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Editorial Heft 137

Heft 137: zeitgenössisch/musealHeft 137 38. Jahrgang Sommer 2007 11 €


zeitgenössisch/museal

Inhaltsverzeichnis

zeitgenössisch/museal

Zeitgenossenschaft und Musealisierung markieren zwei Tendenzen. Die erste bewegt sich auf der Höhe ihrer Zeit und untersucht, analysiert und kritisiert das gesellschaftliche, politische und kulturelle Geschehen. Sie verpflichtet sich auf das zu schauen, was sich gegenwärtig ereignet und verspricht eine Orientierung in der Gegenwart mit Blick auf das zukünftige Leben. Zugleich ist Zeitgenossenschaft dem Verdacht ausgesetzt, sich modischen Tendenzen zu unterwerfen und gerade keinen ‚nüchternen’ Blick auf die eigene Zeit werfen zu können.
Zeitgenössische Phänomene sind flüchtig. Sie müssen erst aus der Gegenwart herausgeschält oder fokussiert werden. Hier setzt die zweite Tendenz ein. Im Prozess der Musealisierung wird aus dem rohen, flüchtigen Zeitgeschehen das vermeintlich (Zeit-)Typische herausdestilliert und auf den Punkt gebracht oder im Objekt fixiert. Musealisierung setzt darauf, Typisches, meist Gegenständliches zu sammeln und zu bewahren. Diese Gegenstände sollen als Speicher von Geschichte fungieren, das Vergangene in der Gegenwart begreifbar machen. Auch Musealisierung ist dabei angewiesen, sich auf die ’Höhe der Zeit’ zu begeben und sich mit Akteuren zu verbinden, die über ein besonderes ‚Gespür’ bzw. über ausgewiesene Kenntnisse im Hinblick auf das Zeitgenössische einer jeweiligen Zeit zu verfügen scheinen.
Museen fungieren als Speicher des kollektiven Gedächtnisses. Trotz zwischenzeitlich ausgerufener Krisen des Museums hat sich das Museumswesen im vergangenen halben Jahrhundert deutlich ausgeweitet. Zunehmend werden auch außerhalb der Museen Strategien musealisierender Inszenierungen, etwa in städtischen Räumen, in Räumen des Konsums und im Rahmen von Events und in der Alltagskultur, verfolgt; hier wird Musealisierung zu einer Mode. Das bleibt nicht ohne Folgen für den Stellenwert der Museen selbst.
Gleichzeitig lässt sich ein immenser Zuwachs an kulturellen und ästhetisierenden Produktionen und eine damit verbundene Pluralisierung der Ausdrucksformen konstatieren, die mit Hilfe der Medien fast unmittelbar in gespeicherte und bewahrenswerte Objekte transformiert werden können. Dieser neue Status der Produktion und Aneignung zeigt sich heute nicht nur in der Kunst und der Kultur im engeren Sinne, sondern in allen gesellschaftlichen Bereichen. Er lässt sich als „zeitgenössisch/museal“ beschreiben.
Das vorliegende Heft fokussiert aus ganz unterschiedlichen Perspektiven die Beziehungen zwischen zeitgenössischen Phänomenen und musealer Bestandsbildung und fragt nach dem Verhältnis von Zeitgenossenschaft, kritischer Distanznahme und dem, was sich in Prozessen gesellschaftlicher Vermittlung fortschreibt.
Helmut Hartwig unternimmt zunächst eine biografische Annäherung an die Begriffe. In einem zweiten Schritt beschreibt er zwei Arbeitsformen der Philologie und Hermeneutik im Umgang mit Sprache und Schrift: die eine will das Schmuckstück bewahren und musealisiert das Geschriebene, die andere zerstört es und lädt ein zu neuem Gebrauch. In letzterer überlagern sich Zeitgenossenschaft und Museum.
