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Albrecht von Lucke

Heft 138: TrashHeft 138 38. Jahrgang Herbst 2007 11 €


Trash

Inhaltsverzeichnis

Der vermüllte Mensch

„Nach dem Einsturz der größten Müll­de­ponie von Manila ist die Zahl der Todesopfer bis Dienstag auf mindestens 91 gestiegen. Vermisst wurden verschiedenen Schätzungen zufolge noch 72 bis 300 Menschen. Einen Tag nach dem Unglück schwand jedoch die Hoff­nung der Suchmannschaften, noch Über­lebende aus den Müllmassen zu retten. Un­terdessen wuchs die Kritik an den Behörden, die nichts gegen die Ausweitung der Elends­sied­lung am Fuß der Deponie Payatas unternommen hatten.“1
„Frau in den USA starb unter Müllberg im Haus. Nach Angaben der Polizei ist die Frau, die durch ihren Mann als vermisst gemeldet worden war, unter dem Müllhaufen in ihrer Wohnung erstickt. Ihr Ehemann geht davon aus, dass seine Frau hingefallen ist, als sie das Telefon zwischen dem Müll suchte. Als er in dem Haus nach ihr suchte, war dort so viel Unordnung, dass er nicht mal sehen konnte, dass seine Frau tot zwischen dem Müll lag. Der Polizeichef Terry Davenport sagte, dass sich im Haus soviel Müll befand, dass man bei der Suche nach der Frau mit dem Kopf gegen die Decke stieß.“2
Zwei Meldungen, zwei Ereignisse, beide mit tödlichem Ausgang – wenn auch ihrem Ausgangspunkt nach Tausende von Kilo­metern getrennt und ihrem Inhalt nach diametral verschieden. Bei der ersten Meldung haben wir es mit der Vermüllung der Außen­welt zu tun. Heute leben immer mehr „Müll­men­schen“ auf den Abfallhalden der Welt, die für sie zu ihrem Lebensraum werden, immer auf der Suche nach etwas Brauch- und Ver­wertbaren. Doch zur äußeren Ver­müllung der Welt, die für Tausende Menschen in der Dritten Welt zur manchmal tödlichen Le­bens­grundlage wird, gesellt sich in den globalen Wohlstandsinseln immer häufiger die Ver­müllung der Innenwelt. Wohnungen werden zu Müllhalden. Der vermüllte Mensch wird zur Signatur unserer westlich-industriellen Moderne.
Das Paradox der Angelegenheit: Die Le­bens­weise der „Müllmenschen“ ist, wenn auch manchmal tödlich, so doch höchst rational, da sie einer immer größeren Zahl von Menschen den Lebensunterhalt und damit ihr Überleben garantiert. Mittlerweile ist das Bild von in den Mülltonnen nach Wieder­ver­wert­barem, insbesondere Leergut, Suchenden auch in den westlichen Industriegesell­schaf­ten zum Normalfall geworden. Vor zehn Jah­ren wäre dies in dieser Häufigkeit noch undenkbar gewesen, heute hingegen gewöhnen wir uns wieder an die aus Sicht des Ein­zelnen vernünftige Entscheidung zur Ver­wertung des Wohlstandsmülls, um der eigenen Armut in der Hartz IV-Gesellschaft zu entfliehen.
Das andere Phänomen hingegen, die innere Vermüllung, der vermüllte Mensch, erscheint als hochgradig irrational und pathologisch – und rührt damit an die Grundfesten des bürgerlichen Charakters, wie er in der protestantisch geprägten Arbeitsgesellschaft seine Aus­prägung fand.
Das Vermüllunsgssyndrom als Signatur der Moderne
Bis vor zwanzig Jahren war, wenn von Ver­müllung geredet wurde, stets „nur“ die von Städten und Landschaften gemeint. Doch heute haben wir es bei der Vermüllung auch mit einem charakterologischen Phänomen zu tun, das in seiner klinischen Variante auch als „Vermüllungssyndrom“ bekannt ist. Darun­ter wird ein Krankheitsbild zusammengefasst, bei dem Menschen ihre Wohnung durch die Anhäufung von wertlosen, unbrauchbar gewordenen Gegenständen unbewohnbar machen.3 Was wir hier erleben, ist die Ver­mül­lung des Menschen in seiner Innenwelt. Die vermeintliche Überfluss­gesellschaft hat im verniedlichend „Messie“4 genannten vermüllten Menschen ihren eigentlichen Exponenten gefunden.
