Ästhetik & Kommunikation
Ästhetik & Kommunikation:

Startseite Heftverzeichnis Abonnement Heftbestellung Vertrieb Kontakt
Editorial Heft 134

Heft 134: Zerrbild FamilieHeft 134 37. Jahrgang Herbst 2006 11 €


Zerrbild Familie

Inhaltsverzeichnis

Zerrbild Familie

Aussterben – ausleben – überleben, nachdem die Familie zur Heilserwartung stilisiert worden war, war der Absturz der Hoffnung schon vorherzusehen. Der Familie wurde vieles versprochen auf dass sie sich vermehre und die sich atomisierende Gesellschaft wieder zusammenbringe: ein Wunschbild – eine Utopie oder nur die halbe Wahrheit?

Personifiziert wurde dieses „Ideal“ in der Familienministerin, die zunächst mit Weichzeichner als Vorbild quasi madonnenhaft vorgeführt wurde: seht es geht doch…

Doch recht schnell merkte man, dass sie vieles hat, was die meisten nicht haben- und selbst für Ihre Partei verkörpert sie vieles, was bis dahin nicht zum Familienbild der CDU gehörte. Das Vorbild und die Realität bildeten die Pole zwischen denen das Idealbild bis zum Zerreissen aufgespannt wurde. Die weiße Leinwand war Angriffsfläche, auf die immer mehr grau- schwarze Bilder projiziert werden konnten bis zu Katastrophen- und Untergangsszenarien. Familie wurde zum Zerrbild zwischen Demographieschock, Zukunftsängsten, Bildungsmisere, Erziehungsproblemen, Arbeitsplatzverlust, Geldsorgen, Integrationsversagen; Tagesmeldungen addierten sich, die überforderte Familien ins Bild nahmen: Familien, die ihre Kinder weder richtig ernähren, noch richtig erziehen können, Familien ohne Einkommen, „Familien“, in denen Kinder umkommen …

Danach war für viele klar, Familie ist kein Allheilmittel.

Doch woher kommen die kleinen Kinder? Frauen, zumal gut ausgebildete, bekämen zu spät, zu wenig oder nie Kinder- verkürzt auf Kind versus Karriere war man schnell wieder bei der Aufgabenteilung zwischen Mann und Frau. Die publizistische Volte drehte sich um Rollen, die typisch deutsch und gründlich noch einmal bei Adam und Eva anfing, es fielen Begriffe wie „Schöpfungsnotwendigkeit“ und „Urgewalt der Natur“, die sich angesichts der Beschwörung der Familie als gesellschaftspolitisches Rollback anboten.

Nach dem journalistischen Tiefflug über Menschheits- und Kulturgeschichte wurde die Emanzipation der Frau und der Familie „aus ihrer Unmündigkeit“ wieder sichtbar, doch wie soll jetzt die Zukunft aussehen?

Familienpolitik kann Familie ermöglichen oder erleichtern, Kinder- und Familiemachen kann sie nicht. Bleibt noch die Geburtenpolitik? Dazu schrieb die New York Times, Ende Mai 2006: »The Nazis were the last enthusiastic practitioners of familiy policy in germany, a fact that has made people here queasy about any repopulation schemes. But the Nazis also celebrated the stay-at-home mother, a fact that Dr. von der Leyen’s supporters cite.« Zweifellos bleibt das nicht der einzige Unterschied. Die akute queasiness angesichts der Renaissance enthusiastischer Familienpolitik in Deutschland ist – dies die These – die Alarmglocke gerade der prekären Verquickung emanzipatorischer Ideale mit einer nationalen Refunktionalisierung der Familie. Die neue deutsche Familie ist das politische Produkt einer spezifisch deutschen Angst um »das deutsche Volk«, die von demographischen Prognosen geschürt wird: Es könnte so kommen, dass »wir« aussterben, oder, schlimmer noch, niemand mehr unsere Renten bezahlt. Hinter den Untergangsszenarien schwelt ein Appell, das Kinder- und Familiemachen als Aufgabe nationalen Überlebens ernst zu nehmen. Das neue Erziehungsgeld macht es doch möglich!

Parallel zur konstruierten Angst um das oberste Interesse läßt sich eine Besinnung auf Bürgerlichkeit beobachten, die die Familie als Ort und Hort eigener Infantilität wiederzubeleben sucht. Im Auge des weniger oder mehr geglückten Karriereorkans spendet der traute Kreis der lieben Kleinen in allzumenschlicher Bescheidenheit den nötigen Trost.

Es gibt sie ja noch die Familie, und es wird sie unbeachtet der gesellschaftlichen Diskussion auch weiter geben: Die „traditionelle“ Familie wird überleben, neben „modernen“, „emanzipierten“ und sich verändernden Familien oder „eheähnlichen Gemeinschaften“. Die Debatte zeigt nur, dass sich etwas bewegt und vielleicht gibt es in Zukunft durch gesellschaftliche Akzeptanz und das Ausleben verschiedener Familienbilder modernisierte Familien, die weniger mit dem Beschwören der „besseren Zeiten“ als vielmehr mit zeitgemäßen, lebbaren Varianten von „Familie“ herausgefordert und ausgefüllt sind.

Das Heft stellt die Frage, wie sich Familie aus der Umklammerung dieser Funktionalisierungen befreien kann, soll sie nicht künftig auch mit verstärkter Intensität als Ort und Hort unzähliger Neurosen Renaissance feiern.



Elisabeth von Haebler
Wir bauen unsere Seite um und sind daher z.Z. nicht ganz aktuell. Bis bald im neuen Look!



Impressum