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Tilman P. Fichter

Heft 140/141: Die RevolteHeft 140/141 39. Jahrgang 39. Jahrgang 2008/09 20 €


Die Revolte

Inhaltsverzeichnis

Meine Uni war der SDS

Seine Epoche sucht man sich nicht aus: Ich wurde am 1. August 1937 (um 11 Uhr 30 vor­mittags im Marienhospital) in Berlin-Wil­mersdorf geboren. Es soll ein schöner und friedlicher Sonntag gewesen sein. Meine Kindheit bzw. Kriegskindheit erlebte ich bis zum Frühjahr 1943 am „Friedrich-Karl-Platz“ in Berlin-Charlottenburg, danach in Glogau in Niederschlesien bis Frühjahr 1944 sowie in Stuttgart-Vaihingen. Für mich und meine Schwestern Maria und Claudia waren das Zeiten auf Abruf. Kaum hatten wir uns an unsere neue Umgebung gewöhnt, fuhr der Möbelwagen wieder vor, unsere Spiel­sachen wurden von neuem verladen, und unsere Freunde verschwanden im Nichts.
Den „Endsieg“ erlebte unsere Familie in einem engen, feuchten Luftschutzstollen nahe der „Paradiesstraße“ in Vaihingen. Unser Viertel wurde am 21. April 1945 gegen 15 Uhr von marokkanischen Soldaten „be­freit.“ Meine Mutter, eine praktische Ärztin, behandelte in den folgenden Tagen zahlreiche zumeist ältere Frauen, die oftmals mehrfach vergewaltigt worden waren. Der französische Stadtkommandeur war angesichts der ständigen Übergriffe seiner Soldaten ziemlich ratlos. Das Verhältnis zwischen ihm und meiner Mutter war gut. Er tat alles Men­schen­mög­li­che, um ihr die Arbeit zu erleichtern. Schließ­lich zogen die marokkanischen Kolonialsol­daten ab, und die öffentliche Sicherheit nahm langsam wieder zu. In den Wäldern von Vaihingen lagen andererseits noch zahlreiche Waffen herum, die versprengte Wehrmachts­sol­daten auf ihrer Flucht vor den Franzosen weggeworfen hatten. Die „Franzosenzeit“ währte in Stuttgart al­lerdings nur wenige Wochen. Am 7. Juli 1945 mussten die französischen Besatzungs­truppen Stuttgart verlassen, und die US-Army rückte nach. Jetzt wurden auch die Schulen wieder eröffnet, und die für uns Kinder schöne wilde Zeit des Zu­sam­men­bruches fand ein jähes Ende.
Es waren unstete Jahre, die ich in der Stuttgarter Nachkriegsgesellschaft der 50er Jahre erlebt habe: Gegen die provinzielle Ge­borgenheit in der schwäbischen Wiederauf­bau­metropole revoltierte ich nicht erst 1967/1968. Schließlich saßen die unterschiedenen Generationen damals wie heute nicht alle im gleichen Boot, auch wenn manch unbelehrbarer Nazilehrer bzw. schneidige Ex-Krieger dies damals ganz anders gesehen haben. Die Zukunft meiner Generation schien uns damals als für immer verriegelt. Die Wiederaufbaugeneration der Ex-Solda­ten in Westdeutschland war nach Kriegsende beherrscht vom Hunger nach sozialem Auf­stieg, industrieller Modernität und der kol­lektiven Verdrängung der jüngsten Ver­gan­genheit. Es war die Zeit der Nierentische und der Heimatfilme, des ungebremsten Bau­booms in den zerbombten Städten und zugleich einer zunehmenden Angst vor der Atombombe. Die Welt stand – da waren sich damals fast alle Erwachsenen einig – mal wieder an der Schwelle zu einem neuen Welt­krieg. Noch lehnten große Teile der Bevöl­kerung eine erneute Remilitarisierung ab. Der Ko­reakrieg war jedoch der Vater vieler Dinge: Zwei­fellos war er auch der Vater der „Bun­des­wehr“ und der „Nationalen Volks­ar­mee.“ Die CDU in Bonn und die SED in Ost­berlin beugten sich dem Wunsch ihrer jeweiligen Alliierten. Die Konsequenz war schließlich eine Mauer quer durch Deutsch­land. An den sozialen, massenpsychologischen und finanziellen Folgen laborieren wir noch heute.
Ein jugendbewegtes Biotop
Von 1953 bis 1958 war ich Mitglied im „Bund Deutscher Pfadfinder“(BDP). Ich nahm an mehreren Großfahrten nach Ober­ita­lien (Sommer1953), Franken (Sommer 1956), Korsika (Sommer 1957) und Schwe­den (Sommer 1958) teil. Zunächst als Mit­glied der Sippe „Sperber“ im Stuttgarter Wes­ten und ab 1956 als Stammesführer einer Aufbaugruppe in Vaihingen. Unsere kleinen Fluchten in die Kotenlager der Bündischen Jugend waren ein Ausweg aus der bundesrepublikanischen Wiederaufbaugesellschaft mit all ihren Pseudoautoritäten und neureichen Geschmacklosigkeiten. Wir entzogen uns dem Sog der westdeutschen Konsum­ge­sellschaft in den Fluchtraum unserer autonomen kleinen Gruppe: Am Feuer im schwarzen Rundzelt sangen wir russische Volks­lieder, Negro-Spirituals oder altdeutsche Land­knechtsweisen, lasen und interpretierten gemeinsam Gedichte und Lieder von Bertolt Brecht oder Kurzgeschichten von Wolfgang Borchert. In unserer Gruppe versuchten wir uns schon damals, mehr oder weniger bewusst, an einer Kultur des kritischen Hinterfragens. Doch vieles blieb noch eher intuitiv.
