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Dorothea Hauser

Heft 134: Zerrbild FamilieHeft 134 37. Jahrgang Herbst 2006 11 €


Zerrbild Familie

Inhaltsverzeichnis

Das Fertilitäts-Paradoxon
Französische und deutsche Zustände

In der Bibel folgen auf Adam und Eva zunächst Kain und Abel, und auch der antike Mythos ist ein recht blutiges Familiendrama: Die Familie als „Keimzelle der Gesellschaft“ mag eine anthropologische Tatsache sein, doch ihre gefühlsmäßige Besetzung wie ihre soziologische Gestalt hat sich vielfach gewandelt. So ist auch die Entdeckung der Blutsbande als Quelle von Moral und Identität, ihre Emotionalisierung im Sinne von Intimität, Fürsorge und Zärtlichkeit vergleichsweise neuen Datums.
Der französische Historiker Philippe Ariès hat in seiner „Geschichte der Kindheit“ die Entstehung der modernen Familie am Ende des 17. Jahrhunders als einen Segregations- und Homogenisierungsprozeß beschrieben, den vor allem zweierlei auszeichnet: Zum einen das Herausreißen des zuvor gleichgültigen, aber freien Kindes aus der Lebenswelt der Erwachsenen und seine Erziehung; zum anderen die Schaffung der Mauer des Privatlebens zwischen der Familie, die sich nun – auch gemütsmäßig – um das Kind herum organisiert, und der Gesellschaft.

Der Familiensinn ist demnach ebenso wie das Klassenbewußtsein Ausdruck derselben Intoleranz gegenüber der grellen Vielfalt des bis in die Neuzeit vorherrschenden polymorphen Gesellschaftskörpers gewesen. Das jahrhundertelang als Naturgegebenheit hingenommene, auch physisch extreme Nebeneinander von Nah- und Fernstehenden, von Arm und Reich wurde nicht mehr ertragen. Das Ende der Indifferenz gegenüber dem Kind, von der zuvor allenfalls der erstgeborene Sohn ausgenommen gewesen war, und die enorme Aufmerksamkeit, die nun dem eigenen Nachwuchs gegenüber an den Tag gelegt wurde, brachte parallel notwendig ein weiteres Phänomen hervor: die Geburtenkontrolle.

Urhorden oder Netzwerke

Wer heute vom relativ kinderreichen Frankreich aus die in Deutschland tobende Demographiedebatte verfolgt, wird rasch gewahr, daß die dortige Reproduktionsunlust auch damit zu tun haben mag, daß sich trotz einer heute weitgehend egalisierten und befriedeten Gesellschaft die eher mißmutige Idee von der Familie als einer Institution zur Abwehr äußerer Zumutungen erstaunlich hartnäckig gehalten hat.
Ein Buch wie Frank Schirrmachers „Minimum“, in dem die Familie zur mythischen Urhorde stilisiert und als neodarwinistische Trutzburg für den Ausnahmezustand empfohlen wird, hätte in Frankreich kaum das Zeug zum Bestseller. Denn Familie ist den Franzosen, deren Kinder zu rund 50 Prozent in nicht-ehelichen Gemeinschaften geboren werden, zugleich privates Vergnügen und öffentliche Aufgabe. Und die zurecht gelobte französische Kinderfreundlichkeit ist nicht zuletzt deshalb so groß, weil sie selbstverständlich das Wohl aller Kinder, nicht nur das der eigenen Brut im Auge hat. Hingegen sind die zugeknöpfte deutsche Kernfamilienideologie auf der einen und die aggressive deutsche Kinderfeindlichkeit auf der anderen Seite, die einen beim Heimaturlaub regelmäßig beide auf die Nerven gehen, offenbar zwei Seiten desselben Bedrohungsgefühls.

