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Klaus Hartung

Heft 140/141: Die RevolteHeft 140/141 39. Jahrgang 39. Jahrgang 2008/09 20 €


Die Revolte

Inhaltsverzeichnis

Selbstkritische Überlegungen und Überlegungen zur Selbstkritik nach 40 Jahren

1. Imperativ 68
Um „68“ liegt ein Vorhof von Imperativen. Etwas Unerledigtes dauert fort. Auch diese Geschichte will nicht vergehen. Keine andere Episode der Bundesrepublik hat die Kraft, einen derart frisch gereizten Furor von Vorwürfen auszulösen. Verbissene Kontro­ver­sen an runden Jahrestagen beweisen das. Üblicherweise wird „68ern“ vorgeworfen, sie würden den „Mythos 68“ kultivieren und von ihm profitieren. Ich kenne jedoch keinen Wegge­fährten von damals, der in der Sie­gestoga des 68er Re­volutionärs herumstolziert und ich habe auch keine Stamm­tisch­runden erlebt, in denen die große Zeit gefeiert wird. Typisch sind eher Selbstiro­nie und eine sarkastische Tonlage, wenn – selten genug – jene Jahre zur Sprache kommen. Die Mythos­produktion geht eher nicht von den „68ern“ aus. Viel häufiger ist zu beobachten, dass das Thema vermieden wird. Es fällt offensichtlich schwer, auch die narzisstische Mit­gift, die Tatsache, dass „68“ etwas gab, was die Kind­heit verweigerte, nämlich Selbstach­tung, freimütig einzugestehen.
Das Unerledigte interessiert hier. Es ist die Frage, inwieweit Selbstaufklärung der „68er“-Generation zum zeitgeschichtlichen Selbstverständnis beitragen kann. Was hält „68“ aktuell, was löst Verurteilungs­zwän­ge aus? Was sind Erfolge, Nachwir­kun­gen, Nie­derlagen, was gilt es zu verantworten und – vor allem – wer ist es, der etwas zu verantworten hat?
Elias Canetti beschreibt die Schwierig­kei­ten, einen Menschen zu verstehen, als den Versuch „einen Fluss in seine Bäche zu zerlegen.“ Die Rekonstruktion von „68“ aus seinen Wirkungen her zu begreifen, käme der Absicht nahe, von den Bächen her den Fluss zu vergegenwärtigen. Die 68er haben sich in alle Lebenslagen der Nation zerstreut und dabei Motive, Absichten, Erfahrungen ihrer Revolte mitgenommen. Aber ich glaube, jenes Unerledigte hat immer eine Art unbegriffener und unaufgeklärter Gemeinsamkeit gestiftet. Ich denke, die „68er“ müssen sich den Vor­wurf gefallen lassen, dass sie mit allzu großer Passivität das schwankende Bild von „68“ in der Öffentlichkeit hingenommen haben.
Angesichts des „68er“Schlachtrufs „Disku­tie­ren, Genossen“ gab es in den Jahren nach „68“ wenig Ansätze zur Diskussion unserer eigenen Sache.1 Das war bei der 89er Ge­ne­ra­tion der DDR, den Protagonisten der friedlichen Revolution ganz anders. Sie haben ihre Zusammenhänge doch mit Stolz be­wahrt, nie versucht, ihre politische Iden­tität abzuwerfen. Sie waren viel höflicher zueinander. Es gab nur einen, allerdings sehr ambitionierten Versuch, sich mit der „68er“ Erbschaft kritisch auseinanderzusetzen: der Kongress „Pri­­ma Klima“ 1986 in Frankfurt. Der ehemalige SDS-Vorsitzende Helmut Schauer hatte sich direkt an die Adresse der „Ge­ne­ration 68“, an den ehemaligen SDS, alias „Neue Linke“ ge­wandt. Jetzt, nach 15 Jahren gelte es „zu klären“, so schrieb er, ob „diese Generation be­reit ist, noch einmal anzutreten“, um in das Rad der Zeitgeschichte einzugreifen, das seiner Meinung nach ja nach rechts rolle. Der Zuspruch war enorm. Ein Wiedersehen nach mehr als einem Jahr­zehnt. Es war das erste und letzte Mal, dass die „Alt-68er“ sich mit einer großen öffentlichen Debatte zu 68 be­kannten.
Da deutsche Revolutionäre Vorbereitungs­dis­kussionen lie­ben, fand der Kongress erst 1986 statt. Mei­ne Erinnerung an die Vordis­kussionen ist stärker. Da war es wieder, das Gefühl der Teach-ins, der SDS-Debatten: die Intensität, die langen Redebeiträge, die auslaugende Anstren­gung nach dem „richtigen Schritt nach vorn.“ Da war die brillante Pa­ro­die über die Wieder­kehr der 68er Diskus­sions­rituale von Reimut Reiche, wann Ge­nos­­se A die Klas­senanalyse und wann Genosse B die Or­ga­nisationsfrage aufwirft. Vergessen hatte ich auch nicht den Wutausbruch von Jürgen Habermas gegen den Anspruch der FAZ-Leitartikelei und der Kon­servativen, gerade sie seien es, die die Freiheit verteidigen. Er erwartete von dieser SDS-Initiative einen Aufbruch gegen die moralisch-politische Wende der Kohl-Ära.
Entfallen war mir, was dann in der relativ gut gefüllten Frankfurter Kongresshalle verhandelt wurde, meine eigenen Redebeiträge eingeschlossen. Ich musste erst die Protokolle nachlesen. Ja doch, der Appell zur Selbstkritik war ein ceterum censeo. Von Anfang an gab es zwei gegenläufige Motive. Helmut Schauer beschwor das Gespenst einer „zweiten Re­stauration“, in der die Impulse „der neuen sozialen Bewegung“ der 70er Jahre zum Erliegen gekommen seien. „Der lange Marsch ist nicht durch die Institutionen gegangen, er droht heute vollends in ihnen, in der brüchigen, destruktiven Normalität des Alltags zum Erliegen zu kommen.“ Er forderte eine ge­meinsame „Konfrontation gegen den Zeit­geist“ und den Versuch, die „undogmatisch-revolutionäre Traditionslinie des SDS“ wieder aufzunehmen. Die Gegenposition: Die Re­de vom Scheitern der 68er und vom alles erstickenden Zeitgeist der BRD sei falsch. Die Grünen tragen „am ehesten“ die Tradition des SDS weiter. Udo Knapp, damals grüner Funk­tionär: „Worauf es uns ankommt zu über­legen, warum es zu Beginn der 70er Jahre zum Sieg der dogmatischen, revolutionären Grup­pierung über das, was als antiautoritäre Po­sition zu kennzeichnen wäre, gekommen ist.“
Das hohe analytische Niveau überraschte mich. Der Einsicht, „dass wir unsere Erfolge nicht verstanden haben und also auch unsere wirklichen Niederlagen nicht verstanden“ (Joscha Schmierer), stimmten wohl die meisten zu. Die Erfolge wurden zwar gesehen: der Demokratisierungsschub durch die antiautoritäre Bewegung; „die Freisetzung des modernen Wohlfahrtsstaates durch unsere Politik“ (Ulrich K. Preuß) und anderes mehr. Aber sie wurden nicht kritisch überprüft. Es ging ja um mehr, viel mehr. Dem Selbstkritikappell stellte sich (stellvertretend für die maoistisch-stalinistischen Organisationen) allein Christian Semler. Ziemlich tonlos räumte er „unverzeihliche Fehler“ ein und betonte, man habe die Demokratiebewegung in Osteuropa un­terschätzt. Er war der einzige, der überhaupt Osteuropa dergestalt erwähnte.
Es war, alles in allem, ein typischer 68er Kongress: eine auf Totalität drängende Am­bition, die altbekannte Überforderung, zwei absolut gegensätzliche Ziele miteinander zu verbinden, nämlich selbstkritisch die eigene Geschichte aufzuarbeiten und zugleich eine gemeinsame politische Formation zu schaffen. Es endete, wie es enden musste: die Kla­gen der Zuhörer, dass es keine gemeinsame theoretische Sprache gebe, die wachsende Er­schöpfung im Auditorium, die endlose Red­nerliste. Die unerledigte Vergangenheit lastete wie ein Bann über der Versammlung. Die Einäugigkeit der Versammlung mutet heutzutage gespenstisch an. Dass nur drei Jahre später das vertraute Gebäude unserer Welt zusammenbrechen und mit dem Mauer­fall eine neue Zeitrechnung beginnen würde, schien kein Redner zu ahnen. Der Saal leerte sich und übrig blieb die Frage, wer den Müll beseitigt. Irgendwelche erkennbaren Nach­wirkungen sind mir nicht bekannt.
Es gab nie wieder einen vergleichbar ambitionierten Versuch. Ich erinnere mich an ein paar kleinere Treffen in Berlin mit sehr ähnlichen Verläufen: die Freude am Anfang wie bei einem Klassentreffen; der Sauerstoffmangel bei der Frage, was tun; die Frische alter Kontroversen und die tiefe Un­zu­friedenheit von vielen, die ihre Le­bens­leistung nach „68“ überhaupt nicht achten konnten. Sie waren zumeist auch weniger modisch gekleidet.
Ich kenne niemanden von damals, der 68 unbeschwert einfach als schöne, verrückte und wunderbar unverantwortliche Jugend­zeit (die es auch war) abhaken kann. Ir­gend­wie ruft der unerledigte Imperativ nach Klä­rung. Es ist das „Gefühl eines anhaltenden Wirk­lichkeitsverlustes“, das bleibt, auch wenn wir uns alle irgendwann vom „jeweiligen Affenfelsen losgemacht und vom Kopf wieder auf die Füße gestellt haben“ (Koenen, 17).