Nach der Mittleren Reife besuchte ich im Winter 1954/1955 die Hamburger See­mann­s­schule, heuerte als 17jähriger Deckjunge auf dem Trampschiff „Karl Grammersdorf“ an und fuhr nach Mittel- und Südamerika. Doch ein Leben in einer reinen Männer­gesellschaft war für mich schon bald unattraktiv. Ich machte eine Lehre bei einer Stuttgarter Versicherung, eine für mich letztlich mehr oder weniger nutzlose Aus­bil­dung. Ohne die ungezählten Wochenend­fahrten mit meinen Freunden auf die schwäbische Alb oder in den Schwarzwald hätte ich diese langen Lehrjahre nicht durchgehalten.
„neue linke“
Ende der fünfziger Jahre begann für mich eine schrille Zeit im London der Beatles, Beatniks und der „new left clubs“. Ich lernte tagaus tagein Englisch und verdrängte die Unwirtlichkeit meiner Stuttgarter Jahre. Da­mals arbeitete ich sporadisch bei einer Lon­do­ner Rückversicherung. Im Londoner Café­haus „The Partisan“ in der Carlisle Street ent­deckte ich den westlichen Marxis­mus jenseits von Karl Kautsky oder Wladimir Iljitsch Lenin. Meine theoretischen Haus­geister hießen deshalb auch nicht Theodor W. Adorno, Walter Benjamin oder Wolfgang Abendroth, sondern E. P. Thompson, Isaak Deutscher oder Eric Hobsbawm. Einige ihrer „Pelican Books“, die ich damals im Café mit Hilfe meines „Oxford Dictionary“ Zeile für Zeile studiert habe, stehen noch heute in meiner Berliner Bibliothek.
Den heimlichen Kautskyanismus in der deutschen Sozialdemokratie lehnte ich bereits damals ab. Denn der Gedanke, dass die Geschichte letztlich ein deterministischer gesellschaftlicher Prozess sei, der geradezu notwendigerweise in einer klassenlosen Ge­sellschaft ende, hatte meines Erachtens in der SPD schon 1918 die Illusion genährt, die Partei könne für immer auf revolutionäre gesellschaftliche Auseinandersetzungen verzichten.
Meine englischen Freundinnen und Freun­de gehörten fast alle zur „new left“. Eini­ge von ihnen waren vor 1956 Mitglieder in der „Communist Party of Great Bri­tain“ (CPGB) gewesen und traten aus Protest ge­gen den Panzerkommunismus in Ungarn aus der KP aus. Einige der späteren Vor­den­ker bzw. Aktivisten der studentischen Linken der Jah­re 1967/1968 in Großbritan­nien, wie Perry Anderson oder Robin Blackburn, zähle ich noch heute zu meinen Freunden. Beide ge­hören übrigens nach wie vor zu den Her­aus­gebern der „New Left Review“ in London.
Der Berliner SDS-Landesverband hatte bereits im Dezember 1960 zusammen mit 24 britischen Teilnehmern aus mehreren „new left clubs“ in Berlin ein Seminar über die „ökonomische und militärpolitische Nach­kriegs­ent­wicklung“ in Westdeutschland und in Großbritannien sowie über die Situation der Arbeiterbewegung in beiden Gesell­schaften durchgeführt. So war es auch nicht ver­wunderlich, dass ich von meinen Lon­doner Freunden bereits damals immer wieder Erstaunliches über die Renaissance eines westlichen Marxismus im gerade aus der Ollenhauer-SPD verstoßenen SDS hörte.
Ein Ereignis riss mich noch vor meiner Rückkehr nach Deutschland endgültig aus der beschaulichen Position eines politisch interessierten Beobachters: Am 22. März 1960 hatten südafrikanische Po­lizisten in Sharpeville das Feuer auf schwarze De­mon­stranten eröffnet, die auf einer Kund­gebung des „Pan African Con­gress“(PAN) gegen das Notstandsrecht und die Rassen­gesetz­gebung friedlich demonstriert hatten. 56 Men­schen starben bei dieser „Polizei­ak­tion“, und 162 wurden verletzt. In den folgenden Nächten nahm ich zusammen mit Freundinnen aus Hampstead an Nacht­wachen vor dem „South Africa House“ am Trafalgar Square teil. Meine Politisierung nahm hier ihren Ausgang: Wir waren der Meinung, dass die rassistische „Apartheid-Gesetzgebung“ in Südafrika, nach den Er­fahrungen mit der NS-Rassenpolitik, von den westeuropäischen Staaten nie hätte ge­duldet werden dürfen.
Eine dritte deutsche Lebensweise
Im Frühjahr 1962 – fast ein Jahr nach dem Bau der Mauer – kehrte ich in meine, jetzt geteilte Geburtsstadt Berlin zurück. Dort existierte so etwas wie eine dritte deutsche Daseinsform jenseits des kleinbürgerlichen Umerziehungsmiefs in der DDR und dem in der westdeutschen Teilrepublik vorherrschenden antiutopischen Skeptizismus der „Generation Flakhelfer.“ Andererseits war das Denken vieler Arbeiter und Angestellter im eingemauerten West-Berlin durch die Erfahrungen im Kalten Krieg geprägt und führte schon bald zu einer Konfrontation zwischen der Mehrheit der Studenten und Teilen der Bevölkerung.
