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Andreas Galling-Stiehler

Heft 136: RepräsentationHeft 136 38. Jahrgang Frühjahr 2007 11 €


Repräsentation

Inhaltsverzeichnis

Hör endlich auf für andere zu sprechen!
Verdrängung und Repräsentation

Du kannst mich doch nicht nur lieben, weil ich genau das repräsentiere, was jeder haben will. (…) Ich bin doch nicht nur das in dieser komplexen informellen Scheiße hier! René Pollesch, Telefavela (2004)
Und dann können die Kulturprekären eben auf die Unterschicht runterkucken und die ihre Handlungen entgegen nehmen lassen. (…) Hör endlich auf für andere zu sprechen! René Pollesch, Tod eines Praktikanten (2007)
„Danke, dass er mir beibrachte, die Worte ‘Ich kann nicht‘ aus meinem Wortschatz zu streichen“ – mit dieser Phrase bedankte sich Florian Graf Henckel von Donnersmarck bei dem früheren Schauspieler und jetzigem Gouverneur von Kalifornien, Arnold Schwarzenegger, als er im Februar diesen Jahres den Oscar für den besten nicht englischsprachigen Film in Händen hielt. Gekriegt hat ihn der Regisseur für den Film „Das Leben der Anderen“. Nicht wenige sagen „Deutschland hat den Oscar gekriegt“. Manche sagen „Wir haben ihn gekriegt“ – aber das sind die Anderen. Das „Stasi-Drama“ – eine Art „Desperate IMs“ oder „Sex and the Ministerium für Staatssicherheit“ – erzählt eine Geschichte, die wiederum nicht wenige, zumal im Osten Deutschlands, nicht gerade repräsentativ finden. Die Adressierung der Dankesworte Henckel von Donnersmarcks an Schwarzenegger hat diesen Eindruck nicht gemindert. Dass es durchaus denkbar sein könnte, dass auch ein Kulturminister zu DDR-Zeiten seine Macht dazu missbrauchte, um einen Nebenbuhler durch den Geheimdienst denunzieren zu lassen, damit er Sex mit einer Schauspielerin haben kann – das steht auf dem einen Blatt. Dass ein Verwandter des 1901 von Kaiser Wilhelm II. in den Fürstenstand erhobenen Industriellen Guido Henckel von Donnersmarck, ein Westler aus dem Bilderbuch, am Stasi-Tabu rüttelt und dazu die „Kulturschaffenden“ dieser Zeit mit einem sehr überschaubaren Maß an Talent ausstattet, steht auf einem anderen. Es hat sich wieder einmal gezeigt: „Wir sind das Volk“, „Wir sind Papst“, selbst „Wir sind Fußballweltmeister der Herzen“ – das alles will nicht wirklich bündig aufgehen mit dem „Wir“. Es ist also auch nicht leicht, uns zu repräsentieren.
Ein Konstruktionsproblem repräsentativer Demokratie
Wenn der Papst im vollen Ornat – dessen semiotische Codierung jeder Student der Katholischen Theologie mit korrespondierenden Bibelstellen dechiffrieren kann – im Vatikan Audienz hält, oder wenn die Queen im Oberhaus sich vor der Riege der Lords in schwerem Brokat auf ein Meisterwerk angelsächsischer Schnitzkunst niederlässt: Dann, ja dann ist da Repräsentation. Thron und Altar – ohne die haben wir es schwer, unsere „Repräsentanten“ ernst zu nehmen, sie überhaupt als solche identifizieren zu können. Was fühlt man als repräsentativer Demokrat, wenn unser Bundespräsident vor einer schlaffen Fahne die von dem Redenschreiber des Bundespräsidenten formatierte schlaffe Neujahrsbotschaft verliest? Wen fasziniert die Regierungserklärung der Bundeskanzlerin? Wer steht da und sagt: Das ist meine Stellvertreterin, die repräsentiert mich, den Souverän! Dass die Repräsentanten der repräsentativen Demokratie der BRD kein begeistertes Publikum mehr haben, hat viele Gründe. Die Meinungsforschung summiert das unter „Politikverdrossenheit“. Zu dieser griffigen Formel gehört die Figur des „authentischen Repräsentanten“ – ein Jemand, der nicht korrumpiert ist, nicht voll gepumpt mit den Interessen der Lobbyisten, kein Parteisoldat, keine mediale Kreation; ein Mensch mit festen Überzeugungen, Werten und Visionen. Diese Fiktion führt zu einem Konstruktionsproblem repräsentativer Demokratie: Wir sollen uns denen fügen, deren Souverän wir sind. Da tut es schon Not, die Gewaltenteilung als hohes Gut auch hoch zu halten und in der parlamentarischen Debatte den Interessenausgleich durch das Wechselspiel von Regierung und Opposition vor die Herrschaftsdarstellung zu