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Dieter Hoffmann-Axthelm

Heft 133: Kapitalismus mit Messer und GabelHeft 133 37. Jahrgang Sommer 2006 11 €


Kapitalismus mit Messer und Gabel

Inhaltsverzeichnis

Das verlorene Maß
Über die Notwendigkeit von Regulativen des Fleischverzehrs

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In allen historischen Gesellschaften gab es ein Regulativ, welches den Verzehr von Fleisch bestimmte. Es war dabei stets mehr als bloßer Mangel, der zwischen den Menschen und den von ihnen verzehrten Tieren stand. Das archaische Regulativ schlechthin war das Opfer. Die Abschaffung des Tieropfers bedeutete folglich die Abtrennung des Fleischverzehrs von der religiösen Praxis, und schließlich, bei rückhaltloser Übertragung an die Ökonomie, die Säkularisierung des Schlachttiers zum beliebig verwertbaren Schlachtvieh.
Das Tieropfer sagt: Es ist nicht erlaubt, alles zu essen, die Götter wollen ihren Teil. Denn im Verzehr findet ein Übergriff auf die Natur statt, der ausgeglichen sein will. Eigentlich gebührt den Göttern sogar das Ganze oder zumindest der beste Teil. Aber davon hätten die Menschen ja nichts, d.h. wenn die Götter das ganze Tier beanspruchten, müßte es neben dem Opfer einen zweiten, säkularen Weg zum Tierverzehr geben, das Regulativ Opfer wäre damit bereits außer Kraft. Das Opfer gab es, weil man die Tiere, um sie essen zu können, töten mußte. Das Opfer band Töten und Verzehr an Bedingungen, und es hielt beides in Sichtweite: Gegessen wurde am heiligen Ort.
Der hemmungslose Fleischkonsum verdankt sich dagegen der arbeitsteiligen Entmischung von Essen und Töten. Das Töten ist Sache des Fleischmarktes, das Essen Sache des Verbrauchers. Beide haben davon ihren Vorteil: Die Fleischproduzenten können auf eine Weise produzieren, die dem Konsumenten, müßte er es sehen, das Essen verderben könnte; die Konsumenten kaufen und konsumieren, ohne daran erinnert zu werden, was jenseits der Fleischtheke geschieht. Das Perverse ist, daß für diese Entfernung zwischen Produktion und Konsum nicht einmal bezahlt wird, im Gegenteil, je entfernter, desto billiger kann Fleisch produziert und angeboten werden. Je billiger das Fleisch, desto mehr wird verzehrt, desto barbarischer ist das, was sich in technischer Perfektion jenseits der Fleischtheke vollzieht.
Der Stand der Dinge schreit nach neuen Regulierungen. Wir haben keine. Immerhin ist es nicht nutzlos, sich klar zu machen, welche alten Regularien es einmal gab und warum sie verloren gegangen sind. Im Folgenden sollen vier Kategorien bildende Sachstände herausgegriffen werden.

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Die Griechen erklärten sich über den Mythos von Prometheus, daß und warum es den Menschen erlaubt war, alles Eßbare am Opfertier zu essen. So wie Prometheus überhaupt erst die Scheidung zwischen Menschen und Göttern herbeiführte,1 so regelte er auch das Opfer so, daß es – von ihm selber einmal abgesehen – zum Vorteil der Menschen war.