Heute sind die reißerischen Aufnahmen von bis an die Decke vollgestopften Woh­nun­gen, in denen sich die Bewohner wie Höh­lenmenschen in schmalen Gängen ihren Weg zu ihren letzten Rastplätzen bahnen, längst zum Allgemeinplatz in der alles verwertenden Medienindustrie geworden. Doch der äußere Zustand ist nur die Widerspiegelung innerer Zustände im Messie-Dasein, ein äußerlich sichtbares Spiegelbild5 des inneren Chaos: Der Müll verweist auf die Unfähigkeit, das eigene Leben sinnvoll zu ordnen. Die derart zugemüllten Menschen sind keineswegs der Meinung, sie sammelten Müll oder Un­brauch­bares. Für sie handelt es sich bei der vermeintlichen Müllhalde um eine Sammlung wertvoller Objekte, die alle noch einmal nützlich sein könnten. Sie sind schlicht unfähig, Gegenstände nach dem Kriterium brauchbar und unbrauchbar zu unterscheiden und dieser Einsicht gemäß zu handeln.
Diese Menschen sind zur sinnvollen Ordnung des eigenen Lebens nicht mehr in der Lage. Alles wird zu einem potentiellen Anfang, einmal angefangene und wieder abgerissene Lebensstränge überlagern sich in wildem Durcheinander. Doch für den Be­trof­fe­nen sind die vermeintlich unordentlich herumliegenden Gegenstände „Denkmäler für Aktivitäten und Vorhaben“.6 Die Gegen­stän­de sind also nur scheinbar tot – und harren ihrer Verlebendigung. Nichts kann deshalb endgültig beendet, abgehakt oder gar (symbolisch) begraben werden. Mit tragischer Konsequenz: Der Mensch vermüllt innerlich, er kann nicht mehr zwischen noch „verwertba­ren“, sinnvoll fortsetzungsfähigen, und ver­werfbaren Anteilen seiner Biographie unterscheiden.
Die psychologische Forschung sieht denn auch in der äußeren Vermüllung eine konkrete materielle Widerspiegelung des inneren Zustandes des Betroffenen. Durch seine Ent­sprechung im Gegenständlichen werde das innere Chaos teilweise kompensiert.7 Mit der Konsequenz, dass der derart vermüllte Mensch sich zwanghaft an allem festkrallt, was in seinen Horizont gerät und von ihm mit Bedeutung aufgeladen werden kann. Der „Messie“ lebt in einem „Paradies potentieller Nutzwerte“, welches aber letztlich nur in seiner Phantasie existiert, da die Realisierung dieser Nutzwerte ja gerade unterbleibt.8
Der Messie als Avantgarde
Zu fragen wäre jedoch aus soziologischer Sicht, inwieweit dieses innere Phänomen, das innere Chaos des vermüllten Menschen, nicht auch und gerade seinerseits bloß die Wider­spie­gelung äußerer Zustände ist. Nämlich einer Außenwelt, die ihrerseits immer weniger zwischen Wertvollem und Wertlosem unterscheidet. Der vermüllte Mensch wäre damit nur die Avantgarde in einer Welt, die von einer ständig wachsenden Zahl von Menschen als zutiefst chaotisch erlebt wird, nämlich als permanente Entwertung des vormals Wertvollen und, im Gegenzug, als permanente Aufwertung des vormals Wertlosen. Wie aus dem vormals Wertvollsten, etwa liebevoll gesammelten und gehegten Brief­marken oder Schallplatten, im Zuge rasenden Wertverlusts bloßer Kram werden kann, so auch sprichwörtlich „aus Scheiße“ Gold – ob im „Big Brother“ – Container oder bei „Deutsch­land sucht den Superstar“. Der Profa­nisie­rung des „Heiligen“ korrespondiert die Ver­göt­zung des Profanen, im Ergebnis auch des Mülls. Eine derartige Gesellschaft jedoch, die das Wesentliche nicht länger vom Unwe­sent­lichen scheidet, macht alles aufbewahrungswert, da alles zur Quelle der Wertschöpfung werden kann. Wer wüßte heute noch objektiv zu definieren, was morgen Müll und was Wertsache ist? Alles fließt in der postmodern euphemistischen „Welt des Trash“ – auch der darin befindliche Mensch.
