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Lutz Huth

Heft 136: RepräsentationHeft 136 38. Jahrgang Frühjahr 2007 11 €


Repräsentation

Inhaltsverzeichnis

Repräsentation in Politik, Medien und Gesellschaft

Die Geschichte, die den stehenden Ausdruck vom Gordischen Knoten begründet, überliefert Plutarch (115: No. 18, 23 f.): In Gordion wird Alexander d. Gr. ein Wagen gezeigt, „der mit dem Bast von Kornelkirschen zusammengebunden war.“ Dazu ging die Sage, daß „derjenige, der den Knoten löse, dazu bestimmt sei, König über die ganze Erde zu werden.“ Da Alexander die Knotenenden nicht sehen und den Knoten daher nicht lösen konnte, zerschlug er diesen mit seinem Schwert. 1789 wird zu Beginn der Französischen Revolution die Erklärung der Menschenrechte beschlossen, deren Zustandekommen nach den Vorschriften ebendieser Rechte ausgeschlossen wäre.
Beide Ordnungen verdanken ihr Entstehen also Bedingungen, die sie selbst nicht zulassen könnten; in der Formulierung von Carl Schmitt: „ […] und (um es paradox zu formulieren) die Autorität beweist, daß sie, um Recht zu schaffen, nicht Recht zu haben braucht“ (1922a: 20) – eine Spezifikation des bekannten Satzes: „Souverän ist, wer über den Ausnahmenzustand entscheidet“ (ebd.: 11).
Paradoxie der Herrschaft
Die Aufmerksamkeit für das hier erkennbare Problem, das Paradoxe des Herrschaftsbegriffs, hat, in unterschiedlichen Schattierungen, eine lange Tradition: von Ibn Khaldûn (1377: 41) über Pufendorf, Fichte (1813: 450 ff.) und Moltke bis zu Benjamin und Derrida.
In seiner allgemeinsten Form gewinnt dieses Paradox in der Systemtheorie von Niklas Luhmann Gestalt: Es tritt immer dann auf, wenn die Leitdifferenz eine sozialen Systems auf diese selbst angewandt wird. Die Leitdifferenz jeder politischen Ordnung ist die Unterscheidung zwischen Recht und Unrecht; auf sich selbst angewandt führt dies zu der Frage, ob diese Unterscheidung nun recht oder unrecht ist. Mehr oder weniger lose verbunden mit diesem Paradox des Politischen sind mehrere andere: Der Staat hat, spätestens seit Hobbes, den Zweck, jene Sicherheit für seine Bürger zu gewährleisten, die für deren individuelle Entfaltung erforderlich ist; zu diesem Zweck muß er ggf. zu Maßnahmen greifen, die genau diese Entfaltung einschränken. Oder, in einer parlamentarischen Demokratie: Wen vertritt der Abgeordnete? Sein eigenes Gewissen (Art. 38 Abs. 1 GG)? das ganze Volk (Art. 38 Abs. 1 GG)? seine Partei (Art. 21 Abs. 1 GG)? Oder, das Paradox der Souveränität: Nach dem Selbstverstädnis einer parlamentarischen Demokratie ist das Staatsvolk der Souverän, so daß die Konstellation eintreten kann, daß die gewählten Deputierten und die gewählte Regierung Souveränitätsrechte gegen den Souverän ‹Volk› ausüben können.
Läßt man sich darauf ein, daß es Religion mit der Unterscheidung zwischen gut und böse zu tun hat, dann mündet dies in die Frage, ob diese Unterscheidung denn selbst gut oder böse ist, und endet beim Theodizee-Problem, bei Hiob, der Versuchung Christi, bei Judas oder dem Teufel Iblis. Spätestens seit Géricaults Floß der Medusa (1818) ist die Unterscheidung ‹schön/nicht schön› als Leitdifferenz der Kunst hinter die zwischen Konvention und Innovation zurückgetreten. Bezieht man diese auf sich selbst, so gerät man zur Konventionalität der Innovation oder zum Innovativen des Konventionellen.