Als zu Mekone zwischen Göttern und sterblichen Menschen gerichtet wurde, legte er einen großen Stier, den er zerteilt hatte, mit freundlicher Miene vor, denn er wollte den Sinn des Zeus täuschen. Die Fleischstücke und die Eingeweide voller Fett schaffte er nämlich in einer Haut beiseite und versteckte sie im Rindermagen, die weißen Knochen des Stiers ordnete er aber in kunstvoller List günstig an und bedeckte sie mit schimmerndem Fett. Da sprach der Vater der Menschen und Götter:
Japetide, aller Dinge ausgezeichneter Herr, o Freund, wie ungleich hast du die Anteile aufgeteilt.
So sprach höhnend der unsterbliche Zeus, der Absicht bewußt. Darauf antwortete der verschlagene Prometheus, sanft lächelnd, seiner List unvergessen:
Zeus, ruhmvollster und größter unter den ewiggeborenen Göttern, nimm dir davon, was immer dir in deinem Sinn das Herz befiehlt.
So sprach der Listenersinnende. Zeus aber, der Absicht bewußt, wußte und verkannte nicht die List. Böses aber drohte sein Herz den sterblichen Menschen, und so sollte es sich auch erfüllen. Mit beiden Händen nahm er das weiße Fett auf. … Zorn ergriff sein Herz, als er aufgrund kunstvoller List die weißen Rinderknochen erblickte. Seitdem verbrennen die Geschlechter der Menschen den Unsterblichen auf der Erde die weißen Knochen, wenn sie auf den Altären opfern.


Hesiod, Theogonie, 535-557

Die Bigotterie Hesiods hat hier sichtlich in den Mythos eingeschlagen. In Wahrheit hat Zeus natürlich nichts gemerkt, sondern gierig nach dem leckeren Fett gegriffen, und ein Zurück gab es dann nicht – die übrigen Götter waren Zeugen. Seitdem gehörte alles Brauchbare am Opfertier den Menschen.
Das war auch nötig, denn „der Fleischverzehr fällt vollständig mit der Opferpraxis zusammen; alles verzehrte Fleisch stammt von einem rituell geschlachteten Opfertier“.2 Die regulierende Macht des Opfers ging noch weiter: Wildtiere waren vom Opfer ausgeschlossen. Gejagt und getötet wurden sie nur als Schädlinge. Nur domestizierte Tiere konnten geopfert, also auch verzehrt werden.
Die Funktionen des Tötens, Opferns und Kochens waren also in einer einzigen Person vereint. Das Opferfleisch wurde unterschiedlich zubereitet und konsumiert: Die Organe (Leber, Herz, Nieren, Lunge, Milz) wurden unmittelbar von den beim Opfer Anwesenden am Spieß gebraten und verzehrt, die Fleischstücke im Kessel gekocht, um dann ihren Weg zu gehen, entweder zu einem Bankett oder in einen Laden zum freien Verkauf, die Eingeweide, in Würste gefüllt, waren von der Opfermahlzeit ausgeschlossen.
Am erstaunlichsten ist, daß der Tötungsakt eher verdunkelt als herausgestellt wurde. Das Tier sollte zuvor seiner Opferung zustimmen, ein Kopfnicken, für dessen Herbeiführung es eine besondere Prozedur gab. Die Tötung erfolgte so sanft und beiläufig wie möglich. Dieselben Vasenmaler, die mit Vorliebe Szenen kriegerischer Tötung unter Menschen darstellten, sparten bei Abbildung des Opfers den Tötungsakt aus.3

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Die entgegengesetzte Regulierung findet sich im Alten Testament. Der Grundstock ist hier eine nomadische Tradition, die sekundär durch Opfergebräuche der seßhaften Bevölkerung überschrieben wurde, in deren Reichweite die nomadischen Viehzüchter durch die Landnahme einrückten. Das Regelwerk findet sich in der späten, Priesterschrift genannten Erzählschicht der ersten vier Bücher der Bibel und beschreibt die offizielle Praxis im vorexilischen Tempel.4

Die Grundregel wird im Anschluß an die priesterschriftliche Variante der Sintflut-Erzählung gebracht: Nachdem Noah mit den vor der Sintflut geretteten Tieren die Arche verlassen hat, belohnt ihn der Gott (Elohim) aus Anlaß des Neuanfangs mit einer Art Eigentumsübertragung:

Und Elohim segnete den Noach und seine Söhne und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und werdet viele und füllt die Erde. Und Schrecken und Furcht vor euch soll entstehen bei allen Tieren der Erde und bei allen Vögeln des Himmels und in allem, was auf dem Boden kriecht und in allen Fischen im Meer. (Sie sind) in eure Hand gegeben. Alles Kriechende, das, was lebend ist, soll euch zur Speise werden, wie das Grüne, das Kraut, ich gebe euch das Ganze. Nur Fleisch, worin noch seine Seele, sein Blut ist, das sollt ihr nicht essen.