Der rasende Wertverlust betrifft nämlich zunehmend auch „Otto Normalver­brau­cher“ bzw. Normalarbeiter oder -angestellten, der bekanntlich immer seltener vorkommt. Der durch den ständig beschleunigten Kapitalismus geforderte „flexible Mensch“ (Richard Sennett) erlebt sich als immer weniger zu charakterlicher Verfestigung in der Lage. Wenn jedoch der derart freigesetzte und auf sich selbst zurückgeworfene „Freelancer“ nicht länger auf eine feste Tätigkeit für die nächsten Jahrzehnte, Jahre oder nur Monate zählen kann, bekommt für ihn gleichzeitig alles eine Verwertungsbedeutung. Ob er morgen auf dem Flohmarkt seine CDs oder Bü­cher verkaufen muss oder schon nicht mehr kann, weil sie keinen Wert mehr besitzen, ist heute noch nicht ausgemacht. Wo alles latent überflüssig ist, ist aber nichts wirklich überflüssig – und damit alles von Bedeutung.
Das Festhalten von Allem und Jedem ist deshalb auch die Reaktion auf eine Welt, die mit ständig neuen Zumutungen auf den Menschen einwirkt, ihm permanente autonome Entscheidungen abverlangt. Derweil im Zuge der radikalen Flexibilisierung der Ar­beits­verhältnisse die charakterliche Verfes­ti­gung immer mehr erschwert wird, entsteht Tag für Tag aufs Neue ein ungeheurer Leis­tungs­druck zur eigenverantwortlichen Selbst­kreierung des Individuums. Im Erleben dieser nicht mehr nur metaphysischen, sondern existenziellen Unbehaustheit zieht sich der Einzelne vor der täglichen Überforderung in die eigenen Wände zurück und hält sich dort an seinen eigenen Müll. Auf diese Weise produziert er im Laufe der Zeit eine eigene äußerliche Welt in seiner Wohnung.
Umso katastrophaler ist für die hortenden Menschen der Entzug dieser schützenden Umgebung und der Zwang, nun im wahrsten Sinne „aus dem Nichts heraus“ schöpferisch sein zu müssen: „Mit der Zuerkennung von Selbstverantwortlichkeit und Autonomie ent­halten wir ihnen paradoxerweise ein lebenswürdiges Leben vor, stoßen sie früher oder später in einen asozialen Raum hinaus, in dem sie weder leben noch sterben können.“9 Die plötzliche absolute „Leere“ der Wohnung – und damit des eigenen Ichs – wird regelmäßig als Katastrophe erlebt. Die Konsequenz liegt auf der Hand: Der auf diese Weise entmüllte Mensch fühlt sich existenziell unbehaust und beginnt erneut, manisch zu sammeln.
Heute wissen wir, dass die Wurzeln der Vermüllung zumeist durch ein geringes Selbstwertgefühl gelegt werden, oft gepaart mit Verlust- und Existenzängsten in der frühen Kindheit. Derartige Entwicklungs­defi­zite führen zu einem Mangel an Ur­vertrauen in die eigene Umgebung und die unmittelbaren Bezugspersonen. Aus diesem Grund klammert sich der hortende Mensch an Din­ge, von denen es glaubt, dass sie dauerhaft oder zeitlos sind.10 Seine gesammelten „Schät­ze“, selbst sein Chaos und seine Un­ord­nung, schützen ihn vor Identitätsverlust und geben ihm gleichzeitig ein Gefühl der (Pseu­do)Sicherheit. „My mess is my castle“ – der unbehauste Mensch zieht sich regelrecht in seine eigene Müllburg zurück.
Der alltägliche Verlust und der digitale Messie
Wenn aber die traumatisch erlebte Ver­lust­erfahrung der häufigste Ursprung krankhaften Hortens ist, verweist dies ebenfalls auf eine heute allgemein gültige Grunderfahrung. Im digitalen Kapitalismus des 21. Jahr­hun­derts ist die Möglichkeit des Verlusts, etwa der beruflichen Zukunft, total und gleichzeitig alltäglich geworden. Der Crash des Neuen Marktes, um hier nur ein Ereignis der jüngeren Vergangenheit exemplarisch zu nennen, hat bewiesen, dass sich von einem Tag auf den anderen Millionenwerte in Luft auflösen können. Davor feit allenfalls das eine, der Besitz von einschlägigen Informationen. Nicht ohne Grund finden sich in vermüllten Wohnungen regelmäßig Berge von Zeitungen und Zeit­schriften – oftmals feinsäuberlich geordnet und verschnürt.
