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Editorial Heft 127

Heft 127: Technik - Magie - MediumHeft 127 35. Jahrgang Winter 2004 11 €


Technik - Magie - Medium

Inhaltsverzeichnis

Der Weihnachtsmann des Unbewußten
Technik, Magie, Medium

»Ich bin dein Priester, ich bin dein Psychiater, ich bin dein direkter Draht zur Schaltzentrale der Seele. Ich bin der Magic man, der Weihnachtsmann des Unbewußten. Du sagst es, du denkst es, du kannst es haben« (Kathryn Bigelow, Strange Days). Lenny Nero, der Protagonist in Kathryn Bigelows Film Strange Days, arbeitet als kleiner, schmieriger Dealer mentaler Bilder. Eine neue Technologie, Clips, die Gefühle und Wahrnehmungen direkt von der Großhirnrinde des Erlebenden aufzeichnen und speichern, ein ursprünglich vom fbi als Überwachungsinstrument entwickeltes externes Supergedächtnis, wird nunmehr als heiße Ware auf dem Schwarzmarkt gehandelt, wo sie eine ständig wachsende Zahl emotionaler Junkies mit neuen Kicks zu versorgt. Sie gieren danach, am Leben Anderer teilzuhaben, für ein paar Minuten jemand anderes zu sein. Das ist so sicher wie Kino oder Fernsehen, da der Körper des Nutzers sich weit entfernt vom Tatort aufhält : live, nicht life. Nero erklärt diese Technologie zur Magie, da sie totale Wunscherfüllung gewährleistet :

Willst du ein Mädchen ? Hmm ? Du willst zwei ? Ich mein’, ich weiß es nicht, ich weiß nicht, was dein Ding ist, worauf du stehst, worauf du neugierig bist. Willst du einen Jungen ? Vielleicht willst Du ja auch ein Mädchen sein. Hey, denk’ drüber nach. Ein Mädchen sein, einfach sehen, was das für ein Gefühl ist. […]

Das ist alles machbar. Eine Technologie, die unmittelbar und ohne Aufschub jeden Wunsch erfüllt, die mühelos weit entfernte Räume und Zeiten durchquert, die Grenzen von Körpern und Identitäten überschreitet, ohne irgendwelche physischen oder psychischen Kosten ; eine Technologie, die das Leben erleichtert, indem sie einen Möglichkeitsraum narzißtischer Vergnügungen öffnet, und auf diese Weise das private wie das öffentliche Leben sicherer und schöner macht : eine solche Technologie muß einfach Magie sein ! Mehr noch : diese Technik setzt die nicht eingelösten Versprechen und unerfüllten Hoffnungen der Magie in die Wirklichkeit um.

Die smarte Gleichung dieser Übersetzung von Magie in Technik geht jedoch nicht auf, wenn wir uns vor Augen halten, daß wir einerseits fortwährend Technologien unmittelbarer Wunscherfüllung als Magie adressieren – »Einfach magisch !«, wirbt die Telekom –, während wir andererseits Magie als defiziente Technologie charakterisieren. Warum erscheint Magie gleichzeitig als technologisches Ideal und vortechnologisches Phantasma ? Warum wird nach dem 1972 formulierten Gesetz des Raumfahrtpioniers und Science-Fiction-Schriftstellers Arthur C. Clarke, jede hinreichend fortgeschrittene Technologie als von Magie ununterscheidbar aufgefaßt, um im gleichen Atemzug unsere Überlegenheit gegenüber rückständigen Ritualen sog. primitiver Völker zu betonen ? Weshalb greifen Mediendiskurse immer wieder auf Figuren aus dem Umfeld des Magischen, der Zauberei und Hexerei zurück, wenn es gilt, ein neues Medium zu feiern ?