Sein emblematisches, wenn auch nicht ganz stimmiges Bild hat es in der bei Schirrmacher zentralen Geschichte vom Donnerpaß gefunden, die bislang hauptsächlich wegen des Auftretens von Kannibalismus bekannt war. Als ein Treck amerikanischer Siedler 1846 nach einem Schneesturm mehrere Monate in der Sierra Nevada stecken blieb, überlebten in den Familien doppelt so viel Frauen wie Männer, unter denen vor allem die Singles die höchste Todesrate aufwiesen. Die Moral von der Geschicht: Steht es Spitz auf Knopf, und Schirrmachers Aussichten auf den Bürgerkrieg sagen politisch eine Art nuklearen Winter in Deutschland voraus, west nur im Blut die Rettung.
Merkwürdiger Weise ist es keinem Rezensenten aufgefallen, daß die Donnerpaß-Studie des US-Anthropologen Donald Grayson, auf die sich Schirrmacher beruft, zu einem etwas anderen Ergebnis kommt: Einerseits nämlich spricht Grayson keineswegs von einer größeren Überlebensfähigkeit nur rein blutsverwandter Gruppen, sondern schreibt diese vielmehr dem Typ des „larger social networks ‘family and friends’“ zu. Und zweitens ist die Lebenserwartung für familiär eingebundene Männer in der Tat stets größer als für männliche Singles. Für Frauen war dies am Donnerpaß wohl insofern der Fall, als keine von ihnen damals allein reiste, aber sonst gilt für sie laut Grayson kurioserweise genau das Gegenteil. Von der „Überlebensfabrik“ (Schirrmacher) dieses weiblichen Minimums darf Schirrmacher freilich nicht sprechen, zumal es die kinderlose Single-Frau ja nachgerade in den Rang jenes „biopolitischen Gesetzes“ heben würde, auf das er sich berufen möchte.

In Frankreich ist die Geburtenrate seit 1993 stetig und trotz der Wirtschaftskrise seit 2001 mit anhaltender Tendenz deutlich gestiegen. Allein durch Geburtenüberschüsse wächst die französische Bevölkerung derzeit um rund 4 Prozent pro Jahr. Einhergegangen ist diese Entwicklung mit der Renaissance des alten Ideals der Großfamilie, die teils in neuen, postmodernen Netzwerkformen fröhliche Urstände feiert. Einzelkinder sind inzwischen seltener als Familien mit drei Kindern, und selbst die von Schirrmacher, Grayson folgend, ausgemachte kritische Survival-Masse von zehn Personen wird hier zumindest am Wochenende und in den Ferien, wenn die Patchwork-Clans in der maison de la campagne irgendeines Netzwerks-Mitglieds an großen Tischen ihre Mehrgangmenüs zelebrieren, durchaus erreicht. Und dabei sind elementare Kräfte am Werk: „Wie zu Zeiten der Urgesellschaften“, sagt der Soziologe Jean-Claude Kaufmann, „entsteht Verwandtschaft immer noch durch das Essen aus einer gemeinsamen Suppenschüssel“.
Ist Familie in Frankreich mithin einer eher heitere, wenngleich, wie überall, keineswegs konfliktfreie Angelegenheit, scheinen die deutschen Podien derweil von düsteren Auguren besetzt zu sein, die mit folgenlosem Pathos Kulturkritik in der Tradition Oswald Spenglers betreiben wollen. Denn es ist ja „längst dreißig Jahre nach zwölf“ (Schirrmacher/Herwig Birg). Sicher, es gibt sie auch, die aufgeklärten und konstruktiven Schriften, wie den letzten Familienbericht der Bundesregierung oder die jüngste Studie der Robert-Bosch-Stiftung. Doch wer will sie lesen angesichts der Phalanx der Schirrmachers, Birgs und Bolz’, die auch mit ihrer Verachtung für empirische, materielle Fakten an das Genre der nationalpädagogischen Streitschriften seit Fichtes „Reden an die deutsche Nation“ anknüpfen. „Sie konnten das Übel, das sie diagnostizierten und in ihrem eigenen Leben erfuhren, nicht bannen, und so suchten sie Propheten zu werden…Es war dieser sprunghafte Übergang von Verzweiflung zu Utopie, der ihre Gedankenwelt so phantastisch machte“, hat Fritz Stern in seiner klassischen Untersuchung zum deutschen Kulturpessimismus das Phänomen beschrieben.