Geheimnisse und Entparadoxierung
Um zu vermeiden, daß diese Paradoxe die Alltagsgeschäfte der Systeme blockieren, sind sie zu Geheimnissen erklärt worden: arcana Dei, acana Imperii oder Regis, arcana naturæ (vgl. Spitznagel 1998: 27); so in den staatstheoretischen Schriften des Barock, der beginnenden Aufklärung.
Es gibt Geheimnisse, die entdeckt, gelüftet oder verraten werden können; und es gibt, zunächst in den Hochreligionen, Geheimnisse, Mysterien, die als prinzipiell unlösbar gegedacht werden. Nach römischer Theologie enthält die Offenbarung die Geheimnisse des Göttlichen. Hierzu gehören die Trinität, Gottes Menschwerdung und die übernatürliche Gnade (vgl. Rahner 1963a: 596).
Das Widersprüchliche, das Paradox wird für das alltägliche Handeln isoliert, indem es ein Geheimnis bleibt, und dadurch neutralisiert. Man weiß zwar, daß da noch etwas ist; aber auch, daß, solange nicht daran gerührt wird, die Dinge ganz normal weiterlaufen können. Man kennt das von Familiegeheimnissen und kann bei Ibsen oder T.S. Eliot, neuerdings auch bei Angelika Kallwass erfahren, was dabei herauskommt, wenn man zu genau nachfragt. Das Geheimnis ist der Versuch einer rationalen Domestizierung des Paradoxes: „Das Heilige wird als Geheimnis, also als Verbot oder als Unmöglichkeit einer die Sache bestimmenden Kommunikation dargestellt. Und das neugierige Nachfragen (curiositas) wird untersagt oder entmutigt mit der Auskunft, man würde nur triviale Ergebnisse erzielen, die erkennen lassen, daß man am Wesentlichen vorbeigegriffen habe“ (Luhmann 2000b: 81).
Im Vorfeld der Aufklärung kommt es zu einer Unterscheidung „zwischen den Arcana der Republik – die auf Erhaltung der gegenwärtigen Form des Gemeinwesens abheben – und den Arcana der Herrschaftsausübung – die zur Sicherheit derjenigen gehören, die die Stelle des Fürsten im Staat innehaben […]“ (Besold 1623: II.ix, S. 229). Letztere fallen nach neuzeitlichem Sprachgebrauch unter den Begriff des Herrschaftswissens; sie entsprechen dem, was heute unter dem Terminus Staatsgeheimnis verstanden wird und für das, um es zu erkunden, Spione tätig werden: die Finanzlage, Beratungen und Verträge mit anderen Staaten, Aufmarschpläne, &c. (vgl. z.B. Friedrich d. Gr. 1748: 35; 79 f.); ihre Entsprechung finden sie im Betriebsgeheimnis von Wirtschaftsunternehmen.
Geheimnisse dieser Art gehören zum taktischen Arsenal rationaler Herrschaftsausübung. Anders die arcana regni Pufendorfs, die Arcana der Republik bei Besold, also die arcana imperii im engeren Sinne. Es handelt sich um Geheimnisse, die, wie die der Religion, prinzipiell nicht entdeckt werden können; auf sie konzentriert sich im folgenden das Interesse.
Die im Absolutismus anzutreffende Vorstellung von den Mysterien des Staates hat ihre Wurzeln im Mittelalter. Sie ist ein später Sproß jener Vermischung von Geistlichem und Weltlichem, die als Ergebnis der unendlichen Wechselbeziehungen zwischen Kirche und Staat im gesamten Mittelalter zu finden ist […]. (Kantorowicz 1955: 263)
Äußerst detailliert weist Kantorowicz in seinem Artikel „Mysterien des Staates“ von 1955 den Prozeß des Übergangs der arcana ecclesiæ (s.u.) in die arcana imperii des staatlich-rechtlichen Bereichs nach; seine Fortsetzung findet dieser Prozeß in der Diskussion um die politische Theologie Anfang des 20. Jahrhunderts (vgl. 265; Carl Schmitt 1922a).
