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Andreas Galling-Stiehler

Heft 134: Zerrbild FamilieHeft 134 37. Jahrgang Herbst 2006 11 €


Zerrbild Familie

Inhaltsverzeichnis

Pater incertus est
Probleme mit der Elterngeldprosa

Ich war nicht nur von dem legitimen Ekel erfüllt, der jeden halbwegs normalen Mann beim Anblick eines Babys überkommt; und ich war nicht nur zutiefst davon überzeugt, daß ein Kind so etwas wie ein lüsterner Zwerg mit angeborener Grausamkeit ist, der sogleich die schlimmsten Züge seiner Gattung zum Ausdruck bringt und von dem sich die Haustiere in weiser Vorsicht abwenden. Nein, hinzu kam noch ein tief in mir verankertes Entsetzen, ein wahres Entsetzen vor dem endlosen Leidensweg, den das Dasein der Menschen darstellt.
Michel Houellebecq, Die Möglichkeit einer Insel

Es sind wir Frauen, die dafür bestimmt sind, Schutzräume zu entwickeln, ein Zuhause zu schaffen, das Heimat bietet, Zuflucht und Frieden. Wir sind es, die segensreich wirken können durch unser besonders ausgebildetes Verständnis, durch unsere Fähigkeit, empfinden und mitfühlen zu können. (…) Und so muss es auch Eva sein, die die Schlange nun verbannt und die Sache wieder in Ordnung bringt. Mit einem Apfel – der Versöhnung.
Eva Hermann, Das Eva Prinzip. Für eine neue Weiblichkeit

Ab 1.1.2007 erhalten junge Mütter und Väter „einen Schonraum, sich ohne finanziellen Druck Zeit für ihr Neugeborenes zu nehmen“, so Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen in einer Pressemitteilung ihres Ministeriums vom 22.6.2006 zur Einführung des so genannten „Elterngeldes“. (vgl. www.bundesregierung.de). Das Elterngeld wird sich auf 67 Prozent des bisherigen Nettoeinkommens des erziehenden Elternteils belaufen. Der Höchstbetrag liegt bei stattlichen 1.800 Euro, der Mindestbetrag bei 300. Eltern können frei wählen, wer von beiden wann Elterngeld in Anspruch nimmt. Ein Elternteil kann höchstens für 12 Monate Elterngeld beantragen. Zwei Monate stehen dem anderen Elternteil zu (Regelung 12+2). Maximal kann also 14 Monate Elterngeld bezogen werden. Alleinerziehende erhalten es generell 14 Monate.
Folgt man der Emphase der Regierungs-PR, scheint ein Ausweg aus dem demografischen Dilemma der aussterbenden Deutschen gefunden zu sein: Durch großzügige Teilzeitarbeitsreglungen – Elterngeldbezieher können bis zu 30 Stunden arbeiten – ist das Problem der Vereinbarkeit von Beruf und Familie gelöst. Durch den zusätzlichen Geschwisterbonus beim Elterngeld, Familiensplitting und Investitionen in Kindergärten und Ganztagsschulen werden Eltern sich demnach entschließen, nicht nur 1,4 Kinder auf die Welt zu setzen, sondern gleich zwei oder mehr. Es geht nicht mehr um Ehegatten, sondern um Eltern – und Familie wird überall dort sein, „wo Eltern für Kinder und Kinder für Eltern dauerhaft Verantwortung tragen“, wie es Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Regierungserklärung am 30.11.2005 gesagt hat. In „Mehrgenerationenhäusern“ tauschen sich die Generationen dann aus, unterstützen einander im verwandtschaftlichen und nachbarschaftlichen Miteinander. Folgt man dieser Prosa, war nie mehr Familie in Deutschland. Betrachtet man sich allerdings, wie die öffentliche Diskussion bis zum Beschluss des Bundeskabinetts im Juni dieses Jahres verlaufen ist, fragt man sich, wer diese Eltern eigentlich sein sollen, die ab 1. Januar nächsten Jahres das Fortbestehen der Deutschen möglich machen sollen.