2. Selbstliquidation
Alle, die heutzutage meinen, die 68er seien an allem schuld, und die sich jetzt anstrengen, den Mythos endgültig auszuradieren, sind dabei nur Epigonen der 68er. Jene haben immer wieder und mit sehr viel mehr Energie versucht, ihre eigene historische Rolle auszulöschen. Keine spätere Denunziation kann es mit unserer Gehässigkeit gegen uns selbst aufnehmen. Paradoxerweise haben diese Selbst­am­putationen die Wirkungsmacht und die Mythosproduktion von „68“ keineswegs be­ein­trächtigt.
Die Selbstliquidation begann schon 1969. Die K-Gruppen stellten sich ausdrücklich gegen alles, was vorher war. Die „kleinbürgerlichen“ Studenten mit ihren „links- oder rechts­­opportunistischen“ oder gar anarchistischen Verirrungen mussten „überwunden“ werden. Die Spaltung zielte auch ins Private. Ich verlor mit einem Schlag Freunde. In einer Grün­dungssitzung hatte ich allzu drastisch das absurde Theater beschrieben, wenn mit dem „harten Kern“ (Stalin!) einer Kaderpartei die Fragmente der Bewegung aufgesammelt werden. Prompt war ich „draußen“. Die Freunde wechselten die Straßen­seite, wenn sie mich sahen. Die gerade noch langhaarigen Genos­sen kehrten im Namen des Proletariats zum Façonschnitt zurück und widmeten sich ihrer zwölfstündigen Parteiarbeit. Sie hatten Dis­zip­lin, aber keine Zeit mehr für Wirklichkeit. Das Signal war: Ab sofort gibt es richtige und falsche Genossen.
Welch traurige Grotesken die Linientreue hervorbringen konnte, zeigte die große Viet­namdemonstration Januar 1973 in Bonn, zur Zeit des Bombardements von Hanoi. Rudi Dutschke sollte zum ersten Mal nach seinem Attentat wieder reden. Die Demon­stranten jubelten auf, als sie diese Stimme wieder hörten. Die Stimme von „68“ war er ja vor allem. Aber die K-Gruppen-Organisatoren hatten schon vorher von ihm das Ehrenwort abgezwungen, nicht wieder die Studen­ten­be­we­gung auszurufen. Anstelle der „Sieg im Volks­krieg“-Arien warnte er vor der Mög­lich­keit einer Niederlage. Hinter ihm stand ein Partei-Aufpasser, der laut den Ablauf seiner Re­de­zeit skandierte.
Ab 1969 trieb die Bewegung in die krude Alternative: Organisation oder Gewalt. Selbst­­opfer bedeutete beides. Ich folgte der Ak­tions­linie, agierte lang, allzu lang im Vorfeld des „illegalen Kampfes“. Der Wirklich­keits­verlust der Haschrebellen- oder Tupamaro-Milieus konnte dabei mit den Kaderor­ga­nisationen durchaus mithalten. Hier beginnen die schwarzen Löcher meiner Biographie. Als dann die RAF sich mit ihrer Gründung an die Spitze im Nirgendwo setzte, gab es auch von dieser Seite richtige und falsche Genos­sen. Die Richtigen lieferten Geld, Wohnun­gen, Pässe.
Die große Mehrheit machte aus Vorsicht und gesunder Skepsis nicht mit. Aber viele hatten den Boden unter den Füßen verloren. Die Existenzkrisen nahmen zu. „Die Be­we­gung“ verarmte politisch. Es gab keine offenen Debatten, keine Teach-ins mehr, die 67 die Quellen der Selbstverständigung waren. Wir hatten alle intellektuellen Gegner gründlich vertrieben. Die Genossen verbarrikadierten sich in den abgeschlossenen Räumen unter Ihresgleichen. Auch die Wirklichkeit entleerte sich. Aus der Gesellschaft wurde das „Schweinesystem“. Die politische Sprache in­fantilisierte, trennte zwischen Menschen oder „pigs“. Oder sie er­starrte im Parteikau­der­welsch. Radikalere Selbstdementis der an­tiautoritären Lust an der Kri­tik sind kaum denkbar. Wir näherten uns mit Rie­sen­schrit­ten der Karikatur an, mit der uns die BZ und BILD in den Jahren 66, 67 diffamierten. So kam es auch zu der unverzeihlichen Dumm­heit, ausgerechnet die wichtigsten Institu­tio­nen, den SDS und den Asta an der FU aufzulösen, nur weil sie angeblich irgendeinem von uns entdeckten Stand der Klas­sen­kämpfe nicht mehr entsprachen. Verbrannte Brücken!
Die Neigung, Erfahrungen und die Men­schen, die sie hatten, auf den Müll der Ge­schichte zu werfen, verschwand nie ganz. Als ich 1980 aus Italien (wo ich mein 68 in der Psychiatriereform wieder gefunden hatte) zurückkehrte, wurde allenthalben vor den „APO-Opas“ gewarnt. Auf allen Feldern linker Politik, seien es Bürgerinitiativen, Frie­densbewegungen, „neue soziale Bewegun­gen“ bis hin zu den Grünen, musste betont werden, dass „68“ tot sei. Der Lächerlichkeit setzte sich aus, wer versuchte, sich in jener Zeit auf die Erfahrungen und den Geist von 68 zu berufen.
Aber bittere persönliche Erfahrungen dieser Art sind nicht das Problem. Jede gute Zeit endet ja einmal. Problematisch ist vielmehr, dass der radikal-obsessive Bruch unbegriffene Kontinuitäten erleichterte. Nicht abgeschnitten, also tradiert wurden Solidaritäts­zwang, Feindbilder, Opferkult, Ausblendung der Mehrheitsgesellschaft und die Neigung, den Minderheitsstatus zu verewigen. Un­erschütterlich war auch die Links/Rechts-Trennung, verbunden mit der geheimen Über­zeugung, links seien die besseren Menschen. Die Tatsache, dass vor allem die hochfliegenden Ideen, die enthusiastischen Erfahrungen und hohen Ansprüche von „68“ verleugnet oder verdrängt wurden, hat wahrscheinlich dazu geführt, dass das Gespenst „68“ immer noch spukt.
Die Ironie der Geschichte: Während in den Metropolen Berlin, Frankfurt und Hamburg die Linienkämpfe tobten und gnadenlos die Spaltung exekutiert wurde, eroberte 68 kontinuierlich die Provinz. Der Impuls der antiautoritären Bewegung veränderte die Berufs­auffassung, zersetzte den Obrigkeitsstaat; die lebensreformerische Tendenz und ihre Insti­tutionen, die „WGs“, die Kinderläden, die Stadtteilgruppen pflanzten sich ungebrochen fort. Je mehr diese Linke derart zum gestaltenden Teil der Gesellschaft wurde, desto mehr schien sie sich als Alternative zu verstehen, die nun ersatzweise den Traum der „an­­deren Republik“ anstelle der Revolution fortträumte. Die Exkursionen in der „anderen Republik“ dauerten bis 1989. Als die alte Bun­­desrepublik zu Ende ging, erkannte die westdeutsche Linke, dass es immer ihre insgeheim gewollte Re­pub­lik gewesen war, die nun vergoldet in der Abendsonne aufleuchtete.
Die Erinnerung an diese Selbstliquida­tionen führt zur Frage, wie sind wir mit unseren eigenen Möglichkeiten und dem kairos, der Gunst der historischen Stunde umgegangen? In den entscheidenden Jahren 66 und 67 herrschte noch der Primat der Kritik. Die antiautoritäre Revolte war keine Bewegung von Studenten für Studenten. Hier erkämpfte sich vielmehr eine neue Generation politischer Intellektueller ihren Raum, ihre Öf­fentlichkeit und die Öffnung des politischen Horizontes. Haben wir mit dem Or­ga­ni­sa­tionsterror und dem Gewaltwahn unser intellektuelles Potential nachhaltig ruiniert? Soviel steht jedenfalls fest: Nach 1969 hatte der Ein­zelne, der nichts und niemandem folgt außer der Konsequenz seines Gedan­kens, keinen Platz mehr in der Politik. Warum re­bellierten wir nicht, wenn der lange Marsch ins Irreale ging, warum stand niemand auf und sagte „Ihr spinnt, Genossen“? Das sind immer noch unterschätzte Fragen der Zeit­geschichte. Der tiefe Einschnitt durch die Spaltung und die Selbstliquidation der Bewe­gung verbietet es, eine lineare Entwick­lung von der antiautoritären Gegengewalt zum Ter­ror der RAF zu ziehen. Nach 68 geschah eine Zäsur. Ab dann begann der Streit um das Erbe der antiautoritären Bewegung. Die RAF hieß ja Ro­te Armee Frak­tion, war also ein Produkt der Avant­gar­de­konkurrenzen nach 68. Weit­aus bedeutender für die Politik der „neuen Lin­ken“ danach sind ohnehin die K-Gruppen. Ihr Politikstil infizierte noch die Grü­nen.