Genesis 9, 1-4

Dies ist die große Urkunde aller nachfolgenden Naturbeherrschung und Naturverwertung. Alles ist ihr zufolge eßbar. Sie kennt nur die eine Einschränkung, daß von nicht geschächteten Tieren nicht gegessen werden darf. Im Gegenzug zur Freigabe der Tiere wird aber das Töten von Menschen streng sanktioniert:

Wer eines Menschen Blut vergießt, durch Menschen soll dessen Blut vergossen werden.
Denn nach dem Bild des Elohim ist der Mensch gemacht.


Genesis 9, 6

Aus einer anderen Traditionslinie kommt die andere, tiefer eingreifende rituelle Vorschrift, es dürften nur Tiere gegessen werden, auf die zweierlei zutrifft: daß sie Wiederkäuer sind und gespaltene Klauen haben. (Lev. 11,3) Verboten sind, weil unrein: das Kamel, der Klippdachs, der Hase, das Schwein und einige Vögel. Woher diese Einschränkungen kommen, muß hier nicht geklärt werden. Wichtig ist, daß sie nichts mit dem Opfer zu tun haben. Dem entspricht in der Opferpraxis, daß beim Brandopfer, dem Staats- und Tempelopfer schlechthin, das ganze Tier verbrannt, nichts also zum Verzehr zurückbehalten wird. Bei einer anderen Opferart, dem Sühnopfer, konnte das Fleisch zwar gegessen werden, seiner Brisanz wegen aber nur von den Priestern (Lev. 10, 17ff.).
Verzehr und Opfer sind andererseits beide der strengen Unterscheidung von Fleisch und Blut unterworfen. Im Blut ist die Seele (Lev. 17, 10), darum darf es auf keinen Fall gegessen werden, es gehört dem Gott. Beim Opfer wird es verstrichen oder versprengt – in der Geschichte vom Auszug aus Ägypten werden die Türpfosten mit dem Blut des Passah-Lamms gestrichen –, beim gewöhnlichen Schlachten läßt man es gleichsam frei. Daß alles verwertbar sei, davon kann also hier noch keine Rede sein.

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Einer der ersten, die sich weigerten, überhaupt Fleisch zu essen, war Pythagoras. Der orientalische Einfluß ist unverkennbar: eine den Griechen fremde Vorstellung der kultischen Reinheit der Person. Pythagoras soll in seiner Jugend weite Reisen unternommen, in ägyptische Mysterien und babylonische Tempelpraxis eingeweiht worden sein.5 Er soll auch Zoroaster getroffen haben und von ihm über die zwei Grundprinzipien der Welt, Hell und Dunkel, unterrichtet worden sein.6 Dafür spricht die erhebliche Rolle, welche die Farbe Weiß offenbar in Lehre und Lebenswandel der pythagoreischen Sekte spielte.
Alle Zeugnisse stimmen darin überein, daß Pythagoras von sich und seinen Jüngern einen mönchischen Lebenswandel verlangte. Zu den wichtigsten Regeln der Sekte gehörte das Verbot, Fleisch zu essen. Pythagoras selber soll sich von Brot, Honig und Wasser ernährt haben. Grund war vermutlich nicht nur, wie Diogenes Laertios annimmt, die Askese. Ein anderer Vorsokratiker, Xenophanes, erzählt, Pythagoras sei eines Tages hinzu gekommen, wie ein Hund geschlagen wurde, und habe ausgerufen:

Höre auf und schlage nicht mehr, denn eines befreundeten Mannes Seele ist es, die ich erkannte, als ich sie reden hörte.