Hier versuchte ich dann Kontakt zur Hoch­schulgruppe des SDS an der Freien Uni­versität aufzunehmen. Zu meinem Er­staunen erklärte mir der damalige Erste SDS-Lan­des­vorsitzende Hubertus Hüppauff, dass der SDS ein akademischer linker Stu­dentenbund sei, und ich deshalb zunächst einmal das Abitur nachholen solle. Erst nach der Immatrikulation an der FU sei mein Eintritt in die dortige Hochschulgruppe des SDS möglich. Dies stellte sich jedoch schon bald als falsch heraus. Ich wurde vielmehr auf einer Vollversammlung des SDS-Lan­des­verbandes im Sommer 1963 als Teil­neh­mer einer Abiturklasse im „Berlin Kolleg“ in den Studentenbund aufgenommen.
Gegen die Rassengesetze in Südafrika
Dort initiierte ich zusammen mit Norah Schimming – sie war später erste Bot­schaf­terin aus Namibia in Bonn – und Dieter Sturm, dem Dramaturgen an der „Schau­büh­ne“ Anfang der sechziger Jahre, einen Ar­beits­kreis über die Rassenpolitik in Südaf­rika. Wir analysierten u. a. die Reden von Henrik Frensch Ver­woerd über die geplanten „Bantu-Ge­biete“ bzw. die Dokumente des „African National Congress“(ANC) über das südafrikanische Passgesetz sowie die anderen Rassengesetze. Damals lernte ich Kundgebungen mit eingeladenen Referenten inhaltlich vorzubereiten, in der universitären Öffentlichkeit bekannt zu machen oder auch größere Demonstrationen in der Stadt zu organisieren.
So veranstalteten wir zum Beispiel am 4. No­vember 1963 zusammen mit dem „Ver­band Deutscher Studentenschaf­ten“(VDS) in der „Wirtschafts- und Sozialwissen­schaf­t­lichen Fakultät“ der Freien Universität eine wirkungsvolle Kundgebung gegen die „Apart­heid-Gesetze“ in Südafrika und forderten in einer vorbereiteten Resolution die Freilas­sung von Dr. Neville Alexander aus der politischen Haft. (Der Germanist hatte in Tü­bin­gen promoviert und in der dortigen SDS-Gruppe zum aktiven Kern gehört.) Pro­fes­sor Gert von Eynern (FU) verurteilte in seinem Referat vor über 400 Studenten die „Apart­heid-Politik“ der weißen Regierung in Johannesburg, die mit „Antikommunis­mus“ die „absolute Knechtung der schwarzen Bevölkerung“ zu rechtfertigen suche. Er forderte die Bundesregierung in Bonn auf, die „Apartheid-Politik“ eindeutig abzulehnen. Da von Eynern in der SPD eher zum Godesberger Flügel gehörte, wurde sein mutiges Auftreten auf der Berliner SDS-Veranstaltung im Erich-Ollenhauer-Haus in Bonn aufmerksam registriert. Denn nach der Verabschiedung des „Unvereinbarkeits­be­schlus­ses“ der Mitgliedschaft in der SPD und im SDS durch den SPD-Parteivorstand am 6. November 1961 war eine Zusammenarbeit von SPD-Mitgliedern mit dem SDS bis zu diesem Zeitpunkt in West-Berlin völlig tabuisiert gewesen.
Nachdem ich, im Handgemenge meiner sonstigen studentischen Aktivitäten, so quasi fast nebenbei im Frühjahr 1964 mein Abi­tur auf dem zweiten Bildungsweg am „Berlin Kolleg“ abgelegt hatte, immatrikulierte ich mich zu Beginn des Sommersemes­ters an der Freien Universität Berlin. Ich studierte Politikwissenschaft und Soziologie bei den Professoren Otto Stammer, Otto Heinrich von der Gablentz, Ludwig von Friedeburg, Johannes Agnoli sowie Arnulf Baring. Ob­wohl ich mit schwäbischem Akzent sprach, fühlte ich mich endlich wieder als Berliner. Da sich aber bereits damals die „schwäbische Mafia“ in der Hochschul­politik an der FU ausgebreitet hatte, spielte mein Dialekt auch künftig sehr wohl eine Rolle, denn die Würt­temberger galten als eine eigene Gruppe.
Brandt und die Barbarei im Kongo
Am 19. Dezember 1964 durchbrachen rund 600 deutsche und schwarzafrikanische Studenten die Ketten der Bereitschafts­po­lizei und protestierten innerhalb der Bann­meile des Schöneberger Rathauses gegen den Staatsbesuch des damaligen kongolesischen Ministerpräsidenten Moise Tschombé. Eine studentische Delegation hatte dem Regie­ren­den Bürgermeister Willy Brandt gerade ihre Enttäuschung über den Empfang des Mörders von Patrice Lumumba zum Aus­druck gebracht, als Tschombés Wagen bei seiner Abfahrt von einigen Demonstranten mit Tomaten und Eiern beworfen wurde. Ein solches Gespräch zwischen afrikanischen und deutschen Studenten und Brandt hat sich meines Erachtens in den 60er Jahren so nicht noch einmal wiederholt. Brandt machte auf mich damals einen eher niedergeschlagenen Eindruck. Obwohl er uns eingeladen hatte, überließ er die Gesprächsführung weit­gehend seinem gewandten Presse­sprecher Egon Bahr. Nur beim Abschied lächelte er uns ein wenig verlegen an, als wolle er sich bei uns für seine Rolle bei diesem Staats­em­pfang nachträglich entschuldigen. Damals begriff ich, dass es in der Welt der etablierten Politik oft eine tiefe Kluft zwischen persönlicher Meinung und offizieller Meinung gibt. Dies ist meines Erachtens auch heute noch eine der Ursachen für den wachsenden Ver­trauensverlust der etablierten Politik in Tei­len der Bevölkerung.