rücken. Eine Krone für Köhler und ein Reichsapfel für Merkel würden das Darstellungsproblem nicht lösen. Das heißt aber nicht, dass die Deutschen sozusagen fertig sind mit der Repräsentation. Im Gegenteil: Wir sind in einem zuvor nicht gekannten Maße den Botschaften von Repräsentanten ausgesetzt – kein Tag ohne „Statements“, kein Tag ohne frische „Leitbilder“. Die Diskussion um die Privilegien einer Manager-Elite und ein von sozialem Aufstieg abgehängtes „Prekariat“ haben deutlich gemacht, dass die Frage der Repräsentation weit über das Politische hinausgeht. Die tragische Figur des Ex-VW-Personalchefs und Kanzlerberaters Peter Hartz, der sich in diesem Jahr wegen der Bestechung des VW-Betriebsrates vor Gericht verantworten musste, steht wie eine Ikone dafür. „Hartz IV“ (Arbeitslosengeld II) zu empfangen, ist in der öffentlichen Diskussion fast zu einem Synonym für Exklusion geworden. Das bleibt in doppelter Weise erstaunlich: zum einen stammte die Idee der Zusammenlegung von Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe zum ALG II von einem damals etablierten Repräsentanten der Wirtschaft – deshalb wurde sie der „Ehre halber“ auch nach ihm benannt. Zum anderen dokumentiert der ALG II-Bezug qua Gesetz Zugehörigkeit. Trotzdem fühlen sich viele nicht vertreten, eher verdrängt.
Es wuchert im Dunkeln
Das mediale Interesse am Prozess von Peter Hartz galt vor allem seiner Person. Der vor Gericht geschlossene Vergleich stand in diesem Interesse weit hinter dem Auftritt des Menschen Hartz – dem „gefallenen“ Repräsentanten. Die Fotografen versuchten, den körperlichen Abdruck dieses Falls einzufangen. Dieses Interesse am Körper kann man als einen Schlüssel zum Verständnis von Repräsentation verstehen, folgt man Ernst H. Kantorowicz und seinem in diesem Zusammenhang (und in diesem Heft) viel zitierten Werk „Die zwei Körper des Königs. Eine Studie zur politischen Theologie des Mittelalters“ aus den fünfziger Jahren. Kantorowicz zitiert darin einen Streitfall des Herzogtums Lancaster aus der Mitte des 16 Jahrhunderts. Es ging um die Rechtmäßigkeit der Verpachtung königlichen Besitzes durch den damals noch minderjährigen Eduard VI., Vorgänger Königin Elisabeths. Die Kronjuristen stellten fest, „daß nach dem gemeinen Recht keine Handlung, die der König als König vollzieht, durch seine Minderjährigkeit annulliert werden kann. Denn der König hat in sich zwei Körper, nämlich den natürlichen (body natural) und den politischen (body political). Sein natürlicher Körper ist für sich betrachtet ein sterblicher Körper, der allen Anfechtungen ausgesetzt ist, die sich aus der Natur oder aus Unfällen ergeben, dem Schwachsinn der frühen Kindheit oder des Alters und ähnlichen Defekten, die in natürlichen Körpern anderer Menschen vorkommen. Dagegen ist der politische Körper ein Körper den man nicht sehen oder anfassen kann. Er besteht aus Politik und Regierung, er ist für die Lenkung des Volks und das öffentliche Wohl da.“ (Kantorowicz 1992: 29) An anderer Stelle verdeutlicht Kantorowicz das Bild der zwei Körper im absolutistischen Rechtsverständnis der Zeit an folgender Quelle: „Der König hat zwei Kapazitäten, denn er hat zwei Körper, von denen der eine ein natürlicher Körper ist, der aus natürlichen Gliedern wie bei jedem anderen Menschen besteht, und in diesem Körper unterliegt er den Leidenschaften und dem Tod wie andere Menschen: der andere ist ein politischer Körper, dessen Glieder seine Untertanen sind, und er zusammen mit seinen Untertanen bilden eine Korporation (…).“ (Kantorowicz 1992: 35)
Eine schlichte Übertragung auf den Fall Hartz: Der ehemalige VW-Personalchef am Hofe Bernd Pitschesrieder stürzt mit seinem zweiten Körper in den ersten. Peter Hartz steht da als jemand, der die jahrelange Praxis deckte, dass der Betriebsrat u. a. mit „Lustreisen“ bestochen wurde. Und da ein Bordellbesuch nun mal den „Leidenschaften des natürlichen Körpers“ zuzurechnen ist, gabs kein Halten im „politischen Körper“. Er war weder für das System Wirtschaft noch für das System Politik kommunikationspolitisch als Repräsentant „haltbar“.