Entparadoxierung durch Repräsentation
Das Geheimnis, rationaler Versuch zur Kontrollierbarkeit eines Paradoxes, verträgt sich indessen nur schlecht mit den Prinzipien der Vernunft, die nach der Transparenz aller gegen alle verlangt; Geheimnis, das ist Obscurantismus, betrieben „durch die für die Finsterniss interessirten Stände“ (Fichte 1798: 360). Das ist, mit dem Herbst des Mittelalters, die Stunde des Ästhetischen, der Kunst (vgl. statt vieler Alewyn/Sälzle 1959).
Im Folgenden soll für die These geworben werden, daß der Akt der Repräsentation dazu beiträgt, die als Geheimnisse gefaßten Paradoxien in den Letztbegründungen von Funktionssystemen zu neutralisieren, und zwar dadurch, daß sie diese in einer paradoxen Darstellung sinnlich-ästhetisch erlebbar machen. Gestützt wird diese Auffassung von Carl Schmitts Hinweis, daß die Römische Kirche ihre Überlebenskraft ihrer complexio oppositorum, ihrer Verknüpfung von Gegensätzen verdanke, die allein durch die Repräsentation des Papstes ermöglicht werde (1923: 14).
Die Bedeutungsrelation, die der Repräsentation zugrundeliegt, ist eine mythische, wie sie R. Barthes (1956) herausgearbeitet hat; es ist die, die Hegel erlebt hatte, als er am Tag nach der Katastrophe von 1806 an Niethammer schrieb: „[D]en Kaiser – diese Weltseele – sah ich durch die Stadt zum Rekognoszieren hinausreiten; es ist in der Tat eine wunderbare Empfindung, ein solches Individuum zu sehen, das hier auf einen Punkt konzentriert, auf einem Pferde sitzend, über die Welt übergreift und sie beherrscht“ (1952: 120). Es ist die vormoderne Zeichenrelation typologischen Denkens, die der Realpräsenz, die bis heute die römisch-katholische Volksfrömmigkeit mit dem Altarsakrament, dem Abendmahl verbindet.
In der Person des Herrschers und in repräsentativen Akten wird die Einheit von Transszendenz und Immanenz sinnlich erlebbar gemacht: etwa im venezianischen Fest der Hochzeit des Dogen mit dem Meer – hier eine Darstellung mit den Augen des Historismus (Abb. 1).
Dann in Herrscherdarstellungen wie Dürers Kaiser Maximilian oder Rigauds Ludwig XIV. Prunk, Glanz und Verschwendung sind die äußeren Kennzeichen dieser Repräsentation.
Die Parlamentseröffnung durch die Königin, Staatsakte und Beisetzungen führen dieses Verständnis bis in die Gegenwart fort. Denkwürdiges Beispiel ist ein Photo aus Paris Match vom 7. Dezember 1963 zur Teilnahme von General de Gaulle an der Beisetzung von Präsident Kennedy:
Dem Photographen gelingt es, in einem herausgehobenen Moment des Rituals den Präsidenten, General de Gaulle, als die zentrale lebende Person der Veranstaltung erscheinen zu lassen; man sieht: Hier steht Frankreich. Kaiser Haile Selassie seitlich fällt im Vergleich zum General trotz seines repräsentativen Habits deutlich ab. Geradezu auffällig unauffällig die beiden westdeutschen Vertreter, Bundespräsident Lübke und Kanzler Ehrhard. Die Perspektive des Photographen macht das Bild zu einer eigenständigen Repräsentation der Repräsentation Frankreichs.
