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Editorial Heft 142

Heft 142: Unsere BrutHeft 142 39. Jahrgang 39. Jahrgang 2008/09 11 €


Unsere Brut

Inhaltsverzeichnis

Unsere Brut

Man weiß nicht, worüber man sich mehr er­regen soll: über die kids oder über die Versuche, sie wieder ins Boot zu holen., Es scheint, als sei die Gesellschaft mit dem, was ihr am nächsten sein sollte, völlig zerfallen; als stehe ihr jedes Kunstobjekt näher als ihre „nachwachsende Natur“. Zum fundamentalen Unverständnis gehört das Vergessen der Geschichte, in der Kindheit und Jugend eines der jüngeren Kapitel darstellen und mehr eine gesellschaftlich-idealistische Erfindung als ein biologisches Faktum sind. Dazu gehört die Ambivalenz der Annäherungsversuche, die zwischen Bemächtigung und Vermeidung pendeln, nicht zu reden von den Fallstricken der Verwechslung, von Projektion und Hal­lu­zination. Der von Philipp Ariès beschriebene Segregationsprozess, der am Ende des 17. Jahrhunderts das Ende der Indifferenz gegenüber dem Kind begleitete, geht – was auch sonst – weiter, und wir wollen in diesem Heft nachschauen, bruchstückhaft zumindest, in welchen aktuellen Gewändern er daherkommt.
Am Anfang steht, zumal in Deutschland, ein metaphysischer Begriff, das essentielle Wesen „Kind“; nur so kann es überhaupt verlorengehen. Die richtige Erziehung rettet die Welt, die falsche setzt sie aufs Spiel. Daher die Gleichzeitigkeit von schwarzer Rede und Erlösungsphantasie, die, wie Jürgen Oelkers eingangs beschreibt, der „Kommunikation über Erziehung in Bestsellern“ eigen ist – und dies ganz unabhängig davon, ob als wesenhafter Urzustand das unschuldige oder das sündige Kind gedacht wird. Auch was zu seiner Wiedergewinnung getan wird, muss immer das Wesen bewahren, etwa im „Giraffen­kin­der­haus“ (Moriz Hoffmann-Axthelm). Erst in zweiter Linie geht es darum, die empirischen Kinder zu synthetisieren, denen Sibylle Recke („Kindeswohl und Brutverhältnisse“) etwa in Berlin-Kreuzberg begegnet. So kommt es zu einer großen Konjunktur engagierter Projekte, zum Teil auf hohem Re­fle­xionsniveau, die das Wesen des Kindes als „noch nicht endgültig verloren“ zeigen, während die empirischen Kinder in den Ghettos, dem allgemeinen Bewusstsein nach, verkümmern – bei Sniff-Videos, Killerspielen im Internetcafé und Pommes von der Bude. Die­ser Zustand ist von unguter Dynamik, weil ihm eine „Pädagogik in der logischen Falle“ (Ilse Bindseil) mit zusätzlicher Segregation, einem Ineins von „Integrieren und Spalten“, beizukommen versucht: Der „Mythos Lern­be­hinderung“, dem Jutta Schoeler nachgeht, die Pathologisierung des gesellschaftlichen Aus­schlusses, ist nur die andere Seite der „Kind­heit als Investitionssphase“ (Astrid Albrecht-Heide) zwecks Produktion zu­künftiger Leistungsträger. Zugleich hat auch die Emphase hier ihren Platz, mit der der Bil­dungscharakter gelegentlicher Kultur­spek­takel beschworen wird, die die reale, aber oft noch mehr gefühlte Desintegration wieder ausgleichen sollen. Gabriele Klein bezweifelt in ihrem Beitrag über die Rolle des Tanzes im Kontext der aktuellen Bildungsdebatte denn auch die Tauglichkeit solcher kompensatorischer Einzelprojekte, während Susanne Jüdes anhand ihrer Musiktheateraktivitäten mit Schülern einmal ganz konkret darlegt, wie es anders geht.
Dem praktischen Versuch, das gesamtgesellschaftliche Kind wiederherzustellen – da­mit man weiß, was es ist und damit man jedem der Kinder gerecht wird und Gesell­schaft ihre Chance erhält – ist meist der Misserfolg eingeschrieben; der Idee vom „Kindgerechten Wohnen“ (Dieter Hoffmann-Axthelm) allemal. Und auch die Archivierung von Jugend und Rebellion (Antonia Schneider) verzeichnet mit dem Gegenstand notwendig seine Konturen. Nicht zufällig trägt Jörg Richards Rekonstruktion der „Brut“ auf einer Ebene gebändigter Widersprüchlichkeit ebenso wie Gesine Palmers parteiische Verteidigung des „Mädchens mit der Milchschnitte“ literarische Züge. Auf der prosaischen Ebene scheint einzig das Verwertungsinteresse von (Klein)-Kind und Adoleszent ein klares Bild zu entwickeln, gilt ihm doch alles, was Empathie und Verständnis hemmt, als Differenziertheit, Innovation. Dass „unsere Brut“ selbst nur allzugut weiß, dass es auch heute keine Phase im Leben eines Menschen gibt, die ihm als außergesellschaftliche und -ökonomische zugewiesen ist, zeigt sie im Gespräch mit Dorothea Hauser. Die „Brand brains“, so Andreas Galling-Stiehler, gehen damit sogar souveräner um als ihre Eltern; wir könnten von ihnen lernen. Statt dessen aber gerät der Umgang mit der eigenen Brut nicht selten zur „Für­sorg­lichen Bela­ge­rung“ (Monika Aly), weil das Autono­mie­defizit der Eltern zusammen mit der Idee vom Wesen „Kind“ eine Rat­lo­sig­keit herbeiführt, in der das empirische Kind nur noch als Spiegel der eigenen Exis­tenz gesehen werden kann. Man muss daher bewundern, wie Halb­wüchsige, die im Ge­spräch das Verschwinden der Kindheit beklagen, der sie gerade entrinnen wollen, zugleich darauf bestehen, ihr adoleszentes Spiel mit Exklusion und Inklusion nicht nur im Kon­text von Anerkennung und Angstabwehr zu betreiben (wofür sie belächelt oder gefürchtet werden), sondern als ein eigenständiges, oft zweckloses Als-ob, als eine Probierphase mit offenem Ausgang.

Ilse Bindseil, Dorothea Hauser, Jörg Richard
Wir bauen unsere Seite um und sind daher z.Z. nicht ganz aktuell. Bis bald im neuen Look!



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