Diogenes Laertios VIII, 367

Dies deutet auf einen Glauben an Seelenwanderung, wie ja auch berichtet wird, Pythagoras habe sich mehrerer Leben gerühmt und der Gabe des Hermes, von diesen Leben nichts zu vergessen. Zwischen Mensch und Tier erkannte er jedenfalls keinen Unterschied an. So soll er denn auch nie Tiere, sondern nur Unbelebtes geopfert haben bzw. auf jenem Apollonaltar geopfert haben, auf welchem man Ähren opferte. Wichtiger war ihm die Reinheit des Opfernden: er sollte nüchtern sein, gereinigt, ein weißes Gewand anhaben.
Über den Tod des Pythagoras gibt es verschiedene Überlieferungen. Diejenige, die besagt, er habe sein Leben selber dadurch beendet, daß er nicht mehr gegessen habe, ist die unwahrscheinlichste nicht. Der Verzicht auf Fleischverzehr ist wohl nie ohne eine Beimischung von Selbsthaß.

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Das Christentum hat im Namen der Freiheit alle bestehenden rituellen Einschränkungen aufgehoben, die jüdischen wie die griechischen. In den Zusammenprall der griechischen Bindung an das Opfer mit der neuen christlichen Freiheit führt eine Passage des ersten Korintherbriefs. In der durch Paulus frisch gegründeten Gemeinde entstanden unterschiedliche Ansichten darüber, ob es erlaubt sei oder nicht, Fleisch zu essen, war es doch, in einer griechischen Stadt, zwangsläufig Opferfleisch.

Was den Verzehr von Götzenopferfleisch angeht, wissen wir, daß es im Kosmos keine Götzen gibt und keinen Gott als den einen. … Doch nicht in allen ist die Erkenntnis. Einige, aus der bisherigen Gewohnheit der Götzen, essen es wie Götzenfleisch, und ihr Gewissen, das noch schwach ist, wird verunreinigt. Die Speise wird uns vor Gott nicht helfen. Weder entbehren wir etwas, wenn wir nicht essen, noch sind wir im Vorteil, wenn wir essen. Achtet aber darauf, daß diese eure Freiheit nicht für die Schwachen zum Anstoß wird. Wenn nämlich jemand dich, der du Erkenntnis hast, im Götzentempel beim Mahle sieht, wird dann nicht sein Gewissen, wo es doch noch schwach ist, dazu aufgebaut, Götzenfleisch zu essen? So wird der Schwache zu Grunde gerichtet, der Bruder, dessetwegen Christus starb. Derart gegen die Brüder sündigend und ihr schwaches Gewissen verletzend, sündigt ihr gegen Christus. Deshalb, wenn das Essen meinem Bruder anstößig ist, will ich in Ewigkeit kein Fleisch essen, um meinem Bruder nicht anstößig zu sein.

1. Kor. 8, 4 und 7-13

Man befindet sich hier auf einer historischen Schwelle: Alle vorangegangenen Regulierungen sind noch gegenwärtig, alle zukünftigen Entregelungen sind schon angelegt. Gegenwärtig ist noch das griechische Regulativ: Kein Fleischverzehr ohne Opfer. Ihm wird das jüdische Motiv der Freiheit gegenübergestellt, befreit von allen Einschränkungen, die das jüdische Gesetz mit sich brachte. Die persönliche Haltung des Paulus ist aber die des Pythagoras: so wie er keine Frau hat, so ißt er auch kein Fleisch. Aber nicht, um damit sein Seelenheil zu gewinnen.8 Er ist zu beidem frei, nutzt diese Freiheit aber nicht, denn die Zeit ist kurz, das Kommen Gottes und das Endgericht stehen nahe bevor.