Faszination und Erhabenes
Rezeptionsmodus dieser Art von Repräsentation ist die Faszination, deren Modell der widersprüchliche Eindruck ist, der vom Haupt der Medusa ausgeht: das Hinsehen-Müssen bei gleichzetigem Abgestoßen-Sein (vgl. Heinrich 1985). Es ist die Ästhetik des Erhabenen, wie sie von Burke, später dann von Kant, Schiller und F. Schlegel ausgearbeitet und neuerlich von Imdahl (1971) und Lyotard (1984 a; b) adaptiert wurde. In der übersichtlichen Formulierung von Schiller:
„Das Gefühl des Erhabenen ist ein gemischtes Gefühl. Es ist eine Zusammensetzung von Wehsein, das sich in seinem höchsten Grad als ein Schauer äußert, und von Frohsein, das sich bis zum Entzücken steigern kann und, ob es gleich nicht eigentlich Lust ist, von feinen Seelen aller Lust doch weit vorgezogen wird“ (1801: 352).
Es ist „eine Verbindung zweier widersprechender Empfindungen in einem einzigen Gefühl“ (ebd.). Es ist das Überwältigt-Werden durch das, „was über alle Vergleichung groß ist“ (Kant 1790: § 25) oder durch das Schreckliche und das anschließende Innewerden der eigenen Freiheit und Überlegenheit. In der Romantik, bei F. Schlegel und Novalis, wird dann der Gegenstand des Erhabenen, das Unendliche, Absolute oder Unbedingte selbst Paradox. Mit Bezug auf Barnett B. Newman spricht Lyotard vom „Paradoxon einer Darstellung, die nichts darstellt“ (1984b: 365).
Der Rezeptionsprozeß eines dergestalt Erhabenen kann nur augenblickhaft, epiphanisch sein und die momenthafte Reaktion eines rational nicht aufzulösenden Ja, so ist es! provozieren.
Das Überwältigt-Werden durch den repräsentativen Akt schafft kaum dauerhaft feste Überzeugungen. Er bedarf, wie das Ereignis der Eucharistie, der Wiederholung: regelmäßig als Staatsgründungs- oder Geburtstagsfeier des Souveräns; fallweise zu Übergangsanlässen des Monarchen wie Eröffnungen oder Einzug in eine Stadt.
Repräsentation ist die Transformation von Systemwidersprüchen ins Ästhetische.
Macht, Recht, Ästhetik und menschliches Maß
Für Carl Schmitt besteht Repräsentation in der Einheit von Macht, Recht/Institution und Ästhetik. Macht ist präsent durch den Verweis auf Gewalt, Recht/Institution durch den auf Ursprung und Tradition; paradigmatisch für Schmitt ist der Papst. Am Beispiel von Schwundstufen läßt sich dies verdeutlichen: Ohne Macht gerät die Darstellung zu Ludwig II., ohne Macht und Institution zu Rudolph Moshammer; ohne Ästhetik zur Macht-/Gewaltdemonstration oder zur Maschinerie einer anonymen Bürokratie. Leicht übersehen wird: Träger von Repräsentation ist der Mensch und damit das menschliche Maß eines der Kriterien ihrer Ästhetik. Vielleicht ist es nur eine private Assoziation, die die als erhaben diskutierten Bilder Newmans in eine Nähe zu Speers Lichterdom von 1936 rücken. Das ist dann jene Art von Größe, die, wie die Neue Reichskanzlei, die Germania-Planungen oder Iofans Palast der Sovjets, über jedes menschliche Maß hinausgeht und eher geeignet sind, Furcht oder Einschüchterung zu hinterlassen.
Damit ist ein eigenständiger, am Absolutismus orientierter Begriff von Repräsentation skizziert, der bis in den alltäglichen Sprachgebrauch der Gegenwart hineinreicht und der ihn von Propaganda oder PR-Maßnahmen ebenso unterscheidet wie vom Mummenschanz der Spaßgesellschaft, die auf die ungustiöse Vorstellung von Politikern zum Anfassen hinausläuft.