Während der Vorbesprechung zur Tschom­bé-Demonstration im „SDS-Zentrum“ am Kur­fürstendamm 141 trat Rudi Dutschke erst­mals als Vertreter der „Subversiven Ak­tion“ im SDS auf. Später notierte er in sein Ta­ge­buch: „Was für eine Eintrittssitzung für uns von der Subversiven Aktion in den SDS! Wie misstrauisch stellte uns der Genosse Tilman Fichter die Frage, was wir eigentlich wollten und so weiter! Sicher bei der Tschombé-Veranstaltung hat er einiges zu spüren bekommen, was nicht SDS-typisch war.“ Ich war mir damals durchaus darüber im Klaren, dass Rudi Dutschke und Bernd Rabehl den SDS unterwandern wollten. Ich dachte aber, dass Rudi schon bald in die innerorganisatorische Solidarität des SDS integriert werden würde. Kurzfristig – so mein damaliges Kal­kül – könne der SDS jedoch eine Prise revolutionäre Ungeduld ganz gut gebrauchen.
Rudi Dutschke
Am 27. Januar 1965 traten Dutschke und einige weitere Mitglieder der „Subversiven Aktion“ in den SDS ein. Einige ältere, zu­meist der SED nahe stehende SDSler, die Ende der 60er Jahre dann fast alle der Re­dak­tion des Extra-Dienstes angehörten, waren über den Eintritt von Rudi Dutschke nicht gerade begeistert. Trotzdem wurde er auf dieser Vollversammlung mit großer Mehr­heit aufgenommen. Im Sommer­se­mester 1965 veranstaltete er dann zusammen mit Rabehl einen Marxismus–Arbeitskreis, der sich im folgenden Semester in zwei neue Ar­beits­kreise zu den Themen „Prob­leme des Marxis­mus“ (Rabehl) und „For­mierte Ge­sell­schaft“ (Dutschke) aufteilte.
Ein Fehler in unserer damaligen Theo­rie­debatte war sicherlich, dass viele glaubten, die „Kritische Theorie“ aus der Zwischen­kriegs­zeit sei auch für die Gegenwarts­ana­lyse noch unmittelbar gültig. Diese Paral­le­li­sierung unterschiedlicher Geschichts­epo­chen führte nicht nur im Arbeitskreis „For­mierte Gesellschaft“ zu einer manchmal schon fatalen Gleichsetzung der 30er mit den 60er Jahren. So interpretierten beispielsweise die Dutschkisten Max Horkheimers Schrift über den „Autoritären Staat“ aus dem Früh­jahr 1942 so, als ob die „bürgerliche Gesell­schaft“ im Deutschland der Zwischen­kriegs­zeit und die westdeutsche Gesellschaft der 60er Jahre weitgehend identisch seien. Für Horkheimer war nach dem Zusammenbruch der Wei­marer Republik im Hitlerdeutsch­land der „Staatskapitalismus … der autoritäre Staat der Gegenwart“. Dort werde sogar noch die Ar­beitslosigkeit (z. B. beim Bau von Auto­bah­nen) organisiert, und eine „zeitgemässe Planwirtschaft“ könne künftig „die Massen bes­ser ernähren und [die Herr­schen­den könn­ten] sich besser von ihr ernähren lassen“ als von den „Resten des Marktes“. Hork­heimer analysierte damals ganz offensichtlich die formierte NS–Kriegswirtschaft sowie das System der „Führerwirtschaft“. Die Nazis hatten seit 1933 schrittweise eine „gelenkte Marktwirtschaft“ installiert. Der NS-Staat postulierte die rüstungspolitischen Aufgaben, setzte die ökonomischen Ziele, trat selbst auch als Auftraggeber auf, während die Unternehmer in eigener Verant­wor­tung gemäß den rüstungspolitischen Vor­gaben wirtschafteten. Das Ergebnis war zu­mindest im Ansatz ein organisierter K­a­pi­ta­lismus gewesen.
Da selbst die „Feinde des autoritären Staats“ Freiheit im Nationalsozialismus nicht mehr denken könnten, zerstöre dieser Staat letztlich auch jede Form von „Kommunikation.“ Nun hatte sich aber in der Phase der Re­kon­struktion des Kapitalismus in Westdeutsch­land – was die Dutschkisten nicht wahrgenom­men haben – „Kommunikation“ geradezu zu einem Wachstumsmarkt entwickelt. Das goldene Zeitalter des öffentlich–rechtlichen Fernsehens hatte eben erst begonnen, und die Bilder unserer Demonstrationen waren fast jeden Abend in Stadt und Land zu sehen. Politische Schlagwörter wie der „auto­ritäre Staat“ oder der totale Verlust von Kom­munikation waren einfach zu schön. Da störten Hinweise auf die wach­sende Bedeu­tung der neuen Medien­welt nur den philosophisch-revolutionären Konsens in der Ar­beits­gruppe.