Irrlichter des Unzeitgemäßen

Aus dem Spengler’schen Feindbild des „Ibsenweibes“ – „sie gehören alle sich selbst und sie sind alle unfruchtbar“ – ist bei den neuen deutschen Untergangsaposteln unterdessen die berufstätige Frau geworden. Schirrmacher sieht das nur scheinbar anders: Bei ihm können Frauen nicht nur „schlichtweg alles auf einmal“, sie werden es auch müssen, gleichzeitig „sozial kompetent, fürsorglich und Brotverdiener sein“. Denn Frauen, diesen „Überlebensmaschinen“ wird ganz am Ende des Abendlandes, im Überlebenskampf der Deutschen, die Schlüsselrolle zufallen, während die Männer nur zuschauen, weil „das evolutionäre Erbe sie nicht besonders gut für verwandtschaftliche Fürsorglichkeit ausgerüstet hat“. Es werden „Irrsinnsbelastungen“ auf die Frauen zukommen in diesen demographischen Notzeiten. Und warum ist die Lage so „unausweichlich“? Eva Herrmann hat es uns eigentlich schon gesagt. „Liebe begünstigt Geburten, Arbeit vereitelt sie. So lautet der Grundwiderspruch unserer Gesellschaft“, sagt Schirrmacher. Das ist keine samtpfötig auftretende Kapitalismuskritik, weil es bei ihm immer nur Biologie und Schicksal gibt, sondern heißt vielmehr: Erst haben uns die arbeitenden Frauen die Sache eingebrockt, und jetzt werden sie sie auch bis zum bitteren Ende auslöffeln müssen. Lösungen im hier und heute, Politik gar, geht nicht, weil es nie und nimmer ein Entrinnen gibt. Denn die demographischen Vorhersagen, die Schirrmacher heranzieht, werden „mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks eintreffen“ und „höchstens ein Krieg oder eine schwere Katastrophe könnte daran etwas ändern.“ Und so ist es auch egal, ob Schirrmacher im Unterschied zu Birg („Deutschland braucht Liebe“) oder Bolz („Karrierefrauen tendieren zur genetischen Impotenz“) vielleicht schwant, daß die Tatsache, daß in Deutschland die Geburtenrate nur dort hoch ist, wo die Frauenwerbsquote niedrig ist, das Problem und nicht seine Lösung darstellt. Zwar ist es beispielsweise in Frankreich ganz anders; doch in Deutschland verspricht, wenn es nicht eh zu spät ist, Rettung allein jene „urwüchsige“ Frau, die Mutterschaft als biologische Programmierung und ausschließliche Lebensaufgabe begreift. Ein Kopftuch soll sie sich dabei nicht umbinden; aber die Überzeugung, „die demographische Gefahr einer islamistischen Rekonquista“ mit den gleichen Waffen schlagen zu wollen, schwingt hier in der Tat mit. Nimmt sie ihre Bestimmung an, wird ihr von Bolz „Heldenstatus“ zugesichert, derweil der Gatte, um nicht den Weg der Taliban zu gehen, sich weniger naturnah, nämlich im Motorsport, auslebt: „Im Rausch der Geschwindigkeit erreichen Männer wieder ihre archaische Erlebnisschicht.“