Sichtbarkeit des Staates
Mit fortschreitender Aufklärung und damit funktionaler Differenzierung der Gesellschaft, mit der sich herausbildenden Industrialisierung und den damit verbundenen sozialen Spannungen, mit der Französischen Revolution, dem Schwinden der Plausibilität einer Einheit von Immanenz und Transzendenz sowie der Zuverlässigkeit tradierter Zeichenrelationen (Novalis 1798/99: No. 685) wird die Sichtbarkeit zum Problem – bei F. Schlegel, bei Novalis, bei Fichte: die Sichtbarkeit des Absoluten, des Unendlichen, der Idee als „absolute Synthesis absoluter Antithesen“ (Schlegel 1798: 39), des Staates (Novalis 1798a: No. 19; vgl. Klinger 2002). Die theoretischen Verzweigungen dieses Gedankens würden hier zu weit führen; was interessiert, sind die praktischen Konsequenzen dieser Forderung, wie sie Novalis in seiner Schrift Glaube und Liebe oder Der König und die Königin zum Regierungsantritt von Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise formuliert. Nachdem die üblichen Zeichen der Repräsentation ihre Bedeutungskraft verloren haben, ist es die Liebe in allen Bedeutungsvarianten des Wortes, die die Idee des Staates sichtbar werden läßt: die Liebe zwischen König und Königin, die in ihrer Familie, die zwischen König/Königin und Untertanen/Bürgern und die unter diesen, so daß am Ende jeder Bürger Repräsentant des Staates sein wird. Alle Widersprüche und Paradoxien sind in dieser Liebe aufgehoben. Vertieft findet sich dieser Gedanke dann in Fichtes Staatslehre (1813: 481 ff.). Damit repräsentiert die königliche Familie und besonders die Königin den als große Familie gesehenen Staat. Nur folgerichtig, wenn Novalis Schadows ein Jahr zuvor entstandene Skulptur der Prinzessinnen Luise und Friederike von Preußen als Anlaß für einen dem Gottesdienst vergleichbaren Königsdienst empfiehlt (1798a: No. 31).
Die Sichtbarkeit des Staates in der Familie des Monarchen wird zu einem der leitenden Motive im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts, begünstigt durch Innovationen bei den Druckverfahren und damit durch die massenhafte Verbreitung von deren Erzeugnissen; so in dem Band von Röchling, Knötel und Friedrich, dessen Bilder später bis ins erste Drittel des 20. Jahrhunderts als Reklame-Sammelbilder kursierten (Abb. 3).
Hervorragender und immer wieder bildlich dokumentierter Anlaß für die Verbindung von Familie und Politik war der Frieden von Tilsit 1807 und das Treffen von Königin Luise und Napoléon, hier auf einer Postkarte Ende des 19. Jahrhunderts.
Allerdings: Die Liebe des Monarchen verdrängte nicht endgültig die Zeichen der Macht, vor allem nicht nach der Reichseinigung von 1871. In dem Band von Achenbach et al. (1913) findet man nur Abbildungen wie die folgenden.
Die Repräsentation des Staates durch die Familie des Monarchen war nicht auf Preußen bzw. Deutschland beschränkt. Eine Weihnachtskarte aus dem Victoria & Albert Museum zeigt eine vergleichbare Szene.
Damit haben sich zwei Formen staatlicher Repräsentation bis in die Gegenwart gehalten: die der absolutistischen und die der romantischen Tradition; für die letztere ein neueres Beispiel (Bunte/SAT.1: 1997). (Abb. 9)
Beide Varianten greifen zurück auf eine Ikonographie vormoderner Verhältnisse.
Und heute?
Im vernünftig-pragmatischen Staat ist alles transparent; Geheimnisse, so Anspruch und politisches Selbstverständnis, gelten als abgeschafft, womit sich auch jede Repräsentation erübigt. Tatsächlich abgeschafft ist aber wohl nur die Unterscheidung, so daß der Satz Nichts ist geheim ebenso wahr ist wie Alles ist geheim.
Dieses Dilemma hat Cornelia Klinger präzise benannt:
Kein Gemeinwesen ist der Möglichkeit der symbolischen Repräsentation seiner Identität und Einheit aufgrund seines spezifischen Charakters mehr entgegengesetzt als der moderne Staat und gleichzeitig bedarf kein anderes Gemeinwesen der symbolischen Repräsentation in höherem Masse als das moderne. (Klinger 2002: 223 f.)