6

Das Ausbleiben des Weltendes mußte unter den Christen zu neuen Regulierungen führen. Einige, die Mönche, gingen den Weg des Pythagoras, sie unterwarfen sich der Askese. Die Mehrheit, die Laien, waren frei, zu essen, was ihnen möglich war. Eine Bindung blieb auch für sie: am Freitag kein Fleisch zu essen. Eine letzte Bindung ans Opfer. Denn der Opfertod des Gottessohnes vom Karfreitag war ja dasjenige Opfer, das alle heidnischen Opfer ungültig gemacht hatte. An Wochentag der Kreuzigung durften, bis zur Todesstunde, 18 Uhr, nur Fische und Mehlspeisen gegessen werden.
Das Essen von Opferfleisch dagegen lebte symbolisch weiter, in der Messe. Das Meßopfer ist der Kern der Messe, und das Meßopfer ist seit dem frühen Mittelalter dies: Sühnopfer, rituelle Darbringung des Leibes Christi als Opfer für die Sünden der Welt,9 Christus als Gotteslamm. Im Augenblick der Segnung durch den Priester verwandeln sich nach der Lehre des IV.Lateran-Konzils von 1215 Brot und Wein auf dem Altar in Fleisch und Blut des geopferten Gottes.

Alle Fülle der Freigebigkeit überschreitend, alles Maß der Zuwendung hinter sich lassend, teilte er sich als Speise mit … Denn er gab sich uns zur Mahlzeit, damit, wie der Mensch durch den Tod korrumpiert wurde, durch die Speise auch wieder zum Leben zurück gebracht werde … Das Schmecken verwundete, und das Schmecken heilte.

Urban IV., Enzyklika „Transiturus de hoc mundo“, 1264 10

Mit dem Glauben, daß sich Brot und Wein in der Hand des Priesters real in Leib und Blut Christi wandelten, ging allerdings die Übung einher, daß man immer mehr nur dem Verzehr des Priesters zusah, selber aber die Hostie nur nahm, wenn es unumgänglich war, vor allem beim Sterben.
Opfer, Verzehr, Fleisch und Blut, das alles ist bei diesem Stand der Dinge natürlich schon so stark zum Zeichen abstrahiert, daß es über das gewöhnliche Essen und Trinken nichts mehr aussagt. Das Gotteslamm hat das wirkliche Lamm aus den Augen verloren, es ist nur mit sich selbst beschäftigt und gibt den realen Lammbraten frei.
Der asketische Rest, der tatsächlich noch ein wenig begrenzte, fiel zu Beginn der Neuzeit. Theologisch war das natürlich ein letzter Rest Gesetz. Als ein Mittel, sich durch Eigenleistung das Heil zu erwerben, mußte er die Kritik Luthers herausfordern. Mit der Auflösung des Mönchtums und der Vergleichgültigung der Freitagsregel beseitigte die Reformation also diesen letzten Rest der alten Regulative.
Nur das Abendmahl blieb. Aber welcher Protestant versteht schon, was da vor sich geht? Ohne Verbote kein Opfer, ohne Askese keine Kritik der Profanisierung des Fleisches.
Hat das Christentum also alle Bindungen beseitigt? Ist es der Wegbereiter des modernen Vernichtungskrieges gegen die Tiere? Nicht ganz. Der massenhafte Fleischkonsum der Moderne setzt weniger die christliche Freiheit voraus – sie ist ja durchaus auch Freiheit zum Verzicht –, als vielmehr den Untergang des Christentums, den Glaubensverlust durch Säkularisierung der christlichen Freiheit zur aufgeklärten Verfügung über alles und jedes. Christlich gesehen, wäre jedes Tier ein Geschöpf Gottes. Zur Ordnung der Schöpfung gehören Fressen und Gefressenwerden, nicht aber Massentierhaltung, Massenschlachtung, geschlossene Produktions-, Verarbeitungs-, Verwertungs- und vermarktungsketten und massenhafter Verzehr, also das spezifisch Moderne: die Auslöschung der Kategorie Tier und ihre Auflösung in Preise, Mengen, Rezepte und Kalorien.