Im Zentrum des Problems, wieso Technik und Magie als untrennbare und doch verfeindete Zwillinge erscheinen, steht einerseits die Zeit der Magie : Zaubertricks geschehen plötzlich, ohne, daß man beobachten konnte, was eigentlich geschah – Schnelligkeit ist eine Hexerei. Andererseits geht es immer dann, wenn Technik als Magie beschrieben wird, um die Ökonomie der Magie : ein minimaler Input ergibt einen maximalen Output. Der Zauberer schnippt mit dem Finger und schon erscheint das Kaninchen, donnert der Himmel, werden aus Prinzessinnen übel riechende Fabelwesen. Zauberei inszeniert sich als mühelos – sie ist anrüchig, weil sie sich dem in der Genesis der Menschheit auferlegten Arbeitspensum – »Im Schweiße deines Angesichts sollst Du Dein Brot essen « – einfach entzieht. Genau hinsichtlich des zeitlichen und des ökonomischen Aspekts jedoch erscheinen Magie und Technik als vergleichbare Praktiken. Walter Benjamin führt Geschwindigkeit und Mühelosigkeit in der Figur des Knipsens zusammen :

Mit der Erfindung des Streichholzes um die Jahrhundertmitte tritt eine Reihe von Neuerungen auf den Plan, die das eine gemeinsam haben, eine vielgliedrige Ablaufsreihe mit einem abrupten Handgriff auszulösen. […] Unter den unzähligen Gesten des Schaltens, Einwerfens, Abdrückens usf. wurde das ‚Knipsen’ des Photographen besonders folgenreich. Ein Fingerdruck genügte, um ein Ereignis für eine unbegrenzte Zeit festzuhalten. (Benjamin 1980 : 630).

Der Apparat bleibt, im Wortsinne, eine Black Box, eine Camera obscura, in die man nicht hineinsehen kann und darf, soll das Foto glücken. Derjenige, der den Apparat bedient, muß nur ein kleines Knöpfchen drücken – we do the rest. Man muß Technik nicht begreifen, um sie zu benutzen.

Jede Aktivität wird am Standard der Magie gemessen, der Möglichkeit, das gleiche Ergebnis auch mühelos erzielt werden könnte und die relative Effizienz von Techniken ist eine Funktion des Ausmaßes, in dem sie mit dem Magie-Standard von keiner Arbeit für das gleiche Produkt konvergieren. (Gell 1999 : 180).

Magie und avancierte Technologie erreichen maximale Ergebnisse auf Basis von minimalem Einsatz. Natürlich erscheint das nur dem unbeteiligten Zuschauer so. Der (technische oder magische) Praktiker benötigt ein hartes Training, um Meisterschaft zu erlangen. Keiner wird ein Meister-Handelnder, wenn sie oder er sich nicht bestimmten Erfahrungen – jener Kaskade von Trial and Error, der sich kein Lernender entziehen kann – als Behandelter, als Patient, unterworfen hat. Worin aber besteht diese Meisterschaft ? Der Anthropologe Michael Taussig (1998 : 251) spricht in diesem Zusammenhang von der Fähigkeit zur maximalen »Empathie mit der Realität« – Technik und Magie imitieren und simulieren die Natur in einem Ausmaß, das es ihnen ermöglicht, sie – dann und wann – zu überlisten. Dieses Gespür oder diese Empathie für die Realität können wir als erhöhte Fähigkeit zur Kommunikation auffassen. Das unterscheidet aber den Meister vom Zuschauer : die Leichtigkeit und Eleganz, mit der er einen kommunikativen Raum betreten kann, von dem wir Zuschauer ausgeschlossen sind. Ob die Kommunikationspartner Gott und Geister, Natur oder Realität genannt werden, spielt keine Rolle. Wichtig ist hingegen, daß der Kontakt mit materiell greifbaren Mitteln hergestellt wird. Diese Mittel können Medien genannt werden. Die Texte dieses Heftes leisten eine erste Annäherung an eine allgemeine Medientheorie, die von der Übersetzbarkeit von Technik in Magie und umgekehrt ihren Ausgang nimmt.

Literatur
Benjamin, Walter. 1980. »Über einige Motive bei Baudelaire«. In : Gesammelte Schriften 1.2.
Frankfurt/Main, 605–653. Clarke, Arthur C. 1972. Report on Planet Three and Other Speculations. New York. Gell, Alfred. 1999. »The Technology of Enchantment.« In : The Art of Anthropology. Essays and Diagrams. London, 159–186. Taussig, Michael. 1998. »Viscerality, Faith and Skepticism. Another Theory of Magic«. In : Nicholas B.Dirks (Hg.). In Near Ruins. Cultural Theory at the End of the Century. Minneapolis, London, 221–256.

Albert Kümmel, Dierk Spreen
Wir bauen unsere Seite um und sind daher z.Z. nicht ganz aktuell. Bis bald im neuen Look!



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