Und sie stellt hinreichend Gründe für jede der beiden Positionen zusammen, die hier nicht wiederholt werden müssen.
Auch den Wohlmeinenden unter den Verächtern repräsentativer Auftritte ist bewußt, daß mit einem beherzten Schwamm drüber in Deutschland nicht auf frühere Formen zurückgegriffen werden kann; selbst die Familie der Königin hat zunehmend Schwierigkeiten, den Staat als Familie zu repräsentieren, wenn auch immer noch hinreichend Glanz für integrative Effekte.
Mit der Beteiligung von Deputierten an Gesetzgebung und Regierung, also bereits mit dem Auftreten von Ständevertretungen, haben sich die rechtlichen Grundlagen von Repräsentation verändert; repräsentiert wird nicht mehr die politische Einheit sondern eine Menge von deren Segmenten. Mit der parlamentarischen Demokratie sind selbst diese Segmente in den Hintergrund getreten; darauf hat bereits F. Schlegel aufmerksam gemacht:
Der Deputierte ist etwas ganz anderes als der Repräsentant. Repräsentant ist nur, wer das politische Ganze in seiner Person, gleichsam identisch mit ihm, darstellt, er mag nun gewählt sein oder nicht; er ist wie die sichtbare Weltseele des Staats. (1798: 65 f.)
Das zieht weitere Fragen im Vorfeld nach sich, u.a.: Was ist zu repräsentieren? Der Staat mit einer Doppelspitze von Regierung und Opposition, die von Zeit zu Zeit ihre Rollen tauschen, wohl kaum; und im übrigen, weil er dabei ist, in größeren politischen Einheiten aufzugehen. Gelegentlich ist vom Verfassungspatriotismus die Rede, das mag man sich als die transzendentale Fortschreibung der romantischen Idee oder des Unendlichen vorstellen, aber repräsentative Bilder oder Akte fallen dazu nicht ein. Wer ist Repräsentant? Es ist die Frage nach der Person des Souveräns. Wie steht es mit der Rezeptionsbereitschaft repräsentativer Aktivitäten? Damit verbunden ist die Frage nach einer resonanzfähigen Ästhetik.
Während der Begriff repräsentativer Akte an einem präsenten Publikum gebildet wurde, hat die Allgegenwärtigkeit des Fernsehens deren Rahmenbedingungen radikal verändert. Nicht nur lassen sich repräsentative Akte zu Hause verfolgen; entscheidender dürfte sein, daß eine Wechselbeziehung zwischen Fernsehrezeption und Präsenz vor Ort entsteht. Bei der Maueröffnung 1989 war das zu beobachten; die Fußballweltmeisterschaft 2006 wurde zu einem Zusammenspiel und fortgesetztem Rollentausch von Akteuren und Publikum. Nachdem Liebe und Glaube repräsentationsuntauglich geworden sind, bliebe damit die Hoffnung, daß sich bei solchen Gelegenheiten, einen Traum der Romantik erfüllend, das Volk punktuell selbst repräsentiert.
Literatur
Achenbach, Adolf v. et al. (1913): Unser Kaiser. Fünfundzwanzig Jahre der Regierung Kaiser Wilhelms II. 1888 – 1913. Berlin/&c.: Bong & Co. 1913.
Alewyn, Richard / Karl SÄLZLE (1959): Das große Welttheater. Die Epoche der höfisachen Feste in Dokument und Deutung. rde 92. Hamburg: Rowohlt 1959.
Barthes, Roland (1956): „Der Mythos heute“. R.B.: Mythen des Alltags. es 92 (Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1964), S. 85 – 151.
Benjamin, Walter [1921a]: „Zur Kritik der Gewalt“. Gesammelte Schriften. Hgg. Rolf Tiedemann/Hermann Schweppenhäuser. Bd. II.1. Werkausgabe 4 (Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1980), S. 179 – 203.
