Ästhetik & Kommunikation
Ästhetik & Kommunikation:

Startseite Heftverzeichnis Abonnement Heftbestellung Vertrieb Kontakt
Jürgen Schulz

Heft 136: RepräsentationHeft 136 38. Jahrgang Frühjahr 2007 11 €


Repräsentation

Inhaltsverzeichnis

Das Unternehmen bin ich – wirtschaftlicher Absolutismus

Wirtschaftsunternehmen – paradox und begrenzt rational
Auf den ersten Blick ist Wirtschaft eine rationale Angelegenheit, die sich durch die Verhältnisse von Angebot und Nachfrage, Input und Output, Einnahmen und Ausgaben bzw. Gewinn und Verlust regelt und dadurch berechenbar erscheint. Jedenfalls neigen Wirtschaftswissenschaftler dazu, den wissenschaftlichen Anspruch durch mathematische Kalküle oder zumindest Zahlen zu belegen. Ein wesentliches Prinzip ist dabei das Rationalitätsprinzip. Danach wird dem Menschen die Eigenschaft unterstellt, Entscheidungen durch Abwägen, Messen und Vergleichen alternativer Optionen so treffen zu können, dass ein optimales Ergebnis dabei herauskommt. Solche Entscheidungen, die zu messbar guten Ergebnissen führen, gelten als ökonomisch rational. Auch wenn eine Rationalität der Entscheidung unterstellt wird, weiß man auf der anderen Seite auch, dass sich der Mensch faktisch weder in der Rolle des Konsumenten noch in der Rolle des Managers wie ein Homo oeconomicus verhält. So ist es für einige Wissenschaftler ein Glücksfall, dass man bei genauerer Betrachtung in Wirtschaftsorganisationen auf reizvolle Paradoxien stößt:
Da ist zunächst die gleichzeitige Notwendigkeit und Unmöglichkeit des Entscheidens (vgl. Heinz v. Foerster 1992: 14) im Angesicht einer ungewissen Zukunft, wenn die Unmöglichkeit darin besteht, dass z.B. die üblichen Entscheidungsverfahren der Betriebswirtschaftslehre zu keinen Lösungen führen und Entscheidungen trotzdem irgendwie getroffen werden müssen. Zu den nicht-rationalen Erkenntnissen der Organisationsforschung gehört die Beschreibung von Organisationen als organisierte Anarchien (vgl. James G. March 1976: 69-81). Mit dem Phänomen der Organisation der Heuchelei beschreibt Nils Brunsson (1989) das Missverhältnis von „Talk“ und „Action“, nach dem viel weniger entschieden und stattdessen viel mehr über Entscheidungen geredet wird. Ein prägnantes Beispiel für Management-Talk ist das „Wissens-Management“, bei dem das immanente Wissen um das Nichtwissen erst verhältnismäßig spät als Problem erkannt wurde. Zu erwähnen sind auch die kommunikativen Paradoxien – wie die Aufforderungen „sei kreativ, spontan“, etc. – die jede Veränderungsbereitschaft demotivieren. Während aber solche kommunikativen Paradoxien relativ leicht zu umgehen sind, bleibt die Paradoxie jeder Letztbegründung unausweichlich und damit die Frage, ob das, was man gemeinhin als wirtschaftliches Handeln begreift, überhaupt wirtschaftlich ist.
Wenn man nun davon ausgehen muss, dass Entscheidungen weit weniger rational getroffen werden als man annimmt, besteht die größere Herausforderung in der Postrationalisierung und Plausibilisierung, mit anderen Worten in der Kommunikation von Entscheidungen nach innen und außen. Diese Aufgabe ist vor allem deshalb nicht einfach, weil Unternehmen sich mit vielfältigen Ansprüchen und widerstreitenden Interessen konfrontiert sehen.