3. Begriffsklärung. Eine kurze Skizze der Geschichte
„68“ war 67. Die Datierungsfrage ist keine Pedanterie. Das Label „68“ stammt bekanntlich vom Pariser Mai. 67 hingegen war der Höhepunkt einer Entwicklung, die etwa 1964 begann und deren Vorgeschichte 1961 mit dem Unvereinbarkeitsbeschluss der SPD ge­gen­über der sozialdemokratischen Hoch­schul­organisation SDS ihren Anfang nahm. 67 ist als politisches Ereignis erkennbar um­rissen. Es hat sich aber eingebürgert, dass „68“für alles steht, was die antiautoritäre Revolte lostrat. Es ist bezeichnend, dass die 67er Generation in Deutschland nie diese Datierung zu korrigieren versuchte. Weil sich nun „68“ als zeitgeschichtliche Formel eingebürgert hat, soll sie hier in Anfüh­rungs­zei­chen gesetzt werden. 1968 begann ein Jahr des Übergangs, in dem die Vorstellungen der 67er Generation zerfielen, sich radikalisierten oder auch umkehrten. Es endete mit einem Bruch. Dieser Hinweis soll freilich nicht die Frage der Verantwortung für die späteren terroristischen Exzesse einschränken.
Die Vorgeschichte drehte sich um die existenzielle Frage, ob eine linksradikale Oppo­sition in der Bundesrepublik überleben konnte, ohne zur Sekte zu degenerieren. Links von der SPD war 1961 das politische Nichts. Der derart ins Aus gejagte SDS unternahm es, die Grundlagen einer Linken, die marxistischen Ursprünge und die durch den Nationalso­zialismus zerstörten Traditionen der deutschen Arbeiterbewegung politisch zu rekonstruieren und zwar als autonome Orga­ni­sa­tion, unter dem Druck des Antikom­mu­nis­mus und in einem vom Mauerbau hysterisierten West­berlin. Ein bisschen Mut gehörte da­zu. Nicht minder prägend war auch der Kampf um das allgemeine „politische Mandat“ der Studen­tenschaft (Konvent) an der FU, der 1962 begann. Dieser keineswegs nur symbolische Schlüsselstreit richtete sich gegen eine rigide repräsentative Demokratie, die alle anderen Willensbildungen außerhalb von Par­­lament und Parteien hartnäckig diskriminierte.
Von Anfang an ging es um das Politische, um Demokratie und die Chancen der Op­position. Die Rede von einer Jugendrevolte, einer aufbegehrenden Generation oder einer lebensreformerischen Bewegung haben wir 67er empört zurückgewiesen. Die große Welle des Aufbegehrens, untermalt von Rock’n Roll&­Beat, und die Leuchtspur der sexuellen Be­freiung wurden erst mit einer kleinen, aber merklichen Verspätung wahrgenommen und assimiliert. Beherrschend vielmehr war ein Bild der Nachkriegs­ge­sell­schaft, in der die Nazimörder und ihre Helfer nun als bekennende Demokraten wieder die Macht hatten. Der SDS engagierte sich gegen die Nazijustiz, um wenigstens den Henkern in der Robe den Prozess zu machen. Das Scheitern bestärkte jenes quälende Grund­ge­fühl: „Die haben wieder gewonnen.“ Der „Ar­gument“-Kreis er­forschte in den Jah­ren 1964-66 die „herrschenden“ Faschismus-Theo­rien, um die wirklichen Ursachen freizulegen. Die­se ­theo­retische Arbeit mündete, unter Streit und An­feindungen, in Theorien der direkten Ak­tion gegen die „faschistoide Gesellschaft“.2
Die zweite Quelle war die Kritische Theo­rie der Frankfurter Schule, die im Spät­werk von Theodor W. Adorno, der „Ne­gati­ven Dialektik“ in der These mündet, dass nach Auschwitz allein die Treue zur Negation zählt: Hegelianisch in der Umkehrung von Hegel postulierte Adorno: „Das Ganze ist das Unwahre.“ Dort, wo die Kritik in philosophischer Verzweiflung eine absolute Grenze findet, muss der Wille zur befreienden Tat einsetzen, um die Unwahrheit zu durchbrechen. Auch der Revolte ging es – theoretisch gesehen – von vorneherein ums Ganze. Keine Fra­ge: Die Nähe von Totalitätsanspruch und totalitärem Denken gibt es. Unterscheiden lassen sie sich dennoch.
Die Reise zur erlösenden Revolution be­gann mit einer Überlast an Theorie, beladen mit dem Gewicht der Vergangenheit, die nicht vergeht, und aufgeladen mit einer Art rebellischem Pessimismus. Denn noch war radikale Ge­sellschaftskritik mit Ohnmachtgefühlen verschwistert. Der Vormarsch der Re­stau­ration lag näher als die Veränderung der Ge­sellschaft.
An dieser Stelle ist eine Anmerkung zum Text nötig: Er vernachlässigt unvermeidlich die Erfahrungswelt derjenigen, die nach „68“ zur „Bewegung“ hinzukamen. Es war die Mehr­heit der „68er“. Wer an den theoretischen Debat­ten in den Jahren 64 bis 67 teilgenommen hatte, kannte noch das Gefühl politischer Ohn­macht und Diskriminierung. In den An­fängen herrschte Bewusstsein einer bedrohten Avantgarde, für die die Zeit (vielleicht) kommen würde. Sie kam schneller als gedacht. Nie­mand war darauf vorbereitet, dass die Begriffe und Kon­struk­te einer Revolutionstheorie sich übergangslos in Erfolgsformeln und Schlag­worte verwandelten. Die Später-Hinzuge­kom­menen erlebten nicht die Ohnmacht, sondern die Macht der Bewegung. Was vorher theoretisiert wurde, trat ihnen als Dogma und elitäres Bewusstsein entgegen. Aus Vorläufern wurden Vorsprecher, das Antiautoritäre mu­tierte zum Autoritären. Für die „68er“-Spät­linge bedeuteten die Emanzipation, der Auf­bruch und der Bruch mit ihrem bisherigen Leben oft zugleich eine später unverständliche Hingabe an lähmende Schulungen, an Ein­übun­gen in das Bewegungs-Kauderwelsch, an Unterwerfung unter Organisationszwänge. Die „Bewegung“ hatte genug Begriffe im Handgemenge entwickelt, um sich gegenseitig zu terrorisieren. Verhängnisvoll, aber leider sehr häufig wurde im Namen einer radikalen Haltung jeder differenzierende Gedanke als „scheißliberal“ de­nun­ziert. Diese Mischung von Befreiung und Entfremdung bei der Mehr­heit der Spätlinge ist vermutlich ein Grund dafür, dass sich die „Bewegung“ so schwer tut mit einer Tra­di­tionsstiftung.
1967 war noch alles zusammen: Kritik, Auf­­klärung und Auseinandersetzung auf der Strasse, Teilhabe an den weltweiten Protestbe­we­gungen, bis hin in die Aktions­formen, Teach-in, Sit-in; Kampf um das politische Man­dat der Studentenschaft an der FU, neue Lebensformen, wie die Kommune. Ent­wickelt war die Aktionstheorie, die „Eska­lations­stra­tegie“, die Steigerung der Ausein­an­derset­zung mit der Staatsgewalt. Die Ge­waltfrage war präsent. Aber es ging noch um „Gegen­gewalt“, und das wurde auch so verstanden. Als Gewalt wurde damals jede Stö­rung der öffentlichen Ordnung angesehen, wie z.B. Farb­eier auf das Amerikahaus. Pro­vo­ka­to­ri­scher Witz und das Vorführen der Staats­ge­walt dominierten (Stichwort Pud­dingattentat auf den US-Vize­präsi­den­ten). Politisch ging es darum, den Bann des Anti­kom­munismus und die Amerikahörigkeit in Westberlin zu spren­gen. Den Primat hatte die Kritik: denn „Kampf“ war ein Mittel der Be­wusst­seins­ver­änderung.
Der 2. Juni und der Tod von Benno Ohnesorg war der große Schock. Unsere eigene Ge­schichtsschreibung, wonach der Staat seit der Spiegelaffäre fortschreitend Opposition vernichtet bis hin zum ersten Toten, kulminierte – und wurde zugleich verabschiedet. Die Reak­tion der 67er war eindeutig Gegenwehr: einerseits der kollektive Bruch der Regeln, der legendäre Schritt auf den verbotenen Rasen, die Besetzung der Straße als öffentlichem Raum; und andererseits Kritik und Auf­klä­rung. Nie hat es so viel gemeinsame intellektuelle An­stren­gung gegeben: Der studentische Unter­su­chungsausschuss zu den Poli­zei­übergriffen bei dem Schah-Besuch, die Or­ganisation der „Kri­tischen Universität“, die trotz kurzer Dauer eine Langzeitwirkung auf die Wissenschaften hatte, die Ausar­beitung des Springertribunals. Aus der antiautoritären Bewegung war unversehens eine politische Kraft geworden. Wir protestierten zwar heftig gegen die Hetze in der BILD-Zeitung und anderswo. Aber das langweilte eher. Wichtiger war BILD als Spiegel un­serer Ak­tion und als authentische Rea­litäts­quel­le, aus der wir extrahierten, was „die manipulierten Massen“ wollten und dachten.
Habermas’ Warnung vor einem „linken Fa­schismus“ auf dem Kongress in Hannover war ein erster gescheiterter Versuch einer Grenz­ziehung – und hinterließ Vorahnungen. Er reagierte auf Rudi Dutschkes rauchende Revo­lu­tions­meta­phern und auf sein für die Bundes­republik da­mals unerhörtes Pathos. Aber noch blieben alle revolutionären Ge­walt­träume im Banne von Aufklärung und Kritik. Schwer zu vermitteln ist das rasant gesteigerte Tempo. Nichts wurde „ausdiskutiert“, sondern atemlos vom „nächsten praktischen Schritt“ überholt.