Die Verdrängungsleistung, die „natürlichen Glieder“ zu „politischen“ zu machen, und das Scheitern daran – die Fehlleistungen also – sind schon immer ein Faszinosum der Repräsentation gewesen. Shakespeare wusste um seine bindende Wirkung – damit konnte eine Schauspieltruppe über die Dörfer ziehen. Figuren wie Macbeth oder auch Hamlet verkörpern immer auch die Unmöglichkeit, die Repräsentation des natürlichen Körpers selbst außer Kraft zu setzen.
Nicht umsonst hat Freud so viel Shakespeare zitiert. In „Triebe und Triebschicksale“ führt er 1915 über den Begriff der Repräsentation des Körpers den Begriff des Triebes ein: „Wenden wir uns nun von der biologischen Seite her der Betrachtung des Seelenlebens zu, so erscheint uns der „Trieb“ als Grenzbegriff zwischen Seelischem und Somatischem, als psychischer Repräsentant der aus dem Körperlichen stammenden, in die Seele gelangenden Reize, als ein Maß der Arbeitsanforderung, die dem Seelischen infolge seines Zusammenhangs mit dem Körperlichen auferlegt ist.“ (Freud 1999: 214) Freud ging, auch wenn er den Trieb primär am Sexualverhalten studierte, stets von einem dualistischen Triebmodell aus – zunächst war dies der Dualismus von Sexualtrieb und Ich- bzw. Selbsterhaltungstrieb. In „Jenseits des Lustprinzips“ führte er 1920 dann den Dualismus von Lebens- und Todestrieb ein. Auch wenn für ihn die beiden Triebarten nie entmischt sind, Aggression also immer mit erotischen Impulsen verbunden ist und umgekehrt, bleibt das Grundproblem: „Im Falle des Triebes kann die Flucht nichts nützen, denn das Ich kann sich nicht selbst entfliehen.“ (Freud 1999: 248) Das Ich muss sich also arrangieren mit den Anforderungen seiner Umwelt und denen seines Körpers. Zum Triebschicksal, das immer auch das Schicksal des Ich ist, gehört die Ambivalenz. Die „bevorzugten Objekte der Menschen, ihre Ideale“ stammen für Freud aus „denselben Wahrnehmungen und Erlebnissen, wie die von ihnen am meisten verabscheuten“. Der Mensch kann seine ursprüngliche Triebrepräsentanz „in zwei Stücke zerlegen“: Verdrängung und Idealisierung. (Freud 1999: 253) Es braucht also eine Menge bewusster und unbewusster Kunstgriffe, um dem Körper seine Macht, aber keine Übermacht einzuräumen. Die Triebrepräsentation in den verdrängten Vorstellungen „wuchert im Dunkeln“ immer weiter. (vgl. Freud 1999: 251) Aber: Ein „ohnmächtiger Körper“ repräsentiert nicht – weder sich noch einen wie auch immer konstruierten zweiten.
