Ästhetik & Kommunikation
Ästhetik & Kommunikation:

Startseite Heftverzeichnis Abonnement Heftbestellung Vertrieb Kontakt
Editorial Heft 133

Heft 133: Kapitalismus mit Messer und GabelHeft 133 37. Jahrgang Sommer 2006 11 €


Kapitalismus mit Messer und Gabel

Inhaltsverzeichnis

Kapitalismus mit Messer und Gabel

Kapitalismus mit Messer und Gabel ist realer Kapitalismus, der an der Fleischtheke. Es handelt sich um eine Zangenbewegung, in welcher, was ein Tier ist, verschwindet. Von oben: Globalisierung der Fleischproduktion, immer größere Einheiten, immer mehr Biotechnik. Von unten: Griff der Verbraucher nach dem Billigsten. Was dabei aus den Tieren wird, kann in dieser Interessenkoalition von Oben und Unten nicht mehr interessieren. Der Kapitalismus von oben ist der bekannte. Was notwendig dazu gehört, ist aber eben der Kapitalismus von unten: daß die Verbraucher sich nicht mehr dafür interessieren, was sie da essen, Hauptsache viel und billig.

Man komme jetzt nicht mit der angeblichen Armut der Leute. Hier geht es um Gier: die Heuschrecke von unten. Klassenkampf, Warenfetisch, Ausbeutung der Arbeitskraft: rührend überholte Versuche, vom Kapitalismus zu reden und einen Frontverlauf zu bestimmen. Die Dinge sind weiter: Je gründlicher der Kapitalismus zur herrschenden Matrix wird, desto mehr ist er die Sache aller, desto grundsätzlicher bildet er sich im Leben ab. Was gibt es Grundsätzlicheres als das Essen? Was und wie wir essen, darin hat uns unsere Art und Weise zu wirtschaften so gründlich eingeholt wie bisher auf keinem anderen Gebiet. So verzahnen sich hier auch wie nirgends sonst Wahn und Zweckrationalität, Freßgier und Geldgier, Gemetzel und Rendite.

Das Heft nähert sich von zwei Seiten dieser Zuständlichkeit. Auf der einen Seite gibt es die harten Fakten: eine lückenlose weltweit funktionierende Produktionskette des durchmarschierenden Agrarkapitalismus, ihr gegenüber die lokalen Häuflein der Gegner, David gegen Goliath. Zu den harten Fakten zählt auch die Beihilfe des Staates. Der jüngste Beschluß des Bundesrates zur Käfighaltung hat es gerade vorgeführt. Der Landwirtschaftsminister von NRW fungiert gleichsam als oberster Lobbyist der Eierindustrie, der Bundesrat als Vorkämpfer der Käfighaltung. Auch die Wiederbelebung der Schweinezuchtanlagen der DDR durch Holländer und Amerikaner scheint in Brandenburg wie in Sachsen-Anhalt von der jeweiligen Landesregierung ausgegangen zu sein, sie wird jedenfalls, an den vorhandenen Umweltregularien vorbei, von ihnen getragen.

Und auf der anderen Seite? Machtloses, doch unvermeidliches Denken: Kulturwissenschaft und Philosophie, vor einem Einsturz der Begriffe, Mensch und Tier, und der Unterscheidungen: zwischen Lebewesen und Wertstoff, zwischen Leben und Tod, zwischen Vernunft und Wahn.
Es geht nicht um Tierschutz. Nicht der Verzehr von Tieren ist das Thema, sondern das Vakuum hinter Tierschutz wie Tierindustrie: der Verlust jeden wirklichen Kontaktes zu Natur, und der Verlust jeden Maßes. Die einen essen so viel Fleisch, wie sie können und mehr als das, die anderen wenden sich im Ekel ab und werden zu Manichäern, essen gar kein Fleisch mehr. Die einen produzieren Tiere wie Autos oder Chemikalien, andere sind bereit, für den Schutz von Haus- und Zootieren über Leichen zu gehen. Wir stehen vor der Katastrophe jeder gesellschaftlichen Regulierung. Also einer Katastrophe der Vernunft, als wären wir am Ende des Weges angekommen, der Menschen von Tieren trennte.

Dieter Hoffmann-Axthelm
Wir bauen unsere Seite um und sind daher z.Z. nicht ganz aktuell. Bis bald im neuen Look!



Impressum