Das öffentliche Privatleben

Noch nie wurde das Privatleben einer Bundesfamilienministerin so offen und distanzlos thematisiert wie in dieser Diskussion. Die Inszenierung der Ministerin als siebenfache Mutter wurde dabei so weit getrieben, dass die Familie von der Leyen als insgeheimes Rollenmodell für Elterngeldbezieher übersteigert wurde. Das hat eine erstaunliche Welle an Aggressionen ausgelöst. Der Spiegel sprach von einem „Kreuzzug der Ursula von der Leyen für Kinder, Kirche und Karriere“. Das hat dann auch Alice Schwarzer auf den Plan gerufen, die der Ministerin in der Ausgabe März/April der Emma mit einem Interview beisprang. Dort erzählte die „wertkonservative“ Ministerin, die sicher nicht in dem Verdacht eines überzogenen Feminismus steht, nicht nur von ihrer Fähigkeit, auf eine „leider nicht typisch deutsche“ Weise eine erfolgreiche Mutter und Ministerin zugleich zu sein. Sie erzählte auch von ihrem Ehemann, dem Medizinprofessor Heiko E. von der Leyen. Der mache „mindestens so viel Elternarbeit“ wie sie, „phasenweise so gar mehr“. Auch in diesem Interview funktionierte das Wechselspiel aus „Personal PR“, bei der Prof. von der Leyen sicherlich eine feste Größe ist, und journalistischer Rezeption. So schien die Ministerin stets biografisch belegen zu können, was nun als Zielstellung des Elterngeldgesetzes gilt.
Doch der „Schonraum“, den die Ministerin nun für Familien erstritten hat, birgt eine Krux, die nicht nur in der Union vor allem die Männer umtreibt: die „Regelung 12 + 2“, von Journalisten gern auch „Vaterbonus“ genannt. Bei ihrer Rede zur ersten Lesung des Elterngeldgesetzes am 22.6.2006 sagte von der Leyen zu den Diskussionen darüber: „Sie haben längst überfällige Diskurse über die Rolle des Vaters in der Erziehung von Kindern ausgelöst und seine Fragen nach Vereinbarkeit von Beruf und Familie in den Mittelpunkt gerückt. (…) Denn selbstverständlich wird das zum Umdenken in der Arbeitswelt führen – das ist auch gewollt. In einer modernen Gesellschaft werden Kinder ihre Väter im Alltag genauso brauchen wie ihre Mütter.“ Was die CSU von einem solchen Umdenken hält, brachte deren Landesgruppenchef Peter Ramsauer im Bundestag bereits im April auf den Punkt: „Wir müssen dieses Wickel-Volontariat nicht haben“. (Vgl. Die Welt 25.4.2006)
Ramsauer steht sicherlich nicht allein in seinem Bestreben, Männer von den Windeln zu verschonen. Ideologisches Rüstzeug lieferte bereits im März Frank Schirrmacher mit seinem Buch „Minimum. Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gemeinschaft.“

