Ästhetik & Kommunikation
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Andreas Galling-Stiehler

Heft 138: TrashHeft 138 38. Jahrgang Herbst 2007 11 €


Trash

Inhaltsverzeichnis

No finish: Rohstoff Abfall

Alles zerfällt; die Mitte hält es nicht.
Ein Chaos losgelassen auf die Welt
Die Flut, bluttrüb, ist los, und überall
Ertränkt der Unschuld feierlicher Brauch;
Die Besten zweifeln bloß, derweil das Pack
Voll leidenschaftlichem Erleben ist. William Butler Yeats: Das zweite Kommen (1919)
Das Schlimmste ist nicht, dass wir von den Abfällen der industriellen und städtischen Zusammenballungen überschwemmt werden, sondern dass wir selber Müll werden. Jean Baudrillard: Die Illusion des Endes oder Der Streik der Ereignisse (1994)
Für Abfall ist gesorgt. Wir haben Daily Soaps, Kardinäle, Bild, Innenminister und Ex-Top-Terroristen – sie alle lassen abfallen. Das Problem: Es modert nicht. Wir können diesen Müll nicht zur Kippe bringen, denn da kommt er her. Wir verstopfen Abfalleimer mit Abfalleimern. Nach Trash-Theoretiker Baudrillard hat auch die Geschichte keinen mehr, weil sie selbst einer geworden ist. Und: Sie „verfällt dem Recycling“. (Vgl. Baudril­lard 1994: 48) So bleibt auch das Ende der Ge­schich­te in diesem postmodernen Szenario sozusagen in den Wiederholungsschleifen geschlossener Kommunikationssysteme hängen, in der Simulation – no finish, Ende ist eine Illusion. Die Frage ist: Geht es uns gut im Trash-Kreislauf?
Kardinal Meisner zumindest fühlt sich beim Recycling wohl. In einem „Festgottes­dienst“ zur Einweihung des Kölner Kunst­mu­seums Kolumba sagte er Mitte Juli: „Dort, wo die Kultur von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kultus im Ritualis­mus und die Kultur entartet. Sie verliert ihre Mitte.“ (vgl. www.wdr.de) Das ist die große Geste des Abgesangs, in Deutsch­land viele Male „recycled“. Dabei muss im­mer etwas von der Mitte abfallen, sonst funktionieren die Ausstellungen des „Entarteten“ nicht.
Christian Klar dagegen wirkte zu Jahres­be­ginn eher desorientiert in seinem Recycling von RAF-Phrasen. In seinem „Grußwort“ an die PDS sah er die Welt „reif dafür, dass die zukünftigen Neugeborenen in ein Leben treten können, das die volle Förderung aller ihrer menschlichen Potentiale bereithalten kann und die Gespenster der Entfremdung von des Menschen gesellschaftlicher Bestimmung ver­trieben sind“. (junge welt, 15.1.2007) Ein sol­ches Sinnsystem braucht keinen Außen­kontakt, das erledigt die Phrase. Das Virtuelle produziert, wie Baudrillard sagt, das Reale als Abfall. (Baudrillard 1994: 124) Es bleibt er­staunlich, mit welchem Ernst Bundes­prä­si­dent Köhler bei der Ablehnung des Be­gna­digungsgesuches des Ex-Top-Terroristen auf diesen Trash reagiert hat.
Die Verwertung dieser beiden Selbstins­ze­nie­rungen in unterschiedlichsten kulturellen For­maten zeigt, dass an Baudrillards Ein­schät­zung, dass wir (einander) mitunter zu Müll werden, etwas dran sein könnte.
Recycling-Zyklus
Im Mai entdeckte die Bild-Zeitung die Berliner Müll-Mutti. Sie hatte ihre Kinder in einer Wohnung weitgehend allein gelassen. Dort lebten sie über Monate zwischen Abfällen, bis besorgte Bürger sie dem Jugendamt und dem Boulevard übergaben. Die Leser konnten durch die Folge­bericht­er­stattung – sie zeigte z. B. die nun zur „Horror-Mutter“ mutierte Frau beim Putzen, wo­durch sie angeblich hoffte, wieder in Kontakt mit ihren Kindern treten zu dürfen (Bild 4.5.2007) – den Zyklus des Recycling beobachten:

Es muss immer jemand von einem Wahren abfallen. Da dieser Jemand die Geschichte des Wahren als Abgefallener nicht weitererzählen kann, sammelt er statt Gütern nun Abfälle und auch seine Wahrnehmungen taugen nichts – er vermüllt. Das tut er, bis man ihn samt seiner Abfälle entsorgt. Diese Ent­sor­gung trägt dann immer verwahrlostere Züge und der Zyklus beginnt von neuem. Eines der Modelle dafür lieferte die SPD mit der von ihr initiierten Studie der Friedrich-Ebert-Stif­tung „Politische Milieus in Deutschland“.
Prekariatsmaschine
Die SPD-Studie bereitet die aus der Marktforschung stammenden so genannten Konsumenten-Milieus „entlang der drei Wertekonflikte Libertarismus-Autoritaris­mus, Soziale Gerechtigkeit – Marktfreiheit, Religiosität – Säkularität“ neu auf. (Neuge­bauer 2007: 68) Aus einer von TNS Infratest 2006 durchgeführten Repräsentativumfrage auf dieser Grundlage werden dann folgende „Positionen im Wertefeld“ abgeleitet:
Die „kritische Bildungselite“ der Friedrich-Ebert-Stiftung machte mit dem „abgehängten Prekariat“ ein Milieu aus, das mit Trash treffender bezeichnet wäre. Zur „Lebens­bewäl­tigung“ der Prekariatarier heißt es: „starke Verunsicherung, fühlen sich gesellschaftlich im Abseits und auf der Verliererseite; wenig persönliche Orientierungsmöglichkeiten, höchs­ter Anteil an Konfessionslosen; starke ge­sellschaftliche Desorientierung, fühlen sich vom Staat alleine gelassen; empfinden Gesellschaft als extrem undurchlässig; Rückzug ins Private ist nur vermeintlicher Ausweg, auch hier kaum Gefühl, Leben weitgehend selbst bestimmen zu können.“ (Neugebauer 2007: 83)
Die Prekariatsmaschine funktioniert durch den Mechanismus der Abhängung. Die Logik: Hartz IV-Empfänger kommen aus dem Hartz IV-Bezug nicht raus, weil sie Hartz IV kriegen. Das konterkariert auf erhebliche Weise sozialdemokratische Ar­beits­marktpolitik. Denn auch die Gewinner auf der Verliererseite bleiben Verlierer. Die Entsorgung durch den Verzicht auf den Begriff Unterschicht hat nicht funktioniert. Das Verdrängte wurde nicht aufgearbeitet, sondern „recycled“.
Freud 2.0: Recycling des Verdrängten
Das, was wir aus Gründen psychischer Gesundheit verdrängen, hat laut Freud eine fatale Eigenschaft: Es ist unzerstörbar. „Im Unbewußten ist nichts zu Ende zu bringen, ist nichts vergangen oder vergessen.“ (Freud 1999 Bd. II/III: 583) Und da es letztlich zum Ich gehört, will es da auch wieder hin. Die unbewussten Inhalte des Es streben ins Bewusstsein. Das gelingt, wenn Krankheit oder Traum die „Gegenbesetzung“ herabsetzen, wenn die „am Verdrängten haftenden Triebanteile“ verstärkt werden oder man Din­ge erlebt, die dem Verdrängten ähneln. (Freud 1999 Bd. XVI: 201 f.) Diese Faktoren kommen den Sendeformaten des Unter- wie Oberschichtfernsehens sehr nahe. Mit der medialen Allgegenwart hat sich auch das Problem des Verdrängten verändert. Aus der „Wiederkehr des Verdrängten“ ist sein Re­cycling in der Wiederholungsschleife geworden.
Heute kommt der Wiederholungszwang eher von außen. Man hat kaum noch Ge­le­gen­heit, sich selbst in unangenehme und peinliche Situationen zu bringen, wenn im TV „Super Nanny“, „Deutschland sucht den Superstar“, „Big Brother“ oder „Talks“ mit Eva Hermann oder Reinhold Beckmann laufen. Man ist dadurch bei jeder Fehlleistung fast immer eine Art Kopist – irgendjemand hat sich vorher bereits in irgendeiner „Reality Show“ in den gleichen Fettnapf gesetzt. Auch der Befind­lich­keitsjournalismus – also die Boulevard-Variante für die „kritische Bil­dungs­elite“ von ZEIT-Leben bis SZ-Magazin und Harvard Business Ma­nager – sorgt für eine durchgehende „Tyran­nei der Intimität“, wie Richard Sennett es 1983 genannt hat. Es wird immer schwerer, ohne erhebliche Trau­mata überhaupt Inhalte ins Unbewusste reinzukriegen. Und wer heute tatsächlich etwas ehemals Verdrängtes in sein Bewusstsein integrieren will, muss die Verwertungsschleifen meiden – ob als Kon­su­ment oder Produzent von Peinlichkeit.
Gibt man aber das persönliche Verdrängen und die psychoanalytischen Versuche einer Versöhnung damit weitgehend auf, findet sich eine uferlose Rohstoffsammlung für das ganz individuelle Recycling – ob man das nun Ego-Marketing oder Neurose nennt.

Andreas Galling-Stiehler
Wir bauen unsere Seite um und sind daher z.Z. nicht ganz aktuell. Bis bald im neuen Look!



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