Das wüste Land
In der Literatur findet sich eine weitere Spur, wenn man über das Problem nachdenkt, wie man als Repräsentant mit einem leidenden Körper durchkommen soll und wie es den Repräsentierten damit geht: „Das wüste Land“. Gero von Wilpert weist im „Lexikon der Weltliteratur“ darauf hin, dass T. S. Eliot in seinem Gedicht „The Waste Land“ eine Grundidee mittelalterlicher Gralsromane aufnimmt. In seinen „Notes“ bezieht sich Eliot explizit auf Jesse Westons Buch „From Ritual to Romance“ von 1920. Laut Weston „liegt dem mittelalterlichen Gralsroman ein heidnischer Fruchtbarkeitsritus und -mythos zugrunde. Aufgabe des Gralshelden ist es, den kranken König und das mit ihm leidende wüste Land zu erlösen und ihnen die Lebenskraft wieder zu geben.“ (Wilpert 1980: 1255) Hier steht sozusagen die von Kantorowicz apostrophierte Figur des zweiten Körpers, der den ersten beschränkt, auf dem Kopf: Geht es dem Körper des Königs schlecht, geht es dem Körper des Landes schlecht – die Versagung wird vom ersten zum zweiten Körper weitergereicht.
Eliot hat das 1922 auf Europa bezogen und damit auch eine Lesart geliefert für die in den Folgejahren aufkommenden totalitären Systeme. Hans-Ulrich Thamer zeigt in seinem Artikel „Repräsentation von Gewalt in Deutschland und in Italien in den 1920er und 1930er Jahren. Zur Ästhetisierung von Politik“, wie sich in dieser Zeit vor allem in Deutschland „eine Verschiebung der politischen Repräsentation zu vorwiegend symbolischen Formen der Gewalt“ erkennen lässt. Die symbolische Politik setzte auf den Körperkultus eines „vitalistischen Heroismus“. Der Aktionismus wurde zum „eigentlichen Kommunikationsstil“ (Czech, Doll 2007: 29-31). Und dieser Aktionismus zeugte im Sinne der Psychoanalyse Freuds von einer zunehmenden Triebentmischung, die bis zu den nekrophilen Exzessen des Massenmordes führte. Eine Entwicklung, die mit Hitlers körperlichem und geistigem Verfall einherging.
Mit dem Grundgesetz wurde 1949 aus gutem Grund auch eine Begrenzung der Repräsentation eingeführt. In der fühlen sich heute nicht nur „Hartz IV- Empfänger“ durch eine weitere Verschiebung der politischen Repräsentation verdrängt: die Dominanz internationaler Korporationen, allen voran der Konzerne.
Die Wiedereinsetzung der Korporation
„Wir haben die Unternehmenspersönlichkeit als das manifestierte Selbstverständnis des Unternehmens definiert. Voraussetzung ist also, dass ein Unternehmen sich selbst versteht, und zwar in seinem (mikroökonomischen) Bestand, seinen Zielen, seinen Zwecken, in seiner makroökonomischen Funktion und in seiner sozialen Rolle. (…) Das Unternehmen versteht sich als historische Person bzw. Organisation, deren bisheriges Handeln eine beschreibbare Identität (oder Non-Identität) geschaffen hat.“ (Birkigt, Stadler 2000: 19) Man kann dieses Grundverständnis der Corporate Identity auch als den Versuch der Wiedereinsetzung einer Form absolutistischer Korporation im Sinne von Kantorowicz lesen.
Der Dokumentarfilm „The Corporation“ ging 2003 unter der Regie von Mark Achbar und Jennifer Abbott nach dem Buch von Joel Bakan der Frage nach, ob die „Persönlichkeit“ einer Aktiengesellschaft (Corporation), die nach der amerikanischen Verfassung in der Tat auch „Persönlichkeitsrechte“ genießt, auch pathologisch zu beurteilen sei. Die Diagnose: Internationale Konzerne zeigen sämtliche von der Weltgesundheitsorganisation WHO aufgestellten Symptome einer Psychopathie. Sie zeigen sich gleichgültig gegenüber den Gefühlen anderer, sind unfähig, dauerhafte Beziehungen einzugehen, gefährden andere ohne Skrupel, lügen zum eigenen Vorteil, sind unfähig, Schuld einzugestehen und verletzen soziale Normen. Den Nachweis führen die Autoren durch unzählige Beispiele sozialer und ökologischer Befunde wie Kinderarbeit und illegale Entsorgungspraktiken.