Germania spricht zu ihren Töchtern

„Es ist eiskalt. Und so weit das Auge reicht liegt Schnee. Aus der Vogelperspektive betrachtet, sieht die Landschaft aus wie ein riesiger Bogen Papier, auf dem sechs abgezirkelte schwarze Kreise eingezeichnet sind. Diese Kreise markierten Lager, notdürftig errichtet von den Menschen, die hier festsitzen. Insgesamt sind es einundachtzig: mehrere große Familien, Alleinreisende und einige ortskundige Führer, die den Treck sicher durch die Sierra Nevada hätten bringen sollen. Doch nun ist Ende November 1846, und die Siedler sind am Fuße eines Berges wie festgefroren. (…) Die Lage ist aussichtslos.“ (Schirrmacher 2006: 7)
Mit diesen Zeilen beginnt Schirrmacher sein Buch über die „Elementargewalt“ der Familie. Er nutzt den in den USA unzählige Male beschriebenen Siedler-Treck, der am Donner-Pass überwintern musste, als emotionale Einstimmung zu seinem Vademecum zum Überleben der Deutschen. Denn was sich am Donner-Pass zeigte, gilt auch für unser Land: Nur die Familienbande ermöglicht das Überleben. Nach der knabenhaft begeistert dargestellten Wild-West-Story kommt er in wenigen Zeilen zum Kern seiner Zeitdiagnose: „Arbeit bringt Geld, Liebe kostet Geld. (…) Arbeit produziert Waren und Eigentum, Liebe produziert Kinder und Verluste. Arbeit eignet sich für Sachbücher, Liebe für Romane. Arbeit ist vor allem Arbeit des Geistes. Der Grad der Ausbildung einer Frau ist mittlerweile eine feste Größe für Kinderlosigkeit und die Verschiebung stabiler Partnerschaften.“ (Schirrmacher 2006: 18) Den Bruch zwischen der Reflexion von Arbeit und Liebe zum Bildungsgrad „einer Frau“ kann Schirrmacher problemlos überbrücken. So führt er den Treck seiner Leser von der demografischen Falle, über die familienfeindliche Sozialpolitik, den „Zusammenprall der Kulturen“ durch nicht-deutsche Familien in Deutschland, bis hin zur überforderten „Sandwich-Generation“, die in den nächsten Jahren für drei Generationen wird sorgen müssen – die eigene, die ihrer Kinder sowie die ihrer Eltern, für die die überforderten Sozialsysteme nicht mehr werden umfänglich sorgen können. Dazu singt er das Hohelied des Altruismus. Seine Konsequenz: „Doch alles, was einer schrumpfenden Gesellschaft fehlen wird – soziale Kompetenz, Einfühlung, Altruismus, Kooperation –, vereinen Frauen auf sich; da sind sich Evolutionspsychologie, Hirnforschung, Anthropologie und Psychologie einig.“ (Schirrmacher 2006: 135) Gewisse Einschränkungen der fraulichen Elementarkompetenzen macht Schirrmacher schon – so bei Frauen, die Talkshows moderieren. Sie sorgen nämlich für die Simulation einer Art virtueller Metafamilie: „Frauen leiten die Talkshows, in denen die Nation ihre Selbstverständigung sucht.“ (Schirrmacher 2006:110) Und bei dieser Selbstverständigung wird die Ökonomie zum Familienersatz.
Der Erfolg von Schirrmachers „Minimum“ liegt sicher darin, dass er mit seiner Kritik an einer fehlenden finanz-, arbeits- und sozialpolitischen Würdigung von Kindererziehung in den letzten Jahrzehnten den Nerv vieler trifft. Dabei bedient er sich aber solide dessen, was Ulrich Beck den „falschen Alarmismus“ der anhaltenden Generationendebatte nennt. (Vgl. U. Beck: „Falscher Alarmismus – Der Streit um die Bevölkerungsentwicklung“, SZ 11.8.2006) So warnt Schirrmacher vor dem „Zusammenprall von Vorstellungen über die Familie“ deutscher und nicht-deutscher Familien. Als Beispiel nennt er patriarchalische Familienstrukturen und die „archaische Benachteiligung von Töchtern und Frauen“. (Schirrmacher 2006: 118) Seine Zukunftsvision: „Die Mehrheiten in den Städten werden Zugewanderte und deren Nachkommen sein, zu einem hohen Prozentsatz besitzen sie einen deutschen Pass; aber vierzig Prozent von ihnen werden, nach gegenwärtigem Stand der Dinge die Schule ohne Abschluss oder höchstens mit Hauptschulabschluss verlassen.“ (ebenda) Es geht also darum, Bildungsanstrengungen zu vervielfachen. Aber was Gegenstand dieser „deutschen“ Bildung sein soll, bleibt so abstrakt wie das, was eigentlich überleben soll.
Ulrich Beck macht als Kern dieses Alarmismus die „Falle des nationalen Blicks“ aus. Eine Kostprobe dieses Blicks gibt Schirrmacher im Kapitel „Töchter“, in dem er mit den Worten der Historikerin Ute Frevert beklagt, dass der Mythos der Germania sich nicht direkt an ihre Töchter wendet. Aber da sieht Schirrmacher eine Wende: „Langsam, aber sicher zeichnet sich in Deutschland beim Kinderwunsch eine Vorliebe für Töchter ab.“ (Schirrmacher 2006: 145) Und das nicht umsonst: „Man gelangt in der Regel mithilfe von Töchtern und Frauen in Krisen- und Umbruchzeiten, vereinfacht gesagt, direkter zum Ziel. Als Mütter sind sie Kern der Familien, als Frauen Kern der sozialen Netze, als Töchter und Schwestern Experten der „moralischen Ökonomie“ über die Generationengrenzen hinweg. (Schirrmacher 2006: 148)
Doch wer glaubte, das archaische Frauenbild der Töchter Germanias wäre schon alles aus dem Paradiesgarten der Versteher der Frauen gewesen, wurde im September ausgerechnet von einer Talkshow-Moderatorin und erfolgreichen Tagesschau-Sprecherin eines Besseren belehrt. Eva Herman brachte mit solider Produkt-PR ihr Buch „Das Eva Prinzip. Für eine neue Weiblichkeit“ heraus.