Schließlich hatte auch Rüdiger Altmann, ein Schüler Carl Schmitts, den Begriff der „For­mierten Gesellschaft“ in die politische Sprache der Bundesrepublik eingeführt. Er beriet damals Bundeskanzler Ludwig Erhard, der in seiner Regierungserklärung davon ausgegangen war, dass die Periode des wirtschaftlichen Wachstums abgeschlossen sei; deshalb müssten zur Absicherung des Wohl­fahrtstaates künftig alle gesellschaftlichen Kräfte an einem Strang ziehen. Für Dutschke war die Ar­gu­men­tation von Altmann und Erhard nur eine Bestätigung für seiner Befürch­tungen: „Kritik“ solle künftig – so schrieb er in seinen „No­tizen“ – „exterritorial werden.“ Für ihn, aber auch andere SDSler war jedoch die Rekon­struktion eines starken Staates in Deutschland nach Hitler schlicht eine Hor­ror­vorstellung! Nur stimmte weder die Ana­lyse der bundesrepublikanischen Ge­sell­schaft von Altmann noch von Dutschke.
Eine späte Flaschenpost von Gauck
Am 28. Februar 1965 wurde ich auf einer Vollversammlung für ein Jahr zum Ersten Landesvorsitzenden des Berliner SDS ge­wählt. Stellvertreter wurde Jürgen Horlemann und Pressereferent Wolfgang M. Schwiedrzik. Darüber hinaus initiierte die Vollversamm­lung ein „vorläufiges Vorbereitungskommi­tee“ für eine „große Vietnam-Solidaritäts­kam­pag­ne“ im kommenden Sommersemes­ter. Als Mit­glieder des „politischen Beirates“ – dem wichtigsten Entscheidungsgremium im Lan­des­verband – wählte die Vollver­samm­lung Rudi Dutschke, Uwe Damm, Jochen Geiger, Christine Labonté und Bernhard Blanke.
Die Versammlung unterstützte ausdrücklich den Beschluss des SDS-Bundes­vor­stan­des, dass die Teilnahme von Berliner SDS-Mitgliedern an den geplanten „IX. Weltfest­spielen“ in Algier nur in der offiziellen SDS-Delegation möglich sei. Wer sich als SDSler an der von der „Sozialistischen Ein­heits­partei Westberlins“(SEW) geplanten West-Berliner Delegation beteiligte, sollte automatisch aus dem SDS ausgeschlossen werden. Falls die FDJ an einzelne Berliner SDS-Mitglieder herantrete, solle der Lan­des­vor­stand sofort informiert werden. So könne verhindert werden, dass die SED erneut versuche, ihre Dreistaatendoktrin mit Hilfe einzelner SED-Sympathisanten im Berliner SDS schleichend durchzusetzen.
Im Nachhinein erfuhr ich aus den Akten bei der „Gauck-Behörde“, dass die STASI nach meiner Wahl zum Landesvorsitzenden auf Anweisung der DDR-Generalstaats­an­waltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen mich einstellen musste. Die verantwortlichen SED-Parteifunktionäre wollten wohl nicht unbedingt einen SDS-Funktionär verhaften lassen. Aus diesen Akten geht auch indirekt hervor, dass die seinerzeit verantwortlichen STASI-Männer über die Einmi­schung der Politik nur wenig begeistert gewesen waren. Aber mein Schutzengel hatte offensichtlich richtig gut aufgepasst, und mein Engagement im SDS hat mir wahrscheinlich – so mein Sachbearbeiter bei der Gauck-Behörde – einige Jahre in einem „DDR-Keller“ erspart. Von alldem habe ich al­lerdings damals nichts geahnt, und die Gefahr, in der ich mich Mitte der 60er Jahre offensichtlich befunden habe, ist mir überhaupt erst in den 90er Jahren klar geworden. (Der Grund für diese Überwachung durch die STASI war eine Freundin in Ostberlin, deren Vater eine hohe Position im Militär­apparat der DDR bekleidete. Tatsächlich hat mich der Vater aber nie interessiert. Ein Faktum, das ins Kalte-Kriegs-Weltbild der STASI nicht hineinpasste.)
Wendepunkt
Am 2. Juni 1967 wurde während einer De­monstration gegen den Schah von Persien der 26 jährige Student der Freien Univer­sität Benno Ohnesorg vor der Deutschen Oper vom Polizeiobermeister Karl-Heinz Kurras durch einen Kopfschuss von hinten ermordet. Ohnesorgs Tod markierte einen Wen­depunkt in der Geschichte der westdeutschen Studentenbewegung. Dieser Mord löste in der bundesrepublikanischen Ge­sell­schaft eine Eskalation von staatlicher Ge­walt und studentischer Gegengewalt aus. Die kasernierten Polizeisoldaten, der Senat von West-Berlin, das Gros der Parlamen­tarier im Abgeordnetenhaus und die diversen Blätter des Springer Verlages kriminalisierten ge­mein­sam die Studenten von West Berlin. Die Polizei verschwieg zunächst die Wahrheit, bis ein studentischer Untersu­chungs­ausschuss durch unwiderlegbare In­di­zien, Beweise und Augenzeugen­be­rich­te Un­be­tei­ligter den Ab­lauf des polizeilichen Angriffs vor der Oper mi­nutiös rekonstruierte.