4. 68 oder das Ende
68 war ein Jahr des Übergangs. Der internationale Vietnamkongress gab das Gefühl eines globalen Zusammenhangs. Das Springertri­bu­nal, das die liberale Presse einbeziehen sollte, scheiterte, weil der nicht verabredete Ge­waltaufruf das Projekt sprengte. Das Attentat auf Rudi Dutschke provozierte den Angriff auf die Sprin­gerzentralen. Die Osterunruhen wurden als emanzipatorische Gewalterfah­rung gefeiert. Die SDS-Parole „Vom Protest zum Wider­stand“ mobilisierte die Provinz. Der Zu­lauf der „re­volutionären“ Lehrlinge und jungen Arbei­ter wurde bejubelt. Die breite Mobili­sie­rung sprengte die organisatorische Kapazität des SDS. Es begann eine neue Geschichts­schrei­bung, in der nun allein die „Etappen“ des Kampfes zählten. Im Novem­ber 68 war die „Schlacht am Tegeler Weg“, ein Straßenkampf mit militärischen Kategorien, bei dem mehr Poli­zisten als Demonstranten verletzt wurden. Die „Etappen“-Philosophie verlangte, das „Mi­litanz-Niveau“ festzuhalten. In Wahrheit war es das Ende von „68“. Und das lag nicht nur daran, dass „die Bewegung“ mit der Staats­gewalt militärisch nicht konkurrieren konn­te. Aber es fehlte an politischer Autorität, die Bewegung aus der Gewalt-Fixierung zu lö­sen. Auch der SDS hatte nicht die Kraft und nicht den Mut, die aufgeregte Bewegung von der Notwen­dig­keit einer politischen Defensive zu überzeugen.
Unter dem Druck, die nächste revolutionäre „Etappe“ zu erreichen und das „revolutionäre“ Jungproletariat zu organisieren, be­gann die „Organisationsfrage“ zu terrorisieren. Die frei flottierenden Gewaltgruppen, die es schon 67 gab, fanden sich zu einer Art Un­tergrund zu­sammen, aus dem dann später die Hasch­re­bellen und die Gruppe 2. Juni hervorgingen. Alle Versuche, dem Sog der Gewalt Ein­halt zu ge­bieten und Grenzen zu benennen, wurden wider besseren Wissens diffamiert. Der Theo­loge Hellmut Gollwitzer riskierte viel, als er auf einem Teach-in die Trennung von „Gewalt gegen Sachen“ und „Gewalt gegen Menschen“ vorschlug. Doch die Angst war größer, dass die einmalige Chance, die Ver­hält­nisse zum Tanzen zu bringen, durch ein In­ne­halten vertan werde. Das große Gefühl war verflogen und die privaten Tragödien begannen.
5. Prägende Erfahrungen
Wer selbstkritisch zurückblickt, muss sich damit beschäftigen, wie sich die Erfüllung zur Ent­leerung, die antiautoritäre Euphorie zu dogmatischer Erstarrung, die intellektuelle Aufklärungslust zum barbarischen Gewalt­wahn verwandeln konnten. Wir waren weder als „narzisstische Egomanen“ (Aly) von An­fang an gesteuert, den Totalitarismus unserer Väter zu wiederholen, noch können wir uns von dem bitteren Nachher distanzieren. Es waren die prägenden Erfahrungen von 67 selbst, das exzentrische Glück, in dem die Möglichkeit einer besseren Welt aufblitzte, einer Möglichkeit, die unverhofft in unseren Händen lag, was uns überwältigt hat und eine kritische Distanz zu uns selbst verhinderte. Selbst die Gewalt hat etwas zu tun mit dem gewalttätigen Festhalten an dem einzigartigen Gefühl, dass sich der Horizont öffnete. Es ist immer schwer, in guten Erfahrungen Gren­zen und Illusionen zu erkennen. Noch schwe­rer ist es zu akzeptieren, dass es gerade die besten Motive sind, die am schrecklichsten pervertieren können, dass vor allem aus dem Guten das Schlimme, das Böse entspringt. Selbstkritik muss beides sehen, die große Erfahrung und ihre bestürzenden Verwandlungen. Das große Gefühl
Nein, kein Hedonismus. Selbstverständlich erstrahlten die „68er“-Männer in einer juvenilen Virilität, aber die erwartungsvollen Frauen entdeckten schnell, dass sie in Wahrheit grüne Jungs waren. Die legendäre Kommune I war nicht hedonistisch, sondern leistungsorientiert. Die Energie zentrierte sich in der Ar­chivierung ihrer Taten. Es ging nicht um den totalen Glücksanspruch, sondern um die Totalität von Politik. Genial war die KI, weil sie begriff, wie sehr sie Projektionsfläche für die unruhige Jugend war, und damit politisch spielte. In dem Romanversuch von Peter Mosler (Was wir waren, was wir wollten) tauche ich als Uli P. auf, der sich, Street Fighting Man im Ohr, in sein rostiges Auto wirft und zur „Demo“ rast. Nur, ich hatte damals keinen Führerschein und die Vorstellung eines Erwachsenseins mit Füh­rer­schein und Auto lag unendlich fern.
Nein, das große Gefühl war etwas anderes. Rich­tig ermessen kann es nur der, der den Gefühls­absturz der Jahre 69 und folgende erlebt hat. Bis zum 2. Juni waren unser Le­bens­gefühl und unsere zeitgeschichtliche Analyse ziemlich identisch. Wir waren noch überzeugt, dass wir als radikale Op­po­sition keine Chance hatten. In unseren Augen schritt die „Fa­schi­sierung“ voran. Die Beispiele häuften sich: die „Spiegel-Affäre“, die Not­standsgesetze, die Große Koalition und dann der erste Tote unter uns. Wir standen nun end­gültig, so schien es, mit dem Rücken zur Wand. (Als Zeitgeschichtler waren wir eine Pleite). Und dann wendete sich das Blatt: Die Welt begann sich um uns zu drehen. Plötzlich rief die Gesellschaft uns zu „Was wol­len die Studenten?“. Wir wa­ren es, die zu treiben an­fingen, die die Politik zu Reak­tio­nen zwang. Die Wende von der Ohnmacht zur Allmacht. Wir konnten tatsächlich unsere eigene Ge­schichte schreiben. Das seit der Kindheit entbehrte Einver­ständ­nis mit sich selbst stiftete das Glücksgefühl von 67. Um die Dra­ma­tik dieser Wende zu illustrieren: Individual­psycho­logisch gesehen, entspräche sie einem klas­sischen Psycho­sen­verlauf. Das Gefühl der radikalen Wende in der Bio­gra­phie verstärkte sich noch, wenn da die mehr oder weniger gemeinsame und daher enthusiastische Erfahrung sexueller Be­freiung hinzutrat. Kein Wunder, dass unsere Augen blitzten.
Die große Veränderung
Die großen Lettern „Revolution ist möglich“ hatten einen bescheideneren Untertitel: Veränderungen sind möglich. Ich vermute, dass wir an unsere Geschichte in Versalien nicht wirklich glaubten. Ich kenne keinen Mitstreiter von damals, der auch nur andeutungsweise bedauert, dass es uns nicht gelang, an der Spitze der Diktatur des Proletariats in die Geschichte einzugehen. Aber an den Untertitel glaubten wir ganz praktisch. Nicht nur wir veränderten uns, sondern auch die Realität. Die „autoritären Strukturen“ des „Spätkapitalismus“ erwiesen sich als brüchig und veränderbar. Die Zeit, die in der Wirt­schaftswunder-Gesellschaft erstarrt schien (Wirtschaftswachstum hatte für uns nichts Dynamisches), begann nun zu rasen. Der ganze so metaphorische wie auch unverantwortliche Überschuss unserer politischen Begriffe entsprang dem Gefühl, dass mit dem erhöhten Zeittempo unsere Begriffswelt nicht mithalten könne. Unserem kritischen Instru­men­tarium tat das nicht gut. Es fehlte die Zeit für Kritik und Selbstkritik, denn immer drohte der sattsam bekannte „Beifall von der falschen Seite“. Er hörte nie auf zu drohen. Kri­tik zur rechten Zeit am rechten Ort konnte da nicht blühen.
Der große Zusammenhang
Eine Doppelhelix der sich gegenseitig steigernden Revolutionserwartung hat uns ge­bannt. Da war die Revolte in der ganzen westlichen Welt, da war die Botschaft der chinesischen Kulturrevolution, da war die Befreiung von der Misere der eigenen bürgerlichen Herkunft. Als Rudi Dutschke verkündete, „Che“ sei in den Urwald aufgebrochen, dann klang das so wie: Befreie dich selbst und tu es ihm gleich. Und wohin brechen wir auf? Wir waren frei vom Sog der Nazi-Vergangenheit, wir gehörten der Welt. Der „Viva Maria“-Film hatte gelehrt, dass die Inszenierung der Re­vo­lution die Revolution macht. Wir mussten nicht den Guerilleros hinterher reisen. „Re­vo­lution ist möglich“. Der Tagesord­nungs­punkt mit den Fragen warum, wie soll sie aussehen und was soll danach sein, wurde vertagt. Wir hatten Utopien, aber keine Utopie; wir waren sozialistisch gesinnt, aber den Sozialismus, wollten wir ihn wirklich? Wir konnten an Ort und Stelle aufbrechen. Als Germanisten be­setzten wir das Seminar gegen die Not­standsgesetze. Was hatte das mit dem Fach zu tun? Viel! Denn die Germanistik lehre das „zynische Einverständnis mit der eigenen Ohn­­macht“ und sie sei die „geborene Wis­sen­schaft für die Notstandsgesellschaft.“ Dieser Gedanke überzeugte die erst unwilligen Ger­ma­nistikstudenten. Sie stimmten mit Begeis­te­rung der Besetzung zu.