Entsprechend widersprüchlich muss bei näherer Betrachtung das Verhältnis von Gewinnmaximierung und Ausgaben für gesellschaftliche Verantwortung (Corporate Social Responsibility – CSR) erscheinen. Damit verbunden ist das kommunikative Risiko, dass Unternehmen das soziale Engagement als Heuchelei ausgelegt wird. Zumindest ist Ironie angebracht bei der Frage, ob Biertrinken dem Regenwald hilft und Schokoladenkonsum die Alpen rettet bzw. Kindern in Afrika Schulsachen beschert. Diese Beispiele sind stellvertretend für viele andere ein Zeugnis für die Unbeholfenheit, mit der Unternehmen sich interessiert zeigen an ihrer Umwelt. Die daran angelehnten Wertediskussionen verfolgen den Zweck, nur davon abzulenken, dass Unternehmen sich in erster Linie mit sich selbst beschäftigen.
Trotzdem ist der Aufstieg der Kapitalgesellschaften mit beschränkter Haftung zu weltweit dominierenden Institutionen und ihr Einfluss auf alle Lebensbereiche des Menschen nicht zu verleugnen. Mit dieser Bedeutungszunahme ist für Unternehmen auch die Notwendigkeit gewachsen, Widersprüche und abstrakte Sinnzusammenhänge alltäglich zu vermitteln.
Trend zur Personalisierung
In der Wirtschaftsberichterstattung ist seit Jahren ein Trend zur Personalisierung zu beobachten. Dieser Trend wurde begünstigt durch den Aktienhype zur Jahrtausendwende. Vorstände von Unternehmen, die am Neuen Markt notiert waren, avancierten zu Medienstars. Zu dem Zweifel an der Rationalität von Unternehmensentscheidungen gesellte sich ein irrationales Anlegerverhalten. Die Quantität der Berichterstattung über die Führungskräfte dieser Unternehmen war Ersatz für den ausbleibenden monetären Erfolg. Die Kapitalmarktkommunikation ersetzte immer mehr die Unternehmensführung und führte zu einem Missverhältnis zwischen der Ankündigung und Umsetzung von Entscheidungen. Für das überbordende Bemühen um die Darstellung rationaler Entscheidungen steht das Medienphänomen „Talk“ Show.
Aber auch durch den zunehmenden Zweifel an der Rationalität von ökonomischen Entscheidungen gewinnen Personen in der Wirtschaft an Bedeutung. Führungskräfte stehen zum Zweck der nicht-rationalen Plausibilisierung im Mittelpunkt des Interesses und in der Außenkommunikation geben die Massenmedien den anonymen Organisationsgebilden ein Gesicht und an diesem Gesicht hängt ein ganzer Mensch als zurechenbarer Entscheidungsträger. Zusammenhänge zwischen der Reputation des Vorstandsvorsitzenden, Chief-Executive-Officer (CEO), und der Reputation des Unternehmens sind unübersehbar. Siemens ist Kleinfeld, die Bahn ist Mehdorn und Porsche ist Wiedeking.
Dabei würden die meisten Führungskräfte vermutlich viel lieber anonym bleiben und nicht im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen. Für diese Anonymität bietet das Konstrukt der juristischen Person in Kapitalgesellschaften auch ideale Voraussetzungen. Denn neben dem Vorteil der Haftungsbeschränkung bietet diese Konstruktion den Führungskräften ja gerade die Möglichkeit, als natürliche Personen hinter dem Rechtssubjekt der juristischen Person im Verborgenen zu bleiben. Dieser Korridor der Macht (Schmitt 1954) distanziert die Führungskräfte von ihrer Außenwelt, während gleichzeitig der Medienrummel um die Mächtigen, die Hitparaden der Politiker und Vorstände den Trend zur Personalisierung verstärken. Für die Führungskräfte bedeutet dies immer häufiger die gleichzeitige Unmöglichkeit und Unverzichtbarkeit der Repräsentation.
Römischer Katholizismus und wirtschaftliche Form
In der Schrift „Römischer Katholizismus und politische Form“ beschreibt Carl Schmitt die katholische Kirche als eine „complexio oppositorum“, die eine Vielzahl von Widersprüchen und Gegensätzen in sich vereint. „Es scheint keinen Gegensatz zu geben, den sie nicht umfaßt. Seit langem rühmt sie sich, alle Staats- und Regierungsformen in sich zu vereinigen, eine autokratische Monarchie zu sein, deren Haupt von der Aristokratie der Kardinäle gewählt wird, und in der doch soviel Demokratie ist, daß ohne Rücksicht auf Stand und Herkunft der letzte Abruzzenhirt, wie Dupanloup es formulierte, die Möglichkeit hat, dieser autokratische Souverän zu werden.“ (Schmitt 1923: 11f)
Schmitt entwirft einen Begriff der Repräsentation, indem er die Kirche als „eine konkrete, persönliche Repräsentation konkreter Persönlichkeit“ (Ebd.: 31) beschreibt. Genau diese beiden Bedingungen, „complexio oppositorum“ und persönliche Repräsentation, kennzeichnen aktuell die Situation von Wirtschaftsunternehmen. Kapitalgesellschaften sind weltweit dominierende Institutionen und als solche mit der Kirche oder absolutistischen Herrschaftsformen vergleichbar (vgl. Bakan 2004: 5).
