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Monika Aly

Heft 142: Unsere BrutHeft 142 39. Jahrgang 39. Jahrgang 2008/09 11 €


Unsere Brut

Inhaltsverzeichnis

Fürsorgliche Belagerung
Das Drama des modernen Kindes

Wer mit seinem Kind zu uns, in die Praxis der Pikler-Gesellschaft, kommt, ist oft Akademiker oder zählt sich zu den Waldorf-Eltern. In jedem Fall ist ein hohes und ernsthaftes Interesse an der Entwicklung des Kindes vorhanden. Es sind Eltern, die sich in­formieren, viel wissen und alles richtig machen wollen. Das heißt freilich auch, dass sie oft sehr bestimmte Vorstellungen und sehr bestimmte Erwartungen an ihre Kinder haben. Sie gehen von konkreten, scheinbar objektiven Maßstäben aus, an denen sie ihr Kind messen und messen lassen, und sie vergleichen seinen Entwicklungsstand häufig mit dem anderer Kinder. Das gilt auch für die Eltern von Kindern mit Entwicklungs­stö­run­gen, etwa dem Down-Syndrom, und den Frühchen, die uns die Kinderärzte schicken. Es ist ein gleichermaßen besorgter wie deutlich kontrollierender Blick, der wenig Gelas­senheit und viel Stress bedeutet.
In ihrem Bemühen um das Kind sind diese Eltern dann noch oft zusätzlich gestresst, weil sie sich zwar viel angelesen haben, jedoch sehr wenig Intuition im Umgang mit ihren Kindern an den Tag legen. Für sie ist das Kind, für das sie sich in ihrer Lebensplanung be­wusst entschieden haben und für das sie Ver­antwortung übernehmen wollen, also zu­nächst eher ein theoretisches Modell, dem sie praktisch mit großer Unsicherheit begegnen. Häufig können sie die einfachen Bedürfnisse ihrer Kinder und deren Signale nicht erkennen. Die Eltern meinen es also sehr gut, aber sie kommen nicht gut zurecht. Entsprechend hoffen sie dann, von mir eine Art Gebrauchs­an­weisung für ihr Kind zu bekommen.
Dieser Idee, gewissermaßen dem Patent­re­zept für das Kind, wird mit großer Hart­näckig­keit angehangen. Oft haben die Eltern deshalb auch, bevor sie zu mir kommen, schon anderswo Unterstützung gesucht, oder sie gehen parallel noch woanders hin. Auch die Teilnahme an PEKIP-Gruppen ist Stan­dard­programm, was angesichts der Tatsache, dass es dort mehr um die Aktivität der Mütter als die der Kinder geht, durchaus bezeichnend ist. Denn bei aller Unsicherheit dem Kind gegenüber, ist die Einsatzbereitschaft und der Wille zum Engagement bei den Eltern ja sehr groß. Sie wollen ihr Kind gerne fördern, ihm Unterstützung und Anregung geben, ver­ges­sen aber dabei, dass es seine eigene Per­sön­lichkeit, seinen eigenen Rhythmus und sein eigenes Tempo hat. So wird die liebevolle Aufmerksamkeit der Eltern rasch zur fürsorglichen Belagerung, die dem Kind keinen eigenen Raum mehr lässt. Man hat dann Kinder, die kaum mehr von sich aus spielen können oder wollen, da sie es gewohnt sind, ständig bespielt zu werden. Insbesondere die Väter tun dies mit großer Hingabe und lassen dabei erkennen, dass sie beim Bespielen vor allem für sich Liebe und Liebesbeweise suchen. Dafür, dass das Kind über das Spiel eigenständig ein „Bild von sich“ gewinnt und sich aktiv in den Eltern spiegelt, also für die Interaktion von Seiten des Kindes und seine Autonomie, ist oft wenig Bewusstsein oder Sinn vorhanden. Im Ergebnis führt das zu einer fatalen Dominanz der Eltern, insbesondere bei jenen, für die sich – manchmal bis zur Selbst­verleugung – alles um das Kind zu drehen scheint. Auch die Pflege des Kindes, das Füttern, Wickeln und An- und Aus­ziehen, wird kaum als interaktives Ge­mein­sames be­griffen und gehandhabt, sondern als Versor­gungs­verantwortung gegenüber der eigenen Brut verstanden.
Die Probleme, wegen der man uns aufsucht, sind nahezu immer dieselben: Bei Kindern im ersten Lebensjahr geht es, erstens, um Fragen zur Bewegungsentwicklung und, zweitens, um psychosoziale Schwierigkeiten, also Schreien, Unruhe oder Nicht-Schlafen. Dabei ist es zweifellos so, dass Schlaf-, Ess- und Aufmerksamkeitsstörungen bei Klein- und Kleinstkindern in den letzten zwanzig Jahren erheblich zugenommen haben. Früher gab es das in meiner Praxis so nicht. Den Grund dafür sehe ich in einem Komplex gleichzeitiger Unterforderung und Überfor­de­rung, dem viele Kinder heute typischerweise ausgesetzt sind. Dafür steht nicht zu­letzt die Popularität der Tragetücher: Die Eltern drücken damit ihre Zuneigung zum Kind und ihre permanente Aufmerksamkeit aus. Sie übersehen jedoch, dass diese Dauer­nähe und Dauerbeachtung dem Kind jegliche Autono­mie nimmt. Denn das Kind erfährt im Tra­ge­tuch nicht allein wohltuende Wärme und Nähe, sondern zugleich eine erzwungene physische Reglosigkeit. Bei Kindern findet bis zum Alter von etwa vier Jahren alle zwei bis zweieinhalb Minuten eine Bewegungs­än­derung statt, und diese wichtige und selbständige Bewegungsregulation wird unterbunden.