Die „Unternehmenspersönlichkeit“ zeigt in der Repräsentanz ihres Körpers einen neuen Aspekt. Bei der „Person Konzern“ ist der Trieb ein monistischer: Es geht um Profit. Dieser Trieb ist weder erotisch noch zerstörerisch – seine Folgen aber durchaus, wie der Film eindringlich zeigt. Jeremy Rifkin, Gründer und Vorsitzender der Foundation on Economic Trends, nennt Konzerne in dem Film „Externalisierungsmaschinen“. Sie externalisieren Kosten und Schäden. Und diese Externalisierung geht nicht mit Verdrängung einher, sondern mit nicht minder triebgesteuerten Kommunikationsstrategien. Eine Variante davon ist die so genannte „Corporate Social Responsibility“ (CSR) – eine Strategie, bei der Unternehmen ihre „soziale Rolle“ im Sinne Birkigts und Stadlers wahrnehmen. Problematisch wird es, wie der Film zeigt, wenn es außerhalb der nachvollziehbaren Verantwortung für Mitarbeiter und Produkte um „soziale Verantwortung“ geht. Die Inszenierung reicht von der Einweihung von Kinderkrippen bis zu Unternehmenskodizes und Leitbildern. Der Ökonom und Nobelpreisträger Milton Friedman stellt im Film fest: „Seit wann bestimmen Konzerne, was soziale Verantwortung ist? Das ist nicht ihr Wissensgebiet.“ Man könnte es noch ausweiten: Es ist nicht das Erfahrungsgebiet von Konzernen, denn soziale Verantwortung kann nur übernehmen, wer erotische und aggressive Impulse regulieren kann. Die Metapher der Unternehmenspersönlichkeit geht beim Thema CSR einfach nicht auf. Das illustriert Filmregisseur und Autor Michael Moore zum Schluss des Films mit seiner Charakterisierung des Geschäftsmanns: „Ein Geschäftsmann verkauft Dir auch den Strick, an dem er sich aufhängen wollte, wenn er Geld damit verdienen kann.“
„Unternehmenspersönlichkeiten“ als „Corporate Identities“ haben im Sinne von Kantorowicz ein zentrales Problem, wenn man sie unter dem absolutistischen Aspekt der zwei Körper betrachtet: Da ist kein Platz für einen König. Es gibt sie zwar noch, die Mythen quasiköniglicher Gründerpersönlichkeiten wie Robert Bosch, Max Grundig oder auch Bill Gates; und es gibt auch die Chief Executive Officers, die CEO-Stars wie Josef Ackermann und Ron Sommer – aber das sind dualistisch konstruierte Fiktionen, wie es die „Mitarbeiter“ und die Kunden auch sind. Im Sinne der Feministin und Wissenschaftstheoretikerin Donna Haraway sind sie „Topographien“.
Topographien der Macht und Identität
„GORDON: Was willst du diesem Körper hier eigentlich noch beibringen? Und vor allem, die, die ihn lieben wollen, die können mit dem Material, das wir sind, mit dieser Bioscheiße hier überhaupt nicht richtig umgehn! Mit dem Menschenmaterial und der Bioscheiße hier. Kannst du mit der umgehn mein Schatz? Das musst du erstmal lernen, mit den Körpern hier umzugehn, die sich wegwerfen, was willst du denen denn noch sagen! Was willst du denen denn beibringen? Den Moonwalk kennen die schon und den Catwalk!
INGA: Der Neoliberalismus hat alle Sozialverträge aufgekündigt. Ich kann mich nicht mehr zu dir hinlegen und annehmen, da gäbe es Verträge und Gesetze für das, was wir miteinander tun. Wir lieben uns längst an irgendwelchen Gesetzen vorbei.“
(René Pollesch: „Pablo in der Plusfiliale“, Blievernicht 2004: 161)
Dass diese Gesetze sich im Sinne Polleschs in die „Bioscheiße“ einschreiben, ist schwer zu leugnen – wir haben so manchen Catwalk drauf, ohne dass wir so recht wissen woher eigentlich. Wir funktionieren als fiktive Repräsentanten von „Marken-Persönlichkeiten“: Wir sind Ipod-User und Bionade-Trinker mit Haut und Haar, wir sind Projektionsflächen für die Ego Signs des Marketing. Es ist nur die Frage, wo wir die Grenzen der Körper ziehen und wen wir als Autor unserer Fiktionen zulassen.