Kathrin Busch greift in Ihrem Beitrag Überlegungen von Ernst Cassirer zur Kunst auf, der eine besondere Bedeutung der Kunstwerke gerade darin gesehen hat, dass sie von den nachfolgenden Künstlergenerationen immer wieder neu angeeignet werden können. Im Aufgriff der Werke werden diese zu ‚Kraftquellen’ für neue Werke und damit zugleich aktualisiert und transformiert. Wie Busch hervorhebt, lebt in der künstlerischen Transformation des Angeeigneten gerade auch das unverständlich Fremde fort, in ihr durchdringen sich Eigenes und Fremdes. In zeitgenössischer Kunst macht sie ein Bestreben aus, sich der Macht der dominanten Bilder zu widersetzen, indem das bereits Produzierte aufgegriffen und kritisch durch- und umgearbeitet wird.
Eines der drei Leitmotive, das die künstlerische Leitung im Vorfeld der diesjährigen documenta 12 zur Diskussion stellte, ist die Frage nach dem Verhältnis von Bildung und Kunst in der Gegenwart. Kunstvermittlung spielt damit zum ersten Mal eine zentrale Rolle im Rahmen der vermeintlich bedeutendsten Kunstausstellung der Zeit. Carmen Mörsch stellt in ihrem Beitrag die Frage, was Zeitgenossenschaft in Bezug auf Kunstvermittlung heißen könnte. Sie skizziert die Herausbildung eines Verständnisses von Kunstvermittlung als kritischer Praxis, das im Rahmen der Vorbereitung zum Vermittlungsprogramm der documenta 12 von den beteiligten Akteuren aufgegriffen und weiter entwickelt wird. An den dort eingerichteten Vermittlungsorten wird es nicht nur darum gehen, Wissen über die gezeigte Kunst zu vermitteln, sondern das Handeln in der Situation selbst als Medium zur Reflexion der Kunst zu nutzen. Dabei können Praktiken des queering, wie Selbstironie, Maskerade und das Spielen mit Bedeutungsüberschüssen dazu beitragen, die sich in Vermittlungsprozessen eröffnenden Leerstellen produktiv werden zu lassen und Dominanzverhältnisse zu hinterfragen.
Ausgehend von einer ästhetisch-forschenden Haltung, die auch im Rahmen von Bildungsprozessen deutlich stärker zur Geltung gebracht werden kann, legt Maria Peters dar, wie Performativität im künstlerischen und im pädagogischen Feld Prozesse der Aktualisierung einleitet. Ähnlich wie dies Mörsch in ihrem Beitrag hervorhebt, geht es für Peters in performativen Vermittlungsformen nicht nur um die Auseinandersetzung mit Werken, sondern insbesondere auch um die „Reflexion der Situation des Betrachtens selbst“. Aktualisiert und damit ins Zeitgenössische übertragen werden Intentionen, Handlungen und Identitäten der beteiligten Akteure. Die ‚Arbeit an Zeitgenossenschaft’ erhält damit zugleich eine ästhetische Bildungsfunktion.
Viktor Kittlausz bezieht sich in seinem Beitrag zunächst auf zwei extreme Formen von Gedächtnis: Zum einen auf das mit den digitalen Speicher- und Vernetzungsmedien erwachsene unermessliche Archiv, das alle Daten auf Dauer und Knopfdruck bereitzuhalten scheint, und zum anderen auf den fast gänzlichen Verlust des individuellen Kurzzeitgedächtnisses, der es erforderlich werden lässt, sich fortwährend neu zu konfigurieren und zu verorten. Dabei wird deutlich, dass zeitgenössisches Handeln in Fluchtlinien des Vergangenen und des Zukünftigen eingebunden ist und dass eine Orientierung im Möglichkeitshorizont der gegenwärtigen Zeit auf Gedächtnisstützen angewiesen ist. Zeitgenössisch zu werden ist damit als Aufgabe benannt, die mitunter alte Fragen aktualisiert z.B. Entwürfe des Zukünftigen aufgreift oder diese auch revidiert und damit zugleich im Hinblick auf ihr Wirken in der Gegenwart befragt.
Angesichts einer Hyper-Zeitgenossenschaft im Kontext der neuen Medien, einer Haltung, die sich nicht mehr auf die Gegenwart bezieht, sondern dieser bereits voraus ist und die quasi in der Zukunft mit den Potentialen der Medien agiert und argumentiert plädiert Andreas Broeckmann für eine radikale Zeitgenossenschaft.