Eine derartige Präsenz gelingt aber nicht allein durch anonyme Objekte, sondern bedarf der Personalisierung, verstanden als die Repräsentation der Unternehmen durch ihre Führungskräfte. Denn nicht zuletzt als Folge der funktionalen Ausdifferenzierung bei gleichzeitig steigendem öffentlichem Interesse stehen Unternehmen mittlerweile in einem schwer lösbaren Spannungsverhältnis zwischen Unverzichtbarkeit und Notwendigkeit symbolischer Repräsentation. Dabei soll symbolisch nicht im Sinne von schmückendem Beiwerk oder einem Versuch der Verschleierung missverstanden werden. Vielmehr ist die symbolische Repräsentation Teil der sinnhaften Welt des Menschen und damit Teil der Realität.
Im Folgenden sollen Faktoren der Repräsentation ausgehend von den Überlegungen Schmitts auf die eingangs geschilderten Aspekte und Probleme der Wirtschaftskommunikation übertragen und erörtert werden. Ausgangspunkt hierfür ist die Trias aus Rechtsform, Macht und ästhetischer Form: „In ihr [der Welt] lebt die politische Idee des Katholizismus und seine Kraft zu der dreifach großen Form: zur ästhetischen Form des Künstlerischen, zur juridischen Rechtsform und endlich zu dem ruhmvollen Glanz einer weltgeschichtlichen Machtform. – Was in natürlichem und geschichtlichem Wachstum das Letzte ist, letzte Blüte und Beigabe, nämlich die ästhetische Schönheit der Form, ist in einem auf den artistischen Genuß bedachten Zeitalter das Augenfälligste. Aus der großen Repräsentation ergeben sich von selbst Gestaltung, Figur und sichtbares Symbol.“ (Schmitt 1923: 36 f.)
Ein Beispiel für solch eine eindrucksvolle Repräsentation von Macht, Recht und Ästhetik ist das Fernsehinterview mit Papst Benedikt XVI im „Sala di Svizzeri“ des Castels Gandolfo im August 2006. Auffällig ist, wie sich auch die anwesenden Journalisten entgegen des sonst gewohnten journalistischen Habitus von der kirchlichen Repräsentation beeindruckt zeigten.
Repräsentation durch Objekte oder Personen
Man kann mit dem Blick auf die Wirtschaft leicht Objekte mit symbolischem Charakter aufzählen – der erste Personalcomputer von IBM, der erste Porsche oder die beiden Hochhaustürme der Deutschen Bank, im Volksmund als „Soll & Haben“ bezeichnet. Allerdings wirken diese Objekte in erster Linie über ihre Ästhetik und sind eher schmückendes Beiwerk und Dekoration. Dabei wird häufig der repräsentative Charakter überschätzt; denn Gebäude und Objekte repräsentieren nicht von sich allein, sondern ihnen kann eine repräsentative Funktion nur dann zugeschrieben werden, wenn sie in den Zusammenhang von Macht, Rechtsanspruch und Ästhetik eingebunden sind. Repräsentation finden wir dann fast ausschließlich in Gebäuden und Räumen, in denen die obersten Führungskräfte residieren. Diese „Korridore der Macht“ sind nicht nur aus Gründen der Sicherheit nicht jedem zugänglich und der öffentlichen Wahrnehmung entzogen.