Donna Haraway macht 1980 in ihrem „Manifest für Cyborgs. Feminismus im Streit mit den Technowissenschaften“ eine Strategie auf, die für Pollesch Pate steht. Für sie zeichnet sich im späten 20. Jahrhundert als einer mythischen Zeit ab, dass wir uns in „theoretisierte und fabrizierte Hybride aus Maschine und Organismus“ verwandelt haben – in Cyborgs. (Haraway 1995: 34) Die Pointe: Wenn Frauen und Männer die „Informatik der Herrschaft“ kennen, können sie sich in einer Post-Gender-Perspektive selbst als Cyborgs auszeichnen. Die Kulturtechnik dazu ist das Schreiben als „Zugang zur Macht des Bezeichnens“ (vgl. Haraway 1995: 64). Es geht also um „Semiologien“, durch die Grenzen gezogen werden. Denn: „Unser Leben, unser Körper sind Topographien der Macht und Identität. (…) Wir sind für die Grenzen verantwortlich, wir sind sie.“ (Haraway 1995: 70)
Was lässt sich nun daraus machen?
René Pollesch lässt TINE in „Pablo in der Plusfiliale“ sagen: „Wir verzichten hier auf Repräsentationstheater oder Agitationstheater! Die rassistisch und sexistisch zuschreibende Scheiße.“ (Blievernicht 2004: 164)
Aber wie kann man nun damit aufhören, für andere zu sprechen?
Zum Schluss hier zwei Vorschläge, Verantwortung für Grenzen zu übernehmen: Wahnsinn und Poesie.
Die gerührten und hasserfüllten Aquarien der Hirne
Der portugiesische Autor und Psychiater António Lobo Antunes schreibt in seinem autobiografischen Roman „Einblick in die Hölle“, dass er beschloss, Psychiater zu werden, „um zwischen verzerrten Menschen wie jenen zu leben, die uns in den Träumen aufsuchen, und um ihre Mondsprachen und die gerührten und haßerfüllten Aquarien ihrer Hirne zu verstehen, in denen sterbend die Fische der Angst zugange sind.“ (Lobo Antunes 2003: 15)
Auf einer Autofahrt denkt er Jahre später darüber nach, ob er die Anmaßung, die er als Psychiater mittlerweile erlebt und repräsentiert hat, weiter ertragen kann. Seine Lösung ist die Auflösung der Grenze (zum Wahnsinn): „Eine unbekannte Stimme, eine Stimme, die nicht mir gehörte, eine harte Henkerstimme, kam mit einem sauren Neid- und Zorneshauch aus meinem Mund und brüllte – Du wirst mit mir ins Krankenhaus zurückkommen Du Mistkerl.“ (Lobo Antunes 2003: 156)
Sylvia Plath lässt in ihrem Roman „Die Glasglocke“, der ebenfalls stark autobiografische Züge trägt, aus der Warte des Wahnsinns den Körper sich selbst retten – es verschiebt sozusagen der Körper die Grenzen, um einen Selbstmord zu verhindern: „Da begriff ich, dass mein Körper allerlei Tricks kannte, zum Beispiel, meinen Händen im entscheidenden Moment die Kraft zu rauben, mit denen er sich immer wieder rettete, während ich, wenn ich allein das Sagen gehabt hätte, von einem auf den anderen Augenblick tot gewesen wäre. Also musste ich ihn mit dem, was mir an Verstand geblieben war, überlisten, sonst würde er mich fünfzig sinnlose Jahre in seinem albernen Käfig gefangen halten.“ (Plath 1998: 173)
Ingeborg Bachmann schließlich überläuft die zugeschriebenen Grenzen der Persönlichkeit in ihrem Roman „Malina“: „Washington und Moskau und Berlin sind bloß vorlaute Orte, die versuchen, sich wichtig zu machen. In meinem Ungargassenland nimmt niemand sie ernst oder man lächelt über solche Aufdringlichkeiten wie über die Kundgebungen ehrgeiziger Emporkömmlinge, sie können nie mehr hereinwirken in mein Leben, mit dem ich in ein anderes hereingelaufen bin (…).“ (Bachmann 1980: 25) Im Ungargassenland wird das zu einem fließenden Übergang in einen Zustand, den man Schizophrenie nennen kann, aber nicht muss: „Ich habe in Ivan gelebt und ich sterbe in Malina.“ (Bachmann 1980:354)
