustand geraten, herunterkommen, verkommen‹. Das nur im Dt. und Nl. Begegnende Verb mhd. vorwarlösen ›unachtsam behandeln oder betreiben, vernachlässigen, beflecken‹, mnd. vorwarlösen, nl. verwaarlozen ist gebildet zum Adjektiv spätmhd. warlo¯s ›nicht beachtet, nicht wahrgenommen, unbewußt‹ (…), mhd. wa¯rlös, mnl. waerloos. Es handelt sich um Bildungen zu ahd. wara f. (10 Jh.), mhd war(e) ›Wahrnehmung, Beobachtung, Aufmerksamkeit, Obhut‹ (…)
(Zentralinstitut für Sprachwissenschaft 1997: 1572)

Um aus den »unordentlichen Zuständen herauszukommen, in die man angesichts einer in wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Fragen irritierten Öffentlichkeit leicht geraten kann, braucht es – wie gesagt – i. S. Sennetts lesbare Erfahrungen. Mit Groys wiederum – so sei hier ebenfalls behauptet – lässt sich in Mülleimern einiges finden, um sich wieder in die »Obhut« der Lesbarkeit zu bringen und sie auch von anderen einzufordern. Es geht darum, sein Systemvertrauen auf den neuesten Stand zu bringen und das persönliche Vertrauen i. S. eines »Zutrauens zu eigenen Erwartungen« (Luhmann 2000:1) zu erhalten.

Luhmann sieht im Misstrauen ein »funktionales Äquivalent« von Vertrauen – man kann also zwischen beiden »wählen« (Vgl. Luhmann 2000: 92). Nun halten die Debatten um überschuldete Haushalte auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene an, die Arbeitslosenzahl ist im Januar 2006 wieder über 5 Millionen gestiegen, das Licht im Dunkel der Auslands-Einsätze von BND-Mitarbeitern lässt auf sich warten usw. – man kann heute also davon ausgehen, dass eher das »Misstrauenskapital« wächst. Das könnte nun in Verwahrlosung investiert werden. Oder wuchtig mit Prantl gesprochen: Wenn es so weiter geht, könnte etwas »krachen in dieser Republik«. Da in Deutschland die Banlieus, in denen man sich verwahrlost zeigt, quer durch alle gesellschaftlichen Schichten und ihre Behausungen verlaufen, werden »Respekt-Aktionspläne« und Benimmkurse wenig ausrichten können. Denn nur wenn man die Fiktionen, die »funktionieren sollen«, auch lesen kann, wirft man bei Konflikten nicht gleich seine Wut auf das jeweilige soziale System als Ganzes.

Zwei Beispiele aus den Systemen Politik und Wirtschaft zeigen, wie wichtig öffentliche Mülltrennung in diesem Zusammenhang ist: Die Kritik des türkischen Dichters Orhan Pamuk an dem baden-württembergischen Fragebogen für Einwanderer und die investigative Berichterstattung über die Aktivitäten des VW-Betriebsrates, dem im Rahmen des Mitbestimmungsmodells die Bestechung einiger Mitglieder durch »Lustreisen« und diverse andere »Belohnungen« nachgewiesen wurde. Beides hat zur Lesbarkeit beigetragen. So könnte man nun differenzieren: Wer den nämlichen Fragebogen für einen Ausdruck zu bewahrender deutscher Kultur hält, sollte vielleicht besser aus dem diesem Einwanderungsland auswandern. Trotzdem ist es wichtig, über die Möglichkeiten der Verständigung und des kulturellen Konsenses von Einwanderern und Deutschen praktisch nachzudenken. Und wer das VW-Belohnungssystem für wohlgesinnte Betriebsräte für eine Spielart der Personalentwicklung hält, sollte tatsächlich kein Personalvorstand sein. Trotzdem ist Mitbestimmung bei VW ein nicht nur von Gewerkschaften viel beachtetes Modell, dem viele auch heute noch vertrauen. Wenn sich also Fiktionen wie »Integrationspolitik« oder »Mitbestimmung« lesen lassen, kann man sein Misstrauen und Vertrauen verteilen

Den Einzug des »Mülls« in die Kunst macht Boris Groys an dem Wandel der Rolle des Künstlers fest. Der ist für ihn vom »vorbildlichen Produzenten zu einem vorbildlichen Konsumenten geworden« (Groys 2003: 49). Der künstlerische Blick wurde »zu einem konsumierenden Blick, der nicht »arbeitet«, sondern nur kritisiert, beurteilt, entscheidet, auswählt und kombiniert.« (Groys 2003: 51) Betrachtet man sich die Verpackungen von Andy Warhol, Joseph Beuys‹ Vitrinen oder die Werke der so genannten Situationisten bis hin zur heutigen Videokunst, hat die These vom Künstler, der sich auch des Zivilisationsmülls annimmt, einige Evidenz. Der wesentliche Unterschied zwischen Kunst und Kommerz ist dabei das Archiv, durch das die Kunst »der einfachen Unterwerfung unter den ständigen Wechsel der Moden« entgeht (Groys 2003: 57 f.) Für Thomas Düllo und Franz Liebl zeigen Kunstwerke wie die von Tom Sachs, der eine Guillotine mit Chanel-Logos versieht oder Fastfood-Verpackungen im Design des Edel-Labels Prada gestaltet, dass auf diesem Wege auch die Markenstrategien der Konzerne ins Archiv der Kunst gelangen. Dülllo und Liebl nennen das »Cultural Hacking« – eine »Kunst strategischen Handelns«. (Düllo, Liebl 2005: 30 f.) Ein solches Archivieren kann man im Sinne der Gedankenwelt dieses Textes als Strategie ansehen, sich über neue Lesarten Systemvertrauen zurückzuholen.