Ähnlich ist es mit den Bedürfnissen des Kindes, dem Hunger- und Durstgefühl, dem Wunsch nach Ansprache usw. Natürlich will und soll niemand sein Kind schreien lassen oder es vernachlässigen. Aber wenn das Ver­ant­wortungsgefühl und die Dauernähe wohl­meinender, aber unsicherer Eltern darauf angelegt ist, die Bedürfnisse des Kindes schon zu erfüllen, bevor es selbst sie überhaupt erkannt hat, hemmt man seine Selbster­fah­rung und Selbstwerdung. Da hat man dann engagierte, hilflose Eltern, deren Kind sich nie selber helfen darf. Dies ist umso problematischer, als derlei Unterforderungen des Kindes oft mit seiner Überforderung durch Dauer­un­terstützung und Daueranregung einhergehen. Das Phänomen des „Sofaeckensitzers“ zum Beispiel kannte ich früher nur aus türkischen Familien. Das sind Kinder, die nicht richtig sitzen können, da sie gern stolz präsentiert und bereits mit Kissen­un­ter­stüt­zung und dergleichen in eine Sitzposition gebracht wurden, bevor sie von sich aus sitzbereit waren. Ebenso bin ich vielfach mit Kindern konfrontiert, bei denen eine unterstützte Bewegungs­ent­wicklung, etwa ein geführtes Laufenler­nen, festzustellen ist. Die Folgen, die sich daraus ergeben, sind an­ge­sichts des Zusammen­hangs von Motorik und Kognition, von individuellen Fähigkeiten und Persönlichkeit in der Kindesentwicklung gravierend. Die Fra­ge, was es, das Kind, für Interessen und Kom­petenzen hat, was es für eine individuelle Persönlichkeit hat, kommt aber nicht nur bei den Eltern, sondern auch bei den Ärzten und Therapeuten zu kurz.
Leider schauen die Kinderärzte hierzulande nur sehr selten auch auf die Qualität der Kindesentwicklung, etwa die Bewegungs­flüs­sigkeit in Relation zur Persönlichkeits­ent­wicklung. Entsprechend schicken sie uns meist Kinder, deren Entwicklungsstand als verzögert gilt, die sich dann aber regelmäßig als im Grunde unauffällig erweisen, während tatsächlich bei sprunghaften Entwick­lungen eine Therapie manchmal eher angezeigt wäre. Aber auch die hiesige Therapie- und Förder­in­dustrie hebt ja vornehmlich auf äußerliche Leistungssteigerung ab und lebt überdies davon, dass individuelle Eigenarten sehr schnell als Abweichung von der Norm klassifiziert werden. Fragen zur Spiel- und zur Per­sönlichkeitsentwicklung gibt es seitens der Eltern, Ärzte oder Therapeuten so gut wie nie, obwohl gerade das wichtig wäre. Anstatt dem Kind eine anregende Um­gebung für Eigen­­initiative zu geben, wird auf die Aktivierung durch die Eltern gesetzt und, gleichgültig ob durch Unter- oder Über­for­derung, Eigenständig­keit nicht zu­gelassen. Die individuellen Eigenheiten und das Ego schon der Aller­kleinsten werden ohnehin selten wahrgenommen, da der an Standards orientierten Sicht auf das Kind bei aller Gut­willigkeit der Sinn für das Detail fehlt. Der erstaunte „Mein-Kind-kann-ja-was“-Blick, den mir die Eltern im Verlauf einer Anam­nese- und Beobachtungsstunde zuwerfen, ge­hört denn auch zu jedem Erstbesuch in meiner Praxis. In diesem Blick steckt oft auch Erleich­te­rung, denn wer seinem Kind nichts zutraut, fühlt sich ihm zugleich leicht ausgeliefert. Die Kehrseite mangelnder Kindes­auto­nomie ist demgemäß ein Auto­no­mie­defizit der Eltern, das gleichfalls von Unter- und Überforderung geprägt ist, dem sie sich allerdings selbst aussetzen, indem sie das Kind vornnehmlich als Spiegel der eigenen Exis­tenz begreifen.
Protokoll: Dorothea Hauser

Literatur
Aly, Monika; Falk, Judit. 2008. Beobachten, Ver­stehen und Begleiten. Entwicklungsdiagnostik nach Pikler. Berlin: Pikler-Gesellschaft.
Aly, Monika; Aly, Götz; Tumler, Morlind. 2003. Kopf­korrektur oder der Zwang gesund zu sein. Ein behindertes Kind zwischen Therapie und Alltag. Düs­seldorf: Verlag selbstbestimmtes Leben.
Aly, Monika. 2002. Mein Kind im ersten Lebens­jahr. Berlin: Springer.


Monika Aly
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