Die wüsten Welten
Stephen King greift in seinem Mammutwerk „Der dunkle Turm“, wie Robin Furth schreibt, das Dilemma des „wüsten Landes“ der Gralsdichtung auf. Im Zentrum des Fantasy-Romans steht der Held Roland Deschain, „der letzte überlebende Revolvermann von Mittwelt“. Er ist der moderne Gralsritter, „ein direkter Nachkomme Arthur Elds, des Königs der einstigen Altwelt“. Sein Gral ist der Dunkle Turm, die „Nabe des Raum-Zeitkontinuums“. Er will den Turm besteigen, „um den ganz oben residierenden Gott zu befragen“. Denn Rolands Welt gerät aus den Fugen. Die Balken, die für die genaue Ausrichtung von Zeit, Raum, Größe und Dimension sorgen, brechen nacheinander weg, und der Turm könnte selbst bald einstürzen.“ (Furth 2004: 3) Durch die Mehrdimensionalität ist auch unsere Welt, zu der von Dämonen bewachte Türen führen; gefährdet. Damit hat sich King einen Kosmos geschaffen, bei dem es nicht nur um die Welt, sondern auch gleich um ihre Möglichkeit geht. King kann auch seine anderen Romane in unzähligen Verweisen und alles, was er für geschichtliches Material hält, darin unterbringen. Er schafft sich seine eigenen Welten mit ihren Repräsentanten. Dabei kann er das, was Haraway wohl die „männliche Orgie des Krieges“ nennen würde (Haraway 1995: 40), satt inszenieren. Entstanden ist dadurch ein Panorama amerikanischer Abgründe und ein Ensemble schillernd ambivalenter Repräsentanten.
Auch wenn Tolkiens Fantasy-Urtext „Der Herr der Ringe“ durchscheint, mischt King die Repräsentanz von Gut und Böse viel radikaler. Roland nimmt auf seinem Weg den Feuertod seiner Geliebten in Kauf, lässt einen Jungen in einen Abgrund stürzen und tötet seine Mutter. Der achtbändige Roman entgleitet zwar über hunderte Seiten in Trash, aber das Grals-Thema setzt sich immer durch: „Die Krankheit des Größeren ist auch die des Kleineren, und beide schreiten nach den gleichen Grundsätzen fort. Um zu verstehen, was das Land austrocknet und verwüstet, was sogar das Gefüge des Universums und die Stabilität der einander durchdringenden Welten gefährdet, muss man auch verstehen, woran der König leidet. Alle leiden unter derselben Krankheit, aber um sie heilen zu können, müssen wir ihre eigentlichen Ursachen erforschen. Und das ist der wahre Zweck von Rolands Reise.“ (Furth 2004: 6)
Das ist ein veritabler Weg, um aus der „zuschreibenden Scheiße“ in eine aufschreibende zu kommen – King maßt sich nicht an, für das Leben der Anderen zu sprechen, er spricht einfach für Alles. Der Ton ist durchgängig legendär angelegt. Die Begegnung zwischen Roland und dem Schwarzen Mann, dem Magier des Scharlachroten Königs, klingt dann so: „Der lächelnde Mann in Schwarz schwoll vor seinen Augen an und wich dann in einen langen, hallenden Korridor zurück. Der Klang von Hohngelächter erfüllte die Welt, und er stürzte, starb, fiel. Er träumte. Das Universum war leer. Nichts regte sich. Nichts war. Der Revolvermann schwebte verwirrt. „Machen wir doch ein bisschen Licht“, sagte die Stimme des Mannes in Schwarz lässig, und es ward Licht. Der Revolvermann dachte auf distanzierte Weise, dass das Licht ziemlich gut war.“ (King 2003: 293 f.)