Während der Totenfeier für Ohnesorg mit Professor Helmut Gollwitzer und dem anschließenden Trauerkondukt hörten zahlreiche Studenten über Transistorradios, wie der Berliner SDS unter dem Beifall vieler Abgeordneter im Stadtparlament mit den Nazis gleichgesetzt wurde. Unmittelbare Fol­ge des Mordes war, dass der Funke der Rebellion auf die meisten Universitäten in Westdeutschland übersprang. Wir hätten – so meine heutige Kritik an unserer damaligen Demonstrationsstrategie – sofort klarstellen müssen, dass wir künftig unsere Demon­stra­tionen gegen weitere Angriffe der Polizei hart verteidigen würden. Andererseits sollte der SDS auf alle Of­fensiv-Aktionen gegen die Staatsgewalt verzichten. Durch eine solche Festlegung hätten wir dem Putschismus in unseren eigenen Reihen einen Riegel vorgeschoben und unsere Glaub­wür­digkeit in der Studentenschaft ge­stärkt. Ich räume aber ein, dass ich dies da­mals nicht immer so klar gesehen habe.
Auf dem Kongress in Hannover am 9. Juni, an dem rund 7.000 Studenten teilnahmen, kam es zumindest im Ansatz zu einer Strategiedebatte zwischen Jürgen Habermas und Rudi Dutschke: Habermas bezeichnete die Bundesrepublik nach der Bildung der Grossen Koalition als „leidlich funktionierende Demokratie.“ Der „legale Terror“ in West-Berlin bedeute andererseits aber eine „manifeste Einschränkung“ dieser Demo­kratie. Die Proteste der Studenten übernähmen in dieser Konstellation die „Aufgabe der nicht oder nur noch teilweise funktionierenden Kontrollmechanismen in der Demo­kratie.“ Er sah jedoch keine „langfristige Möglichkeit einer Weiterentwicklung“ der studentischen Revolte.
Rudi Dutschke hielt Habermas entgegen, dass gerade heute „die objektiven Bedin­gungen“ für die „Umsetzung emanzipatorischer Theorie in der Praxis mehr und mehr gegeben seien“ und dass sich damit auch das „traditionelle Theorie-Praxis-Verhältnis“ im klassischen Marxismus verändere: „Alles hängt vom bewussten Willen der Menschen ab, ihre schon immer von ihnen gemachte Geschichte endlich bewusst zu machen, sie zu kontrollieren, sie sich zu unterwerfen, das heißt, Habermas, Ihr bewusstloser Objekti­vis­mus erschlägt das zu emanzipierende Subjekt.“
Kurz vor Schluss des Kongresses antwortete Habermas auf (den inzwischen bereits nach Berlin abgereisten) Dutschke. Er frage sich, so der Frankfurter Philosoph, warum Dutschke für seinen Vorschlag eines „Sitz­streikes“ eine „voluntaristische Ideologie“ entwickele, „die man im Jahre 1848 utopischen Sozialismus genannt hat, und die man unter heutigen Umständen, jedenfalls ich glaube, Gründe zu haben, diese Termino­logie vorzuschlagen, linken Faschismus nennen muss … Ich hätte gerne geklärt, ob er nun willentlich die manifeste Gewalt herausfordert nach dem kalkulierten Mechanismus, der in dieser Gewalt eingebaut ist, und zwar so, dass er das Risiko von Menschen­ve­r­letzung, um mich vorsichtig auszudrücken, absichtlich einschließt oder nicht.“ Eine weitere öffentliche Debatte zwischen Habermas und Dutschke über den Charakter der „ma­ni­festen Gewalt“ im Spätkapitalismus hat meines Erachtens nicht mehr stattgefunden. Heute wissen wir, dass dies ein Fehler gewesen ist.
Vietnam und die USA
Vietnam war das Spanien meiner Gene­ration. Im Verlauf der 60er Jahre kühlte deshalb auch meine Zuneigung zur etablierten politischen Kultur in den Vereinigen Staaten von Amerika drastisch ab. Andererseits lernten wir von der Anti-Kriegs-Bewegung an den nordamerikanischen Universitäten neue Formen der direkten Demokratie: Am Beispiel des ersten großen „teach-ins“ am 15. April 1965 in Washington begriffen wir, dass die Argumentation in einem echten Disput jeder tradierten Gesinnungskundgebung überlegen ist. Die Strategie der „teach-ins“ wurde seinerzeit wesentlich vom nordamerikanischen Studentenverband „Students for a Democratic Society“ (SDS) entwickelt. Üb­ri­gens ist in dem Maße, wie unsere Skepsis gegenüber der „Power Elite“ in den USA zugenommen hat, unser Vertrauen in das „andere Amerika“ gewachsen.
Der Vorwurf gegen die Achtundsechziger, ihr politischer Blick sei vielfach durch „antiamerikanische Ressentiments“ getrübt, ist selbst ideologisch. Angeblich hätten wir, die „Kinder der Täter“, unsere „Befreier“ nachträglich „in einen Topf mit unseren Eltern“ geworfen. An diesem Vorwurf ist meines Erachtens zweierlei falsch: Erstens waren die Eltern von vielen von uns nie Nazis gewesen; und zweitens war die alte „US-Army“ im Zweiten Weltkrieg noch eine wirkliche Volksarmee von Wehrpflichtigen gewesen. Aber bereits während des Krieges gegen Vietnam hat sich der Charakter dieser ursprünglich demokratisch legitimierten Verteidigungsarmee in eine Interventions­armee gewandelt. (Jene „Jungsozialisten“ und „Grünen“, die aktuell immer wieder den Versuch unternehmen, die Bundeswehr in eine Berufsarmee umzuwandeln, kennen offensichtlich nicht die jüngere deutsche nordamerikanische Militärgeschichte. Ihre Argumentation ist jedenfalls unhistorisch.)