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Es gibt kein Zurück. Wir brauchen aber neue Regulative. Wir haben eine solche Maßlosigkeit erreicht, daß sie auf uns zurückschlägt. Zwei Menetekel gibt es: Das eine sind die Todesfabriken. Die industrielle Ermordung von sechs Millionen Juden war nur möglich, weil die Technologie der Tierschlachtung dafür bereit stand. Die Verbrennungsöfen der Firma Topf waren für den Berliner Schlachthof entwickelt worden, die Fahrpläne und Güterzüge, mit denen die Menschen nach Birkenau und Treblinka transportiert wurden, waren die der Schlachtviehtransporte, die Resteverwertung die auf den Schlachthöfen eingeübte.11 Das zweite sind die Tierseuchen, BSE und Geflügelpest, die zu Menschenseuchen mutieren können, auch Aids gehört vielleicht hierher.
Wir werden uns also letztendlich gegen uns selber wehren, uns vor der eigenen Konsum- und Verwertungslogik schützen müssen. Neue Regulative können nur formale sein, künstliche Gebilde.
Die eine Seite ist unser Verhalten als Verbraucher. Hier helfen keine Gesetze, sie würden die Sphären unzulässig vermischen. Bindungen des Verhaltens formulieren Sitte und alltägliche Praxis, das Verhalten vor der Fleischtheke und am Kochtopf. Es geht um die Zähmung von Messer und Gabel, von Gier und Bequemlichkeit. Zwischen uns und dem Tier, das wir essen, muß wieder ein Gitter sein, das unseren Zugriff beschränkt, mäßigt, nach Zeit, Menge, Ort und Angemessenheit reguliert. Aber wo soll ein solches Gitter herkommen? Es ist nichts in Sicht.
Also bleibt nur, daß wir in die Fußstapfen der Götter treten und uns selber ans Verbieten machen. Das bedeutet: Gesetze. Ehrlichere, genauere Gesetze, und den politischen Willen, sie auch umzusetzen. Wir tun es nicht freiwillig, als Sitte, aber wir könnten uns immerhin polizeilich zwingen, mit den Tieren menschenwürdig umzugehen, statt in Vernichtung der Tiere uns selber zu leugnen. Daß sich eine Regierung findet, die solche Gesetze durchsetzt, das allerdings ist offensichtlich unwahrscheinlich. Derzeit wird in Gegenrichtung gearbeitet. Und längerfristig? Offenbar stehen wir an der Grenze dessen, was die Demokratie leisten kann.

Anmerkungen

1 Vgl. Karl Kerényi, Prometheus. Die menschliche Existenz in griechischer Deutung, Hamburg 1959, 48
2 Marcel Detienne, Pratiques culinaires et esprit de sacrifice, in: M. Detienne – J.P. Vernant, La cuisine du sacrifice en pays grec, Paris 1979, 10
3 Vgl. Jean-Louis Durand, Bêtes grecques. Propositions pur une topologie des corps à manger, in: Detienne-Vernant, aaO., 138
4 Vgl. Martin Noth, Überlieferungsgeschichte des Pentateuch, Stuttgart 1948, 7ff., 259ff.
5 Diogenes Laertios, Leben und Meinungen berühmter Philosophen, VIII, 1-3, übers. v. O. Apel, 2.A. Hamburg 1967, 111f.
6 Siehe das Fragment bei W. Kranz, Vorsokratische Denker. Auswahl aus dem Überlieferten/ griechisch und deutsch, Berlin 1939, 36).
7 Nach dem griechischen Text bei Kranz, aaO. 34
8 Vgl. Rudolf Bultmann, Theologie des Neuen Testaments, 3.A., Tübingen 1959, 186
9 Vgl. Hans Bernhardt Meyer, Stichwort Messe, in: Lexikon des Mittelalters, Bd.5, Zürich/München 1991, Sp. 558ff.; ders., Eucharistie. Geschichte, Theologie, Pastoral, Regensburg 1989, 229ff.
10 Denzinger, Enchairidion Symbolorum. 847
11Vgl. Susanne Schindler-Reinisch, Strukturen und Instrumente, in: S. Schinder-Reinisch (Hsg.), Berlin-Zentralviehhof. Eine Stadt in der Stadt, Berlin 1996, 73ff.

Dieter Hoffmann-Axthelm
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