Nach Schmitt ist wie beschrieben die Trias aus juridischer Rechtsform, ästhetischer Form und Machtform bestimmend für die Repräsentation (1923: 36). Ohne Macht und juridische Form verkommt Repräsentation hingegen zur Dekoration (1923: 40). Der Eindruck einer funktionslosen Dekoration entsteht aber auch deshalb leicht, weil die Wirkung von Kommunikation in der Regel nur schwer (vom Turmbeispiel der Deutschen Bank einmal abgesehen) auf die Leitdifferenz der Wirtschaft zuzurechnen ist. Keinesfalls ist die „Gläserne Manufaktur“ von Volkswagen ein Erfolgfaktor für das dort produzierte Pkw-Modell Phaeton. Dabei muss man Volkswagen unterstellen, mit der „Gläsernen Manufaktur“ ein Ziel, nämlich die Kommunikation von Transparenz, zu verfolgen. Allerdings ist dieses Vorhaben durch Kommunikation kaum zu lösen, denn: „Aufrichtigkeit ist inkommunikabel, weil sie durch Kommunikation unaufrichtig wird“ (Luhmann 1984: 207). Die „Gläserne Manufaktur“ ist vor allem ein Beispiel für die Naivität, zu glauben, man könne Vertrauen durch Transparenz entfalten (vgl. Schulz / Zowislo 2006). Hier ist also bereits das erklärte Ziel der Repräsentation ungeeignet. (Abb. 2)
Gegenstände, Gebäude etc. sind also nur bedingt geeignet, Wirtschaftsunternehmen in ihrer Komplexität und Widersprüchlichkeit zu repräsentieren. Durch die Entwicklung von einer konkret sinnlich wahrnehmbaren Industrieproduktion zu einer Dienstleistungsgesellschaft wächst aber der Bedarf, abstrakte Sinnzusammenhänge zu vermitteln. Die Erfolgsgeschichte der BASF ist anhand eines repräsentativen Denkmals erlebbar, das die erste Anlage zur Hochdrucksynthese nach dem Haber-Bosch-Verfahren zeigt. Dienstleistungsunternehmen haben diese repräsentativen Objekte in der Regel nicht zu bieten.
Dagegen hat, wie sich an den Metaphern der Unternehmens- und Markenpersönlichkeit zeigen lässt, in wirtschaftlichen Beziehungen die Personalisierung immer schon eine Rolle gespielt und wahrscheinlich ist dies nur durch den Hang zur Rationalisierung in Vergessenheit geraten. Die ursprünglich persönliche Vertrauensbeziehung zwischen natürlichen Personen, Kaufmann und Kunde bzw. Mitarbeiter und Chef etc. wird generalisiert. Das Unternehmen existiert unabhängig von der Präsenz natürlicher Personen durch die Realpräsenz einer Marken- und Unternehmenspersönlichkeit. An fiktiven personifizierten Markenrepräsentationen wie Dr. Best oder Uncle Ben‘s ist dieser Übergang von natürlichen zu imaginären Persönlichkeiten noch deutlich erkennbar. Die weitere Funktion der Repräsentation durch Personen soll zunächst anhand eines extremen Beispiels aus der Wirtschaft demonstriert werden:
Der amerikanische Immobilientycoon Donald J. Trump repräsentiert mit Haut und Haaren einen Kapitalistentyp, der seinen Erfolg mit barockem Pomp bis zur Verschwendungssucht und Maßlosigkeit öffentlich darstellt. Dabei hat man nicht den Eindruck, es handele sich um eine bloße Inszenierung, sondern Trump wird in seiner Art als real präsent wahrgenommen. Übrigens repräsentierte der Vater von Trump, ebenfalls Bauunternehmer, einen ganz anderen Wirtschaftsbegriff als der Sohn heute. Über ihn wird berichtet, dass er auch als vermögender Unternehmer die Angewohnheit hatte, auf seinen Baustellen jeden Nagel vom Boden aufzusammeln.
Repräsentation beschreibt also eine Bedeutungsrelation, durch die ein abstrakter Begriff sinnlich erlebbar wird und durch die Person des Repräsentanten als real präsent wahrgenommen werden kann.
Da Wirtschaft immer eine zukünftige Entwicklung und Veränderung im Auge hat, muss dies in der Repräsentation mitbedacht werden. Es ist also nicht damit getan, die Historie zu repräsentieren. Die Herausforderung besteht unter anderem darin, ein auf die Zukunft gerichtetes Wollen und Sollen zu repräsentieren. Auch in diesem Punkt bietet besagter Unternehmer ausführliches Anschauungsmaterial.