Doch das ist nur die anachronistische Form des Hortens. Die digitalisierte Wissensgesell­schaft bringt eine ganz neue Art hortender Menschen hervor, den digitalen Messie. Konn­te man etwa in den Ostberliner Bezirken noch etliche Jahre nach dem Zusammenbruch des realexistierenden Sozialismus zahlreiche Lum­pensammler erleben, die ganz im Sinne von SERO, dem staatlich geförderten Recycling à la DDR, alles Wiederverwertbare einsammelten und damit, da nicht mehr verwertbar, ihre zumeist winzigen Wohnungen vollmüllten, wird heute, auf der „Höhe der Zeit“, ganz anders gehortet.
Die wirkliche Avantgarde, die Messie-Bo­hème, sammelt virtuell. Seine heute vielleicht signifikanteste Ausprägung erlebt das Phä­nomen manischen Sammelns im unendlichen Raum des Cyberspace. Auch was das Mes­sietum anbelangt, erleben wir damit eine Zweiteilung der Gesellschaft, spiegelt sich auch hier der digital divide. Die einen, die global Abgehängten und Überflüssigen der post-fordistischen Moderne, halten sich in sentimentaler Anhänglichkeit nach wie vor an die rasend schnell vergängliche hardware des 20. Jahrhunderts. Sie sammeln Schallplatten und Plattenspieler, Cassetten und Rekorder – un­geachtet der Tatsache, dass deren Zeit unweigerlich abgelaufen ist.
Die anderen dagegen, die digitalen Messies, sammeln Gigabyte um Gigabyte an Daten; sie stellen sich auf diese Weise komplette Musik- oder Filmsammlungen auf wenigen Datenträ­gern zusammen. Und dennoch: Die Gefähr­dung bleibt die gleiche. Auch den digitalen Messies droht der Verlust ihres ohnehin zumeist labilen Ichs. Das Netz als Hort der Sammlung muss nicht weniger gefährlich sein, im Gegenteil: Das Wissen, auf das heute angeblich alles ankommt, ist tendenziell un­endlich, kann also ad infinitum gesammelt und gehortet werden. Mit dem Internet hat sich die Informationsüberflutung in den unbegrenzten Raum hin ausgedehnt. Und das informationelle Warensortiment nimmt täglich zu, von den wachsenden Bergen an digitalem Müll (Spams etc.) ganz zu schweigen.
Auf diese Weise zwingt die Flut an In­for­mationen und Informationsträgern dazu, ständig auswählen zu müssen. Eben das aber bedeutet für Messies das größte Problem. Nicht ohne Grund träumen viele von ihnen vom perfekten Archiv – ohne es je zu erreichen. Zwar liefert heute die eigene Festplatte für alle den erforderlichen unbegrenzten Raum, sie stiftet damit aber noch keine Ordnung. Besonders gefährdet von digitaler Vermüllung sind deshalb Menschen mit guter Bildung und breit gefächerten Interessen. Denn umso breiter die Interessen, umso größer die potentielle Sammelwut. Ohnehin haben wir es bei den hortenden Menschen oft mit besonders kreativen Personen zu tun. Bekanntlich waren viele große Künstler, wie etwa Andy Warhol oder Pablo Picasso, manische Sammler – was noch nie ein Problem war, solange das durchschlagende Talent und der erforderliche Raum vorhanden gewesen ist. Bei den „Normalbegabten“ schlägt die eigene Kreativität dagegen allzu leicht in Chaos um – zumal dann, wenn von außen keinerlei Führung oder Anleitung erfolgt.
Die Befreiung aus dem Müll
Eines wird daran jedoch deutlich: Vermüll­te Menschen machen keineswegs den Bo­den­satz der Gesellschaft aus. Sie finden sich in allen Schichten und Altersgruppen. Heute gehen Experten aufgrund von Schätzungen davon aus, dass etwa fünfzehn Prozent der Bevölkerung Anteile des Messie-Erlebens kennen. Dazu gehören Existenzangst und das Unvermögen, sich an wichtige Dinge zu erinnern oder den Dingen die richtige Wertigkeit zuzuordnen.11 Noch ist das Phänomen der Vermüllung damit zwar keine Volkskrankheit wie etwa die Depression; allerdings steht es mit dieser in dramatisch enger Verbindung.