Dies geht freilich weit über Spengler hinaus, der das Ur- und Bauernweib, wie er es nannte, ausgefüllt „vom pflanzenhaften Drange des Blutes, das sich fortpflanzen will“, ja nicht wirklich mit Sympathie betrachtete, sondern mit seinem Buch letzlich Trauerarbeit am Ende des „kulturfähigen Menschentums“ leistete. Um so mehr hätte es ihn wohl verwirrt zu lernen, daß zumindest in Frankreich gerade die Bäuerinnen ihre Kinderzahl schon früh begrenzten, während die Damen aus Adel und Großbürgertum sowie die Arbeiterinnen in den Städten lange Zeit noch am meisten Kinder geboren haben. Und das, was in Deutschland heute unverdrossen als „traditionelles Familienmodell“ bezeichnet wird, war ja tatsächlich eine Ausnahmeerscheinung und nur in jener Nachkriegsdekade wirklich dominant, als arbeitsteilig verfaßte Großindustrien und Wochenarbeitszeiten von fast 50 Stunden den männlichen Alleinernährer und die Hausfrau und Mutter an seiner Seite erzwangen. Der alte Adenauer – „Kinder bekommen die Leute sowieso“ – wußte nur zu gut, daß zu anderen Zeiten „Arbeit und Liebe“ in anderen Formen zusammengekommen waren. Man muß daher kein Seher sein, um festzustellen, daß das von Bolz und anderen propagierte gesellschaftspolitische Rollback uns alles mögliche, nur nicht mehr Kinder bringen würde. Selbst Joseph Goebbels, dessen Frau Magda die bekannteste Trägerin des NS-Mutterkreuzes werden sollte, war schon klar, daß „niemand, der die moderne Zeit versteht“, den „aberwitzigen Gedanken“ fassen könne, „die Frauen aus dem öffentlichen Leben, aus Arbeit, Beruf und Broterwerb“ herausdrängen zu wollen.

Notstandsrhetorik

Angesichts des bemerkenswerten Tiefstands der deutschen Debatte lohnt der Blick nach Frankreich doppelt. Denn in Frankreich, das heute neben Irland die höchste Geburtenquote in Europa verzeichnet – Tendenz weiter steigend -, hat der demographische Katastrophendiskurs, den wir in Deutschland derzeit erleben, schon vor über 100 Jahren eingesetzt. Und das höchstamtliche Ineinssetzen von Kinderschwund und Staatsnotstand, wie es Bundespräsident Köhler im vergangenen Jahr für nötig hielt, gehörte seinerzeit auch immer schon dazu.
Als Premierminister Clémenceau im Oktober 1919 den Alarmruf „Frankreich ist verloren, weil es bald keine Franzosen mehr gibt“ ausgab, stand das Land noch nicht einmal am Tiefpunkt einer 150 Jahre währenden dramatischen Talfahrt. 21 Jahre später, mit einer Geburtenrate von 1,4 Kindern pro Frau war längst das Kinderschwundniveau der heutigen Bundesrepublik erreicht, verkündete Marschall Pétain mit den Worten „Zu wenig Kinder, zu wenig Waffen, zu wenig Verbündete: Wir sind besiegt“ seinen Landsleuten die Kapitulation vor den Truppen Hitler-Deutschlands.

Während im Gefolge der Industrialisierung überall, so auch in Deutschland, die Bevölkerung explodierte, war die ehedem einwohnerstärkste Nation Europas zwischen 1800 und 1940 zum geburtenschwächsten Land der Erde abgesunken. Die, wie uns die Demographen lehren, mit Alphabetisierung und Individualisierung untrennbar verbundene Transformationskrise erlebte das revolutionäre Frankreich seit 1789 lange vor seinen Nachbarn. Bereits 1896 wurde die L'Alliance nationale pour l'accroissement de la population française gegründet, die sich kurz darauf, dem gefühlten Ernst der Lage entsprechend, in Alliance nationale contre la dépopulation, Nationale Allianz gegen Entvölkerung, umbenannte.
Nicht zuletzt angesichts der Bedrohung durch den deutschen Nachbarn wurde die Familien- und Geburtenfrage ein Thema von existenzieller politischer Bedeutung, das nach den erheblichen Verlusten im Ersten Weltkrieg erst recht nationale Priorität erhielt. In der vom Ausland seinerzeit nicht ohne Hämeverfolgten französischen Debatte über die dénatalité kamen, läßt man einmal die Sorge der Militärs um künftige Rekruten beseite, bereits alle Stichworte vor, die heute auch den deutschen Diskurs auszeichnen: Wertewandel- und Hedonismus-Kritik, die demographische Krise als Auslöser eines gesellschaftlichen und ökonomischen Niedergangs, die Nichtfinanzierbarkeit der Sozialsysteme, die Biologie und die Berufstätigkeit der Frau.