Rechtsform und Legitimation zur Führung
Unternehmen sind als Kapitalgesellschaften juristische Personen, die rechtserheblich tätig werden können. Hinter den Organen einer Aktiengesellschaft, z.B. dem Vorstand, fungieren selbstverständlich natürliche Personen. Nur am Rande sei erwähnt, dass in den Rechtswissenschaften die Frage seit langem strittig ist, ob die juristische Person mit einer natürlichen Person gleichzusetzen ist oder nur ein Konstrukt und damit ein rein fiktiver Zurechnungspunkt. In Bezug auf eine ähnliche juristische Streitfrage beschreibt Kantorowicz „die zwei Körper des Königs“. Eine kurze Textpassage verdeutlicht diesen Zusammenhang: „Der König hat zwei Kapazitäten, denn er hat zwei Körper, von denen der eine ein natürlicher Körper ist, der aus natürlichen Gliedern wie bei jedem anderen Menschen besteht, und in diesem Körper unterliegt er den Leidenschaften und dem Tod wie andere Menschen: der andere ist ein politischer Körper, dessen Glieder seine Untertanen sind, und er zusammen mit seinen Untertanen bilden eine Korporation […].“ (Kantorowicz 1957: 35)
Übertragen auf ein Wirtschaftsunternehmen können ebenso zwei Körper, nämlich juristische und natürliche Person, unterschieden werden. Die Legitimation der juristischen Person muss für unseren Zusammenhang unberücksichtigt bleiben. Allerdings hat sich im Rahmen vor allem globalisierungskritischer Bewegungen hier eine Diskussion entwickelt, die für Unternehmen existenzielle Bedeutung hat und nach wie vor klärungsbedürftig ist (vgl. Bakan 2004; Steeger 2003). Die Kritik richtet sich auch gegen den Gedanken der Korporation, so dass im angloamerikanischen Sprachraum die Bezeichnung Corporation für Unternehmen zunehmend vermieden wird, auch um den Eindruck der gesamtgesellschaftlichen Inkorporiertheit zu vermeiden.
Regelmäßig wird die Maßlosigkeit der obersten Führungskräfte am Beispiel ihrer Einkünfte kritisiert. Das Problem liegt hier in der juristischen Form der Anstellung, vor allem, weil jeder Vorstand als Angestellter stets vergleichbar ist mit anderen Angestellten. Die exorbitanten Unterschiede zwischen einfachen Angestellten und Vorstand sind mit ökonomischen Kategorien kaum noch zu fassen. Im Unterschied dazu fungiert der Papst als Stellvertreter Christi und nicht als Prophet oder angestellter Visionär.
Repräsentation der ästhetischen Form
Ein ästhetisches Bewusstsein ist den Unternehmern aufgrund der Präferenz für das zweckmäßig Rationale zunächst fremd: „Es ist nicht zu verwundern, daß der Zeit des Ökonomischen die schönen Äußerlichkeiten zuerst auffallen, denn ihr fehlt das Alles am meisten.“ (Schmitt 1923: 37)
Gemeint ist damit keineswegs nur das Äußerliche, sondern vielmehr die rhetorische Fähigkeit. Im Einfluss der Mediatisierung wachsen gerade diese Ansprüche. Gleichzeitig werden rhetorische Missgeschicke sichtbarer und Mängel der ästhetischen Form unverzeihlich. Das unfreiwillig provozierende Victory-Zeichen von Deutsche Bank-Chef Ackermann auf der Anklagebank im Mannesmann-Prozess 2004 zählt ebenso dazu wie die regelmäßigen Fauxpas von Bahnchef Hartmut Mehdorn. Am Beispiel der Auseinandersetzung um die Architektur des Berliner Hauptbahnhofs wird die Missachtung von sinnlicher Erlebbarkeit unter dem Einfluss ökonomischer Rationalität besonders gut deutlich. Der Reisende muss den Eindruck gewinnen, dass nur noch die ökonomische Notwendigkeit im Vordergrund steht und mit jeder Aussage verstärkt der oberste Repräsentant diesen Eindruck: „Hartmut Mehdorn findet die hellgrau glänzende, gleichmäßig gelöcherte Flachdecke ‚sehr schön‘ und zweckmäßig. Kritiker haben sie mit einer Billig-Supermarktdecke verglichen. ‚Wir haben beim Architekten einen Bahnhof bestellt und keine Kathedrale‘, verteidigt Mehdorn die preiswertere Lösung. […] ‚Hier zählt jetzt jeder Tag.‘ […] ‚Damit haben wir ein komplettes Jahr Bauzeit gespart‘ […]. (DIE WELT, 15.11.2005)
Damit wird der von Schmitt beschriebene Gegensatz zwischen der Idee des Repräsentativen und dem ökonomischen Denken deutlich: „Das ökonomische Denken kennt nur eine Art Form, nämlich technische Präzision, und das ist die weiteste Entfernung von der Idee des Repräsentativen.“ (Schmitt 1923: 34 f.)
