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Editorial Heft 143

Heft 143: Amoklauf des GedenkensHeft 143 39. Jahrgang 39. Jahrgang 2008/09 11 €


Amoklauf des Gedenkens

Inhaltsverzeichnis

Amoklauf des Gedenkens

Der Hefttitel rennt gegen einen Miss­brauch an: gegen das Ausmaß, in welchem der­zeit der Zugang zu Geschichte und Ver­gan­genheit sich auf öffentliche Gedenkrituale zu verengen scheint. Das Unmaß droht sich zu einem Zustandswechsel zu verdicken: Er­setzung von Erinnerung durch Mahnmäler, Ge­denkinstitutionen, Gedenktage, Ge­denk­li­te­ratur, Gedenkkunst, Gedenkpolitik und Gedenköffentlichkeit.
Amoklauf, das richtet sich also nicht gegen Gedenken überhaupt, erst recht nicht gegen die Erinnerungsarbeit, die im letzten Jahr­zehnt der alten Bundesrepublik die Aus­ein­an­der­setzung mit der NS-Zeit zu einem öffentlichen Projekt gemacht hat. Dieses Miss­ver­ständnis verhindern in diesem Heft denn auch Beiträge, welche die Nahtstelle zwischen All­tag und Gedenken im Blick haben, Bedingung dafür, dass historisches Wissen und Ge­den­ken nicht zu einer entlastenden Ri­tualisierung er­starren, und andere, die ins Dickicht der Lö­sungsversuche und Entschei­dungs­mög­lichkeiten einsteigen.
Im Thema steckt, außer Enttäuschung und Misstrauen – wovon entlastet die Inflation des Ge­denkens? –, dann auch soziologische Neu­gier. Was geht vor sich in dieser Verviel­fa­chung der Gedenkanlässe? Es geht ja nicht nur um den NS. So wird etwa die Berliner Mauer zu einem Wallfahrtsweg ausgebaut, der Altötting in den Schatten stellen wird. Erst recht wirft der Kalender ständig neue Gedenktage aus: 100 Jahre dies, 50 Jahre das. Anfang 2008 sind die Vorbereitungen für 2017 angelaufen, 500 Jahre Wittenberger Thesen. Egal ob wir noch leben oder nicht.
Es handelt sich offenbar auch nicht um ein typisch deutsches, sondern um ein gemeineuropäisches Phänomen. In Frankreich hat kürz­lich eine Kommission vor der Inflation der Ge­denkanlässe gewarnt und vorgeschlagen, die Zahl der offiziellen Gedenktage auf drei zu beschränken, den 8. Mai (Kriegsende), den 14. Juli (Bastille) und den 11. November (En­de des 1.Weltkriegs). Der 8. Mai war übrigens von Giscard d’Estaing schon einmal abgeschafft worden und wurde von Mitterand wieder eingeführt. Natürlich gibt es gegen den Vorschlag der Kommission erheblichen Pro­test. Die Geschichte gehe weiter, und so ent­stünden auch neue Gedenkerfordernisse. Le Monde kommentierte ironisch: „Genau. Das brächte uns eine schöne Zahl zusätzlicher Ferientage, was endgültig das Problem der Brücken lösen würde. Aber wo soll man alle diese Daten unterbringen? 365 Tage dürften kaum genügen. Kann man vernünftigerweise den Sozialisten verbieten, des Kongresses von Rennes, den Sarkozyanern, des Abends im Fouquet’s zu gedenken?“ (Le Monde v. 11.11.2008)
Sollte die Gedenkinflation einen Epo­chen­bruch anzeigen – wir steigen vielleicht, beispielsweise, in ein neues Mittelalter ein? –, kann dieses Heft dem wenig entgegensetzen. Von einigem Nutzen dürfte es allerdings sein zu fragen, wer bzw. welche Institutionen und Interessen dem heute zuarbeiten, und wie die heutige Politik sich der Möglichkeiten dieses Fel­des bedient. Das Verschwinden der Ge­gen­wart hat offenbar einen politischen Nut­zen – wie sonst soll man sich die Energie erklären, die in Gedenkpolitik gesteckt wird? Er­scheint nicht die gedenkpolitische Hyper­ak­tivität proportional einer wachsenden Un­fä­hig­keit zu auch nur kleinsten Reformen?


Dieter Hoffmann- Axthelm
Wir bauen unsere Seite um und sind daher z.Z. nicht ganz aktuell. Bis bald im neuen Look!



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