Besold, Christoph (1623): Synopse der Politik. Bibliothek des deutschen Staatsdenkens 9. Frankfurt a.M./Leipzig: insel 2000.
Bunte/Sat 1 (1997): Diana. Die Königin der Herzen. Bunte Extra 2. München: Bunte 1997.
Derrida, Jacques (1990): Gesetzeskraft. Der ‹mystische Grund der Autorität›. es 1645. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1991.
Fichte, Johann Gottlieb (1798): „Das System der Sittenlehre nach den Principien der Wissenschaftslehre“. J.G.F.: Sämmtliche Werke IV. Hg. J.H. Fichte (Leipzig: Mayer & Müller 1844), S. 1 – 365.
Fichte, Johann Gottlieb (1813): „Die Staatslehre, oder über das Verhältnis des Urstaats zum Vernunftreiche, in Vorlesungen, gehalten im Sommer 1813 auf der Universität zu Berlin“. J.G.F.: Sämmtliche Werke IV. Hg. J.H. Fichte (Leipzig: Mayer & Müller 1844), S. 367 – 600.
Friedricch. d. Gr. (1748): „Die Generalprinzipien des Krieges und ihre Anwendung auf die Taktik und Disziplin der preußischen Truppen“. Militärische Schriften. Hg. Gustav Berthold Volz. Die Werke Friedrichs des Großen 6 (Berlin: Reimar Hobbing 1913), S. 3 – 86.
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (1952): Briefe von und an Hegel. Band I: 1784 – 1812. Hg. Johannes Hoffmeister. PhB 235. 3. Aufl., Hamburg: Meiner 1969 [Lizenzausgabe Bad Harzburg: Taubert 1991].
Heinrich, Klaus (1985): „Das Floß der Medusa“. Faszination des Mythos. Studien zu antiken und modernen Interpretationen. Hg. Renate Schlesier (Basel/Frankfurt a.M.: Stroemfeld/Roter Stern 1985), S. 335 – 398.
Ibn Khaldûn, Abd-ar Rahmân Abû Zayd ibn Muhammad ibn Muhammad (1377): The Muqaddimah. Einl. u. 1. Buch von Kitâb al-‘Ibar. Übers. Franz Rosenthal. Hg. u. gekürzt N.J. Dawood. Bollingen Series. 9th. pr., Princeton: UP 1989.
imdahl, Max (1971): „Barnett Newman. Who‘s afraid of red, yellow and blue III“. Zur Kunst der Moderne. Gesammelte Schriften 1. Hg. Angeli Janhsen-Vukicevic. stw 1235 (Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1996), S. 244 – 273.
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Kantorowicz, Ernst H. (1955): „Mysterien des Staates. Eine absolutistische Vorstellung und ihre Ursprünge im Spätmittelalter“. E.H.K.: Götter in Uniform. Studien zur Entwicklung des abendländischen Königtums (Stuttgart: Klett-Cotta 1998), S. 263 – 289.
Kantorowicz, Ernst H. (1957): Die zwei Körper des Königs. Eine Studie zur politischen Theologie des Mittelalters. Stuttgart: Klett-Cotta 1992.
Klinger, Cornelia (2002): „Corpus Christi, Lenins Leiche und der Geist des Novalis, oder: Die Sichtbarkeit des Staates“. Quel Corps? Eine Frage der Repräsentation. Hgg. Hans Belting/Dientmar Kamper/Martin Schulz (München: Fink 2002), S. 219 – 232.
Luhmann, Niklas (2000b): Die Religion der Gesellschaft. Hg. André Kieserling. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2000.
Lyotard, Jean-François (1984a): „Das Erhabene und die Avantgarde“. Die Botschaft des Merkur. Eine Anthologie aus fünfzig Jahren. Hgg. Karl Heinz Bohrer/Kurt Scheel (Stuttgart: Klett-Cotta 1997), S. 322 – 335.
Lyotard, Jean-François (1984b): „Der Augenblick. Newman“. Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik. Hgg. Karlheinz Barck/Peter Gente/Heidi Paris/Stefan Richter RB 1352 (Leipzig: Reclam 1990), S. 358 – 369.