Repräsentation der Macht
Macht basiert auf der unausgesprochenen Androhung von Sanktionen. Dagegen ist es meist ein Zeichen von Machtverlust, wenn die Sanktionen wirklich ausgeführt werden. Die Kunst der Machtausübung besteht vor allem in einer subtilen Darstellung, für die Despotismus und Gewaltherrschaft die Gegenpole darstellen. Der Vorstandschef wird ebenso wie der Regierungschef eines demokratischen Staates in der Regel nicht als Machthaber bezeichnet, obwohl dieser Ausdruck durchaus zutreffend wäre. Ein interessantes Anschauungsobjekt ist auch hier die katholische Kirche mit einem Verfahren, dessen Legitimation unter anderem auf einem überraschend demokratischen Prozess mehrerer Wahlgänge beruht. Das Konklave ist aber auch ein deutliches Beispiel für das Machtverständnis der Heiligen Schrift und insbesondere des Römerbriefes, worin der menschliche Wille zur Macht verteufelt wird (Schmitt 1954: 24). Während in Wirtschaft und Politik die Akteure ihren eigenen Willen zur Macht nur schwer verbergen mögen, Aspiranten schon mal vorab an den Toren rütteln, und der Weg nach oben eher an Rivalitäten in der Tierwelt erinnert, schafft es die katholische Kirche, Karrieredenken konsequent zu verbergen.
Unterscheidung von öffentlich und privat
Die Repräsentation durch Personen ist kein Dauerzustand, sondern sie wird bestimmt von besonderen Momenten. Die Fähigkeit zur Unterscheidung von „Sichtbarkeit – Unsichtbarkeit“ (Wenzel 2004: 14 f.) bzw. privat und öffentlich ist ein notwendiges Vermögen des Repräsentanten. Vor allem in der höfischen Architektur sind daher Asyle des öffentlichen Herrschaftshandelns wesentlich. Zu erinnern ist in diesem Zusammenhang auch an das Symbol der Tarnkappe im Nibelungenlied als Möglichkeit, sich der Sichtbarkeit zu entziehen. Als ein Phänomen der so genannten Mediengesellschaft muss man aber konstatieren, dass sich die Akteure immer unsensibler an der Grenze zwischen Öffentlichem und Privatem bewegen. Jedenfalls haben Führungskräfte in Wirtschaft und Politik offensichtlich Probleme zwischen privat und öffentlich zu unterscheiden.
Ein bekanntes Beispiel für Repräsentationsmängel in der Politik ist der ehemalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping, der vermutlich Manneskraft mit Führungskraft verwechselte und sich im August 2001 „Total verliebt auf Mallorca“ mit seiner Geliebten beim Planschen im Pool auf dem Titel der Illustrierten BUNTE präsentierte, während gleichzeitig zum ersten Mal nach 1945 deutsche Soldaten im Auslandseinsatz waren. Bereits 1919 löste ein Bild von Reichspräsident Ebert und Scharpings Vorgänger Reichswehrminister Noske in Badehosen am Ostseestrand einen Skandal aus.