Der revolutionäre „Prozess“ verband unseren Ort nicht nur mit dem Globus. Er ging auch in die Tiefen der Kindheit. Es galt die „autoritäre Persönlichkeit“ zu zerstören. Re­vo­­lution durch „Revolutionierung der Re­vo­lu­tio­näre“. Es war ein Trip. Die rituellen Ku’damm-Krawalle Ostern wurden als „emanzipatorische Gewalt“ gefeiert. Da lernte das verkrampf­te bürgerliche Individuum, im Kol­lek­tiv seine Sinne und Kräfte wieder zu gebrauchen. So schreibt es eine der absolut raren theo­retischen Aufarbeitungen der 68er („Der Un­tergang der BILD-Zeitung“, ­Auto­ren­kollek­tiv, Berlin 68). Ich habe das noch lange zustimmend zitiert. Aber hier genau war der verdeckte Übergang von der Theorie zur Ideo­logie. Gewalt als Emanzipation gedacht, hatte keine Grenze mehr. Wir ahnten allenfalls insgeheim, dass da auch eine Büchse der Pan­dora aufging.
Die Realität zerschlug diesen großen Zu­sam­menhang gnadenlos. Wir revidierten ihn nicht wirklich, sondern trugen eine Verlust­er­fahrung weiter. Vielleicht gab es eine Scham über diesen Abflug in den Trip. Aber etwas blieb, eine nicht mehr hinterfragte Gemein­samkeit, die Solidarität verlangte. Wir waren nun einmal im linken Lager.
6. Erfolg, Wirkung und Scheitern und der Mythos 68
Apologie ist langweilig. Reizlos, die Er­fol­ge von „68“ zu verteidigen. Sie liegen irgendwo zwischen dem Satz „die 68er sind an allem schuld“ und der These, 68 war nur eine Ran­d­er­scheinung eines gesellschaftlichen Um­bruchs. Dass unsere Kinder freilich mit einem Gefühl politischer Impotenz studieren, wenn sie an „68“ denken, kann nicht froh stimmen.
Nicht das ob, sondern die Art der Erfolge ist jedoch interessant. Ohne Freude am Pa­ra­dox allerdings ist eine ernsthafte Beschäf­tigung mit „68“ kaum denkbar. So umfassend, um nicht zu sagen totalitär, der Revo­lutions­begriff war, so total regierte uns die List der Geschichte. Es ist schon verschiedentlich be­merkt worden, dass „68“ an dem, was es wollte, scheiterte und mit dem, was es nicht wollte, erfolgreich war. Wir bekämpften die „formale“, die repräsentative Demokratie und ernteten eine gestärkte repräsentative De­­mokratie, die auch im Unterschied zu damals die Willensbildung an der Basis integrieren kann. Wir bekämpften den Staats­ap­parat und bekamen eine liberale Staats­gewalt. Dass die obrigkeitshörige Beamtenschaft und der Unter­tanengeist verschwanden, dazu hätte sich seit langem „68“ beglückwünschen können. Aber das war ja der Feind. Wer das zweifelhafte Glück hatte, in den Jahren vorher Staats­anwälte oder Polizisten in der Ak­tion kennen zu lernen, der konnte weiß Gott keine An­sätze zur demokratischen Selbst­läu­terung ent­decken. Vermutlich hat allein schon der Flächenbrand der Revolte die Ar­beits­be­las­tung der Ordnungsmacht so gesteigert, dass bei ausgeschöpften Über­stun­den­budgets der demokratische Weg einfach der vernünftigere war.
Das heilige Axiom vom ständigen Vor­marsch der Konterrevolution hat das nicht erschüttert. Entlarvt wurde weiter. Auf einem anderen Blatt steht freilich die Tatsache, dass der Staat selbst es war, der in der bleiernen Zeit genau das nicht tat, was wir haarscharf heraus analysierten – nämlich die Verfolgung der RAF und den §129a zu benützen, um dann die Opposition überhaupt zu kriminalisieren. Zu meinem Erschrecken las ich jetzt meine Worte auf dem „Prima-Klima-Kon­gress“, wonach die „Konterrevolution“ ge­nau „so eintrat, wie es unsere Gegner immer formuliert hatten.“ Habe ich das damals geglaubt oder war es nur der Jargon? Solche rituellen Projektionen einer Vernichtungs­strategie des Staates gegen die Linke entsprangen einem Ohnmachtgefühl, das ganz andere Ursachen hatte, Ursachen in uns selbst nämlich.
Die Revolte strapazierte, bekämpfte und – vitalisierte die formale Demokratie. Die von den Alliierten geschenkte Demokratie be­währte sich im Streit uns zu Trotz. Mithin ist die Rede von „68“ als zweiter Gründung der Republik nicht ganz falsch – wenn sie mit Ironie gelesen wird. Die Gründung der rheinischen Politik und die Leistung Adenauers, die richtunggebende Westbin­dung z.B., werden da­durch nicht in Frage ge­stellt. Mit „68“ ereignete sich so etwas wie eine nachholende Ju­gend­zeit der Republik. Deutsch­land er­langte derart eine europäische Normalität. Auf jenem „Prima-Klima-Kongress“ fiel ein schöner Satz: „Aber wir haben mit der falschen Theo­rie etwas gemacht, dem wir heut noch nachtrauern“. Der Redner meinte freilich etwas anderes.
Es gibt auch beinahe lineare Erfolgs­ge­schichten. Die Frauenbewegung und die Ver­änderung der Kindererziehung, die mit den Kinderläden begann, gehören dazu. Oft wa­ren aber Erfolge ebenso unmittelbar wie letztlich nie gewollt: Hans Stimmann, der ehemaliger Berliner Senatsbaudirektor hat in einem selbstkritischen Rückblick auf „68“ und das Architekturstudium verheerende Langzeit­wir­kungen notiert: die Abschaffung der Kategorie Schönheit – Parole: „Alle Archi­tek­tur ist schön“ – und die Hybris, das individuelle Werk durch „gesellschaftliche Praxis“ zu ersetzen. Das Ergebnis war die Kastration der Architektur durch Sozialpolitik. Eine der unmittelbarsten Folgen des studentischen Protests war die Hoch­schul­reform und ihr be­klagenswertes Ende in der mediokren Gre­mienuniversität.
Die größten Wirkungen von „68“ sind je­doch auf den Feldern Verhaltensnormen, Lebensformen, Bildung und Sozialpolitik zu suchen. Hier setzten sich die Ideen von 67 trotz K-Gruppen und RAF ungebrochen fort. Die Vorstellung von den entfremdeten Menschen, deren Kreativität aus gesellschaftlichen Zwängen und vom „Konsumterror“ befreit werden müsse, verband sich mehr oder weniger mit „Lohnerwerb“ und Lebens­pra­xis. Das Verhältnis zum Staat war dabei im­mer ambivalent. Es gab den bösen, den Re­pres­sionsstaat, der bekämpft werden musste, und den guten, den Sozialstaat, von dem es nie genug geben konnte. Mit ideologischen Hilfs­formeln wie dem „langen Marsch durch die Institutionen“ und der „revolutionären Pra­xis“ kamen die „68er“ doch sehr weit. Sie produzierten nicht nur den 68er Lehrer, der graue Besserwisser, auf dem alle herumprügeln.
Ein nachhaltiger Erfolg im weitesten Sinne war es vielmehr, dass „68“ und die „nach-68er“-Generationen das Selbstver­ständ­nis der staatlichen Institutionen entscheidend prägten. Die bessere Welt, die die „68er“ vertraten, gewährleistete auch die Verbesserung des Menschen. Es entstand jenes undurchsichtige mixtum compositum aus alternativer Kultur und Sozialstaat: Der Staat sollte nicht Sekun­där­tugenden erzwingen, sondern Krea­tivität freisetzen, jugendliche Delinquenten waren immer therapierbar, die Angebote sollten niederschwellig sein, die Einzelfallgerech­tig­keit musste hergestellt werden, Eltern versagten nicht, sondern brauchten finanzielle Zu­wendungen, Schulschwänzen muss nicht verhindert, sondern therapiert werden. Ein un­übersehbarer Teppich von Initiativen, The­ra­pien, Beratungen, Kommissionen, Begleit­for­schungen breitete sich um den Staat herum aus. Diese Forderungen und Haltungen ideologisierten jede sozialstaatliche Tätigkeit. Im Sozialstaat wurde ein ständig wachsendes schlechtes Gewissen über die zunehmende soziale Ungerechtigkeit und steigende Aus­grenzung implantiert. Das wiederum feuerte die Gesetzesproduktion und die Aus­weitung des Sozialstaates an. Jetzt erleben wir den Furor eines Gesundheitsdiktats, denn Politi­ker müs­sen ja beweisen, dass sie handlungsfähig sind. Gegen den damit verbundenen Frei­heits­ver­lust und gegen die sich steigernde Macht der So­zialbürokratie gibt es kaum wirk­same Proteste. Strafen, Regeln, Kon­trol­len, Lei­stungs­prüfungen, das ist ohnehin Sache der anderen, die dann von Fall zu Fall kritisiert werden. Zweifelhafte Er­folge, die nach selbstkritischer Kontrolle geradezu schreien. Aber den linken So­ziologen, der öffentlich ruft: Genug, wir sind bei sozialen Angeboten, verglichen mit anderen europäischen Staaten, extrem gut ausgestattet – den gibt es nicht. Wir wissen, dass das wichtigste Motiv der Aus­länder, nach Deutsch­land zu kommen, die Einwanderung in den Sozial­staat ist. Die Linke sieht da kein Problem, sondern nur rechte Demagogie, wenn es um den Sachverhalt geht. Es ist nicht die Praxis der Einzelnen, die hier zur Debatte steht. Sie ist entweder gut oder schlecht. Es geht um die Mesalliance von linker Alter­na­tivkultur mit dem Sozialstaat. Beide immunisieren sich gegenseitig gegen Kritik. Am Ende kann man darüber streiten, ob die Linke größere Probleme mit dem unerledigten „68“ oder mit ihren großen Erfolgen danach hat.