Der Apfel der Versöhnung

„Der Mann ging zur Jagd, später zur Arbeit und sorgte für den Lebensunterhalt der Familie, die Frau kümmerte sich um das Heim, den Herd, die Kinder und stärkte ihrem Mann den Rücken durch weibliche Fähigkeiten wie Empathie, Verständnis, Vorsicht. (…) Welche Gnade sich in dieser schöpfungsgewollten Aufteilung findet, kann man heute nur noch selten beobachten. Wenn sie aber eingehalten wird, so hat das in aller Regel dauerhafte Harmonie und Frieden in den Familien zur Folge. Kinder, die in einem funktionierenden Biotop familiärer Stabilität aufwachsen – mit der anwesenden Mutter –, bringen durch diese Prägung auch für ihre eigene, künftige Familienplanung eine bindungsfähigere, solidere Basis mit. Ihre Persönlichkeit ist nachweislich selbstsicherer und stabiler.“ (Eva Herman: „Emanzipation – ein Irrtum“, Cicero Mai 2006)
Mit ihrem Cicero-Artikel hatte Eva Herman schon im Mai ihr Programm ausgelegt und ihrem Buch „Das Eva Prinzip“ im Vorfeld die nötige mediale Beachtung verschafft. So räumt sie darin nun wenig überraschend wieder auf mit den „Lebenslügen des Feminismus“, mit der „Sucht nach Selbstbestätigung“ und dem „Teufelskreis der Selbstfindung“. Auch wenig überraschend ist die Pointe der Einverdienerfamilie mit einer Hausmutter, die sich in den ersten Jahren ausschließlich Kind und Familie widmet. Interessant ist, mit welcher Beharrlichkeit Herman in der „Wir Frauen“- Perspektive ihr Eva-Prinzip in ihrer eigenen Biografie, der anderer Frauen und der „Bindungsforschung“ auffindet.
Der Schlüssel liegt für Herman im „geleugneten Unterschied“ zwischen Adam und Eva: „Das Zusammenspiel von jahrtausendelang erprobten Tätigkeiten, die grundsätzlich jeweils eher von Männern oder Frauen bevorzugt wurden, haben deutlich erkennbare Vorlieben entstehen lassen.“ (Herman 2006: 82) Mit grotesk klischeehaften Beispielen wie dem leidenschaftlichen Schuhkauf von Frauen, den diese im Gegensatz zu Männern stundenlang betreiben können, begründet sie dabei den „anthropologischen Tatbestand“ des Unterschiedes zwischen Adam und Eva: „Weil Frauen über Jahrtausende hinweg Früchte gesammelt haben, weil sie vergleichen und sorgfältig auswählen. Das kostet Zeit.“ (Herman 2006: 83) An anderer Stelle zitiert sie aus dem Brief einer zweifachen Mutter, die durch Hermans Cicero-Artikel angeregt, von ihrem Entschluss berichtet, trotz materieller Probleme zukünftig das Glück einzig in ihrer Mutterrolle zu finden. Auch bei ihr verortet sie dann pfeilschnell das Eva Prinzip: „Es verbindet uns Menschen ohne die Frage nach einem bestimmten Entgelt. Es schenkt Liebe und Sicherheit, Treue und Zuverlässigkeit. Verabschieden wir uns vom Ich. Wir Frauen haben alle Gaben, die wir dafür brauchen. Wir müssen nur den Mut haben, sie zu entdecken und sie zu leben, wie diese Mutter aus Bayern.“ (Herman 2006: 59)
In der Verlagsankündigung zu Hermans Buch heißt es: „Ein mutiges, überzeugendes Buch, das das Leben jeder Frau verändern wird – und vielleicht auch das Leben einiger Männer.“ (www.pendo.ch) Und darin liegt dann auch ein nicht unerhebliches Problem. Eva Herman hat ein Wir-Frauen-Buch geschrieben, das sie für Männer letztlich selbst unlesbar macht. Denn ein Jäger braucht weder ein „Wickel-Volontariat“, noch ein Buch, das eine „neue Weiblichkeit“ im Titel führt. Bleiben also nur die „Frauenversteher“. Doch für die sieht es laut Herman auch nicht gut aus. So berichtet sie vom Lehrer Kai, der zwar ein „echter Frauentyp“ ist, aber es seit Jahren nicht schafft, längere Beziehungen mit Frauen auszuhalten. In einer „schwachen Stunde“ verriet er der Autorin, dass er sexuell regelmäßig „versage“. Sein Problem: die dominante Mutter. So empört sich Herman denn auch über die Folgen der gewaltsamen Softie-Erziehung:
„So weit ist es also gekommen, dachte ich. Frauen dürfen schon lange keine Frauen mehr sein, wenn man den Thesen des Feminismus folgt, und nun dürfen auch die Männer keine Männer mehr sein! Wollen wir das wirklich? Vermännlichte Frauen und verweiblichte Männer? Wem nützt das eigentlich? War das der Sieg, den die Feministinnen im Sinn hatten? Starke Frauen und schwache Männer? (Herman 2006: 226)
Das Erstaunliche an Eva Hermans publizistischen Feldzügen ist die Konsequenz, mit der sie ihr eigenes Leben einbezieht. In Schirrmachers „Minimum“ würde einem vollends die „Elementargewalt“ der Familie entgleiten, müsste man über sein Privatleben nachdenken. Herman geht dagegen so weit, sogar über ihre körperlichen Veränderungen wie Haarausfall und Gewichtsverlust nach der Trennung von dem Vater ihres Kindes zu berichten. Damit löst sie ein Klischee ein, das beide beharrlich verstärken: die Frau ist als Mutter sichtbar – eine verletzliche aber feste emotionale Größe –, der Mann als Vater bleibt dagegen unscharf, er ist eine ungewisse Größe. Es fragt sich also, wem Eva ihren Apfel der Versöhnung eigentlich anbieten will.

