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Editorial Heft 139

Heft 139: KonsumentendemokratieHeft 139 38. Jahrgang 38. Jahrgang 2007/08 11 €


Konsumentendemokratie

Inhaltsverzeichnis

Konsumentendemokratie – Wenn und Aber.

Statt: Alle Macht den Räten, hieße es heute besser: Alle Macht den Konsumenten. Diese Macht wird nicht nur erkämpft, sondern auch zugeschoben. Sowohl wirtschaftlich, im Rah­men der Produktwerbung, wie auch politisch, war doch ein nicht unwichtiges Ergebnis von Rot-Grün die Um­be­nennung, besser Um­orien­tierung, des be­deu­tungslos gewordenen Landwirtschafts­mi­niste­riums in ein Verbrau­cherministerium. Dass hier ein Machtpotential entstanden ist, und dass sich damit Demo­kra­tierungs­spiel­räu­me eröffnet haben, dürfte, bei allen absehbaren Ab­we­gen und Ambivalenzen, nicht zu leugnen sein.
Das vorliegende Heft stellt nun die Frage, ob und wie weit die zunehmende Konsumen­tenzen­trierung tatsächlich Macht verschiebt: ob und wie weit die Sache also über Werbung und Kundenbindung einerseits, staatlichen Ver­braucherschutz als vergleichsweise kos­ten­lose Bemutterung des Wählers andererseits, hinaus geht. Gibt sie etwa im Grunde schon die Metapher vor, unter welcher in Zu­kunft überhaupt das Verhältnis zwischen Bür­ger und Staat zu begreifen ist?
Was hieße das als Politik? Wird aus der Staatsbürgerbeziehung ein einfaches Dienst­leis­tungs­verhältnis, wo die Bürger im wesentlichen darüber entscheiden, welches der von den Parteien angebotene Menüs das nach Preis-Lei­stungs-Verhältnis genehmere ist, oder auch nur: welches das kostengünstigste scheint? Das bedeutete eine Verschiebung der politischen Wil­lensbildung aus der reinen Sphäre des Poli­ti­schen – der Herrschaftsentscheidungen – in die der ehedem Bürgerlichen Gesellschaft, der alltäglichen gemischten Interessen: eine Ver­schie­bung also vom Politik konstituierenden Citoyen zum Verbraucher von Politik.
Die Beiträge des Heftes unterscheiden sich erheblich darin, von welcher Seite aus sie diese Verschiebung der Gewichte betrachten, als Politischwerden von Marktbeziehungen, oder als Organisations- bzw. Kommunika­tions­problem der Politik.
Sie unterscheiden sich auch darin, wie sie sich zu dieser Ver­schiebung verhalten, ob sie Befürchtungen oder Hoffnungen anmelden. Was aus der ungebrochen politischen Pers­pek­tive liberaler Freiheiten als Abgleiten er­scheint – Wolf­gang Sofski spricht neuerdings vom Abrut­schen des Rechtsstaats in den Präventions­staat –, wird bei positiver Sicht des Kon­su­mentenparadigmas zu einer Chan­ce für mehr Demokratie. Beide Perspektiven dürften für das Weiterdenken nötig zu sein.
Nicht zufällig greift das Heftthema damit auf gleich vier – auf unterschiedlichen Ebenen liegende – Stränge im Spektrum von Ästhetik und Kommunikation zurück. Das Kon­su­mententhema wurde kürzlich schon mit dem Heft „Kapitalismus mit Messer und Gabel“ angeschlagen. Eine Schicht darunter liegt das Thema Demokratie, das sich als roter Faden durch eine ganze Reihe von Heften der letzten Jahre zieht (vor allem „Neue Lage, Heft 108, „Bürger-AG“, Heft 112, „Verwahr­lo­sung“, Heft 132). Einmal mehr aktualisiert sich darin aber auch die seit ihrer Gründung zur Zeitschrift gehörende Fraktionierung der – wechselnden – Redaktionen zwischen Me­dien- und Politikorientierung. Und schließlich summiert es eine latente Blickwendung in der Beschreibung von Politik – galt das In­te­resse früher einer selbstbewußten Kul­tura­li­sie­rung der Politik, so jetzt (erinnert sei auch an das Schiller-Heft, 128 ) einer gebrochenen gleich­sam kulturökonomischen Aufschlüsse­lung.


Dieter Hoffmann-Axthelm
Wir bauen unsere Seite um und sind daher z.Z. nicht ganz aktuell. Bis bald im neuen Look!



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