Die Unfähigkeit, Erfolge unverstellt zu sehen, um sie dann mit der notwendigen Verantwortung kritisch zu überprüfen, ist aus „68er“ Erfahrung wohl bekannt. Da wurde ein Erbe weitergereicht. So kämpfte die Linke ihren merkwürdigen „Kampf um die kulturelle Hegemonie“, als sie diese längst schon besaß. Die Politische Korrektheit wurde mithin von ihr als Minderheitsmeinung verteidigt, während sie diese durchaus von oben durchsetzte. Dass die konservative FAZ die von der Linken perfektionierte öffentliche Rhetorik der unterdrückten Stim­me gern selbst übernahm, verbesserte allerdings nicht die Luft.
7. Generationenverantwortung
Generationenverantwortung – kann es so etwas geben? Wer alles verantworten will, ist unglaubwürdig. Wer andererseits seine Ver­ant­wortung nur auf seinen Umkreis be­schränkt, drückt sich. Dazwischen liegt ir­gendwo der Punkt, auf den es ankommt. Ihn zu suchen, verlangt nicht nur Mühe. Un­ver­meidlich wird man dann auf die unangenehme Erfahrung stoßen, wie unseriös die eigene Erinnerung ist.
Beschrieben wurde schon, dass der Streit über den Gewaltwahn und die weit verbreitete widerstrebende Komplizenschaft der Lin­ken, die sich durch Solidarität gebannt fühlte, nie rechtzeitig und mit offenem Visier geführt wurde. Vielleicht hätten Spott und Hohn über die blutige Groteske der so ge­nannten Baa­der­befreiung und über die Grand Guignol-Per­formance des bewaffneten Kampfes schlim­meres verhindert. Ich habe damals in der politisch wichtigen Untergrund­zeit­schrift 883 verklausuliert angedeutet, dass die Baader-Befreiung nicht gerade der optimale Einstieg in den illegalen Kampf sei. Klartext hätte selbstverständlich bedeutet, dass der Artikel nicht gedruckt wird. Aber hatte ich nicht vor allem Angst als Verräter und Feind weggejagt zu werden und habe deswegen die Selbst­zensur vorgezogen?
Die bleierne Zeit habe ich verpasst. Als ich im Irrenhaus in Italien arbeitete, standen die Patienten Schlange, um Psychopharmaka zu bekommen. Gleichzeitig zeigten die Fern­seh­schirme Schleyers Staatsbegräbnis mit Trauer­marsch. Ich rief in Berlin an, ob ich wegen des denkbaren Roll-back der Staats­gewalt kommen solle. Aus Solidarität mit der Linken selbstverständlich! Nein, kam es durchs Te­lefon, bleibe dort, wir kommen! In der TAZ wurde ich schnell als Revisionist ge­brandmarkt, weil ich die Selbstmordthese (The­se!) der RAF-“Genossen“ unterstützte. Als die TAZ den offenen Brief der Braun­mühl­brüder mit der Frage, warum ihr Vater ermordet wurde, abdruckte, trat die Bonner Redaktion wegen dieses Verrates in Streik. 1985! Der lang anhaltende Solidaritätszwang. Bei der Frage nach dem Unerledigten in der „68er“-Geschichte beobachte ich allerdings etwas Irritierendes: Die Erinnerung an die Ge­walt­exzesse beunruhigen mich nicht so sehr. Sol­che Verstrickungen erscheinen mir bei aller bitteren Selbsterkenntnis, Selbst­vorwürfe ein­geschlossen, einigermaßen aufgeklärt. Ver­passte Chancen jedoch lassen sich weniger leicht abwehren. Sie quälen noch heute. Das Thema kam schon früh auf die Ta­gesordnung. Nach den Osterunruhen 1968 wurden massenhaft Strafverfahren in Gang gesetzt. Für uns im SDS war es klar, dass „wir“ es mit einer breit angelegten „Krimi­na­li­sierungs­strategie der Konterrevolution“ zu tun hatten. Die nächste „Etappe“ im Kampf, die „Jus­tiz­kampagne“ wurde vorbereitet. Da aber überraschte uns die sozialliberale Koa­li­tion mit der Amnestie. Dieser politische Schritt kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Er gehörte auch zu den konstitutiven Akten der deutschen De­mokratie. Sie war nicht „er­kämpft“, sondern wurde gewährt, nicht zuletzt durch das persönliche Engagement von Gustav Heinemann. Hier war es, das Signal, das wir von 1964 bis 1967 eingeklagt hatten: Keine Ausgrenzung, die antiautoritäre Op­po­sition soll Teil dieser neuen Demo­kratie sein.
Was haben wir mit den Chancen, die sich uns da eröffneten, angefangen? Wir haben weiter entlarvt. Die zerfallende antiautoritäre Bewegung stellte sich taub bei dieser Botschaft oder erkannte haarscharf die Tücke des Klas­senfeindes. Ich kann mich nicht an eine einzige Debatte erinnern, in der wenigstens – nur rein theoretisch, selbstverständlich – die ausgestreckte Hand prüfend berührt wurde. Ich selbst entdeckte reichlich spät, nämlich bei dem Schreiben eines Artikels für das Rote Hilfe-Kursbuch (Nr.31, Mai 1973) – mit dem Titel: „Staatsgewalt, Reformismus und die Politik der Linken“ – dass tatsächlich ein Fens­ter für wirkliche Reformen offen stand. Aber es begann sich schon zu schließen. Die Regierung Brandt geriet in die Defensive. Durch die „Berufsverbote“ wurden viele in das gesellschaftliche Aus getrieben, die vorher durch die Amnestie gewonnen waren. Die Linke hat das Fenster der Möglichkeiten ohne Not ignoriert, die Regierung schloss es.
Mit den „Berufsverboten“ blieb das kritische Potential draußen und auch die SPD verlor eine ganze Generation. Es begann der lange Weg zur Gründung der Grünen, es begann die Erfolgsgeschichte der „68er“ bei der Umgestaltung der Gesellschaft. Verblasst da­mit nicht langsam die Generations­ver­ant­wor­tung? Ich glaube, es hatte Folgen, dass „68“ zwar ständig negiert oder „überwunden“, aber nie politisch beendet wurde. Die tiefsten Bunker der Radikalität wurden zwar verlassen, weil im Glacis längst keine Kämpfe mehr stattfanden. Allein, die notwendige und vor allem kontinuierliche kritische Revision blieb aus. Dennoch stand die Linke, nachdem die revolutionären Träume ausgeträumt waren, vor der Frage der Reform. Hätte sie sich in einer großen Debatte ihr zugewandt, hätte sie auch den Geist der Reform bestimmen können. Die Linke formulierte kein eigenständiges Bild einer reformierten Republik. Sie hätte sich dann auch – mit Patriotismus – zu ihr bekennen müssen. Stattdessen wurde unkritisch die Spaltung der Republik bewahrt und befestigt: An einer Gegen­ge­sell­schaft mit „Ge­genkultur“ und „Gegen­öf­fent­lich­keit“ wurde gewerkelt. Die Grünen verschwen­deten Kraft und Lebenszeit, um eine „andere Partei“ zu sein, die scheiterte, weil sie nur den Sieg des Mittelmaßes bedeutet hätte. Das trostlose Vorbild der ebenso befremdlichen wie zwang­haften Fundi-Realo-Debatten hatten doch die „68“ am ei­genen Leibe miterlebt. Wo war ihre Inter­vention? Blieben sie stumm, weil sie partout nicht als „Apo-Opas“ er­schei­nen wollten?
So entfalteten wir unser Gutmenschen­paradies. Das Privileg der Minderheitskultur immunisierte diese Parallelgesellschaft gegenüber der Kritik. Privat lästerten wir über die verbrauchte Luft und die sprachlichen Ver­ren­kungen. Aber in diesem alternativen Mi­lieu lebten wir auch ganz gern, in dem die Ge­nerationen sich duzten. Es versprach uns die langandauernde Jugend und Vermeidung vor den Realitätsprüfungen des Erwach­sen­seins. Generation forever young.3 Die Frage der Ge­nerationsverantwortung war wieder einmal und vielleicht für immer vertagt.
8. Antirevisionismus und Verspätung. Kritischer Rückblick
Hätte es nicht eine Gruppe 67 geben müssen? Ein unsinniger Gedanke? Vielleicht. Aber ist es nicht verwunderlich, dass nach „68“ keine neue Generation politischer In­tel­lektueller angetreten ist? Warum bewachen noch immer die greisen Überlebenden der Gruppe 47 unbestritten die Schützengräben der Political Correctness? Im Unterschied zu Frankreich, wo nach dem Pariser Mai André Glucksman u.a. einen Generationswechsel unter den Mandarinen durchsetzten, hat sich in der Bundesrepublik nichts Vergleichbares entwickelt. Hätte es eine ähnliche Entwick­lung hierzulande geben können, geben sollen? Um einem nahe liegenden Missver­ständ­nis vorzubeugen: Ich plädiere überhaupt nicht für ein noch stärkeres „68“ mit hegemonialen Großintellektuellen an der Spitze. Son­dern es geht um ein Defizit, mit dem wir nicht nur unser Potential, sondern auch unsere Leis­tungen für die Republik beschädigt ha­ben.