Pater incertus est – Der Familienroman des ungewissen Vaters
Sigmund Freud hat 1909 in seinem kurzen Text „Der Familienroman der Neurotiker“ den „ungewissen Vater“ (pater incertus) als eine Quelle neurotischer Phantasien ausgemacht. Laut Freud können sich die kindlichen Spiele der Imagination heldenhafter Eltern insbesondere in der Vorpubertät und Pubertät durch die sexuelle Rivalität zwischen Sohn und Vater sowie Mutter und Tochter zu neurotischen Phantasien entwickeln. Und hier kommt bei Freud eine für die Zeit und sein eigenes Familienbild typische Konstellation heraus: „Kommt dann die Kenntnis der verschiedenartigen sexuellen Beziehungen von Vater und Mutter dazu, begreift das Kind, daß pater semper incertus est, während die Mutter certissima ist, so erfährt der Familienroman eine eigentümliche Einschränkung: er begnügt sich nämlich damit, den Vater zu erhöhen, die Abkunft von der Mutter aber als etwas Unabänderliches nicht weiter in Zweifel zu ziehen.“ (Freud 1999: 229 f.)
Die für Eltern erschreckende Rigorosität mildert Freud in eine „scheinbare“ ab: „Es ist nur scheinbare Treulosigkeit und Undankbarkeit; denn wenn man die häufigste dieser Roman-phantasien, den Ersatz beider Eltern oder nur des Vaters durch großartigere Personen, im Detail durchgeht, so macht man die Entdeckung, daß diese neuen und vornehmen Eltern durchwegs mit Zügen ausgestattet sind, die von realen Erinnerungen an die wirklichen niederen Eltern herrühren, so daß das Kind den Vater eigentlich nicht beseitigt, sondern erhöht. (…) Die Überschätzung der frühesten Kinderjahre tritt also in diesen Phantasien wieder in ihr volles Recht.“ (Freud 1999: 231)
Liest man die Vorlagen für das Elterngeldgesetz, die Ausführungen zu den überhöhten Müttern bei Schirrmacher und Herman, gewinnt der Aspekt des Familienromans als emotionale Überlebensstrategie auch heute einige Plausibilität. Man kann ihn auch als Lektürehilfe ansehen, um sich zumindest von der emphatischen Wucht bei Schirrmacher und Herman etwas zu entlasten. Denn die Siedler-Trecks und Jäger passen recht gut in die Romanwelt Freuds. Mit den Familienmodellen, die von der Leyen entwirft, sieht es dann schon etwas schwieriger aus. Nicht umsonst wird sie immer wieder gefragt, ob sie ihren Kindern denn eine „gewisse“ Mutter sein kann. Da endet dann meistens auch die PR-Strecke.
In der in den Medien hoch gekochten Debatte zeigt sich ein Mechanismus der Massenkommunikation, den die in Israel lehrende Soziologin Eva Illouz 2004 in ihren Adorno-Vorlesungen thematisiert hat:
„Das Modell der Kommunikation zerrt Beziehungen also in entgegen gesetzte Richtungen: Einerseits werden die Beziehungen bestimmten Prozeduren des Sprechens untergeordnet, die auf eine Neutralisierung der emotionalen Dynamik von Gefühlen wie Schuld, Wut, Ressentiment, Scham oder Frustration hinauslaufen; andererseits intensiviert Kommunikation Subjektivismus und Emotionalisierung, da sie uns dazu bringt, unsere Emotionen allein aufgrund der Tatsache ihres Ausdrucks mit einer eigenen Geltung auszustatten.“ (Illouz 2006: 63)
In den öffentlichen Diskussionen über Beziehungen diagnostiziert Illouz eine Vermischung der „kulturellen Diskurse der Therapie, der ökonomischen Produktivität und des Feminismus“ (Illouz 2006: 60). Es ist vielleicht diese Mischung, die einem die heute jungen Eltern angetragenen Beziehungsmuster für eine glückliche Klein- oder Großfamilie so fiktiv erscheinen lassen, auch wenn sie beharrlich mit biografischen Details – vornehmlich von Müttern – angereichert werden. Keiner dieser „Familienromane“ lässt sich wirklich (nach-) leben.
Ein Meister unlebbarer Familienromane ist Michel Houellebecq. Er macht nicht die Versöhnung, sondern das Leid zu seinem poetischen Leitfaden – eine Bestseller-Strategie.

