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Sigrun Anselm

Heft 140/141: Die RevolteHeft 140/141 39. Jahrgang 39. Jahrgang 2008/09 20 €


Die Revolte

Inhaltsverzeichnis

Die Revolte
Themen und Motive der Studentenbewegung

Als wir vor rund einem Jahr begannen, Pläne für dieses Heft zu schmieden, war uns natürlich klar, dass die literarische Flut zum 40. Jubiläum des Jahres 68 den Buch- und Zei­tungsmarkt überschwemmen würde. Schon Jahre zuvor wurde sichtbar, dass die Impulse und Beunruhigungen, die von der antiautoritären Bewegung ausgingen, wieder an Inten­si­tät gewonnen hatten. Neue soziale Kon­stel­lationen verlangen offensichtlich noch immer eine neue Bewertung der Revolte. Auch unser Blick auf uns selbst, die wir an der Revolte beteiligt waren, ist nicht der gleiche geblieben. Bis auf einen sind die Autorinnen und Auto­ren dieses Heftes Zeitzeugen. Die umstrittene Rolle der Zeitzeugenschaft ist uns wohl be­kannt, aber Zeuge können nur wir und uns­res­gleichen sein. Wir beanspruchen keinerlei Deutungshegemonie, im Gegenteil: Es geht uns vielmehr darum, gegenüber allen schnellen Vereindeutigungen die Vielfalt und Offen­heit der studentischen Versuche sichtbar zu machen, um das zur Sprache zu bringen, was uneingelöst geblieben ist. Die protestierenden Studenten haben den klaffenden Spalt zwischen Anspruch und Wirklichkeit einer offenen Gesellschaft als Mangel und als Skandal empfunden. Das war der tiefere Grund der Revolte. Dass ihre Erfolge oft zwiespältig waren und nicht so grundsätzlich wie ihr Anspruch, hat die Individuen, die den Protest emotional getragen haben, nicht selten in biographische Dilemmata gestürzt. In Deutsch­land war 67 der Höhepunkt des antiautoritären Protests. 68 kam schon der Um­schlag. Auf Seitenwegen ist der Protest wei­ter­ge­wan­dert, in der Frauenbewegung, den Kinder­läden, bis hin zu den Bauern. Die eigentliche Studentenbewegung aber zerfiel in nur wenigen Jahren in eine Vielzahl von kleinen Grüppchen, in Mini-Parteien, Rote Zellen und allerlei Spielarten des Anarchis­mus, die kaum noch etwas miteinander zu tun hatten. Das alles geschah, als die Aufbruchs­stim­mung erloschen war, und mit ihr das Be­dürf­nis nach existentieller Befreiung und nach Aufklärung. Heute ist jeder widerständige Existentialis­mus verpönt. So wird die Revolte vor 68, de­ren Kreativität die Gesellschaft verwandelt hat, auch gern unterschlagen – und das umso lieber, als dann die Rote Armee Fraktion, die aus den Trümmern der Revolte ihre Sub­kul­tur gebastelt hat, zur legitimen Erbin der Studentenbewegung gemacht werden kann.
Wir wollen zeigen, aus welchen Erfah­run­gen und Konflikten der Aufbruch hervorging. Deshalb stehen die Berliner Erfah­run­gen im Vordergrund. Die Fragen der Stu­den­ten, auf die sie eine Antwort gesucht haben – intellektuell, existentiell und politisch, ge­winnen erst im Erfahrungsrahmen der Zeit ihre ganze Tragweite. Die Auswahl der The­men richtet sich zwar nach dem Gewicht, das sie damals hatten, doch ausschlaggebend war dann, ob das Thema noch heute Bedeutung hat. Dass die Auswahl unvollkommen ist, muss kaum gesagt werden. Einige Autoren sind abgesprungen, manche Themen waren unwegsamer als wir dachten. Dazu gehört die Frauen­be­wegung. Wir, die beiden Frauen in der Heft­redaktion, sind bis heute davon überzeugt, dass die Studentenbewegung das Beste war, was uns passieren konnte. Früh in den SDS eingetreten, waren wir immer dankbar für die Möglichkeit, denken und reden zu lernen, zwischen Universität und Familie einen imaginären Raum zu finden, in dem die Phantasie zuweilen die Oberhand behalten durfte. Doch es schien uns zu kurz gegriffen, nur über uns zu schreiben. Lange vor uns und vor der Studentenbewegung gab es im SDS seit seiner Gründung emanzipierte und einflussreiche Frauen, ohne die die Entwicklung hin zur Revolte nicht denkbar wäre.

Sigrun Anselm
Wir bauen unsere Seite um und sind daher z.Z. nicht ganz aktuell. Bis bald im neuen Look!



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