Das Problem, glaube ich, liegt darin, dass die „68er“, die „neue Linke“, die „alternative Szene“, die Grünen immer stark genug waren, von der „anderen Republik“ zu träumen und nicht stark genug waren, um sie zu machen. Unsere alternative Welt war viel mächtiger als z.B. in Italien oder Frankreich. Vielleicht hatten wir immer zu viel zu verteidigen, um alles der Kritik preis zu geben. Wirkungsmacht und Erfolg der „68er“ wurden ja beschrieben. In allem, was den Zusatz „sozial“ hat, von der Sozialgeschichte über die So­zialpsychologie, Sozialpädagogik, Sozial­psychia­trie usw., wirk­te ihr Geist. Das Selbst­verständnis der Nation als Sozialnation haben sie an prominenter Stelle mitgeprägt. Aber die damit verbundene uferlose Ausdehnung des guten Staates, des So­zialstaates haben die beteiligten „68er“ nie zum Thema der Kritik gemacht. Die große Debatte dazu fehlt noch immer. Vielleicht waren wir derart Kinder unserer Zeit und hielten derart die reichen Res­sour­cen des Wirt­schaftswunder-Deutschlands für selbstverständlich.
Es fällt überhaupt auf, dass es nie die „68er“ waren, die später die großen Themen und Debatten der Nation bestimmten. Wo waren die intellektuellen Dissidenten unter den Maois­ten, die die Verbrechen der Kultur­revo­lution und des Stalinismus auf die Tages­ord­nung setzten? Die Tatsachen waren ja be­kannt. Hatten uns „RAF-Verfolgung“ und „Re­pression“ etwa daran gehindert? Es wäre eine beschämende Rechtfertigung. Wo war unsere öf­fentliche Empörung über die Lager und Mor­de der Sieger nach dem „Sieg im Volkskrieg“? Waren nicht die „boat-people“unsere Sache – ganz zu schweigen von Pol Pot und den „killing fields“? Die „Kap Ana­mur“ entlastet da nicht. Natürlich haben wir alle es „irgendwie“ gewusst, kritisiert, was hier als Debatten­defizit beklagt wird. Aber das ist es ja: warum konnten wir uns nicht zusammentun und den öffentlichen Streit suchen? War es etwa immer wieder die alte Angst vor dem falschen Beifall?
Warum wurde dem elementaren Bedürfnis nach Sauerstoff nie nachgegeben? Warum hat die Linke die Stickluft der Politischen Kor­rekt­heit in den 80er Jahren befördert und da­bei ihre einstige antiautoritäre Widerbors­tigkeit so völlig vergessen? Der Staat griff nicht mehr ein; nun sorgte die Lin­ke für Zen­sur. Wer sich zu strittigen Themen äußerte, bei dem zählte nicht das Gesagte, sondern das „eigentlich Gemeinte“, das er bekanntlich ja immer notorisch verbarg. Unsere ganze schöne Erin­ne­rungs­politik steht schließlich auf einem fest verbackenen Fundament von selbst geschaffenen Tabus. Gelegentlich und unvermeidlich ge­schehen unqualifizierte Aus­brü­che wie bei der Martin Walser-Rede zum Frie­denspreis im Frank­furter Römer. Die dienen dann dazu, das politisch korrekte Korsett nur noch fester zu zurren. Der alte Soli­da­ri­täts­zwang der Linken ist vergangen, die Feind­schaft gegen den unorthodoxen Gedanken hört nicht auf.
Nun ist das Pendel des Zeitgeistes umgeschlagen. Es ist unser Schleier, der zerreißt. Nun fehlen die Werte, der Gemeinsinn, die Leistungsbereitschaft. Wir verstummen, wir können nicht mehr sagen, das alles sei nur konservative Demagogie. Wir nehmen wahr, dass unsere Werte ins Gegenteil umschlagen. Die Kids sagen jetzt „Du Opfer, Du!“ wenn sie Blödmann meinen. Das ist das Ende unserer Opferkultur. Wir spüren, dass die soziale Kälte nicht, wie gedacht, von den Neolibe­ralen, sondern aus dem Herzen des Sozialen kommt. Unsere multikulturelle Toleranz lief zumeist auf Nichtwissen und Indifferenz hinaus. Jetzt beklagen wir den Zerfall der Fa­milienbeziehung und den Verlust der bürgerlichen Kultur und ziviler Verantwortung. Das wurmt mich vor allem. Denn wir waren es, die die „Zerschlagung der Familie“ und „die Über­windung des bürgerlichen Indivi­duums“ auf die ideologischen Fahnen hefteten, blind dafür, dass der hegemoniale Sozial­staat längst schon dabei war, das Zivile abzuwürgen.
Vielleicht überschätze ich das intellektuelle Potential der antiautoritären Bewegung, nur weil es sich nicht entfaltet hat. Aber wenn man sich vor Augen führt, was die konstitutiven Kriterien für intellektuelle Interventio­nen sind, sieht man, dass die Talente für politische Intellektuelle in unserem Milieu nicht gerade gefördert wurden. Höchste Pflicht des In­tellektuellen ist, zu sehen, was ist und darüber zu schreiben. Er muss kalt, verletzend und zersetzend sein. Er muss Parteilinien, linkes Lagerdenken, die Verantwortung für die diversen politischen Ziele, die nicht gefährdet werden durften, und die mögliche Freude des Klassenfeindes ignorieren. Der Intellektuelle musste sich in einer Zeit, in der die kollektive Erfahrung gefeiert wurde, zur Einsamkeit entschließen. Seine historische Aufgabe wäre die Revision aller guten Überzeugungen gewesen. Der Intellektuelle ist der geborene Revisionist.
Aber gerade der Antirevisionismus gehörte zu den Geburtsmalen der linken Bewegung. Revisionismus gefährdete in unseren Augen die Revolution fast noch mehr als der Klas­senfeind. Er bedeutete Verrat. In der Linken war die Angst vor dem Abschwören immer stärker als die Liebe zur Realität. Im Grunde stand die elementare Tätigkeit des Intellekts, nämlich das ständige Revidieren, prinzipiell unter Verdacht. Wer also einigermaßen ehrlich auf die „68“-Be­we­gung zurückblickt, wird wenigstens zugeben müssen, dass die Bewegung mit ihrer Intel­lek­tuellen­feind­schaft und ihrem Kleinbürger-Selbsthass nicht gerade einen fruchtbaren Humus für die Figur des Intellektuellen bot. Vor allem aber fehlte der Kompost abgelegter Überzeugun­gen. Glaubten wir vielleicht bei aller Revolu­tionshybris insgeheim gar nicht daran, dass wir eine wichtige Rolle in dieser Gesellschaft, die wir „Establishment“ oder „System“ nannten, spielen könnten? Nur ein Grund jedoch wäre akzeptabel: Wir waren überfordert, hatten uns überfordert. Und die Über­forderung wanderte in der ganzen Geschichte irgendwie immer mit. Wer nicht zerbrach, suchte privat die Rettung in seiner spezifischen Mischung aus politischen Zielen und Karriere. Kein Vorwurf insofern. Aber die Folgen sind auch klar: Verlorene Jahre, in denen wir unsere Kritik als private reservatio mentalis mit uns schleppten.
Es geht hier nicht darum, mit der Intellek­tuel­lenfrage retrospektiv die Überforderung an uns noch einmal zu steigern. Aber es schmerzt noch heute, die verpassten Chancen durch das Fehlen der Selbstkritik zu erkennen. Im entscheidenden Moment waren wir von ihrem guten Geist verlassen. Wir waren zu weit gegangen und mussten uns wieder finden; die „Eska­lation“ war zu Ende und es galt die politische Defensive zu organisieren; wir mussten Brücken zu den Bündnispartnern schlagen, die wir abgeschreckt hatten – nicht zu den gefeierten mobilisierten Lehrlingen, sondern zu den Liberalen und zu allen aufgeschlossenen Leu­ten in den Institutionen, deren Arme immer noch geöffnet waren. In Willy Brandts Wort „Mehr Demokratie wagen“ hätten wir einstimmen können, vielleicht so­gar gegen seine Partei.
Die ausbleibende Revision bedeutete, dass wir die ganze Misere der Intellektuellen­feindschaft nolens volens tradierten. Wer sollte denn die Friedensbewegung kritisieren, die ihren Frieden mit den Diktaturen im Osten machte. Wer sollte sich moralisch empören, wenn eine Generation, die alles vom Staat erwartete, sich trainiert, die „Staatsknete ab­zuzocken“? Die Konservativen konnten es ja nicht. Immer wieder war Jürgen Habermas es, der ganz undiskursiv die Identität der Linken und die Linie zwischen Freund und Feind definierte. Die einzige Großdebatte, der Historikerstreit, an dem sich alles mit Rang und Namen beteiligte, erbrachte ein intellektuell dürftiges Denkverbot. Um willen der „Einzigartigkeit“ der Naziver­bre­chen wurde ausgerechnet die Auseinan­der­setzung über den Sozio- und Genozid des Stalinismus tabuisiert. Noch als Innenmi­nister war Otto Schily so weit links, um die Verbrechen des Stalinismus mit dem Verweis auf kommunistische Ideale zu relativieren.