Marc Ries fragt nach den Dispositiven von Film und Internet im Kontext von Zeitgenossenschaft und Musealisierung. Er zeigt zunächst, dass der Film qua seiner Anordnung die eigene Musealisierung mitbetreibt, bzw. dass das Museale des Films nicht von einer einfachen Filmvorführung unterscheidbar ist. Im Kino fallen Zeitgenossenschaft und Musealisierung zusammen. Für das Internet gilt Ähnliches: Auch ein Web-Museum im Netz lässt sich von zeitgenössischen Internetseiten prinzipiell nicht unterscheiden. Am Beispiel der Internetplattform The Thing Vienna lotet Ries konkret aus, welche Möglichkeiten der Musealisierung für eine Website bestehen.
Im Anschluss an Marc Ries stellt Winfried Pauleit die Frage, ob die Filmretrospektive eines lange verstorbenen Regisseurs zeitgenössisch sein kann. Dabei wird die Frage der Zeitgenossenschaft insgesamt als ein Kampfbegriff problematisiert, dem nur schwer zu entkommen, aber dem ebenso schwer beizukommen ist.
Elke Krasny lädt ein zu einer Tour durch die Kommunikationsspuren in der Stadt. Dafür ist es zunächst erforderlich, ‚ein Loch im Zaun’ zu durchschreiten und zumindest zeitweise von den gewohnten Blickausrichtungen abzulassen, um die Pluralität der Äußerungen, die sich im öffentlichen Raum manifestiert, wahrzunehmen. Krasny führt zu den Schriftzeichen, die sich auf den Oberflächen der Stadt ablagern und die genauso wie die verlorenen Zettelchen in den Straßen Geschichten erzählen. Solche Geschichten lassen sich nicht festschreiben, sie bewegen sich vielmehr zwischen Erfindung und ‚unmissverständlichen Botschaften’ und geben darin als temporäre Markierungen Auskunft über das zeitgenössische Leben in der Stadt.
Dieter Hoffmann-Axthelm skizziert in seinem Beitrag das Ineinandergreifen von Stadtzerstörung und Denkmalpflege. Dabei diagnostiziert er den Denkmalpfleger als Umkehrung des Modernisten, der nach der gescheiterten Moderne versucht in den gebauten Hüllen ihr Weiterleben zu sichern: „ Aus dem Projekt der neuen Welt ist ein Konservierungsprojekt geworden.“ Weder lässt sich die Liebe zum Gebauten aus der Welt schaffen, noch die Fülle Ihrer Objekte zeitlos erhalten. Es wäre jedoch an der Zeit auch die Notwendigkeit des Zerfalls anzuerkennen und die gegenwärtige wechselseitige Steigerungslogik von Abriss und Erhaltungsfetischismus zu durchbrechen.
Wie Ralf Rummel-Suhrcke in seinem Beitrag hervorhebt, sind Gestaltungsaspekte in verstärktem Maße in die Kernbereiche des Produzierens, Anbietens und Nutzens von Dingen vorgedrungen. Assoziiert mit diesem als Ästhetisierung der Lebenswelt beschreibbaren Prozess hat sich in den 1980er und 1990er Jahren das Interesse am Design deutlich ausgeweitet. Entlang einiger Designausstellungen geht Rummel-Suhrcke auf den Wandel der Designpräsentation in den vergangenen Jahren ein. Angesichts der Herausforderung einer zunehmenden Gestaltbarkeit der kleinsten Bausteine der Materie und des Lebens selbst wirft er die Frage nach angemessenen Formen der Designvermittlung auf.
Schließlich sei erwähnt, dass dieses Heft zeitgleich zur Internationalen Konferenz „Blinde Date. Zeitgenossenschaft als Herausforderung“ erscheint, die vom 24.-28. Juni 2007 in Bremen stattfindet und von der Gesellschaft für Aktuelle Kunst Bremen in Kooperation mit dem Institut für Kunstwissenschaft und Kunstpädagogik der Universität Bremen ausgerichtet wird.



Viktor Kittlausz, Winfried Pauleit
Wir bauen unsere Seite um und sind daher z.Z. nicht ganz aktuell. Bis bald im neuen Look!



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