Es ist paradox: Heute leben wir in einer global durchkapitalisierten Welt, die digital sogar „unendlich weit“ darüber hinaus geht, aber die gesellschaftlich anerkannten, nämlich kapitalistisch entlohnten Handlungs- und Verwertungsräume des Einzelnen doch im­mer kleiner werden lässt. Letztlich führt sie zur Handlungsunfähigkeit der millionenfach Überflüssigen. Für dieses Phänomen tragischer Vergeblichkeit ist der Messie das sichtbarste Zeichen: Die sichtbare räumliche Enge des vermüllten Menschen entspricht der Enge seines Handlungsspielraums. Wie Sisyphos plagt er sich Tag für Tag an den eigenen Müll­bergen, an der „ungeheuren Last des Über­flüs­sigen“,12 bei seinem vergeblichen Versuch einer Ordnung der Dinge und seines Lebens in seiner immer kleiner werdenden Welt.
André Gorz, der soeben gestorbene große französische Sozialphilosoph, hat dieses Phänomen der Beschädigung des Menschen im verdinglichenden Kapitalismus früh er­kannt. Deswegen zielte sein radikales Denken von Anfang darauf, menschliche Handlungs- und Anerkennungsräume jenseits der kapitalistischen Verwertung zu schaffen. „Was erfüllt das Zusammenleben der Menschen mit Sinn, wenn fremdbestimmte Arbeit zum größten Teil überflüssig wird und viel Zeit für nicht vorbestimmte Tätigkeiten und Beschäf­tigungen oder auch Muße und Besinnung zur Verfügung steht?“ lautete für ihn die entscheidende Frage der Zukunft. „Auf diese Frage kann die Antwort nicht gefunden werden, solange die Gesellschaft Erfolg an der Höhe des Geldeinkommens mißt und alle Leis­tun­gen, inklusive sportliche, künstlerische, wissenschaftliche usw. in Geld ummünzt.“13 Für Gorz war klar, dass aus der kapitalistischen Inwertsetzung jeder Tätigkeit permanente Kränkungserlebnisse und eine Vielzahl unbefriedigter Bedürfnisse erwachsen müssen. Die­se notwendige „Diskrepanz zwischen äuße­rer und innerer Welt“ zielt in den Kern des Messie-Problems: „Ein Messie schafft es nicht, die eigenen Wünsche und Triebe mit den äußeren Anforderungen der Umgebung in Einklang zu bringen und scheint auf ständiger Suche nach etwas zu sein, das er nicht benennen kann. (…) Die Betroffenen versuchen unbewusst, die Löcher in der Seele mit Äußerlichkeiten – in diesem Fall mit Sammeln und Horten – zu stopfen.“14 Löcher, die ihre Ursache in verhärtenden Verlusterlebnissen haben und zu emotionalen Defiziten führen: „Die Unfähigkeit zu fühlen, bringt Messies dazu, sich für das ‚Haben‘ statt für das ‚Sein‘ (nach Erich Fromm) zu entscheiden.“15
Auch damit ist der Messie nur die krankhafte Speerspitze einer unentwegt schaffenden, raffenden und hortenden Gesellschaft. Einer Gesellschaft allerdings, die immer weniger Menschen mit den Möglichkeiten zu großzügiger Konsumtion ausstattet – während sie gleichzeitig immer stärker deren Notwen­dig­keit als einziger Gradmesser gesellschaftlicher Anerkennung für den „eindimensionalen Men­schen“ (Herbert Marcuse) herausstreicht. Da­durch sind Kränkungs- und Verlusterlebnisse bei all jenen programmiert, die bereits heute zu den vorbestimmt Überflüssigen zählen. Gelingt es dieser Gesellschaft nicht, die permanenten Erlebnisse des Scheiterns und des Verlustes durch andere Formen der Aner­ken­nung zu kompensieren, werden auch in Zukunft zahllose Menschen ihr Heil und ihren Halt im eigenen Müll suchen – als letztem Hort ihrer Sicherheit.

Albrecht von Lucke
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