weniger wirklich als die anderen, weniger einheitlich
Löst Lobo Antunes Grenzen auf, werden sie bei Plath und Bachmann verschoben und King setzt sie. Der portugiesische Poet Fernando Pessoa geht noch weiter: Er schafft die, die Grenzen ziehen:
„Seit meiner Kindheit hatte ich immer das Bedürfnis, die Welt mit fiktiven Persönlichkeiten anzureichern, mit meinen rigoros konstruierten Träumen, gesehen mit einer fotografischen Klarheit und verstanden im Innersten ihrer Seele.“ (Pessoa 2006: 19) Pessoa ist Herausgeber des „Buches der Unruhe“, das der Buchhalter Soares ihm anvertraut hat. Er gibt die Gedichte Alberto Caieros heraus, jenes naturverbundenen Stoikers, an dessen Stoizismus seine Schüler Ricardo Reis, Alvaro de Campos und António Mora sich abarbeiten – in eigener Lyrik und Prosa. Die Biografien, die Verweise unter ihnen – all das ist ein geschlossener Kosmos bei Pessoa.
Er nennt seine Gestalten „Hetereonyme“ – sie sind so vielgestaltig wie er selbst. Und: Er lässt sich von ihnen beeinflussen. In der „Genese und Rechtfertigung der Hetereonymie“ schreibt er: „Als ein Medium meiner selbst bestehe ich in allen weiter. Jedoch bin ich weniger wirklich als die anderen, weniger einheitlich, weniger persönlich, eminent beeinflußbar von ihnen allen.“ (Pessoa 2006: 20) Pessoa nennt seine Technik „ein bis auf die Spitze getriebenes dramatisches Temperament, das, anstatt Dramen in Akten und mit Handlung, Dramen in Seelen schreibt“. (Pessoa 2006: 19)
Die Nähe zur Schizophrenie hat er nie geleugnet – er hat sie genutzt: „Jedoch bestreite ich nicht – ich bevorzuge sie sogar – die psychiatrische Erklärung; aber man sollte wissen, dass jede höhere Geistesaktivität, so wie sie anormal ist, automatisch für eine psychiatrische Interpretation empfänglich wird.“ (Pessoa 2006: 20)
Wer sich solchermaßen vielfältig vertreten kann, weiß mit den Paradoxien der Repräsentation umzugehen, weil er die Einheit seiner selbst ebenso meidet wie die Einheit eines Lebens der Anderen.
Literatur
Birkigt, K. , Stadler, M.M. 2000 [1980]. Corporate Identity – Grundlagen, Funktionen, Fallbeispiele. Landsberg/Lech: verlag moderne industrie
Bachmann, Ingeborg 1980 [1971]. Malina. Frankfurt am Main: Suhrkamp
Blievernicht, Lenore (Hg.) 2004. ZELTSAGA. René Polleschs Theater 2003/2004. Berlin: Synwolt
Czech, Hans-Jörg, Doll, Nikola i. A. des Deutschen Historischen Museums Berlin (Hg.) 2007. Kunst und Propaganda im Streit der Nationen 1939 – 1945. Dresden: Sandstein
Freud, Sigmund 1999. Gesammelte Werke. Bd. X Frankfurt am Main: Fischer
Furth, Robin 2004. Das Tor zu Stephen Kings Dunklem Turm I-IV. Welten, Schauplätze und Figuren des grossen Zyklus, München: Heyne
Harraway, Donna 1995 [OA 1985, 1989]. Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen. Frankfurt am Main: Campus
Kantoriwicz, Ernst H. 1992 [OA 1957]. Die zwei Körper des Königs. Eine Studie zur politischen Theologie des Mittelalters. Stuttgart: Klett-Cotta
King, Stephen 2004 [OA 1983, 2003]. Schwarz. Der Dunkle Turm. München: Heyne
Lobo Antunes, António 2003 [OA 1983]. Einblick in die Hölle. München: Luchterhand
Pessoa, Fernando 2006. António Mora et al.: Die Rückkehr der Götter. Erinnerungen an den Meister Caeiro. Zürich: Ammann
Plath, Sylvia 1998 [OA 1963] Die Glasglocke. Frankfurt am Main: Suhrkamp
Wilpert, Gero von 1980. Lexikon der Weltliteratur. Band 2. Hauptwerke der Weltliteratur in Carakteristiken und Kurzinterpretationen. Stuttgart: Kröner


Andreas Galling-Stiehler
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