Interessant ist nun, daß in Frankreich schon damals alle Versuche, das Gebären im Sinne eines traditionellen Familienmodells zu fördern, völlig fehlschlugen. Gleichgültig ob man es mit moralischen Appellen oder staatlichen Hilfen probierte, dem Muttertag oder scharfen Strafen gegen Abtreibung und den Vertrieb von Verhütungsmitteln: Die französische Frau brachte immer nur noch weniger Kinder zur Welt. 1939 wurde daher im Rahmen des Code Familial nicht nur eine Familienkasse eingerichtet, die bis heute zum überwiegenden Teil von der französischen Wirtschaft finanziert wird. Vielmehr wurde statt dem steuerlichen Ehegattensplitting, das in Deutschland noch heute gilt, das Familiensplitting eingeführt, fortan also nicht mehr ein bestimmter Lebensstil, sondern ausschließlich Kinder belohnt. Parallel war die Vorstellung, daß Familie nicht allein Aufgabe der Mütter ist, in Frankreich virulent geworden. Dazu gehörte die altrömisch anmutende Idee vom père de la famille ebenso wie das Leitbild vom Single mit aktivem Familiensinn, das der katholische Pronatalist Abbé Violet für Junggesellen und kinderlose vielles démoiselles propagierte.

Nachdem während des Vichy-Regimes unter Pétain – der mit seinem Slogan „Arbeit, Familie, Vaterland“ zumindest gesellschaftspolitisch als eine frühe französiche Version von Udo Di Fabio gelten kann – überraschend wenig für die pro-natalistische Sache getan wurde, machte Charles de Gaulle das Kinderkriegen wieder zur nationalen Angelegenheit: „Frankreich braucht zwölf Millionen Babies“ ließ er im März 1945 seine Landsleute wissen. Die setzten es in die Tat um – unterstützt von einem beispiellosen Ausbau der Familienhilfe, Ganztagsschule und Kinderbetreuung. Dahinter stand vor allem ökonomisches Kalkül. Denn während Deutschland seit den sechziger Jahren die Gastarbeiter lockte, wollte man in Frankreich die eigenen Frauen als industrielles Reserveheer mobilisieren. Neben der hohen Frauenwerbstätigkeit erreichten sie nebenbei damit, dass Frankreichs Bevölkerung auch von 1950 bis 2000 eine doppelt so hohe Wachstumsquote wie in Deutschland oder Großbritannien aufwies. Ausgerechnet in Frankreich, wo Frauen bis 1945 kein Wahlrecht besaßen und noch Anfang der sechziger Jahre allein kein eigenes Konto eröffnen konnten, wurde die berufliche Gleichstellung der Frau zum Königweg einer erfolgreichen pro-natalistischen Politik.

Französische Zustände

Kinderlosigkeit ist in Frankreich heute eine absolute Ausnahme. Das Besondere an der französischen Familie ist aber nicht allein die europäische Spitzenquote von derzeit 1,95 Kindern pro Frau (die sogar 2,1 beträgt, wenn man die lebenslange Gesamtkinderzahl einer Französin berechnet). Es ist auch nicht der fast dreiprozentige Anteil der Familientransfers am Bruttosozialprodukt, der mittlerweile sogar etwas niedriger ausfällt als in der Bundesrepublik. Bemerkenswert ist vor allem, daß der französische Kinderreichtum massiv mit all jenen Phänomenen einhergeht, die in Deutschland regelmäßig als Hauptursache des Kinderschwunds ausgemacht werden: Immer weniger Eheschließungen, hohe Scheidungsraten, späte Erstgeburten und eine hohe Frauenerwerbsquote. Doch damit nicht genug: während in Deutschland das Schlagwort vom „Gebärstreik der Akademikerinnen“ die Runde macht und Philip Longman auch für die USA den Hang zum Kind nur noch in erzkonservativen oder religiösen Milieus ausmachen will, geht der Kinderwunsch der säkularisierten Französinnen mit hohem Bildungsgrad und gehobener Berufsposition nicht zurück, sondern er steigt. Von Demographen wird dieses Phänomen inzwischen „Fertilitätsparadoxon“ genannt, also just mit jenem Terminus belegt, der in Deutschland für das Gegenteil (je weniger Kinder, desto mehr Pro-Kopf-Einkommen) steht.