Moltke, Helmuth von (1880): „Antwort [an Geheimrath Prof. Bluntschli], 11. Dezember 1880“. H.v.M.: Briefe des General-Feldmarschalls Grafen Helmuth von Moltke, zweite Sammlung, und Erinnerungen an ihn. Gesammelte Schriften und Denkwürdigkeiten 5 (Berlin: E.S. Mittler und Sohn 1892), S. 194 – 197.
Novalis, [Friedrich von Hardenberg] (1798a): „Glaube und Liebe oder Der König und die Königin“. Schriften. Zweiter Band. Hgg. Richard Samuel/Hans-Joachim Mähl/Gerhard Schulz (3. Aufl., Stuttgart: Kohlhammer 1981), S. 473 – 498.
Novalis, [Friedrich von Hardenberg] (1798b): „Vermischte Bemerkungen/Blüthenstaub“. Schriften. Zweiter Band. Hgg. Richard Samuel/Hans-Joachim Mähl/Gerhard Schulz (3. Aufl., Stuttgart: Kohlhammer 1981), S. 412 – 471.
Novalis, [Friedrich von Hardenberg] (1798/99): „Das Allgemeine Brouillon (Materialien zur Enzyklopädistik 1798/99“. Schriften. Dritter Band. Hgg. Richard Samuel/Hans-Joachim Mähl/Gerhard Schulz (2. Aufl., Darmstadt: WB 1968), S. 207 – 478.
Plutarch (115): „Alexander“. P.: Alexander – Caesar. Universal-Bibliothek 2495 (Stuttgart: Philipp Reclam jun. 2001), S. 3 – 114.
Pufendorf, Samuel von (1667): Die Verfassung des Deutschen Reiches [Severini de Monzambano Veronensis, De Statu Imperii Germanici. Liber unus]. Bibliothek des deutschen Staatsdenkens 4. Frankfurt a.M./Leipzig: Insel 1994.
Rahner, K[arl] (1963a): „Geheimnis“. Lexikon für Theologie und Kirche. Bd. 4. Hgg. Josef Höfer/Karl Rahner (Repr., Freiburg: Herder 1986), Sp. 593 – 598.
Rahner, K[arl] (1963b): „Repräsentation“. Lexikon für Theologie und Kirche. Bd. 8. Hgg. Josef Höfer/Karl Rahner (Repr., Freiburg: Herder 1986), Sp. 1244 f.
Röchling, Carl / Richard Knötel/W. Friedrich (1896): Die Königin Luise in 50 Bildern für Jung und Alt. Berlin: Paul Kittel 1896.
Schiller, Friedrich v. (1801): „Ueber das Erhabene“. F.v. SCH.: Sämmtliche Werke mit Stahlstichen. Zwölfter Band (Stuttgart/Tübingen: Cotta 1836), S. 346 – 369.
Schlegel, Friedrich (1797): „Über das Studium der griechischen Poesie“. Fr. SCH.: Schriften zur Literatur. Hg. Wolfdietrich Rasch. dtv 2148 (2. Aufl., München: dtv 1985), S. 84 – 192.
Schlegel, Friedrich (1798): „Athenäums-Fragmente“. Fr. SCH.: Schriften zur Literatur. Hg. Wolfdietrich Rasch. dtv 2148 (2. Aufl., München: dtv 1985), S. 25 – 83.
Schmitt, Carl (1922): Politische Theologie. Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität. 4.Aufl., Berlin: Duncker & Humblot 1982.
Schmitt, Carl (1923): Römischer Katholizismus und politische Form. Nachdruck d. 2. Aufl. 1925, Stuttgart: Klett-Cotta 1984.
Spitznagel, Albert (1998b): „Einleitung“. Geheimnis und Geheimhaltung. Erscheinungsformen – Funktionen – Konsequenzen. Hg. Albert Spitznagel (Göttingen/&c.: Hogrefe 1998), S. 19 – 51.


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