Mitte der 1960er Jahre brachten wir die geopolitische Sonderrolle der eingemauerten Teilmetropole Berlin bewusst ins Spiel. Unsere Kritik richtete sich jetzt nicht mehr vage gegen den modernen Neokolonia­lis­mus, sondern möglichst konkret gegen den militärischen Imperialismus der USA. Wir waren uns darüber im Klaren, dass damals West-Berlin einer der letzten Orte der westlichen Welt gewesen ist, wo sich die übergroße Mehrheit der einheimischen Bevölkerung noch immer fast blind mit der Politik der US-Schutzmacht identifizierte. Dadurch wur­de West-Berlin aber auch für die Politik von Lyndon B. Johnson zu einem psychologisch höchst neuralgischen Ort: Wenn dort erst einmal große Teile der Intelligenz gegen den US-Krieg in Vietnam auf die Straße gehen sollten, müsste auch das offizielle Amerika sich von seinen letzten Freunden verlassen fühlen.
Bereits am 26. Februar 1965 fand auf Ein­ladung des SDS im Hörsaal B des Henry-Ford-Baus der Freien Universität ein erstes Streitgespräch zwischen Mitgliedern der US-Mission in Berlin und Vertretern des SDS über den Krieg in Vietnam statt. Damals kam es mehrfach zu Missfallens­kundge­bun­gen von Studenten, als sich die Vertreter der US-Mission – im Unterschied zu den Ver­tretern des SDS, Erik Nohara und Jürgen Horlemann, die ihre Behauptungen durch Pressezitate bzw. Dokumente stützten – in Widersprüche verwickelten und keine Belege für ihre Thesen anführen konnten. Die Kritik des SDS am Angriffs­krieg der USA gegen Nord­viet­nam war für jeden aufgeschlossenen Stu­den­ten nachvollziehbar, sprachen wir doch nur aus, was fast jeder bereits ahnte.
Durch unsere Kampagne wollten wir ganz bewusst die nordamerikanische Friedensbe­we­gung gegen den US-Krieg in Vietnam an den Universitäten und Schulen unterstützen. Seit Anfang 1965 arbeitete deshalb auch im Berliner SDS ein Arbeitskreis „Südvietnam“ unter Hochdruck. Die SDSler Jürgen Horlemann, Peter Gäng, Erik Nohara und Klaus Gilgenmann beschäftigten sich systematisch mit der sozioökonomischen, historisch-politischen und militärischen Situa­tion in Vietnam seit dem Zweiten Weltkrieg. Dadurch entstand faktisch im Verband eine Art von Spezialistentum für Vietnam – so wie es im Berliner SDS auch Spezialisten für die Hochschulpolitik oder die „Apartheid-Politik“ in Südafrika gab. Eine Entwicklung die mittelfristig freilich zu einer Auf­split­te­rung des Studentenbundes in wissenschaft­lich arbeitende Zirkel hätte führen können.
Am 16. März 1968 richteten US-Soldaten im vietnamesischen Dorf My Lai ein Blutbad an: Über 500 unbewaffnete Zivilisten starben im Kugelhagel. Doch erst nach Monaten wurde der tatsächliche Umfang dieser Ter­roraktion in der Öffentlichkeit bekannt. My Lai war ein Schock für die ganze westliche Welt. Wir hatten etwas derartiges schon lange befürchtet. Doch die Springerpresse und große Teile der politischen Klasse in Bonn wiegelten nur ständig ab. Schließlich wurde damals ja ­an­geb­lich unsere Freiheit im Dschun­gel von Südvietnam verteidigt. Mit dieser Lüge ha­ben wir uns nie abgefunden.
Meine Rückkehr
zum „Friedrich-Karl-Platz“
Bis zum 1. April 1967 habe ich im SDS-Zentrum am Kurfürstendamm 141 gewohnt. Seit damals wohne ich erneut am „Friedrich-Karl-Platz“, dem heutigen „Klausenerplatz“ in Berlin- Charlottenburg. Im April 1967 fan­den einige Sitzungen des SDS-Landes­vor­standes in einem noch leeren Raum in meiner neuen Wohnung statt. Wir waren die ständige Überwachung durch den Verfas­sungsschutz im „SDS-Zentrum“ ganz einfach leid. Unter anderem diskutierten wir dort über eine Neuordnung der bisherigen Organisations­struktur des SDS: Der Lan­des­verband sollte künftig in sieben Projekt­gruppen umstrukturiert werden. Der Begriff „Projektgruppe“ sollte verdeutlichen, dass es sich hier nicht mehr um tradierte SDS-Arbeitskreise handle, sondern um „verbindliche Kollektive“, in denen die Mitglieder sowohl gemeinsam theo­retisch arbeiten, als auch neue Formen von Demonstrationen bzw. Aktionen ausprobieren sollten. Statt eines Landesvorstandes woll­ten wir künftig einen „erweiterten Beirat“ wählen, der sich aus den „Aktivisten“ der neuen „Projekt­gruppen“ zusammensetzen sollte.