Entsprechend gibt es in Frankreich kaum einen Unterschied zwischen der Erwerbstätigkeitsquote bei Frauen mit und bei Frauen ohne Kindern. 80 Prozent der Französinnen mit zwei Kindern (von denen eines jünger als sechs Jahre ist) gehen ihrem Beruf nach. Zugleich können die französischen Frauen im US-europäischen Vergleich den höchsten Anteil von Vollzeitbeschäftigungen und den höchsten Anteil an Spitzenpositionen vorweisen – und überdies noch den geringsten Gehaltsabstand zu ihren männlichen Kollegen.

Voraussetzungen

Der deutsche Staat gibt mittlerweile statistisch mehr Geld für Familien aus als der französische. Aber in keinem anderen Land ist die Betreuung von Kindern zwischen drei und sechs Jahren so ausgebaut wie in Frankreich. 99 Prozent von ihnen besuchen täglich von 8.30 bis 16.30 Uhr die staatliche école maternelle, eine Mischung aus Vorschule und Kindergarten, in der nicht nur gespielt, sondern auch gelernt wird – und die nebenbei einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Integration von Immigrantenkindern leistet. Gleiches gilt inzwischen für rund 40 Prozent der Zweijährigen. Angesichts solcher Zahlen von einem „bevormundenden „Fürsorgestaat nach DDR-Muster“ (Norbert Bolz) zu sprechen, ist aber reiner Unsinn. Denn nirgendwo gibt es eine größere Vielfalt an geförderten Betreuungsmöglichkeiten und damit Wahlmöglichkeiten für Eltern wie in Frankreich. Wenn es um Kinder geht, unterstützt der französische Staat schlichtweg alles: die Vollzeit-Krippe wie den Teilzeit-Hort (halte-garderie), die staatlich geprüfte Tagesmutter wie den stundenweisen Babysitter, die häusliche Betreuung durch die Mutter oder aber den bezahlten Erziehungsurlaub der Eltern. Selbst die nourrice, die private Kinderfrau, die nebenher auch noch den Haushalt macht, ist – erst recht, wenn man sie mit den Nachbarn teilt (garde partagée) – in Frankreich ein Luxus, der dank Zuschüssen und Steuerermäßigungen selbst für Geringverdiener erschwinglich ist. Und die Eltern nehmen diese Wahlfreiheit auch wahr: Zwar ist in Frankreich, wo der Begriff der „Rabenmutter“ im Wortschatz gar nicht existiert, die Berufstätigkeit von Müttern die Norm. Aber trotz des großen Angebots gibt es bei den öffentlichen Krippenplätzen für die unter Dreijährigen noch Versorgungslücken, weshalb in den ersten beiden Lebensjahren tatsächlich nur ein Drittel der französischen Kinder fremdbetreut wird, während es beispielsweise in den angeblich weitaus traditionelleren USA über 50 Prozent sind. (In Deutschland sind es gerade einmal 10 Prozent.) Die damit einhergehende ausgiebige Nutzung des großzügig unterstützten Erziehungsurlaubs, der eine berufliche Freistellung von bis zu drei Jahren ermöglicht, ist neuerdings als mögliche Deprofessionalisierungsfalle jedoch in die Kritik geraten. Denn das Ideal der Franzosen sind inzwischen drei Kinder – für die sie der Staat mit weitgehender Steuerfreiheit belohnt.