Ein Beispiel aus der Wirtschaft ist aus der Bild-Zeitung und der Harald-Schmidt-Show vom 13. Juli 1999 überliefert. Anlass war, dass sich der ehemalige Deutsche-Bank-Chef Hilmar Kopper nach 30-jähriger Ehe scheiden lassen wollte und das verbunden mit dem Zweifel, ob die neue Liebe nur der einzige Grund für die Scheidung war. So spekulierte Harald Schmidt: „Hilmar Kopper verlässt seine Frau, weil es immer Essen gab. Dieter Bohlen hat seine Frau verlassen, weil‘s nie Essen gab. Schröder verließ seine Frau, weil‘s nur vegetarisch gab.“ (Quelle: www.schmidt.de 20.07.2000)
Nur im Fall des Schlagersängers Dieter Bohlen erscheint die Thematisierung des Scheidungsgrundes der öffentlichen Rolle angemessen. Im Fall Kopper und Schröder leidet dagegen die Repräsentation. Die Repräsentationsversuche des privaten Herrn Ackermann leiden vor allem darunter, dass die Repräsentation durch Hintergrundberichte entlarvt und als bloße Inszenierung wahrgenommen wird. Offensichtlich sehen die Berater ein Imageproblem beim knallharten Deutsche Bank-Chef, das nun durch die private Weichzeichnung gelöst werden soll. Das naive Verständnis von Kommunikation überrascht. Die Fähigkeit zur Repräsentation, vor allem im Privaten, besteht aber gerade darin, strategische Überlegungen und zweckrationales Handeln nicht gewiss werden zu lassen. (Abb. 7)
Über die Privatsphäre tritt der Top-Manager hinter der monströsen Unternehmung hervor. Häufig bleiben diese beiden Körper aber ein unvereinbarer Widerspruch und damit ein Problem der Repräsentation.
Anmerkungen
1 Quelle: http://www.br-online.de/papst-besuch/benedikt-interview/index.xml 22.08.2006
2 Quelle: http://www.glaesernemanufaktur.de/gmd.jsp?dok= 20.08.2006
3 Quelle: http://www.trump.com/main.htm 28.08.2006
4 Quelle: Ebd.
5 BUNTE Nr. 35/2001
6 Berliner Illustrierte Zeitung, 24.8.1919
7 FAZ am Sonntag, 27.08. 2006. Nr. 34., S. 39
Literatur
Bakan, Joel (2004): The Corporation. The Pathological Pursuit of Profit and Power. New York; London; Toronto; Sydney: Free Press 2005.
Brunsson, Nils (1989): The Organization of Hypocrisy. Talk, decisions and actions in organizations. Chichester; New York; et al: Wiley 1989.
Foerster, Heinz von (1992): Ethics and Second-order Cybernetics. In: Cybernetics & Human Knowing 1, S. 9-19.
Kantorowicz, Ernst H. (1957): Die zwei Körper des Königs. Eine Studie zur politischen Theologie des Mittelalters. Stuttgart: Klett-Cotta 1992.
Klein, Naomi (2000): No Logo. London: Flamingo 2001.
Luhmann, Niklas (1984): Soziale Systeme: Grundriß einer allgemeinen Theorie. 1. Aufl. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1987.
March, James G. / Johan P. OLSEN (1976): Ambiguity and Choice in Organizations. Bergen: University Press of Norway 1976.
Schmitt, Carl (1923): Römischer Katholizismus und politische Form. Stuttgart: Klett-Cotta 1954.
Schmitt, Carl (1954): „Gespräch über die Macht und den Zugang zum Machthaber“. C.Sch.: Gespräch über die Macht und den Zugang zum Machthaber. Gespräch über den Neuen Raum. Berlin: Akademie Verlag 1994, S. 7 – 32.
Schulz, Jürgen / Zowislo, Natascha (2006): Vertrauen statt Transparenz. In: Bauer, Hans H. / Marcus M. Neumann / Anja Schüle Hgg. (2006): Konsumentenvertrauen. Konzepte und Anwendungen für ein nachhaltiges Kundenbindungsmanagement. München: Vahlen 2006, S. 27-38.
Wenzel, Horst (2004): Höfische Repräsentation. Symbolische Kommunikation und Literatur im Mittelalter. Darmstadt: WB 2005.


Jürgen Schulz
Wir bauen unsere Seite um und sind daher z.Z. nicht ganz aktuell. Bis bald im neuen Look!



Impressum