Von Revisionen unbehelligt konnte das linke „andere Deutschland“, das längst schon fester Bestandteil der real existierenden Bun­des­republik war, an der Sonnenseite der Mauer gedeihen – bis die Mauer fiel. Das intellektuelle Sensorium der Linken war so stumpf geworden, dass sie das Ende ihrer Welt nicht spürten, obwohl es sich längst schon in den Texten von Vaclav Havel, György Konrád oder Adam Michnik ankündigte. Habermas war es wieder, der nach dem Mauerfall die beruhigende ordre du jour an die Linke ausgab: sie dürfe sich „keine Kontaktschuld“ am Realsozialismus „anmuten“ lassen. So blickten wir auf das zurück, was richtig war, statt nach vorn. Niemand rief die Linke auf, die Wiedervereinigung kritisch mit zu gestalten. Ihr verstockter Antinationa­lismus konnte sie ohnehin nur als Niederlage begreifen. So blieb die Wiedervereinigung dem Sozialstaat überlassen.
Wir erkannten doch in den Bürgerrechtlern von 1989 unseresgleichen wieder. Aber wir verübelten, dass sie unsere Welt zerstörten. Die „89er“ freilich sind noch heute froh, dass nicht eine Flut von Alt-68ern „nach drüben“ kam, um ihnen zu erklären, wie man Politik macht. Das gemeinsame Interesse wäre es je­doch gewesen, das große Thema der Wie­der­ver­einigung zu debattieren: das Verhältnis von Freiheit und Gleichheit. Aber hier genau liegt der politische Gegensatz zwischen „68ern“ und „89ern“. „68“ wollte die Emanzipation und die Befreiung, für sich und für alle Be­freiungsbewegungen. Die Freiheit groß ge­schrieben war eine ideologische Waffe des An­tikommunismus, war Freedom&De­moc­racy, wie es polemisch bei Brecht heißt. Uns fehlte die Souveränität, im feindlichen An­tikom­mu­nismus anzuerkennen, dass er auch unsere Sache vertrat. So verschwand mit der Wieder­ver­einigung die Frage der Freiheit von der Büh­ne und der Sozialstaat übernahm die „Her­stellung der Gleichheit der Lebensver­hält­nisse“, über die dann im Ossi-Wessi-Streit kräftig gegiftet wurde. Die Grü­nen verweigerten sich dem großen Thema und machten Wahlkampf mit der Klimaka­ta­strophe. Zu Recht flogen sie aus dem Bun­destag. Die Gruppe 47 meldete sich in Gestalt von Günter Grass und beklagte den Verlust der „kommoden Diktatur“ der DDR.
Gewiss, die Geschichte ist geschehen. Da­zu, dass es sich in Deutschland gut lebt, dass ein stabiles, pragmatisches, konsensorientiertes und außerordentlich demokratisches Land entstanden ist, haben wir sehr viel beigetragen. Dramatische Zerknirschung ist nicht angebracht. Aber für Revisionen unserer Ge­schichte ist es nicht zu spät. Nur damit allein können wir auf die Geschichtsschreibung des großen Aufbruchs 67 Einfluss nehmen. Diese Mühe erlaubt es dann auch, die schöne Seite dieser Zeit unverstellt zu erkennen.
Wie nervtötend und widerwärtig ist es, dass die erinnerungsgeilen Medien immer wieder das schreckliche Paar Andreas Baader & Uschi Obermaier aufrufen? Natürlich, Sex&Cri­me, das geht. Wir, die wir unsere Sache nicht erledigt haben, dürfen uns ärgern. Aber protestieren? An der Entsublimierung von Sexualität und Gewalt waren wir ja nicht ganz unschuldig.
Anmerkungen
1 Wenn im Folgenden das Ausbleiben der Selbstkritik beklagt wird, dann ist ausschließlich ein politisches Problem gemeint. Gleichwohl gibt es hervorragende Publikationen von 68ern, die beispielhaft sind in ih­rer selbstkritischen Genauigkeit und Ironie. Stellver­tre­tend sei Gerd Koenen, Das rote Jahrzehnt, Köln 2001, genannt. Literarisch brillant und zugleich analytisch genau verfolgt er den großen Aufbruch bis in die artistischen Selbstverbiegungen einer Kaderor­ga­nisation hinein. Als Neuerscheinung ist vor allem Peter Schneider, Rebellion und Wahn, Köln 2008, zu erwähnen. Es ist eine Erzählung und zugleich eine historische Analyse als Selbstprüfung. Der Schrift­steller von heute streitet mit dem werdenden Autor von damals und dessen Tagebuchnotizen. Bei aller durchaus unnachsichtigen Kritik schreibt er niemals diffamierend.
2 Höhnisch wurde damals die marxistisch-leninistische Erklärung des Faschismus in der DDR als der „räuberischsten Form des Monopolkapitalismus“ abgewiesen. Es ist einer der vielen Fehlgriffe im jüngst erschienenen Buch von Götz Aly (Unser Kampf, Frankfurt a.M., 2008), wenn der Autor bei der Frage der Faschismus-Theorien von der „Geistesnähe“ zur DDR (157) spricht. Ähnliches gilt für die Frage des Antisemitismus. Auch penible Recherchen haben außer Kunzelmann und Mahler keine anderen einschlägigen Namen entdecken können. Dass der An­tisemitismus antikapitalistische Momente hat, gehört zum Gemeingut seit Marx und Bebel. Wir sahen darin die Gefährlichkeit und nie die Rechtfertigung des Antisemitismus. Der Historiker hätte wenigstens das Kapitel „Vom Antisemitismus zum Antikom­mu­nismus“ von Dutschke (in: „Rebellion der Studen­ten“, Reinbek bei Hamburg 1968, 58ff.) behandeln müssen. Aber das Buch, von Aly selbst als „Pamph­let“ bezeichnet, versucht gewissermaßen in der vermutlich letzten Generaldebatte über 68 auch das letzte Wort zu behalten. Aber der Polemik fehlt leider der freie Geist. Es ermüdet durch einen Dauerton der Entlarvung, der vor allem dann unangenehm aufstößt, wenn er den Lebenserfolg von 68ern brandmarkt, ohne Namen zu nennen (vgl. 17). Der Stil erinnert an ein bestimmtes Genre „68“er Flugblätter: das polemische Zitat, die Unterstellung schlechter Motive beim Gegner und das Desinteresse für Ambivalenz. Er selbst bezichtigt sich mit sehr scharfen Worten einiger Schandtaten. Aber das klärt wenig. Weder über seine Motive, noch über die Frage, ob sein Haupt­vorwurf gegen 68 auch auf ihn zutrifft, erfährt der Leser etwas. Seine zentrale These lautet: „die linksradikale Studentenbewegung von 1968 (knüpfte) in mancher Beziehung an die Erbmasse der rechtsradikalen Studentenbewegung der Jahre 1926 bis 1933 an. (10)“ Viel klarer wird das „in mancher Bezie­hung“ auch am Ende nicht, wenn er ausgiebig aus den Schriften der NS-Studentenschaft zitiert – das interessanteste und lesbarste Kapitel! Die beklemmende Ähnlichkeit in Sprache und Professorenfeindschaft vor Augen zu führen, ist verdienstvoll. Aber was bedeutet sie? Waren wir ähnlich, oder waren die 33er uns vielleicht ähnlicher, als wir ahnten. Auch das wäre eine ungemütliche Erkenntnis. Auf jeden Fall ist die Rede vom Anknüpfen an das 33er HJ-Erbe eine abenteuerliche Idee. Rassismus, Krieg und Mas­senmord sind doch das Erbe dieser nazistischen „Ju­genddiktatur“ (Aly). Verdienstvoll ist es, dass die Archive von Richard Löwenthal und Ernst Fränkel zugänglich gemacht wurden. Wie diese Remigranten und Gründerväter des OSI behandelt wurden, war eine Schande. Und das Institut hat wenig getan, diesen Makel zu beseitigen. Aber die analytische Qua­lität ihrer Zitate hebt sich doch angenehm vom Rest­text ab. Sie waren keineswegs nur leidende Beo­bach­ter, sondern hatten den Demokratiestreit am Institut mit Leidenschaft geführt. Die Qualität dieser Ausein­an­dersetzung bleibt verborgen. Der Autor kam in der Entartungsphase, Herbst 1968, nach Berlin. Den Geist des Jahres 67 hat er nicht miterlebt. Aber der Schlüssellochblick des Ressentiments verhindert auch, ihn zu begreifen. Wenn er – um eine kleines Beispiel zu zitieren – die neue Nähe, das Du, die Be­geisterung über die kleinen Tabubrüche mit dem Wort „Kitzel des Frühlingserwachens“ ridikulisiert, dann kann er nicht mehr erklären, warum der Auf­bruch von 67 so mitreißend war und warum er zum kalten Gewaltwahn und zur Ödnis der Kaderarbeit pervertieren konnte. Der denunziatorische Zwang führt zu dem Grundwiderspruch des Buches. Die Karikatur der antiautoritären Bewegung macht es am Ende nicht mehr verständlich, dass sie eine solche Wirkung auf die Geschichte bekam. Er muss sie denn auch abstreiten und erklärt die antiautoritäre Bewe­gung zu einem bloß marginalen, nur „besonders auffälligen Teil eines Umbruchs“(209). Die Veränderun­gen der Bundesrepublik nach „68“ hätten vielmehr ausschließlich andere gemacht. Warum hat sich dann aber die Bundesrepublik in ihrem geschichtlichen Selbstverständnis so geirrt? Warum dann soviel Entlarvungsfuror?
3 Vgl. Klaus Hartung; „Fehler der antiautoritären Be­wegung!, in: Kursbuch 48, 14ff. und: ders. „Die langandauernde Jugend der Linken“, in: Kursbuch 54, 174ff.

Klaus Hartung
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