Diese Konstruktion war einerseits ein Kompromiss zwischen den Dutschkisten und den eher tradierten SDSlern und zielte andererseits auf eine bewusste Konzen­tration der Kräfte im Landesverband ab. Am 2. Juni 1967 verfügte der Berliner SDS nicht zuletzt deshalb über eine handlungsfähige Führungsgruppe.
Die Mitglieder der Kommune I hatte eine Vollversammlung des Berliner SDS schon am 12. Mai 1967 aus dem Bund ausgeschlossen. Ihre dadaistischen Happenings sollten die Kommunarden künftig unter eigenem Firmenzeichen veranstalten. Für einen sozia­listischen Studentenbund sei es nämlich un­tragbar, dass eines seiner Mitglieder (Dieter Kunzelmann) in der Springer-Presse den Spruch kolportieren lasse: „Was geht mich Viet­nam an – ich habe Orgasmus­schwierig­keiten“.
Das Attentat und Springer
Am Nachmittag des 11. April 1968 wurde Rudi Dutschke von dem 23 jährigen Hilfs­arbeiter Josef Bachmann durch drei Schüsse aus einem Trommelrevolver lebensgefährlich verletzt. Die Saat der Pogromhetze der Springer-Blätter im eingemauerten West-Berlin war aufgegangen. In den folgenden Stunden versammelten sich im Auditorium Maximum der Technischen Universität spon­tan rund 2.000 Studentinnen und Stu­denten. Aus dieser Versammlung bildete sich dann eine Demonstration zum Springer-Hoch­haus in der Kochstrasse.
Die überraschte Polizei konnte nicht verhindern, dass wir zum Hochhaus durchmarschierten, dort Scheiben einschlugen und mit Druckereiarbeitern in handgreifliche Aus­ein­an­dersetzungen gerieten. Alles in allem verlief die Sache noch relativ friedlich, bis der agent provocateur des Berliner Verfassungs­schutzes, Peter Urbach, in einem Weiden­korb Molotowcocktails heranschaffte, Leute ansprach, mit denen er auf den Fuhrpark eilte und dort Fahrzeuge des Springer-Kon­zerns in Brand setzte. Diese Flammen wurden zum Fanal unserer Revolte gegen das autoritäre Nachkriegsdeutschland. Nach­träg­lich könnte man ironisch fragen, in­wie­weit ein Polizei-Provokateur in einer be­stimmten historischen Konstellation auch einmal eine revolutionäre Funktion erfüllen kann.
In den folgenden Tagen kam es zu immer größeren Demonstrationen gegen den Springer-Konzern. Allein am Oster­sonntag zogen rund 45.000 Demonstranten in mehr als 20 Städten vor die Druckereien und Verlagshäuser des Konzerns und versuchten, die Auslieferung von BILD zu verhindern, was zumindest in Köln und Essen für einen Vormittag auch gelang. Die Erfahrung, dass es nicht möglich war, die Auslieferung dieses täglichen Kampfblattes gegen An­stand und Solidarität auch nur für einige Tage zu stoppen, ließen in der Stu­dentenschaft meiner Ge­neration ein Gefühl der politischen Ohn­macht aufkommen und prägte unser Denken nachhaltig.
Der Doppelcharakter
unseres Protests
Die Generation der APO war – darauf hat Rainer Bieling bereits im Jubiläumsjahr 1988 hingewiesen – auch die Generation eines völlig neuen Sounds in der Beatmusik. Was für die Universitäten Rudi Dutschke und Hans-Jürgen Krahl gewesen sind, waren für die große Mehrheit unserer aufbegehrenden Ge­nerationsgenossen in den Betrieben und Schulen Janis Joplin, Bob Dylan oder Jimi Hendrix: „Musik und Mode, Drogen und der Kult der langen Haare sprachen das unakademische Nein zum sozialen Entwurf des Establishment aus.“ Beide Protestkultu­ren dynamisierten und erneuerten sich gegenseitig im Strom der Revolte.
Nach dem 2. Juni 1967 verließ die Stu­den­tenbewegung endgültig ihr akademisches Ghetto. Wir trugen unsere Gesellschafts­kri­tik in die Gewerkschaften, in die Klassen­räume der Schulen und schließlich sogar auf die Kirchentage. Als Kurt Georg Kiesinger zu­sammen mit der SPD am 1. Dezember 1966 eine Große Koalition bildete, rief Rudi Dutschke zur Bildung einer „Außerpar­la­mentarischen Opposition“ (APO) auf. Gro­ße Koalition und APO prägten in West­deutschland Ende der 60er Jahre die Kon­turen der politischen Landschaft. Das politisch-gesellschaftliche Vakuum, das Herbert Wehner und Willy Brandt durch ihre Be­tei­ligung an der Großen Koalition hinterlassen hatten, musste gefüllt werden, und wir ließen uns nicht lange bitten. Dass die Brandt-SPD seinerzeit ihren Beitritt in eine unionsgeführte bürgerliche Bundesre­gie­rung gewissermaßen als volkspädagogisches Projekt zur endgültigen Anerkennung der SPD in der bundesrepublikanischen Ge­sellschaft betrieben hat, wollten und konnten wir da­mals im SDS nicht sehen: Statt­dessen begann unsere Kultur­revolution, deren Intensität und Wirkung auch heute noch – zu­mindest im westdeutschen Feuilleton – höchst umstritten ist.

Tilman P. Fichter
Wir bauen unsere Seite um und sind daher z.Z. nicht ganz aktuell. Bis bald im neuen Look!



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