Wer sich solchermaßen aus dem Fenster zu lehnen traut, muss sich seines »Zutrauens auf die eigenen Erwartungen« – seines persönlichen Vertrauens – ziemlich sicher sein. Es gibt nicht wenige Romane und Filme, die daher die Boheme in selbstbewusste und verwahrloste Künstler aufteilen. Es zeigt sich, dass Selbst- und Fremdbeobachtung eine heikle Aufgabe ist. Kaum eine Künstlerin war und ist da mutiger als Sophie Calle. Sie wurde unter anderem dadurch berühmt, dass sie ihr privates Leben ins Museum brachte. So ließ sie sich von einem Privatdetektiv beobachten und fotografieren und stellte ihre eigenen Beobachtungen neben denen des Detektivs aus. Eine unglückliche Liebe kam auf solchen Wegen ebenso ins Museum wie eine glückliche. Durch Projekte wie die Bildbeschreibungen Blinder oder die Archivierung von Erinnerungen Berliner Bürger, die ihre Geschichten zu DDR-Symbolen erzählten, die aus dem öffentlichen Raum entfernt wurden, hat sie immer wieder Erfahrungen lesbar gemacht, die sonst nicht wahrgenommen werden oder zu verschwinden drohen. In ihren »Wahren Geschichten« gibt sie in kurzen episodenhaften biografischen Notizen eindrucksvolle Beispiele der Lesbarkeit eigener Erfahrungen – so z. B. die mit ihrer eigenen Nase:

Ich war vierzehn Jahre alt und meine Großeltern wünschten, gewisse Unvollkommenheiten bei mir zu korrigieren. Man würde meine Nase richten, die Narbe an meinem linken Bein mit einem Hautstück aus dem Po verdecken und mir ganz nebenbei noch die Ohren anlegen. Ich zögerte – man beruhigte mich: Ich hätte die Wahl bis zum letzten Moment. Ein Termin mit Doktor F. wurde ausgemacht, einem namhaften Schönheitschirurgen. Schließlich war er es, der meinen Zweifeln ein Ende bereitete: Zwei Tage vor der Operation nahm er sich das Leben.
(Calle 2004:11)

Das Schöne an diesen Geschichten ist, dass man sich nie sicher ist, was in den vielen Inszenierungen nun das »Wahre« ist, außer den Geschichten selbst:


Der Liebesbrief

Auf dem Schreibtisch liegt seit Jahren ein in Vergessenheit geratener Liebesbrief. Ich hatte nie einen Liebesbrief erhalten und daher einen öffentlichen Briefeschreiber mit dieser Aufgabe betraut. Acht Tage später erhielt ich einen schönen, sieben Seiten langen Brief, mit der Feder in Versen geschrieben. Er kostete mich hundert Francs, und der Mann schrieb Dinge wie: »… wohin Sie auch gegangen sind, ich war überall zugegen, ohne einen Schritt zu tun …
(Calle 2004:23)

Auf jeden Fall zeigen die »Wahren Geschichten« was die Nähe zu eigenen Erfahrungen vermag. Sie sind ein Antidot gegen Assessment-Center.


Literatur

Birkigt, K. , Stadler, M.M. 2000 Corporate Identity – Grundlagen, Funktionen, Fallbeispiele. Landsberg/Lech: verlag moderne industrie
Calle, Sophie [2002] 2004. Wahre Geschichten. München. Berlin, London, New York: Prestel
Düllo, Thomas, Liebl, Franz (Hg.) 2005. Cultural Hacking. Kunst des Strategischen Handelns. Wien, New York: Springer
Freud, Sigmund [1901/1924] 2000 Psychopathologie des Alltagslebens. Frankfurt am Main: Fischer
Groys, Boris 2003. Topologie der Kunst. München, Wien: Hanser
Hardt, Michael, Negri, Antonio [2000] 2003. Empire. Die neue Weltordnung. Frankfurt a. M., New York: Campus
Luhmann, Niklas [1968] 2000. Vertrauen: Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität. Stuttgart: Lucius&Lucius
Miller, Frank [1991] 2005. Sin City 1. Stadt ohne Gnade. Übersetzt von Karlheinz Borchert. Asperg: cross x cult / Amigo Grafik
Pollesch, René 2003. World Wide Web-Slums. Reinbek: Rowohlt
Prantl, Heribert 2005. Kein schöner Land. Die Zerstörung der sozialen Gerechtigkeit. München: Droemer
Sennett, Richard 1998. Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin: Berlin Verlag
Sennett, Richard 2005. Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin: Berlin Verlag
Zentralinstitut für Sprachwissenschaft 1997. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. München: dtv

Andreas Galling-Stiehler
Wir bauen unsere Seite um und sind daher z.Z. nicht ganz aktuell. Bis bald im neuen Look!



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