Eine Reihe nicht zerstörungsfreier Tests

In Houellebecqs Manifest „Lebendig bleiben. Leitfaden“ ist das Leid die Richtschnur des Dichters – zu seinem Ursprung muss er zurückkehren: „Es gilt, den Abgrund des Liebesmangels ganz und gar auszuloten.“ (Houellebecq 2006: 11) Und das klingt dann so: „Henri ist ein Jahr alt. Er liegt am Boden, seine Windel ist voll; er schreit. Seine Mutter geht immer wieder mit klackenden Absätzen durch den gefliesten Raum, sie sucht ihren BH, ihren Rock. Sie hat es eilig, zu ihrem abendlichen Rendezvous zu kommen. Dieses kleine verschissene Ding, das da auf den Fliesen zappelt, geht ihr enorm auf die Nerven. Sie fängt ebenfalls an zu schreien. Henri schreit umso lauter. Dann geht sie. Ein geglückter Start für Henris Dichterlaufbahn.“ (Houellebecq 2006: 8)
Für Houellebecq ist das Leben „eine Serie von nicht zerstörungsfreien Tests“ (Houellebecq 2006: 11). Von ihm kann man lernen, dass man diese Tests selbst machen muss.
Familienromane zu lesen und zu schreiben, ist, wie Freud gezeigt hat, eine emotionale Überlebensstrategie – sich in sie zu fügen, nicht. Es ist letztlich egal, ob man in einer realen oder einer fiktiven Familie lebt, solange es die eigene ist. Das gilt es bei der Beantragung von Elterngeld genauso zu bewahren wie beim Kauf von Kondomen.

Literatur
Illouz, Eva 2006. Gefühle in Zeiten des Kapitalismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp
Freud, Sigmund 1999. Gesammelte Werke. Bd. VII. Frankfurt am Main: Fischer
Herman, Eva 2006. Das Eva Prinzip. Für eine neue Weiblichkeit. München und Zürich: Pendo
Houellebecq, Michel 2005. Die Möglichkeit einer Insel. Köln: Dumont
Houellebecq, Michel 2006 [1997/1998]. Lebendig bleiben. Köln: Dumont
Schirrmacher, Frank 2006. Minimum. Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gemeinschaft. München: Blessing


Andreas Galling-Stiehler
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