Daß Angebot nicht Zwang, aber Absicherung bedeutet, gilt auch für all die anderen Optionen: die Möglichkeit der nachschulischen Hausaufgabenbetreuung bis 18 Uhr etwa oder den Hort nach der Vorschule bis 18.30 Uhr, den Ferienhort (centre de loisir) wie das Ferienlager (colonie de vacances) oder den Spielhort am schulfreien Mittwoch, den sich in Frankreich zunehmend die Väter mindestens halbtags für ihre Kinder freihalten. Dieser Umstand bestätigt im Übrigen, was umfangreiche Studien zum Zeitbudget doppelt berufstätiger Eltern auch sonstwo ergeben: daß zwar der größte Teil der Hausarbeit weiterhin von den Frauen übernommen wird, sich aber die aktive Präsenz des Vaters in der Familie deutlich erhöht.

Berlin – Paris

Die Franzosen lieben Kinder, aber sie vergöttern sie nicht. Idolatrie, oder gar einen rosa-roten Kitschkult um das Kind gibt es in dem Land, das das familienfreundliche Space Car und die Umstandsmode erfunden hat, nicht. Ebenso fehlt das deutsche Phänomen, den Nachwuchs selbstverliebt wie eine Trophäe zu präsentieren und Familie als rechten Weg und Lebenstil vorzuführen. Kinder sind in Frankreich selbstverständlicher Bestandteil des Alltags, die jenseits ihres schulischen Achstundentags bis hin zum Restaurantbesuch in den Lebensvollzug ihrer Eltern komplett eingebunden sind. Das Gruppenleben in der Schule erfahren sie so als eigene Sphäre der Unabhängigkeit, wie sie es vom Berufsleben der Eltern kennen. Die exception allemande, der Gedanke, das Kinder über Jahre Zuhause allein von der Mutter behütet werden sollten, weil man sie möglichst lange von einer bösen, kalten Welt fernhalten muß, ist den Franzosen völlig fremd. Französische Eltern sind deshalb nicht weniger besorgt um ihren Nachwuchs: Kinderärzte gehören in Frankreich zu den höchstbezahlten Fachärzten, während sie in Deutschland die armen Schlucker unter den Medizinern sind.

Gewöhnungsbedürftig ist zweifellos das Maß an Disziplin, das zumal in der französischen Vorschule verlangt wird. Und daß es ab der Grundschule nach dem langen Schultag oft noch überreichlich Hausaufgaben zu erledigen gibt, ist eine ungeheure Zumutung. Mit unseren Kindern veranstalten wir wochenends und, wenn es geht, manchmal auch am schulfreien Mittwoch möglichst viel anarchistischen Gegenzauber. Andererseits aber hat mir der herzliche Empfang, der ihnen von ihren kleinen Mitschülern spontan bereitet wurde, als sie ohne ein Wort Französisch ankamen, auch zu denken gegeben. In unserem heißgeliebten Berliner Kinderladen nämlich wären erst mühsame erzieherische Gespräche notwendig gewesen, um dem eingeschworenen Zirkel von 13 Kindern die Aufnahme solch stummer Eindringlinge in ihre Wagenburg nahezulegen.

Natürlich ist Frankreich kein Paradies. Das weiß vor allem die französische Frau, auf der ein beträchtlicher Druck lastet. Die Norm, der sie sich freilich entziehen kann, heißt: mindestens zwei Kinder großziehen, im Beruf Erfolg haben, intelligent und charmant sein – und abends der Familie noch ein Drei-Gang-Menü vorsetzen. Und besonders im hochverdichteten Paris, in dessen Dunstkreis sich ein Viertel aller Franzosen drängen, ist der Lebensraum für Kinder extrem begrenzt. Spielplätze gibt es so gut wie nicht, und Wohnungen sind extrem teuer. 90 Quadratmeter für eine fünfköpfige Familie gelten als Luxus. Auf die Idee, daß jedes Kind erst ein eigenes Zimmer braucht, bevor es geboren werden darf, und was da sonst – neben Verantwortungsangst – noch an Voraussetzungswahn in Deutschland Familie verhindert, will man hier gar nicht erst kommen. Die Bürgerinitiative für einen kleinen Pocket-Park hat jüngst vorgerechnet, was der Augenschein längst weiß: In dem Innenstadtviertel, in dem wir wohnen, beträgt der Grünflächenanteil exakt Null Prozent. Es ist laut, eng und voll, es stinkt nach Abgasen, und der Verkehr ist derart höllisch, daß alle Kinder bis zur 5. Klasse an der Hand ihrer Eltern in die Schule gebracht und wieder, oft von einem Babysitter oder einer nounou, abgeholt werden müssen. Und trotzdem: in diesem urbanen Umfeld, wo eine über den engsten Umkreis weit hinausgehende Rücksichtnahme und Gemeinschaftskompetenz täglich gefordert ist, entsteht das, was die deutsche Eigenheim-Kernfamilienideologie nicht mehr hergibt, nämlich Kinder. Im zentralsten aller Pariser Innenstadtbezirke zwischen Pigalle und Börse hat es allein zwischen 2001 und 2003 einen Kinderzuwachs von 25 Prozent gegeben. Auslauf und Zeit zum Spielen haben sie während der Woche kaum, dafür sind sie überall willkommen. Wer in Paris mit seinen Kindern an einer Ampel steht und sieht, wenn eines sich zu weit vorwagt, wie von allen Seiten wildfremde Menschen ihre Hände ausstrecken, um es vor dem drohenden Verkehr zu schützen, der versteht, daß es neben Blutsbanden auch Gesellschaft braucht, damit Familien überleben.

Literatur:
Ariès, Philipe, 1975: Geschichte der Kindheit. München/Wien.
Birg, Herwig / Schirrmacher, Frank: Grundkurs für Staatsbürger. FAZ-Serie vom 21.02.2005 ff: http://www.faz.net/s/Rub117C535CDF414415BB243B181B8B60AE/Doc~E8001DACF46994584AAEEBABB451E51F4~ATpl~Ecommon~Sprintpage.html
Bolz, Norbert, 2006: Die Helden der Familie. München
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2006: Siebter Familienbericht: Familie zwischen Flexibilität und Verlässlichkeit. Berlin
Di Fabio, Udo, 2005: Die Kultur der Freiheit. München
Donner Party, 2001: Sex and Death on the Western Emigrant Trail: http://www.csuchico.edu/pub/inside/archive/01_04_26/02.donnerparty.html
Duby, Georges u. Michelle Perrot (Hg.), 1994: Geschichte der Frauen, Bd. 4: Das 19. Jahrhundert. Hrsg. v. Geneviève Fraisse u. Michelle Perrot. Frankfurt/Main, New York
Goebels, Joseph, 1934: Signale der neuen Zeit. München
Grayson, Donald K., 1994: Differential Mortality and the Donner Party Disaster; in: Evolutionary Anthropology 2:151-159
Kaufmann, Jean-Claude, 2006: „Kochende Leidenschaft“. Soziologie vom Kochen und Essen. Konstanz
Loesch, Karl Christian von, 1938: Die außenpolitischen Wirkungen des Geburtenrückgangs dargelegt am Beispiel der Franzosen. Berlin
Letablier, Marie-Thérèse, 2003: Fertility and Family Policies in France; in: Journal of Population and Social Security (Population), Supplement to Volume 1: 245-261
Longman, Philip, 2006: The Return of Patriarchy; in: Foreign Policy March/ April, 56-65 http://www.newamerica.net/publications/articles/2006/the_return_of_patriarchy
Mönninger, Michael, 26.2.2004: Demografie als Volkssport, Die Zeit Nr. 10
Reggiani; Andres Horacio, 1996: Procreating France: The Politics of Demography, 1919-1945; in: French Historical Studies, 19, 3: 725-754
Reithinger, Anton, 1940: Why France lost the War: A Biological and Economic Survey. New York
Schirrmacher, Frank, 2006: Minimum. Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gemeinschaft. München
Spengler, Oswald, 1923: Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte. München
Stern, Fritz, 1986: Kulturpessimismus als politische Gefahr. Eine Analyse nationaler Ideologie in Deutschland. München
Talmy, Robert, 1962: Histoire du mouvement familial en France, 1896-1939. Paris
Unternehmen Familie, 2006: Studie von Roland Berger Strategy Consultants im Auftrag der Robert Bosch Stiftung. Stuttgart


Dorothea Hauser
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